Erwin Stoller, VR-Präsident der Rieter Holding

Erwin Stoller
Erwin Stoller, abtretender VRP Rieter. (Foto: Rieter)

Erwin Stoller, VRP der Rieter Holding. (Foto: Rieter)

Die Nachfrage nach hochwertigen Spinnereimaschinen und –komponenten werde u.a. durch den Trend zu höherer Automatisierung in China beeinflusst, sagt Erwin Stoller, VR-Präsident der Rieter Holding. Er diskutiert am Europa Forum Luzern vom 10./11. November mit weiteren Experten über offene Märkte als Erfolgsgrundlage für Wirtschaft und Wohlstand.

Wie können Unternehmen der Schweizer MEM-Industrie global wettbewerbsfähig bleiben?

Erwin Stoller: Die MEM-Industrie ist eine facettenreiche High-Tech-Branche, die überwiegend von KMU geprägt ist. Rund 98% der Unternehmen gehören zu dieser Kategorie. Die besondere Stärke der Schweizer MEM-Unternehmen liegt darin, dass sie gezielt Marktnischen besetzen und dort oft absolute Weltspitze sind. Ihre relative Kleinheit bringt es mit sich, dass sie flexibel und schnell auf Marktentwicklungen reagieren können, was Vorteile im Wettbewerb bringt. Hinzu kommen traditionelle Schweizer Stärken wie hohe Innovation, gute Qualität der Produkte, Kundennähe und erstklassiger Service. Diese Stärken waren entscheidend für die Erholung der MEM-Industrie seit 2009 waren.

Was bedeutet die Globalisierung für KMUs im MEM-Bereich?

Die Globalisierung bringt eine ständig zunehmende Wettbewerbsintensität und einen permanenten Anpassungsdruck. Rieter ist davon besonders betroffen, weil die Textilbranche schon immer eine sich um den Globus bewegende Industrie war. Aus meiner Erfahrung sind folgende Bereiche besonders wichtig:

  • ein interkulturelles Verständnis und ein Sich-Einlassen auf die lokale Kultur
  • Geschäftsmodelle, die konsequent international ausgerichtet sind
  • einen Ressourceneinsatz, der kontinuierlich optimiert wird
  • Agilität und Flexibilität, um die Chancen, die das volatilere Wirtschaftsumfeld bietet, kompromisslos nutzen zu können
  • ein konzentrierter Fokus auf Innovation
  • Fachkräfte, die nachhaltig ausgebildet und mitgezogen werden

China gehört zu den wichtigsten Wachstumsländern. Inwiefern profitiert Rieter von diesem Wachstum? Wie schätzen Sie den Markt generell ein?

Der Faserverbrauch wächst stetig, der Absatz bei den Textilmaschinen stagniert momentan wegen Finanzierungsproblemen, dennoch wächst Rieters Marktanteil. Der Grund liegt auch darin begründet, dass die Regierung und damit der Markt vermehrt Produkte fordern, die qualitativ hochstehend, energieeffizient und automatisiert sind. Genau in dem Bereich ist Rieter führend.

Und wie sieht es mit den übrigen asiatischen Ländern aus?

Die Märkte ausserhalb von Indien und China verfügen über eine Kapazität von knapp 55 Millionen installierten Spindeln. Das ist die höchste Kapazität nach China und Indien überhaupt. Die Nachfrage nach unseren Produkten aus verschiedenen asiatischen Ländern war 2013 gut und hält an.

Das Freihandelsabkommen mit China bringt für Schweizer Exporteure Zolleinsparungen und Marktvorteile.

Das Freihandelsabkommen mit China bietet zurzeit keine grossen Vorteile für Rieter, weil die Zollbegünstigungen für Textilmaschinen über viele Jahre hinausgestreckt sind.

Was gab den Ausschlag, dass Rieter in neue Standorte in China und in Indien investiert?

Wir gehen davon aus, dass die weltweite Nachfrage nach Kurzstapelfasern bis ins Jahr 2030 durchschnittlich pro Jahr um 2.3% wächst. Die somit benötigten zusätzlichen Spinnereikapazitäten, der Ersatzbeschaffungsbedarf und der Trend zu höherer Automatisierung, insbesondere auch in den Märkten China und Indien, werden die Nachfrage nach hochwertigen Spinnereimaschinen und –komponenten beeinflussen. Die beiden Länder verfügen zudem über lokale Anbieter von Spinnereimaschinen. Um Wettbewerbsnachteile wie Zollschranken, Wechselkurse und Transportkosten zu eliminieren, haben wir entschieden, nicht nur in Verkauf und Service sondern auch in die Produktion zu investieren.

Können diese Produkte nach wie vor als Schweizer Produkte verkauft werden oder gibt es dafür andere Strategien?

Rieter ist ein Unternehmen mit Schweizer Ursprung. Die Produktionsstandorte werden nach Schweizerischen Werten und Vorgaben geführt. Dies ist die Aussage unseres Slogans „Made by Rieter“. Übersetzt heisst dies: Wo Rieter draufsteht, ist auch Rieter drin.

Ist „Made in Switzerland“ heute noch ein Verkaufsargument?

„Made in Switzerland“ ist nach wie vor das Versprechen für konstante und gute Qualität. Auch wenn es mittlerweile mit «Made in Europe» gleichgesetzt wird. Das Label umfasst nicht nur die Produkte, sondern auch die Service-Qualität. Hinzu kommt, dass für unsere Kunden die Rahmenbedingungen für Exportversicherungen wichtig sind.

Bei welchen Märkten spielen sonst noch welche Argumente eine Rolle?

Alle Märkte verlangen nach Faktoren wie Geschwindigkeit oder tiefe Kosten der Lieferkette. Damit sind Handelsverträge zwischen Nationen, die zu reduzierten Kosten und einer beschleunigten Einfuhr-Abwicklung führen wichtige Argumente, in der Schweiz einzukaufen. Technologische Spitzenprodukte wie die unseren erfordern regelmässigen Service und Instandhaltung durch hochqualifizierte Fachkräfte. Rieter bietet den internationalen Kunden diesen Service auch aus der Schweiz bzw. Europa auf höchstem Stand und mit kurzen Reaktionszeiten.

Die Freihandelsabkommen mit weiteren asiatischen Ländern sind in Verhandlung. Kann Rieter von diesen Abkommen profitieren?

Grundsätzlich können solche Abkommen mit weiteren asiatischen Ländern hilfreich sein. Das hängt dann von den jeweiligen Vertragsbedingungen ab.

Wo und in welcher Weise wünschen Sie sich für Ihre Branche weitere Reduktionen von Handelshemmnissen?

Wir würden es begrüssen, wenn die Handelshemmnisse in Indien und Brasilien abgebaut würden.

Was raten Sie Unternehmern, die neu nach Asien exportieren wollen?

Es ist sehr wichtig, sich auf die lokalen Gegebenheiten einzulassen, sie zu verstehen und entsprechend zu handeln. Dazu muss man beim Markteintritt vor Ort präsent sein und gleichzeitig früh damit beginnen, das lokale Management zu schulen und gut einzuführen. Rieter ist es wichtig, an seinen Standorten auch ein good Corporate Citizen zu sein. Dies trägt dazu bei, Akzeptanz im Markt zu schaffen.

Kurzportrait Rieter Holding
Rieter ist ein führender Anbieter am Weltmarkt für Textilmaschinen und -komponenten für die Kurzstapelfaser-Spinnerei. Das Unternehmen mit Sitz in Winterthur entwickelt und fertigt Anlagen, Maschinen und Technologiekomponenten für die Verarbeitung von Naturfasern und synthetischen Fasern sowie deren Mischungen zu Garnen. Rieter ist der einzige Anbieter weltweit, der sowohl die Prozesse für Spinne-reivorbereitung als auch sämtliche vier am Markt etablierten Endspinnverfahren abdeckt. Das Unternehmen ist mit 18 Produktionsstandorten in 10 Ländern vertreten und beschäftigt weltweit rund 4800 Mitarbeitende.

Kurzportrait Erwin Stoller, VR-Präsident der Rieter Holding
Erwin Stoller startete direkt nach der Ausbildung zum diplomierten Maschinen-Ingenieur an der ETH Zürich bei Rieter. 2008 erfolgte seine Berufung zum Verwaltungsratspräsidenten, 2009 übernahm er dazu auch die Geschäftsleitung. Seit Jahreswechsel 2014 konzentriert sich der 66-Jährige wieder auf das Verwaltungsratspräsidium. Rieter ist ein weltweit führender Anbieter im Textilmaschinengeschäft mit Sitz in Winterthur. Das Unternehmen ist mit 18 Produktionsstandorten in zehn Ländern vertreten.

27. internat. Europa Forum Luzern
10./11. November 2014, KKL Luzern
Offene globale Märkte

Export-Workshop 1: „Erfolgreich geschäften in China“,
Export-Workshop 2: „Exportieren – Liquidität sichern, Zahlungsausfälle vermeiden“
Montag, 10. November 2014, 15.30 bis 17.30 Uhr inkl. Apéro, CHF 130.00 pro Workshop
(Die Workshops werden parallel durchgeführt)

Öffentliche Veranstaltung: Montag, 10. November 2014, 18.15 Uhr bis 20.15 , (Eintritt frei – Anmeldung erforderlich)
Networking-Dinner: Montag, 10. November 2014 ab 20.15 Uhr / CHF 125.-
Symposium: Dienstag, 11. November 2014, 9 Uhr bis 17.20 Uhr Eintritt CHF 460.- / 130.- (Studenten)

Weitere Infos und Anmeldung

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