Gunter Erfurt, CEO Meyer Burger Technology AG, im Interview

Gunter Erfurt
Gunter Erfurt, CEO Meyer Burger. (Foto: Meyer Burger)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Erfurt, Meyer Burger ändert seine Strategie und wird vom Maschinenanbieter zum Hersteller von Solarzellen und Solarmodulen. Welche Faktoren haben zu diesem fundamentalen Richtungswechsel geführt?

Gunter Erfurt: Der Hauptgrund für die Neuausrichtung ist die Erkenntnis, dass wir in den letzten Jahren keinen nachhaltigen Gewinn erzielen konnten, trotz unbestrittener Technologieführerschaft. Ein Grossteil der heute weltweit produzierten Solarpanels basiert auf Technologien von Meyer Burger. Mit dem Verkauf von Maschinen haben wir jedoch die Wertschöpfung weitestgehend unseren Kunden überlassen. Künftig wird Meyer Burger Produktionsmaschinen für die Heterojunction/SmartWire-Technologie grundsätzlich nur noch exklusiv zum eigenen Gebrauch herstellen. Damit bleibt die gesamte Wertschöpfung als vertikal-integrierter Modulhersteller bei Meyer Burger.

Meyer Burger hat schwierige Jahre hinter sich und schreibt seit Jahren rote Zahlen. Dennoch: Wieso der Strategiewechsel zum aktuellen Zeitpunkt?

Der Wendepunkt kam mit dem erfolgreichen Aufbau einer Produktionslinie für einen Kunden der Meyer Burger Ende 2019 bei dem der Anwendungsbeweis der Heterojunction/SmartWire Technologie in der Massenproduktion erbracht wurde. Zudem ist die derzeit dominierende PERC-Photovoltaiktechnologie weitestgehend ausgereizt. Wir verfügen mit der Heterjunction/SmartWire-Technologie die vielversprechendste Technologie, um den nächsten Leistungssprung der Industrie zu treiben.

„Ein Grossteil der heute weltweit produzierten Solarpanels basiert auf Technologien von Meyer Burger. Mit dem Verkauf von Maschinen haben wir jedoch die Wertschöpfung weitestgehend unseren Kunden überlassen.“
Gunter Erfurt, CEO Meyer Burger

Während die Coronakrise für viele Firmen immense Schwierigkeiten mit sich bringt, haben Sie in einem Interview erklärt, dass die Pandemie Meyer Burger in die Karten spielt. Inwiefern?

Sie spielt uns indirekt in die Karten. Die Wirtschaft will als Konsequenz aus der Corona-Pandemie zuverlässige Lieferketten sicher stellen und daher weniger Abhängigkeiten von fernöstlichen Lieferketten in Kauf nehmen. Zusammen mit dem europäischen Green Deal und den europäischen Klimazielen verleiht dies im aktuellen industriepolitischen Kontext Europas der Solarindustrie Rückenwind. Solarenergie ist weltweit die kostengünstigste, umwelt- und klimafreundlichste Form, um Elektroenergie zu erzeugen.

Sie haben die CEO-Funktion bei Meyer Burger Anfang April übernommen. War der Strategiewechsel von Beginn weg Ihr wichtigstes Anliegen?

Die Diskussion, wie wir unsere führende Technologie besser schützen und monetarisieren können, besteht seit einiger Zeit. Es brauchte Veränderungen im Verwaltungsrat, um die Diskussion auf die Ebene eines konkreten Projekts zu bringen. Aufgrund meiner früheren Erfahrung bei Modulherstellern sah ich von Beginn weg im Strategiewechsel eine grosse Chance für Meyer Burger.

China beherrscht die Solarindustrie, in Europa hingegen ist sie seit Jahren auf dem Rückzug. Was stimmt Sie so optimistisch, dass der Richtungswechsel gelingt?

Wir erwarten eine lebhafte Nachfrage für Schweizer Technologie «Made in Germany». Der Technologievorsprung ermöglicht eine einmalige Positionierung und ein nachhaltig profitables Geschäft. Wir können mit unseren Herstellungskosten konkurrenzfähig produzieren. Ein hoher Automatisierungsgrad minimiert dabei den Anteil der Lohnkosten an den Gesamtkosten. Zusätzlich fallen beim Vertrieb in Europa die Transportkosten aus China weg, die aktuell bis zu 10% der Gesamtkosten von PV-Modulen ausmachen und gleichzeitig auch den Carbon Footprint fernöstlicher Solarmodule erhöhen. Neben den Premiumprodukten für das Dachanlagensegment erwarten wir, aufgrund der wettbewerbsfähigen Produktionskosten bei gleichzeitig hoher Modulleistung und hohen Energieerträgen selbst im preissensitiven Solarkraftwerks-Segment Module profitabel absetzen zu können.

„Aufgrund meiner früheren Erfahrung bei Modulherstellern sah ich von Beginn weg im Strategiewechsel eine grosse Chance für Meyer Burger.“

Ist Europa auch der Hauptabsatzmarkt Ihrer geplanten Produktion?

In einem ersten Schritt werden wir ausschliesslich den europäischen Markt bedienen; hier haben wir ein etabliertes Kundennetzwerk und die geographische Nähe vereinfacht den Vertrieb. In einem zweiten Schritt werden wir dann zuerst den US Markt angehen, gefolgt von Australien und Japan.

Meyer Burger hat Maschinen entwickelt, welche eine immer effizientere Produktion von Solarmodulen ermöglicht hat. Mit der neuen Strategie werden Sie zu einem Konkurrenten ihrer bisherigen Kunden…

Wir sind überzeugt, dass unsere Kundenbeziehungen gut bleiben. Das Geschäft mit Standard-PV-Anlagen und das Servicegeschäft führen wir weiterund wir lassen unsere bisherigen Kunden mit deren installierten Meyer Burger Produkten nicht allein. Wir erwarten im Gegenteil, dass die verbleibenden europäischen Wettbewerber unseren Vorstoss für eine Renaissance des Europäischen PV-Markts begrüssen.

Um welche Technologie handelt es sich, die es Meyer Burger erlaubt, von der Zelle bis zum Modul alles in Eigenregie zu produzieren – und die Sie auch nicht mehr weiterverkaufen?

Es geht um die neuen Technologiegenerationen, die eine substanzielle Differenzierung zu den etablierten Wettbewerbern aufweist. Die Heterojunction/SmartWire-Technologie ist die derzeit vielversprechendste Technologie, um den nächsten Leistungssprung der Industrie voranzutreiben. Der nächste Technologieschritt in der Photovoltaik ist vergleichbar mit dem Übergang von 4G auf 5G in der mobilen Kommunikation. Meyer Burger hat alle namhaften Hersteller von Solarmodulen mit Maschinen ausgestattet und diese in Betrieb genommen, das Prozess-Knowhow ist bei uns vorhanden. Daher fühlen wir uns wohl, dass wir nicht nur die Maschinen produzieren können, sondern diese auch in Betrieb nehmen und mit höchster Leistung Solarzellen und die entsprechenden Module produzieren können.

Als technischer Direktor waren Sie an der Entwicklung massgeblich beteiligt. Wie lange hat sie gedauert?

Meyer Burgers Heterojunction/SmartWire-Technologie haben wir über die letzten 12 Jahre zur heutigen Massenproduktionsreife entwickelt.

„Mit dem Einstieg in die eigene Fertigung kann Meyer Burger ihr geistiges Eigentum und ihr langjähriges Know-how besser schützen.“

Und wie geschützt ist die Technologie?

Insgesamt schützen über 45 Patentfamilien die Heterojunction/SmartWire-Technologie, Herstellungsverfahren, Maschinen und Produkte sowie weitere, bereits in Entwicklung befindliche Technologiestufen. Mit dem Einstieg in die eigene Fertigung kann Meyer Burger ihr geistiges Eigentum und ihr langjähriges Know-how besser schützen.

Fertigung, Logistik und Distribution der Zellen und Module erfolgen in Ostdeutschland an den Standorten Bitterfeld-Wolfen und Freiberg. Welche Bereiche von Meyer Burger bleiben in der Schweiz?

Meyer Burger ist in der Schweiz tief verwurzelt. Die ganze proprietäre SmartWire Technologie sowie auch die Heterojunction/SmartWire- Zellentechnologie wurde und wird auch weiterhin in der Schweiz entwickelt. Meyer Burger betreibt sehr erfolgreich F&E-Standorte in Thun und Neuenburg, dies soll so bleiben.

Für Sie ist das auch eine Art Heimkehr. Wo werden Sie mehrheitlich anzutreffen sein?

Ich bin dort, wo es mich braucht, das wird in den nächsten Monaten vor allem an den neuen Standorten sein. Zudem werde ich öfter unterwegs sein, um die Kontakte zu unseren künftigen Kunden aufzubauen.

Herr Erfurt, besten Dank für das Interview.

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