Fredi Gmür, CEO Schweizer Jugendherbergen, im Interview

Fredi Gmür
Fredi Gmür, CEO Schweizer Jugendherbergen. (Foto: SJH)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Gmür, die Schweizer Jugendherbergen verzeichneten 2017 1,3 % weniger Logiernächte und 2,5 Mio Franken weniger Umsatz. Woran hats gelegen?

Fredi Gmür: Uns haben rund 250 Bettenkapazitäten gefehlt. Dies aufgrund der temporären Schliessung von Bern, welche nach einem Um- und Erweiterungsbau Ende März wiedereröffnet wird sowie der Schliessung von Fribourg. Ohne diese Schliessungen hätten wir mit einem Plus abgeschlossen.

Sie haben im vergangenen Jahr die Kinderpreise gesenkt. Welche Auswirkungen konnten Sie feststellen?

Wir erhielten eine sehr positive Resonanz. Insbesondere beim Gästesegment Familien durften wir einen erfreulichen Zuwachs feststellen. Mit der Massnahme sind wir spezifisch auf die Bedürfnisse von Familien eingegangen. Ferien in der Schweiz sind teuer. Mit den attraktiven und fixen Kinderpreisen stellen wir sicher, dass preiswerte Ferien in der Schweiz das ganze Jahr über möglich sind.

In den letzten Monaten hat sich der Franken gegenüber dem Euro abgeschwächt. Wie hat sich dies auf die Buchungen ausgewirkt?

Der starke Euro macht sich auch bei uns positiv bemerkbar. Der Buchungsstand für den Winter 2017/18 auf sehr erfreulichem Kurs im Vergleich zum Vorjahr.

Ein stärkerer Euro, der Konjunktur-Aufschwung, ein schneereicher Winter – Sie dürften zuversichtlich sein für die nächsten Monate?

So schneereich wie dieses Jahr war der Schweizer Winter lange nicht mehr. Die Wintersaison ist daher äusserst erfreulich gestartet und wenn die Schneesituation so bleibt, dann dürfen wir eine zufriedenstellende Wintersaison erwarten.

Im Dezember haben die SJH eine dynamische Preisstrategie eingeführt. Wie funktioniert Dynamic Pricing bei den Jugendherbergen?

Mit der dynamischen Preispolitik können wir unser Angebot aufgrund der Nachfrage optimieren und damit auf das flexible und kurzfristige Buchungsverhalten des Gastes reagieren. Unserem Grundgedanken, preiswerte Ferien in der Schweiz zu ermöglichen, werden wir dabei aber stets treu bleiben.

„Mit der dynamischen Preispolitik können wir unser Angebot aufgrund der Nachfrage optimieren und damit auf das flexible und kurzfristige Buchungsverhalten des Gastes reagieren.“
Fredi Gmür, CEO Schweizer Jugendherbergen

Dynamic Pricing hält im Schweizer Tourismus vielerorts Einzug. Wie beobachten Sie diese Entwicklung generell?

Dynamisches Pricing hat sich in der Tourismusbranche bereits etabliert. Vorreiter waren dabei auf jeden Fall die Airlines. Der Ansatz von Nachfrage bestimmt Preis ist nachvollziehbar, vor allem mit dem heutigen Buchungsverhalten des Gastes. Uns ist es jedoch wichtig, dass wir ein ausgewogenes Dynamic Pricing betreiben.

Die neue Preisstrategie der Jugendherbergen ist auch eine Antwort auf tiefere Preise in Hotels, Budget-Hotelketten wie Motel One oder Airbnb. Wie differenzieren sich die Schweizer Jugendherbergen über den Preis hinaus von diesen Konkurrenten?

Die Werte der Schweizer Jugendherbergen sind charakteristisch für unsere Organisation und unser Leitfaden. Im Zentrum unseres Handelns steht der Gast – für ihn wollen wir Begegnungen schaffen. Dies zeigt sich beispielsweise in den grosszügigen Gemeinschaftsräumen der Jugendherbergen. Die Qualität und die Umwelt sowie die sozialen Aspekte sollen dabei nie zu kurz kommen. Als Non-Profit Organisation arbeiten wir nicht Gewinn orientiert, sondern setzen unsere Ziele so, dass wir dem Gast ein zeitgemässes und preiswertes Angebot bieten, das gleichzeitig den Ansprüchen der Nachhaltigkeit gerecht wird. Diese Wertehaltung in Kombination mit der Vielfältigkeit unseres Produktes und der Mitgliederstruktur macht uns einzigartig auf dem Markt.

Im Frühling nimmt die umgebaute und modernisierte Jugendherberge in Bern ihren Betrieb wieder auf. Auf was können sich die Gäste freuen?

Der Gast darf eine top-moderne Jugendherberge erwarten die den zeitgemässen Ansprüchen mehr als gerecht wird. Neu gibt es ein Restaurant mit grosser Terrasse und Blick auf die Aare, helle Seminarräume sowie ein auf unsere Gästesegmente abgestimmtes Zimmerangebot. Der renovierte Altbau mit Mehrbettzimmer und Etagendusche eignet sich ideal für Gruppen und Schulen. Im Neubau befinden sich Doppel-, Vierer- und Familienzimmer, alle mit privatem Bad und Toilette. Bern ist für uns ein sehr wichtiger Standort. Für Schulen und internationale Gäste ist unsere Hauptstadt aus politischen und geschichtlichen Aspekten interessant. Ausserdem bietet Bern eine enorme Vielfalt an Kultur und Sehenswürdigkeiten.

„Wir halten weiterhin an unserer Netzwerkstrategie fest und möchten bestehende Betriebe erneuern und neue Standorte erschliessen.“

Welche weiteren Projekte befinden sich derzeit in der Pipeline?

Wir halten weiterhin an unserer Netzwerkstrategie fest und möchten bestehende Betriebe erneuern und neue Standorte erschliessen. So sind verschiedene Neu- und Umbauprojekte in Planung, unter anderem in Burgdorf, Laax, Luzern, Genf und Schaan-Vaduz. Mit einer Jugendherberge in Neuchâtel möchten wir zudem unser Netzwerk auch in der französischen Schweiz stärken.

Sie leiten das Geschäft der Jugendherbergen in der Schweiz seit über zwei Jahrzehnten. Das Geschäft lag damals praktisch am Boden, was hat sie dazu bewogen, die Führung zu übernehmen?

Ich fand das Produkt der Jugendherbergen mit seinen, über die Jahre historisch gewachsenen Werten, und seiner sozial-touristischen Ausrichtung enorm spannend. Auch reizte mich der Mix von nationaler Ausrichtung mit Anbindung an den internationalen Verband Hostelling International. Ich sah enormes Potential darin.

Seither hat sich das Gesicht und das Image der Jugendherbergen komplett gewandelt. Wie ist es Ihnen gelungen, das Konzept wieder auf die Erfolgsstrasse zu führen?

Solch eine Transformation findet Schritt für Schritt statt. Wichtig war es, eine klare Netzwerk- und Nachhaltigkeitsstrategie zu schaffen, die soziale, ökologische und wirtschaftliche Ziele berücksichtigt. Der Vorstand hielt konsequent an diesen Strategien fest. Meine Geschäftsleitungsmitglieder begleiten mich seit über zwei Jahrzenten auf diesem Weg. So konnten wir gemeinsam eine starke und zukunftsweisende Struktur schaffen.

Für das ökologische, wirtschaftliche und sozial nachhaltige Engagement wurden Sie letztes Jahr von der Schweizerischen Vereinigung für Standortmarketing als „Standortmanager des Jahres“ geehrt. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?

Diese Auszeichnung freut mich sehr zumal es den Bemühungen aller Mitarbeitenden der Schweizer Jugendherbergen und der Schweizerischen Stiftung für Sozialtourismus zu verdanken ist, dass wir heute dastehen, wo wir sind. Gemeinsam haben wir in den vergangenen Jahren enorm viel investiert und werden die Entwicklung unseres Netzwerks, des Produkts und unseres Images auch in Zukunft weiter vorantreiben.

Herr Gmür, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Seit 1996 ist Fredi Gmür CEO und Vorsitzender der Geschäftsleitung der Schweizer Jugendherbergen. Auf der Basis einer neuen Netzwerk- und Nachhaltigkeitsstrategie, durch das Schaffen neuer Strukturen, den Aufbau des Headoffice als Dienstleistungszentrale, den Einsatz modernster IT Technologien, die Konzentration auf die Kernkompetenzen, Produktanpassungen, Imagekorrektur und Kooperationen erreichten die Schweizer Jugendherbergen in kurzer Zeit den Turnaround. Wesentlich zum Erfolg beigetragen hat die seit 1997 konsequent umgesetzte Nachhaltigkeitsstrategie.

Fredi Gmür ist zudem Vorstandsmitglied vom Schweizer Tourismus Verband, Präsident von Parahotellerie Schweiz, Beiratsmitglied von hotelleriesuisse sowie Präsident/Mitglied in diversen Stiftungen. Zudem hat er Einsitz in verschiedenen Gremien von Hostelling International.

Schon in der Kindheit inspiriert vom Tourismus durch das elterliche Unternehmen, studierte er Administration, Wirtschaft und Tourismus. Nach einigen Jahren Aufenthalt in Nordamerika arbeitete er während 15 Jahren in verschiedenen Schweizer Destinationen als Tourismusdirektor, wo er auch in regionalen und nationalen Fachkommissionen mitwirkte.

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