Hans-Ulrich Bigler, Direktor sgv

Hans-Ulrich Bigler, Direktor sgv

von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Bigler, der Schweizerische Gewerbeverband hat im April die Kampagne „JA zur Schweiz – hier kaufe ich ein“ lanciert. Die Aktion ist umstritten, es gibt Lob, aber auch Kritik. Welche Reaktionen haben Sie persönlich erhalten?

Hans-Ulrich Bigler: Unsere Kampagne „Ja zur Schweiz“ ist erfolgreich angelaufen. Sowohl ihre Aufnahme durch unsere KMU als auch das enorm breite Medienecho konnten die Thematik „Einkaufstourismus“ zuoberst auf die Prioritätenliste setzen.

Die Kampagne soll aufklären, positiv sein, und nicht den Konsumenten ein schlechtes Gewissen bereiten. Glauben Sie, dass die Konsumenten, die nach jahrelangen, wenig fruchtbaren Diskussionen um die Hochpreisinsel Schweiz jetzt profitieren,  das auch so verstehen?

Wir gehen von mündigen Konsumenten aus, die in Eigenverantwortung ihre Einkaufsentscheide fällen. Unsere Botschaft zeigt Zusammenhänge auf. Wer in der Schweiz einkauft, leistet einen wichtigen Beitrag für unser Land. Davon profitiert nicht nur die Wirtschaft. Die KMU, welche sich vorbildlich im Bereich der Berufsbildung von Jugendlichen engagieren, werden gestärkt. Ebenso wird durch den bewussten Entscheid für einen Einkauf in der Schweiz ein massgeblicher Beitrag an die Sicherung von Arbeitsplätzen geleistet.

«Wenn jemand mit einem kleinen Haushalts-Budget im Ausland einkaufen geht, kann ich das nachvollziehen. Kein Verständnis habe ich hingegen für die „Geiz ist geil – Mentalität“.
Hans-Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband

Zu den beliebtesten Produkten, die im grenznahen Ausland gekauft werden, gehören in der Schweiz massiv teurere Importwaren, wie z.B. Kleider oder der ganze Drogerie- und Kosmetikbereich. Und ist man schon vor Ort, füllt man das Auto auch noch mit Lebensmittel. Gar kein Verständnis dafür?

Wenn jemand mit einem kleinen Haushalts-Budget im Ausland einkaufen geht, kann ich das nachvollziehen. Kein Verständnis habe ich hingegen für die „Geiz ist geil – Mentalität“. Zudem wird die Rechnung oftmals unvollständig gemacht, indem man die Kilometerkosten für die Autofahrt und den Zeitaufwand ausblendet. Ebenso erstaunlich ist, dass die Umweltorganisationen in diesem Zusammenhang noch nie auf die enormen Umweltbelastungen des Einkaufstourismus‘ hingewiesen haben, wenn Sie nur schon an den damit verbundenen CO2-Ausstoss denken.

Schweizer Unternehmen profitieren wie die Konsumenten auch vom Import von Waren aus dem Euro-Raum. Sollte für Konsumenten nicht gleiches Recht gelten?

Es geht in erster Linie um die Frage, wo die Wertschöpfung erfolgt. Unternehmungen sind für ihre Produktion teilweise auf den Einkauf von Rohstoffen und Halbfabrikaten aus dem Ausland angewiesen. Hingegen sichert die Wertschöpfung in der Schweiz unsere Arbeitsplätze und die Lehrstellen unserer Jugendlichen.

Wer von Ihren Mitgliedern ist vom Einkaufstourismus mit am stärksten betroffen?

In erster Linie ist es natürlich der grenznahe, gewerbliche Detailhandel, dann aber auch der Möbelfachhandel, teilweise das Ausbaugewerbe, Gastro- und Touristikbereich bis hin zum Autogewerbe – die Liste ist lang.

Wie sind die betroffenen Unternehmen und Verbände selbst in die Kampagne eingebunden?

Die Beteiligung der KMU an der Kampagne ist der Dreh- und Angelpunkt ihres Gelingens. Unsere Bemühungen funktionieren nur, wenn sich möglichst viele daran beteiligen und die positive Botschaft an Kunden und Entscheidungsträger weitergeben. Deshalb machen die KMU ihre Kunden direkt am Verkaufspunkt mit Plakaten, Flyern, Einkaufstaschen und vorallem im persönlichen Gespräch auf die Problematik aufmerksam.

«Es ist nicht nur legitim, sondern auch sinnvoll und erwünscht, dass Konsumentinnen und Konsumenten Preisdruck ausüben können.»

Mit dem Einkauf im Ausland machen die Konsumenten ja indirekt auch Druck auf die Hochpreisinsel Schweiz. Dieser Aspekt dürfte Ihnen aber willkommen sein?

Es ist nicht nur legitim, sondern auch sinnvoll und erwünscht, dass Konsumentinnen und Konsumenten Preisdruck ausüben können. Im richtigen Spiel von Angebot und Nachfrage sollen beide Seiten ihre Entscheide möglichst frei treffen. Genauso wie die KMU-Wirtschaft daran arbeitet, günstiger und besser zu werden, sollen Konsumentinnen und Konsumenten ihre Rolle im freien Markt wahrnehmen können. Der Fokus der Kampagne „JA zur Schweiz – hier kaufe ich ein“ liegt daher auf der Information und Sensibilisierung der Marktteilnehmer.

Wie setzt sich der sgv dafür ein, dass ungerechtfertigte Preisunterschiede, oder eben diejenigen Preisunterschiede die über die Kosten des „Systems Schweiz“ hinausgehen, eliminiert werden?

Der Schweizerische Gewerbeverband fordert die konsequente Zulassung von Parallelimporten und die Anwendung des Cassis-de-Dijon-Prinzipes. Auch ein Agrarfreihandel mit der EU hätte positive Auswirkungen auf die Preise. In diesem Bereich sind ganze Schutzwälle aufgebaut worden, die der Konsument mit überhöhten Preisen teuer zu bezahlen hat, wenn Sie alleine nur schon an die hohen inländischen Fleischpreise denken.

Wäre die Streichung oder Senkung der Zollfreigrenzen für den sgv ein Mittel zur Eingrenzung des Einkaufstourismus’?

Wir haben uns immer dagegen ausgesprochen, Staatsintervention ist vor dem Hintergrund der vorstehenden Überlegungen nicht Ziel-führend.

«Wegen der Frankenstärke wurde im Jahr 2011 für etwa 5 Milliarden Franken im Ausland eingekauft. Das entspricht circa einem Prozent der Wertschöpfung und ist ein Drittel höher als in den Vorjahren.»

An der Frankenstärke dürfte sich so schnell nichts ändern. Welche Befürchtungen hegen Sie konkret, wenn der Einkaufstourismus im aktuellen Rahmen bestehen bleibt oder gar noch zunimmt?

Wegen der Frankenstärke wurde im Jahr 2011 für etwa 5 Milliarden Franken im Ausland eingekauft. Das entspricht circa einem Prozent der Wertschöpfung und ist ein Drittel höher als in den Vorjahren. Wir gehen zudem von einer weiteren Zunahme aus. Die gleiche Rechnung kann man pro Person machen: Im Jahr 2011 ist jeder Bewohner der Schweiz rein statistisch zwei Mal im Ausland einkaufen gegangen und hat jedes Mal 315 Franken ausgegeben. Langfristig wirkt sich dies schädlich aus, denn verschiedenen Branchen entgehen Umsätze. Ich mache mir deshalb Sorgen um die Sicherung von Arbeitsplätzen und Lehrstellen.

Kaum hatte der sgv die Kampagne lanciert, veröffentlichte die Stiftung für Konsumentenschutz SKS eine Broschüre mit Tipps für den Einkauf ausserhalb der Landesgrenzen. Halten Sie daran fest, dass Sie deshalb via Parlament versuchen wollen, der Stiftung die finanzielle Unterstützung durch den Bund streichen zu lassen?

Die SKS ruft mit ihrer Broschüre zum grenzenlosen Einkaufen ein. Das ist stossend. Ebenso stossend ist, dass die SKS einerseits vom Bund erhebliche Subventionen erhält, auf die sie nicht verzichten kann und damit andererseits politische Aktivitäten und Interessenvertretung verfolgt. Hier stellt sich die Frage der demokratischen Kontrolle und der politischen Legitimation.

Hat in dieser Sache ein Kontakt – oder eine Annäherung – zwischen sgv und SKS stattgefunden?

Gespräche haben selbstverständlich stattgefunden, in den unterschiedlichen Standpunkten gab es aber vorerst kaum eine Annäherung. Unser Vorstandsmitglied, NR Sylvia Flückiger, hat nun dem Bundesrat in einer Interpellation die aufgeworfenen Fragen gestellt und gestützt auf die Antwort werden wir das weitere Vorgehen bestimmen.

Herr Bigler, besten Dank für das Interview.

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