Gabi Hildesheimer, Co-Geschäftsleiterin Öbu

Gabi Hildesheimer

Gabi Hildesheimer, Co-Geschäftsleiterin Öbu.

Von Patrick Gunti

Moneycab: Frau Hildesheimer, Nachhaltigkeit ist heute ein Begriff, der allen bekannt ist, unter dem aber nicht alle das Gleiche verstehen. Wie lautet Ihre Definition?

Gabi Hildesheimer: Wir kennen alle die Brundtland’sche Definition, dass wir uns so verhalten sollen, dass auch kommende Generationen ihre Bedürfnisse befriedigen können. Im ökologischen Bereich lässt sich das am einfachsten konkretisieren: Jede Generation soll nur so viele Ressourcen verbrauchen, wie nachwachsen. Und wir sollen nicht mehr Abfall in die Umwelt entsorgen, als die natürlichen Systeme regenerieren können. Im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit ist zum Beispiel die Bildung ein zentrales Motiv: Welche Fähigkeiten brauchen Menschen, um den Ansprüchen einer Gesellschaft nachleben zu können, welche ihre eigenen Grundlagen nicht zerstört? Und last not least verlangt die ökonomische Nachhaltigkeit, dass jede Generation die nötigen Investitionen tätigt und nicht einen wachsenden Schuldenberg weiter vererbt.

Wie hat sich die Bedeutung des Themas aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren entwickelt – bezogen auf die drei Grundpfeiler Ökonomie, Ökologie und Soziales?

Der Begriff wurde klar erweitert! Vor wenigen Jahren wurden Fragen der Energie und anderen Umweltressourcen mit Nachhaltigkeit gleichgesetzt. Heute wird viel konsequenter auf ein Gleichgewicht geachtet: Einseitige Optimierungen werden oft als nicht zukunftsfähig erkannt.

Mit welchen Auswirkungen auf das Öbu-Netzwerk?

Die Öbu hat ihre Wurzeln im ökologischen Bereich – der Name heisst ursprünglich „Schweizerische Vereinigung für ökologisch bewusste Unternehmensführung“. Obwohl schon am Anfang die Nachhaltigkeit im Leitbild verankert war, standen doch Themen wie Betriebsökologie, Umweltmanagement, Ökobilanzen im Zentrum. Heute werden die eher eindimensionalen Lösungen auf ihre Auswirkungen in den anderen Bereichen angefragt – ohne das grosse Knowhow im Umweltbereich zu vernachlässigen. Das Tätigkeitsfeld ist breiter und komplexer geworden, aber auch noch praxisnäher. Heute ist die Öbu darum das „Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften“.

„Auch auf der gesellschaftlichen Ebene gilt es, die Beschränkungen nicht als Verlust zu erleben, sondern die Qualitäten darin zu erkennen.“
Gabi Hildesheimer, Co-Geschäftsleiterin Öbu

Wie beurteilen Sie heute generell das Engagement der Schweizer Wirtschaft im Bereich der Nachhaltigkeit, ist ein breit abgestützter Trend zu nachhaltiger Unternehmensführung zu erkennen?

Wir sehen in vielen Unternehmen einen beeindruckenden Willen, die Tätigkeiten konsequent auf Nachhaltigkeit auszurichten. Es werden äusserst ambitionierte Programme präsentiert, um gänzlich auf nachwachsende Rohstoffe zu wechseln, eine nachhaltige Energieversorgung zu garantieren oder faire Anstellungsbedingungen für die Mitarbeitenden zu gestalten.

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?

Die Schweizer Unternehmen haben ein gutes Umfeld, um Nachhaltigkeit zu leben – obwohl einige Rahmenbedingungen noch optimaler ausgestaltet werden könnten. Die Schweiz ist ein kleines Land in einer globalisierten Wirtschaft – die Unternehmen müssen sich dem internationalen Wettbewerb stellen. Es ist erfreulich, wie viele sich erfolgreich trotz oder gerade wegen dem Engagement in Sachen Nachhaltigkeit behaupten!

Auf gesellschaftlicher Ebene wird Nachhaltigkeit vielfach mit Verzicht gleichgesetzt und hat es vielleicht deshalb auch schwer. Weniger von dem und weniger von diesem, Velotour statt Flugreise, Schweizer statt australischer Weisswein etc. Besteht diese Verzichtsangst im geschäftlichen Bereich weniger?

Auch auf der gesellschaftlichen Ebene gilt es, die Beschränkungen nicht als Verlust zu erleben, sondern die Qualitäten darin zu erkennen. Lösungen zu suchen und zu finden, die langfristig tragen, die weniger unbeeinflussbare Risiken bergen, ist unternehmerisch klug und für die Verantwortlichen befriedigend. Gute Managerinnen oder Unternehmer haben nicht Angst, sondern gesunden Ehrgeiz.

Hat die Finanz- und Wirtschaftskrise das Thema Nachhaltigkeit eher in den Hintergrund gedrängt oder im Gegenteil auch offengelegt, wie wichtig nachhaltiges Wirtschaften ist?

Die Krise hat klar gezeigt, dass kurzfristiges Denken und Intransparenz fatal sind! Diese Erkenntnis hat der Nachhaltigkeit einen neuen Schub gegeben. Die Öbu erkennt das am stärkeren Zulauf an Mitgliedern, derzeit sind 370 Unternehmen im Netzwerk.

Was bedeutet nachhaltiges Wirtschaften für ein Unternehmen, wo kann es am ehesten nachhaltig agieren – Energie, IT, Mobilität?

Das muss jedes Unternehmen selber herausfinden. Alle genannten Bereiche können grosses Verbesserungspotenzial aufweisen, wie auch im Weiteren noch der Gebäudebereich. Eine sehr niederschwellige Möglichkeit, das eigene Unternehmen diesbezüglich zu analysieren, bietet Proofit.ch, eine Internetplattform der Öbu für nachhaltige Unternehmen.

„Das Business as usual zu hinterfragen ist immer schwer.“

Welche Chancen bieten sich einem Unternehmen durch nachhaltiges Wirtschaften?

Es kann Kosten sparen, z.B. im Bereich der Ressourceneffizienz oder durch Optimierung der Logistik. Es kann die besten Mitarbeitenden rekrutieren und die Fluktuationsrate senken. Es kann sich mit zukunftsfähigen Produkten und Dienstleistungen auf dem Markt positionieren… Wo Nachhaltigkeit das unternehmerische Denken bestimmt, finden sich Chancen zuhauf.

Und was sind die grössten Herausforderungen hinsichtlich der Vermittlung dieser Chancen resp. der Vorteile nachhaltiger Wirtschaftsführung?

Das Business as usual zu hinterfragen ist immer schwer. Wenn es bisher doch gut geklappt hat, wieso die bewährten Abläufe ändern? Den Verantwortlichen in den Unternehmen muss klar gemacht werden, dass  die derzeit noch praktizierte Verschwendung wertvoller Ressourcen auf längere Sicht aus Gründen der Umweltzerstörung und der Ressourcenknappheit kein gangbarer Weg bleiben kann. Die Auswirkungen auf das Klima, aber auch auf andere Umwelt- und Gesellschaftsbereiche gefährden unsere Lebensgrundlagen und damit auch die Basis für unsere Wirtschaft.

Wie unterschiedlich sind die Herausforderungen für einen Grossbetrieb auf der einen und eine kleine oder mittlere Unternehmung auf der anderen Seite?

Die sind auf der Produktionsebene gar nicht so unterschiedlich. Die wesentlichen Unterschiede liegen im Management: Hier haben UnternehmerInnen-geführte Betriebe erhebliche Vorteile wegen den einfacheren Führungsstrukturen. Aber wir sehen heute mit grosser Freude auch global Players, die wirklich konsequent auf Nachhaltigkeit setzen. Wenn dort eine klare Nachhaltigkeitsstrategie verfolgt wird, ist der Hebel dafür umso grösser.

Wie unterstützt Ihr Netzwerk die KMU in ihrem Bestreben, nachhaltiger zu agieren?

Für KMU bietet die Internet-Plattform Proofit (www.proofit.ch) ein Selbstanalyse-Tool, welches mit bescheidenem Aufwand die Potenziale im Unternehmen zeigt und gleich auch Lösungsvorschläge macht. Es werden auch gute Beispiele gezeigt. Auf Proofit finden sich alle Informationen, die es für das nachhaltige Wirtschaften braucht, strukturiert und leicht verständlich.

Viele Unternehmen agieren nachhaltig oder wollen dies tun, gleichzeitig ist Wachstum das erklärte Ziel aller Volkswirtschaften und die gemeinsame Komponente der meisten Firmen. Ein Widerspruch?

Jein! Wachstum um jeden Preis gibt es nicht in einer nachhaltigen Gesellschaft. Aber es gibt eine Fülle von Bereichen, wo gerade wegen den veränderten Anforderungen der Nachhaltigkeit die Angebote fehlen: Bei Nahrungsmitteln, in der Energieversorgung, im Transportbericht, im Bau, in der Finanzwirtschaft, bei der Bildung oder im Gesundheitswesen… überall muss ein kräftiges Wachstum bei zukunftsfähigen Produkten und Dienstleistungen einsetzen. Der Markt ist da, die Unternehmen können liefern!

Frau Hildesheimer, herzlichen Dank für das Interview.

Zur Person:
Die Naturwissenschafterin Gabi Hildesheimer, mit langjähriger Erfahrung in der Umweltberatung, setzt sich als Co-Geschäftsleiterin der Öbu – Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften ein für den intelligenten Strukturwandel hin zu einer nachhaltigen Schweizer Wirtschaft. Als Mitglied des OcCC, des beratenden Organs für Fragen der Klimaänderung, beschäftigt sie sich seit längerem intensiv mit dem „Global Change“ und den Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Öbu:
Öbu, das Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften in der Schweiz, ist Think-Tank für Umwelt-, Sozial- und Management- Themen. Sie realisiert unternehmensspezifische und wirtschaftspolitische Projekte und fördert den Erfahrungsaustausch zwischen den rund 370 Mitgliedunternehmen.

Öbu, das Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften in der Schweiz

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