Giulio Vitarelli, Vorsitzender der Geschäftsleitung VZ Gruppe, im Interview

Giulio Vitarelli, Vorsitzender der Geschäftsleitung VZ Gruppe, im Interview
Giulio Vitarelli, CEO der VZ Gruppe. (Foto: VZ Gruppe)

von Sandra Willmeroth

Moneycab.com: Herr Vitarelli, die VZ Gruppe hat im Jahr 2023 Gewinn und Ertrag erneut deutlich steigern können. Warum sind aber die Netto-Neugelder von 4,6 auf 4,4 Mrd. Franken gesunken?

Giulio Vitarelli: Der Druck der Anlegerinnen und Anleger, ihre frei werdenden Gelder unmittelbar investieren zu müssen, ist mit dem Ende der Negativzinsen weggefallen. Auch das unsichere Marktumfeld im letzten Jahr hat zu einem zögerlichen Verhalten beigetragen. Wir wissen aus Erfahrung, dass in schwierigen Marktphasen zurückhaltender investiert wird. Und weil die Zinsen spürbar gestiegen sind, haben Wohneigentümer ihre Hypotheken letztes Jahr rascher als üblich amortisiert. Diese drei Faktoren haben das Wachstum des Netto-Neugelds etwas gebremst.

Welche Erwartungen haben Sie für das Gesamtjahr 2024?

Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Beratung weiter steigt. Darum planen wir, unsere Beratungskapazität weiterhin laufend zu erhöhen. Wenn sich die Finanzmärkte stabil entwickeln, dürfte sich das Wachstum von Ertrag und Gewinn im 2024 wieder im langfristigen Durchschnitt bewegen. Aufgrund von Basiseffekten wird das Wachstum in der ersten Jahreshälfte stärker ausfallen als in der zweiten.

Sie sind seit gut einem Jahr als CEO der VZ Gruppe tätig. Wie fühlt es sich an, in die Fusstapfen des Gründers, Matthias Reinhart zu treten? Gehen Sie die Dinge bewusst anders an oder lassen Sie, wenn möglich, alles beim Alten?

Ich bin stolz darauf, Teil dieser Erfolgsgeschichte zu sein. Unser Geschäftsmodell ist langfristig ausgerichtet. Es ist sehr robust und muss darum nicht verändert werden. Unsere Expertise konzentriert sich auf alle finanziellen Aspekte rund um die Pensionierung. Vor allem Paare zwischen 55 und 65 Jahren kommen zu uns in die Beratung. Diese Zielgruppe wird aufgrund der demografischen Entwicklung noch einige Jahre wachsen. Dazu kommt, dass die Haushaltsfinanzen immer komplizierter werden. Komplexe Steuergesetze, hängige Altersreformen, sinkende Renten – das verunsichert viele Schweizerinnen und Schweizer. Sie wünschen sich vor allem eines: verlässliche Informationen. Darum steigt das Bedürfnis nach Beratung zu all diesen Themen.

«Komplexe Steuergesetze, hängige Altersreformen, sinkende Renten – das verunsichert viele Schweizerinnen und Schweizer.»
Giulio Vitarelli, Vorsitzender der Geschäftsleitung VZ Gruppe

Im Sommer 2023 haben die beiden langjährigen Geschäftsleitungsmitglieder Tom Friess und Lorenz Heim das Unternehmen verlassen. Kann man davon ausgehen, dass sie ebenfalls Aspiranten für den Posten des CEO waren und dann ihre Konsequenzen gezogen haben?

Nein, sie haben die Firma nicht verlassen, sondern haben innerhalb des VZ eine neue Rolle übernommen. Nach mehr als 20 Jahren haben sie letztes Jahr entschieden, auf eigenen Wunsch aus der Geschäftsleitung auszutreten, um etwas kürzerzutreten.

Zum guten Ergebnis der VZ Gruppe im 2023 haben auch die gestiegenen Bankzinsen ihren Teil dazu beigetragen. Rechnen Sie mit einem anhaltend hohen Zinsniveau in der Schweiz oder erwarten Sie bald wieder sinkende Zinsen? Denn die Inflation scheint ja auch gebannt zu sein.

Die Bankerträge haben vor allem wegen der höheren Zinsen ausserordentlich zugenommen. Das war ein einmaliges Ereignis, das sich so nicht wiederholen wird. Die Schweizer Nationalbank hat schon einen ersten Zinsschritt gemacht – weitere Schritte könnten noch dieses Jahr folgen. In unserem Geschäftsmodell macht der Zinsertrag in der Regel nur einen sehr kleinen Teil der Erträge aus. Die beiden wichtigsten Treiber unserer Ertragsentwicklung sind und bleiben auch in Zukunft die Beratung gegen Honorar und die Vermögensverwaltung.

«Die Bankerträge haben vor allem wegen der höheren Zinsen ausserordentlich zugenommen. Das war ein einmaliges Ereignis, das sich so nicht wiederholen wird.»

Wie sieht das Basisszenario des VZ für das Anlagejahr 2024 aus?

Die Rezessionsängste sind weitgehend verflogen – und die Prognosen für die Weltwirtschaft haben sich aufgehellt. Vor allem die privaten Haushalte blicken zuversichtlicher in die Zukunft. Sobald die Leitzinsen deutlich sinken, dürfte die positive Stimmung auch die Industrie erfassen. Das könnte den Finanzmärkten weiteren Schub verleihen – sofern es keine Überraschungen gibt. Die grössten Risiken bleiben die geopolitischen Unsicherheiten.

Das ist eine gute Basis für ein positives Anlagejahr?

Ja, trotzdem sollte man sich beim Geldanlegen nicht zu stark von der aktuellen Marktlage beeinflussen lassen und jedem Trend hinterherlaufen – etwa mit der Idee, den Markt zu schlagen. Investieren setzt eine langfristige Sicht voraus. Für die meisten ist es darum besser, wenn sie ihre Anlagestrategie sorgfältig herleiten und strikt daran festhalten – auch wenn die Kurse sinken. Es lohnt sich, Anlagen wie ETF und Indexfonds dafür zu nutzen. Sie sind kostengünstig und transparent. Mit dieser Vorgehensweise haben die Anleger die besten Chancen, eine marktgerechte Rendite zu erzielen.

Was halten Sie von den ETF auf Kryptowährungen: Gelungene Symbiose oder teures Instrument?

Solche ETF streuen die Risiken zu wenig. Darum dürfen sie in Europa nicht herausgegeben werden. Die Anbieter sind nicht verpflichtet, die in der Schweiz erforderliche Dokumentation zur Verfügung zu stellen. Das ist schlecht für die Transparenz. Zudem nimmt man höhere Abwicklungskosten in Kauf und riskiert, dass man in den USA erbschaftssteuerpflichtig wird. Heute ist die Anlageklasse der Kryptowährungen primär noch durch Spekulation getrieben. Darum: Wenn man über solche «Anlagen» nachdenkt, könnte es besser sein, über regulierte Anbieter in der Schweiz direkt in Kryptowährungen zu investieren. Am besten ist es, wenn man eine Bank hat, die das eigene E-Banking dafür geöffnet hat. So hat man die Abwicklungssicherheit einer Finma-regulierten Bank.

«Wir stellen fest, dass sich immer wieder verunsicherte CS-Kunden erkundigen, wie sie eine für sie geeignete neue Bankbeziehung finden und dann konkret den Wechsel vornehmen sollen.»

Apropos Banken: Die Zusammenführung des Geschäfts der Credit Suisse in die UBS nimmt langsam Form an. Was bringt diese Zusammenführung für die Kunden?

Es ist davon auszugehen, dass alle CS-Kunden neu in die UBS integriert werden. Das bedeutet: Jetzt haben auch jene Kunden Handlungsbedarf, die sich immer gegen eine Geschäftsbeziehung mit der UBS entschieden haben oder bewusst beide Geschäftsbeziehungen gepflegt haben. Wir stellen fest, dass sich immer wieder verunsicherte CS-Kunden erkundigen, wie sie eine für sie geeignete neue Bankbeziehung finden und dann konkret den Wechsel vornehmen sollen. In den nächsten Monaten dürften sich diese Fragen häufen.

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