George H. Schmidt, Managing Director Financial Services bei Accenture

Georges H. Schmidt

George H. Schmidt, Managing Director Financial Services, Accenture (Bild: Accenture)

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Schmidt, aktuell spriessen in der Schweiz überall Initiativen, Anlässe, Hubs und Inkubatoren rund um das Thema FinTech und Startups. Wie beurteilen Sie die Qualität dieses neuen Ökosystems, vor allem auch in Bezug auf die Mitbewerber wie zum Beispiel London, Berlin oder das Silicon Valley, was sind die Stärken, was die Schwächen?

George H. Schmidt: Das stimmt, im Moment spriessen ständig neue Verbände, Inkubatoren, FinFech Awards etc. aus dem Boden. Dies erinnert mich an den Internet-Hype Ende der neunziger Jahre, als es auch in jeder Woche Events für die Startup-Szene gab und die wenigsten Teilnehmer wirkliche Unternehmer waren.

«Wir sollten einen klaren Fokus haben und die Kräfte bündeln, anstatt neue Events und Organisationen zu kreieren.» George H. Schmidt, Managing Director Financial Services, Accenture

Ich glaube, wir stehen hier noch sehr am Anfang mit viel Aktivität, aber noch wenig Fokus und Koordination. Wir sollten einen klaren Fokus haben und die Kräfte bündeln, anstatt neue Events und Organisationen zu kreieren. Hier nicht die Orientierung zu verlieren ist schwierig für Startups. Die Ökosysteme der anderen Standorte sind fokussierter, da sich alle relevanten Beteiligten zusammengeschlossen haben. Was in unserem Ökosystem in der Schweiz fehlt, sind die Investoren sowie das Engagement des Regulators und der Politik.

Ein grosses Thema ist der Zugang zu Geld in der frühen Phase. Geld ist zwar vorhanden, nur spielen Banken bei der Risikokapitalisierung fast keine Rolle, bekannte Schweizer Investoren beteiligen sich oft lieber an ausländischen Startups. Was ist der Grund dafür, wie kann hier Abhilfe geschaffen werden?

In fast allen Märkten steht Angel Funding in genügendem Ausmass zur Verfügung, so auch in der Schweiz. Was in der Schweiz aber fehlt, ist eine starke Startup-Szene mit einer erfolgreichen Unternehmerkultur. Dies ist mit ein Grund, wieso auch ausländische Venture Capital Unternehmen (VCs) nicht oft in der Schweiz investieren. Abgesehen von wenigen Ausnahmen fehlen hierzulande starke VCs. Aus diesem Grunde geht das Geld von Schweizer Investoren  in VC-Funds ausserhalb der Schweiz. Es gibt genügend Geld für gute Schweizer Startups, sofern sie mit den Qualitätsansprüchen der Venture Capital Unternehmen mithalten können.

«Startups brauchen Kunden und gerade hier könnten Grossunternehmen helfen, indem sie Startups mit Aufträgen unterstützen.»

Grossunternehmen haben in unterschiedlichem Masse begonnen, Interesse an der Startup-Szene zu zeigen. Oft geht es ihnen aber nur um Zugang zu Talenten und Ideen. Welche Rolle sollten grosse Firmen spielen, um die innovative, aber auch mit Risiko behaftete Szene so zu pflegen, dass daraus ein nachhaltiges Wachstum für die Schweizer Wirtschaft entsteht?

Startups brauchen Kunden und gerade hier könnten Grossunternehmen helfen, indem sie Startups mit Aufträgen unterstützen. Hier müssen die Einkaufsabteilungen aber noch umdenken, denn Startups können sich häufig den umständlichen Weg durch eine globale Procurement-Organisation nicht leisten. Erste Banken haben damit angefangen, für Startups ein „Procurement-Light“ einzuführen, um auf deren Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.

Die Schweiz ist ein kleiner Marktplatz mit teilweise komplexen Strukturen (Mehrsprachigkeit, Regulierungsdichte). Welche Themen können in diesem Markt zur Reife gebracht werden, bei welchen Themen würden Sie den Startups eine schnelle Internationalisierung vorschlagen?

Ich glaube, dass in vielen Bereichen der Schweizer Markt durch seine Komplexität nicht sehr spannend ist. Gleichzeitig kann es von Vorteil sein, dass ausländische Firmen nicht so schnell in den Markt kommen. Ricardo zum Beispiel ist klar der lokale Spieler vor dem globalen Player Ebay. Es kann also auch funktionieren. Ich glaube, dass die Startups sich in vielen Bereichen immer eine Internationalisierung überlegen müssen. Themen, die auf die Schweizer Marktgegebenheiten – wie beispielsweise die Regulation – speziell Rücksicht nehmen, sind hier sicher im Vorteil.

Der Finanzsektor ist zum einen hochgradig reguliert, hat hohe Sicherheitsanforderungen und zumindest im Transaktionsbereich schon einen hohen Automatisierungsgrad. Wo sehen Sie die besten Chancen für einen disruptiven Ansatz im Finanzumfeld?

Wenn ich diese Frage beantwortet hätte, würde ich mich um die Umsetzung kümmern.

«Im Finanzsektor ist nicht mehr die Kosteneffizienz massgebend, sondern das Tempo (Time-to-Market).»

Wenn Sie morgen eine carte blanche bekämen, ein Startup zu gründen, welches Thema würden Sie angehen, wie würden Sie vorgehen, um möglichst schnell eine gesunde Finanzierung zu erreichen?

Das Thema habe ich noch nicht gefunden. Ich würde ein super Team zusammenstellen, die Value Proposition klar definieren und einen Business Plan entwickeln. Dann folgt harte Arbeit. Sobald ich erste Erfolge habe, würde ich den Kontakt zu Top Tier Venture Capital Unternehmen im Ausland suchen, um möglichst schnell meine Angel-Finanzierung durch professionelle VC-Finanzierung zu ergänzen.

Startups wie Monetas haben sich neuen Technologien (Blockchain und Bitcoins) angenommen, suchen aber den Erfolg in Entwicklungsländern, in denen Mobiltelefone fast der einzige Zugang zu Finanzdienstleistungen darstellen. Gibt es auch Themen, die in der Schweiz eine schnellere Entwicklung nehmen als im Ausland und ein Exportpotential haben?

Hier ist mir bis jetzt Nichts wirklich aufgefallen, obwohl wir in einigen Bereichen weiter sind als das Ausland.

Grosse Banken haben Milliarden in existierende IT-Plattformen investiert, die sich nun immer mehr auch als Bremsklötze bei Innovationsthemen erweisen. Welchen Weg sehen Sie, damit sowohl Innovation als auch Investitionsschutz verwirklicht werden können?

Der weltweite Wettbewerb, die Digitalisierung und die Regulation verändern zurzeit Geschäftsmodelle fundamental und revolutionär. Im Finanzsektor beispielsweise ist nicht mehr die Kosteneffizienz massgebend, sondern das Tempo (Time-to-Market). Die altbekannte Unternehmens-IT kann damit nicht mehr Schritt halten aufgrund akkumulierter Technologiedefizite, der Zusammensetzung der IT Delivery und des kostenbasierten Projekt Managements. Eine neue Art der IT Delivery zeichnet sich ab, genannt Multi-Speed IT, bei der die IT parallel in verschiedenen Modi läuft, um die strategischen Prioritäten des Business zu unterstützen.

«Es braucht mehr Unternehmer in der Schweiz, die bereit sind, Risiko und Verantwortung zu übernehmen. Viele Studienabgänger bevorzugen den gut bezahlten Job bei einem Finanzinstitut gegenüber dem Weg in die Selbstständigkeit.»

Während alle Anbieter nach der nächsten Killer-Applikation schielen, sind es oft sehr einfache Anwendungen wie ein schneller Kredit, eine sofortige Übersicht über die letzten Transaktionen, welche bei den Kunden für Begeisterung sorgen. Welche Leistung oder Funktionalität würde Sie als Bankkunde am meisten begeistern?

Smarte Devices sind heute integrierter Bestandteil des Lebens geworden. Jede App, die mir mein Leben erleichtert und die Interaktion mit meinem Umfeld – insbesondere im Finanzbereich – vereinfacht, hat das Potential zur „Killer-App“. Die Kredit-App mit 30 Sekunden Approval Time per SMS gehört dabei ebenso dazu wie die One-Button-App, um die letzten fünf Transaktionen und den Saldo abzufragen.

Die Politiker versuchen intensiv, die Folgen der Masseneinwanderungs-Initiative, der Frankenstärke, der fehlenden IT-Fachkräfte zu entschärfen. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Massnahmen, die ergriffen werden sollten, um die Startup- und FinTech-Szene Schweiz zu stärken?

Es braucht mehr Unternehmer in der Schweiz, die bereit sind, Risiko und Verantwortung zu übernehmen. Viele Studienabgänger bevorzugen den gut bezahlten Job bei einem Finanzinstitut gegenüber dem Weg in die Selbstständigkeit.

Die Finma muss zu Händen der Politik Lösungsvorschläge erarbeiten, die der Digitalisierung im Finanzumfeld und den FinTechs Rechnung trägt.

Die Szene kann sich nur entwickeln, wenn die Leute, die an den Schweizer Hochschulen ausgebildet wurden, nachher auch bei Startups dabei sein können und  wenn ausländische Mitarbeiter durch die Startups rekrutiert werden können. Die Szene lebt von multikulturellen Teams. Sollte dies nicht gelingen, müssen die Schweizer Startups auswandern.

Hinzu kommt, dass die Venture Capital-Szene in der Schweiz nicht sehr ausgeprägt ist. Somit müssen Schweizer Startups frühzeitig mit internationalen VCs Kontakte knüpfen.

Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?

Dies ist eine schwierige Frage. Ein Wunsch könnte sein, dass es der Finanzplatz Schweiz schafft, auch im Bereich FinTech eine globale Rolle zu spielen und die Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet werden, dass dies möglich ist.

Der Gesprächspartner:
George H. Schmidt, Managing Director Financial Services, Accenture Switzerland

Seit 2003 bei Accenture, wo er eine führende Rolle bei der Integration von Systor inne hatte. Danach übernahm er die Leitung des Business Developments für das Outsourcing in der Finanzindustrie. Heute ist George H. Schmidt verantwortlich für den Bereich Banking mit einem Fokus auf Bankentransformation, Digitalisierung und Fintech.

George H. Schmidt hat über 30 Jahre Erfahrung als Unternehmer, Technologie-, Management- und Strategie-Berater in den Bereichen Telekommmunikation und Finanzdienstleistungen.

Während seiner Zeit als CEO der Systor AG entwickelte George H. Schmidt das Unternehmen von einer Anwendungsentwicklerin mit 80 Mitarbeitenden zu einer profitablen Systemintegratorin mit über 1’000 Mitarbeitenden.

George H. Schmidt hat einen Abschluss in Ökonomie von der Universität St. Gallen und ein MBA von der University of Chicago/Booth.

Über Accenture
Accenture ist ein weltweit führendes Dienstleistungsunternehmen, das eine breite Palette von Services und Lösungen in den Bereichen Strategie, Consulting, Digital, Technologie und Operations anbietet. Mit umfassender Erfahrung und spezialisierten Fähigkeiten über mehr als 40 Branchen und alle Unternehmensfunktionen hinweg – gestützt auf das weltweit grösste Delivery-Netzwerk – arbeitet Accenture an der Schnittstelle von Business und Technologie, um Kunden dabei zu unterstützen, ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern und nachhaltigen Wert für ihre Stakeholder zu schaffen. Mit rund 373‘000 Mitarbeitern, die für Kunden in über 120 Ländern tätig sind, treibt Accenture Innovationen voran, um die Art und Weise, wie die Welt lebt und arbeitet, zu verbessern. www.accenture.ch.

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