Hadi Soufan, Initiant des Social Startup Reviving Home, im Interview

Hadi Soufan
Hadi Soufan, Initiant des Social Startup Reviving Home. (Foto: pd)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Soufan, mit der digitalen Plattform Reviving Home wollen Sie Menschen helfen, ihre von Krieg und Zerstörung erschütterten Städte wiederzubeleben. Was können Sie uns über den persönlichen Hintergrund dieser Initiative erzählen?

Hadi Soufan: Ich bin in Homs, der drittgrössten Stadt in Syrien, geboren und aufgewachsen und ich liebe besonders den alten Teil von Homs. Ich habe Architektur studiert und davon geträumt, den alten arabischen Teil meiner Heimatstadt zu restaurieren und wieder zu beleben. Für mich geht es bei Architektur nicht nur um die Gebäude – es geht vielmehr um die Kultur und die Gemeinschaft, in die Architektur eingebettet ist.

Während des Krieges sah ich, wie das alte Homs vor meinen Augen zerstört wurde und ich habe mir geschworen, es zu meiner Mission zu machen, meine Heimatstadt wieder aufzubauen und den Menschen zu helfen, sie wieder zu beleben – nicht nur in Homs – in allen Städten auf der Welt, wo sich Menschen ähnlichen Problemen stellen müssen.

Sieht man die Bilder der vom Krieg zum Teil völlig zerstörten Städte, fragt man sich, wie hier jemals wieder gelebt werden kann. Woran mangelt es bei einem geplanten Wiederaufbau insbesondere?

Der wichtigste, aber auch schwierigste Punkt ist es, die Gemeinschaft wieder aufzubauen. Wir müssen an die Menschen denken, bevor wir uns mit den Steinen beschäftigen. Daher konzentriert sich „Reviving Home“ auf die Gesellschaft, um die weitverstreute Diaspora-Gemeinschaft wieder mit der lokalen Gesellschaft zu verknüpfen. Wir planen Aktivitäten, um sie dazu zu bringen, wieder miteinander zu arbeiten.

„Wir müssen an die Menschen denken, bevor wir uns mit den Steinen beschäftigen.“
Hadi Soufan, Initiant des Social Startup Reviving Home

Aus der Distanz betrachtet ist es erstaunlich, dass viele Familien genau an den Ort oder dieses Stadtviertel zurückkehren wollen. Natürlich ist es Heimat, aber sie ist zerstört und die Menschen haben dort Schreckliches erlebt. Wollen sich die Betroffenen quasi ihr Leben zurückholen?

In unserer Gesellschaft arbeiten Familien und besonders die Eltern ihr ganzes Leben, um ihren Kindern eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus zu ermöglichen. Und wenn du in einer Wohngegend geboren und dort aufgewachsen bist – mit den gleichen Nachbarn, dein Leben lang – bist du mit dieser Nachbarschaft nicht nur aufgrund von Steinen verbunden – sondern durch Erinnerungen. Jede Ecke in deiner Gegend ist eine Erinnerung – gute wie schlechte.

Diese Mischung aus Steinen und Erinnerung hält uns zusammen. Du träumst davon, die Wohnung irgendwann an deine Kinder weiter zu geben – so wird es über die Generationen hinweg ein Teil deiner Seele. Menschen, die weit weg von ihrer ursprünglichen Nachbarschaft sind, leiden, da sie ein Teil ihrer Seele verloren haben.


Sie wollen mit Ihrer Plattform schnelle, unbürokratische Wiederaufbauhilfe ermöglichen. Welche Aufgaben übernimmt Reviving Home konkret?

Reviving Home wird ein legales und geprüftes System des Wiederaufbaus bieten, das transparent arbeitet. Wir helfen, Häuser und wichtige öffentliche Orte wiederaufzubauen, indem wir Hauseigentümer mit Baupaten und Arbeitern vor Ort vernetzen. Unterstützt von Spendern weltweit, die sich via Crowdfunding am Wiederaufbau beteiligen können, kann so schnell und unbürokratisch zur Tat geschritten werden. Zudem arbeiten wir mit Nachbarschaftshelfern vor Ort zusammen – sogenannte „Community Mobilizer“. Sie schaffen Gelegenheit und Räume, damit Nachbarn wieder einander begegnen und gemeinsam Pläne für die Zukunft ihrer Stadt schmieden können.

Wie sollen die Projekte finanziert werden?

Die einzelnen Bauprojekte werden am Anfang 5000 Euro nicht übersteigen. Diese sollen mit Hilfe von Spenden von Angehörigen und Freunden – aber auch von Spendern weltweit finanziert werden. Später möchten wir auch Mikrokredite und grössere Projekte für Investoren anbieten.

„Wir helfen, Häuser und wichtige öffentliche Orte wiederaufzubauen, indem wir Hauseigentümer mit Baupaten und Arbeitern vor Ort vernetzen.“ 

Jeder Bauherr hierzulande weiss, wie komplex Bauprojekte sein können. Erschwerend kommt hier nun die grosse Distanz dazu. Wie lassen sich die Fortschritte und die Einhaltung der baulichen Vorgaben kontrollieren?

Zuerst einmal prüfen wir die notwendigen Dokumente des Eigentümers, um sicher zu gehen, dass die Wohnung auch wirklich dem Eigentümer gehört. Ausserdem wird von der vor Ort ansässigen „Ingenieurskammer“ geprüft, ob ein Wiederaufbau des Gebäudes möglich ist. Wenn dem so ist, kann der Prozess losgehen. Wir arbeiten vor Ort mit Baupaten – sogenannten „Trustees“ zusammen. Sie sind essentiell für den Erfolg des Wiederaufbaus. Sie sorgen dafür, dass die Bauprojekte abgeschätzt, die Kosten eruiert, die Mittel verwaltet, alle nötigen administrativen Vorgaben eingehalten und die Massnahmen umgesetzt werden.

Es handelt sich bei den Trustees um erfahrene und von uns geprüfte Architekten und Bauingenieure. Die Frage ist also, wie wir sicherstellen, dass die Trustees dieser verantwortungsvollen Rolle nachkommen können. Hier gilt: unsere Trustees werden eingehend geprüft – sie müssen unter anderen Nachweise über ihre Qualifikationen und eine Arbeitserlaubnis in dem entsprechenden Bereich vorweisen. Während der Bauphase muss der Trustee den Fortschritt täglich mit Hilfe von Bilder und Filmen dokumentieren. Somit können auch Eigentümer und Spender sehen, wofür das Geld bisher ausgegeben wurde. Zusätzlich wird das Geld in Schritten entsprechend der Bauphasen ausgezahlt.

Korruption ist ein weitverbreitetes Problem. Wie stellen Sie die Transparenz sicher?

Zum einen wird der Kostenvoranschlag, den der Trustee erstellt, von einem Supervisor geprüft. Des weiteren muss der Trustee während der Baumassnahmen täglich einen Bericht hochladen – damit der Eigentümer und die Spender sehen können, wo der Bauprozess aktuell steht. An gleicher Stelle müssen auch alle Rechnungen dokumentiert werden. Jeder dieser Schritte wird von unabhängigen Experten geprüft. Zusätzlich hat jeder, der in ein Projekt involviert ist, die Möglichkeit, die Arbeit und den Trustee zu bewerten. Daneben führen wir eine sogenannte „Blacklist“, um z.B. korrupte Bauexperten auszuschliessen. Und wie überall legen Bauexperten auch in Syrien viel Wert auf ihren Ruf.

Die zerstörte Infrastruktur betrifft ja nicht nur Gebäude. Oft ist auch alles zerstört, wo sich die Menschen zuvor getroffen und ausgetauscht haben. Wie wollen Sie den sozialen Zusammenhalt vor Ort stärken?

Um die Menschen vor Ort wieder zusammen zu bringen, müssen wir an verschiedenen Stellschrauben drehen. Zum einen müssen die Marktplätze bzw. -hallen wieder belebt werden, damit die Menschen sich wieder treffen und ihr tägliches Leben verrichten können. Zum anderen müssen die Hauptstrassen, die die Stadtgebiete verbinden, wieder belebt werden. Um das zu erreichen, werden wir soziale Aktivitäten planen, um die Leute wieder zusammen zu bringen – zum Beispiel Reinigungskampagnen und besondere Feiertage. Alle Aktivitäten werden über unsere Plattform organisiert.

„An Deutschland können wir sehen, dass es machbar ist, ein Land nach einem Krieg wieder aufzubauen. Das macht mir Mut und Hoffnung.“

Derzeit läuft auf www.startnext.com eine erste Finanzierungskampagne. Welche Massnahmen wollen Sie zuerst umsetzen?

Bis jetzt habe ich die Entwicklung von Reviving Home aus eigener Tasche bezahlt. Doch nun, nachdem wir die Idee testen konnten und gesehen haben, dass sie funktioniert, müssen wir grösser werden. Um das zu erreichen, müssen wir die Plattform weiterentwickeln, Freiwillige bezahlen, Büroräume mieten und mit dem notwendigen Equipment ausstatten. Des weiteren soll das Geld dafür verwendet werden, Trustees und Nachbarschaftshelfer zu schulen und die ersten fünf Bauprojekte für die Plattform vorzubereiten.

In Berlin lebend gehören Sie selber zur syrischen Diasporagemeinde. Können sich Menschen auf der Flucht auch andersweitig als mit finanziellen Mitteln für ihre Familien und Freunde in der Heimat engagieren?

Ich glaube, dass jeder Syrer etwas für sein Heimatland tun muss – denn es wird viel Anstrengung benötigen, es wieder aufzubauen. Sie müssen lernen, um eine gute Bildung zu bekommen – unser Land wird in Zukunft viele Experten benötigen. An Deutschland können wir sehen, dass es machbar ist, ein Land nach einem Krieg wieder aufzubauen. Das macht mir Mut und Hoffnung. Eine andere Sache, die die Menschen hier tun können, ist – mit ihrer Nachbarschaft z.B. über das Internet in Kontakt zu bleiben – sie sollten sich gegenseitig unterstützen und stärken statt auf eine Lösung von aussen zu warten.

Herr Soufan, besten Dank für das Interview.

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