Ferdinand Hirsig, Vorsitzender der Volg-Geschäftsleitung

Ferdinand Hirsig

Ferdinand Hirsig, Vorsitzender der Volg-Geschäftsleitung. (Foto: Volg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Hirsig, Volg hat 2014 seinen Wachstumskurs fortgesetzt und erneut einen deutlich höheren Detailhandelsumsatz von 1,464 Mrd Franken ausweisen können (+ 4,1 %). Auch der operative Gewinn und der Reingewinn stiegen deutlich. Welche Zutaten gehören zum Volg-Erfolgsrezept?

Ferdinand Hirsig: Die Nische ist unser Erfolgsrezept. Wir sind nahe bei den Kunden – sei es geographisch oder emotional. Für sehr viele Menschen ist der Volg-Laden ein sozialer Treffpunkt; man trifft auf Bekannte und auf freundliches Verkaufspersonal, das sich auch mal Zeit für einen kurzen Schwatz nimmt.

An vielen Standorten haben die Volg-Läden sehr attraktive Öffnungszeiten. Nach welchen Kriterien werden diese gestaltet?

Wir stellen seit einigen Jahren fest, dass die meisten Einkäufe nicht mehr wie früher am Vormittag getätigt werden, sondern vermehrt frühmorgens oder am Abend. Gerade Berufstätigen ist es ein grosses Bedürfnis, morgens vor der Arbeit oder abends auf dem Nachhauseweg im Dorfladen ihre Einkäufe tätigen zu können. Grundsätzlich werden bei Volg die Ladenöffnungszeiten aber nicht pauschal bzw. kantonsweit verlängert, sondern wir prüfen jeweils individuell für jeden Standort, ob eine Verlängerung der Öffnungszeiten bezüglich Ladengrösse, Umsatz und weiterer Kriterien sinnvoll ist und ob das Bedürfnis bei der Bevölkerung vorhanden ist. Unser Ziel ist es somit nicht, all unsere Läden möglichst lange zu öffnen, sondern dass jeder Laden über die „richtigen“ Öffnungszeiten verfügt.

Kompensiert der zusätzliche Umsatz den mit den längeren Öffnungszeiten verbundenen Personalaufwand?

Das muss so sein, sonst wäre eine Verlängerung der Öffnungszeiten wenig sinnvoll. Unsere Erfahrungen aus den Verkaufsstellen zeigen, dass die Personalkosten mit einer guten Organisation und einer seriösen Planung der Arbeitseinsätze prozentual nicht ansteigen.

«Wir sind nahe bei den Kunden – sei es geographisch oder emotional.»
Ferdinand Hirsig, Vorsitzender der Volg-Geschäftsleitung

Eine markante Umsatzsteigerung verzeichnete Volg vor allem in den Agrola-Tankstellenshops, die gleich um 12,5 % zulegten. Die Zahl der Shops stieg um 4 auf 81, auch Volg-Läden gab es Ende 2014 unter dem Strich 4 mehr als vor Jahresfrist. In welchem Umfang setzt sich die Expansion in den beiden Bereichen im laufenden Jahr fort?

Im laufenden Jahr werden wir circa zehn neue Volg-Läden eröffnen. Zudem werden voraussichtlich fünf bis acht neue TopShops realisiert werden.

Das markante Umsatzwachstum ist auch die Folge der im September 2014 gestarteten Belieferung von 110 Pam- und Proxi-Läden in der Westschweiz und im Wallis. Wie sieht es mit der Expansion mit Volg-Läden in die Westschweiz aus?

Auch in der Westschweiz – das heisst im Oberwallis und in der Romandie – setzen wir unser Wachstum weiter fort. Ende Mai eröffnen wir beispielsweise in Montfaucon den ersten Volg-Laden im Kanton Jura. Weitere Läden in der Westschweiz sind in Planung. Es gibt durchaus noch Dörfer, die für uns interessant sind.

Jeder Detailhändler nutzt Preisreduktionen in Folge der Frankenstärke mittlerweile als Werbemassnahme. Welchen Anteil am Sortiment haben bei Volg Produkte aus dem Euroraum und wie hat Volg Währungsvorteile an die Kunden weitergegeben?

Alle Währungsvorteile, die wir erhalten haben, gaben wir auch an die Kunden weiter. Insgesamt haben wir von total 5500 Artikeln über 1300 im Preis reduziert. Auf den Waren, die wir bereits vor Aufhebung der Untergrenze an Lager hatten, konnten wir keine Preisabschläge weitergeben. Solche Aktionen können wir uns schlicht nicht leisten.

«Die Integration einer Postagentur stellt eine „win-win-Situation“ für alle Beteiligten dar.»

Volg hat früh auf eine Kooperation mit der Post gesetzt und im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Verkaufsstellen, in denen auch die Postgeschäfte erledigt werden können, wiederum deutlich erhöht. Wie wichtig sind die Poststellen für Volg?

Die Integration einer Postagentur stellt eine „win-win-Situation“ für alle Beteiligten dar: Die Post profitiert, weil sie so weiterhin im Dorf präsent ist, die Gemeinde, weil die Post im Dorf bleibt und die Attraktivität des Dorfes als Wohnort erhalten werden kann. Auch die Kunden haben Vorteile, denn sie können praktisch alle Postgeschäfte weiterhin bequem im Dorf erledigen und profitieren zudem von den attraktiven Öffnungszeiten der Volg-Läden. Wir sind grundsätzlich gerne bereit, eine Postagentur zu betreiben und dafür in unseren Läden Verkaufsfläche zur Verfügung zu stellen. Es entscheidet stets die Post in Zusammenarbeit mit der Gemeinde darüber, auf welche Art sie ihre Dienstleistungen erbringen will. Wir können in denjenigen Gemeinden Hand für eine Lösung bieten, wo es einen Volg-Laden gibt.

Wie funktioniert das Agentur-Modell?

Das Agenturmodell ist ein „Shop-in-Shop“-System, d.h. wir stellen der Post die nötige Verkaufsfläche zur Verfügung. Wie bei einem solchen Konzept üblich, erhalten wir von der Post eine frequenz- und umsatzabhängige Entschädigung. In der Regel führt eine Postagentur im Dorfladen dazu, dass die Kunden dadurch ihren Dorfladen etwas häufiger besuchen, d.h. dass sich die Agentur positiv auf die Kundenfrequenz im Laden auswirkt. Zu wirklich grossen Umsatzsteigerungen trägt eine Post im Dorfladen allerdings nicht bei. Die Postagentur kann höchstens mittel- bis langfristig mithelfen, den Dorfladen zu erhalten.

«Mit dem Heimlieferservice nähern wir uns dem Thema Online-Handel zumindest an.»

In Zusammenarbeit mit der Post wird Volg demnächst in 27 Gemeinden einen Heimlieferdienst anbieten. Bestellt werden kann telefonisch, per Fax oder mit einem Bestellschein. Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem neuen Service?

Der Pilotversuch startet im Juni in 27 Ortschaften in der Deutschschweiz und dauert bis Ende November 2015. Die Volg-Kunden aus den betroffenen Dörfern können so über die Zeit des Pilotversuchs Waren aus dem Volg-Sortiment mittels Hinterlegung eines Bestellscheins im Briefkasten, telefonisch oder via Fax bestellen und nach Hause liefern lassen. Der Heimlieferservice soll eine Ergänzung zum Ladengeschäft darstellen und uns Aufschluss darüber geben, ob ein solcher zusätzlicher Service überhaupt einem Bedürfnis entspricht.

Ist der Online-Handel kein Thema für Volg?

Mit dem Heimlieferservice nähern wir uns dem Thema zumindest an.

Mit den Volg-Läden haben Sie bewiesen, dass es durchaus noch Platz für das Dorflädeli gibt. Gibt es aber nicht auch Dörfer, in denen Volg mit seiner Präsenz noch bestehende Bäckereien oder kleine Dorfläden in Schwierigkeiten bringt?

Grundsätzlich ist ein Gesamtangebot – z.B. Bäckerei, Metzgerei, Lebensmittelladen – eine Bereicherung für eine Gemeinde und trägt entscheidend dazu bei, dass die Einwohner im Dorf bleiben und dort ihre Einkäufe tätigen. In der Regel beziehen wir beispielsweise das Brot für unsere Dorfläden von den lokalen Bäckereien. Eine Bäckerei kann somit nur profitieren, wenn in der Gemeinde ein Volg eröffnet wird.

Letzte Frage: Vor Jahren war Volg mit seinem Dorfladen-Konzept praktisch noch allein. Mittlerweile kopieren die Detailhandelsriesen das Konzept und zeigen mit immer mehr Tankstellenshops, Coop Pronto-Shops, Migrolino, Avec-Shops etc. Präsenz. Bereitet Ihnen die Entwicklung Sorgen?

Das macht uns natürlich keine Freude, denn bis vor wenigen Jahren waren wir praktisch allein in unserer Nische. Mittlerweile bemühen sich aber selbst die Grossverteiler wieder darum, mit kleineren Formaten Fuss zu fassen. Für uns heisst es nun, dass wir in allen Bereichen noch grössere Anstrengungen unternehmen müssen, um uns weiterhin erfolgreich zu behaupten. Und wir müssen vor allem unsere ureigenen Stärken wie Nähe, Frische und Freundlichkeit noch sorgfältiger pflegen: Denn nur wenn der Kunde diese Mehrwerte auch wirklich spürt, wird der Volg-Laden weiterhin sein bevorzugter Einkaufsort bleiben.

Herr Hirsig, besten Dank für das Interview

Zur Person:
Ferdinand Hirsig wurde 1956 in eine Solothurner Detailhandelsfamilie „hineingeboren“. In seiner Kindheit drehte sich am Familientisch fast alles um Kunden, Öffnungszeiten, Reklamationen und ähnliches. Deshalb bezeichnet er sich auch heute noch als einen „angefressenen Detailhändler“. Nach dem frühen Tod seines Vaters und dem Studium an der Hochschule St. Gallen und an der Universität Bern mit einem Abschluss in Betriebswirtschaft übernahm er den elterlichen KMU-Betrieb in Solothurn. In dieser Zeit baute er das traditionelle Fachgeschäft zum modernen Einkaufscenter für Kinder und Jugendliche aus. 1998 wurde das Unternehmen aus familienpolitischen Gründen verkauft. Danach wechselte er zu Coop Zürich-Linth, wo er zuerst als Leiter Verkauf tätig war, später als Mitglied der Geschäftsleitung die Warenhäuser und Sportmärkte – darunter auch das Flaggschiff St. Annahof an der Zürcher Bahnhofstrasse – leitete. Seit Anfang 2001 ist Ferdinand Hirsig Vorsitzender der Geschäftsleitung der Volg-Gruppe. Seit 2004 gehört er auch der Geschäftsleitung der Muttergesellschaft fenaco an, wo er für die Division Detailhandel/Energie (Konsumwaren, Tankstellen-Shops, Landi Schweiz, Energie) verantwortlich ist.

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