Jan Amrit Poser, Leiter Research und Chefökonom Bank Sarasin

Jan Amrit Poser

Jan Amrit Poser, Leiter Research und Chefökonom Bank Sarasin. (Foto: Bank Sarasin)

von Christa W. Spoerle

Moneycab: Herr Poser, die Schweizer Wirtschaft kam glimpflich durch die Rezession 2009, wird sie die weltwirtschaftliche Wachstumsabschwächung auch im kommenden Jahr einigermassen unbeschadet überstehen?

Jan Amrit Poser: Die Schweizer Wirtschaft kämpft mit der Überbewertung des Frankens, an die sie sich anpassen muss. Die Haushaltskonsolidierung weltweit lastet auf der globalen Nachfrage und dämpft unsere Exporte. Wir sind aber zuversichtlich, dass die Schweiz dank einem starken Bausektor und einer robusten Binnennachfrage um 1.5% wird wachsen können.

Wo orten Sie die grössten Unsicherheitsfaktoren für 2013?

Selbst wenn das fiskalische Kliff in den USA verschoben ist, müssen die Staaten sparen. Wenn dadurch das Wachstum wieder abgewürgt wird, dann steigen auch die Sorgen wieder an, dass die Staaten ihre Schulden nicht abbezahlen können, was Turbulenzen auslösen kann. Einen Anklang eines solchen Szenarios erwarten wir im zweiten Halbjahr, wenn auch nicht so drastisch. Zudem droht mit jeder Wahl in Euroland auch die potenzielle Frage nach der Existenz des Euros neu gestellt zu werden. Die Politik wird uns noch eine Zeitlang beschäftigen.

Welche Länder können 2013 denn überhaupt den Konjunkturkarren ziehen?

Es sind die so genannten Überschussländer. Das sind diejenigen, die keine Immobilienblase gehabt haben, die geplatzt ist, sondern deren private Schuldenstände noch moderat sind und ansteigen und Nachfrage generieren können. Dazu gehören die Schweiz, Deutschland, Nordeuropa, Japan, aber vor allem auch die Schwellenländer, die jetzt sehr viel günstiges Kapital erhalten.

Welche Branchen in der Schweiz haben es 2013 besonders schwer, welche leichter?

Die Pharmabranche hat die so genannte Patentklippe hinter sich gebracht und wird aufatmen können. Auch die Luxusgüter sollten durch den Aufschwung in China beflügelt werden. Wir sind weiter vorsichtig gegenüber den Banken, die weiter unter staatlichen Regulierungen leiden.

«Der Euro wird weiterbestehen, aber nicht weit von 1,20 abweichen.»
Jan Amrit Poser, Leiter Research und Chefökonom Bank Sarasin

Was dürfen wir vom Euro erwarten, ist das Schlimmste ausgestanden?

Gegenüber dem Franken wird der Euro nicht weit von 1.20 abweichen – zu hoch ist die Risikoaversion, zu gross die Nachfrage nach sicheren Häfen wie dem Franken. Ich habe nie bezweifelt, dass der Euro weiterbestehen wird und denke auch nicht, dass ein Land jemals austreten wird.

Wie entwickelt sich voraussichtlich der US-Dollar?

Wir erwarten bis Ende 2013 einen leicht stärkeren Dollar bei 0.96. Er bleibt aber insgesamt schwach, weil das US-Fed die aktivste und laxeste Notenbank der Welt bleibt.

Die SNB hält erwartungsgemäss an ihren geld- und währungspolitischen Beschlüssen fest. Wie lange noch?

Sie wird noch lange dazu gezwungen sein, mit Interventionen zu drohen. Es besteht aber Hoffnung, dass sie 2013 nicht mehr so viele Euros kaufen muss wie 2012. Spannender aber ist die Frage, ob sie irgendwann einmal den antizyklischen Kapitalpuffer von den Banken verlangen wird, um dem Immobilienpreisanstieg Einhalt zu gebieten. 2013 ist dies unseres Erachtens noch zu früh, doch wenn die Preise weiter steigen, wird es 2014 wohl soweit sein.

Die Inflationserwartungen sind sehr bescheiden, müssen wir nicht eher mit einer Deflation rechnen?

Die Schweiz befindet sich in einer Deflation, wenn auch bisher in einer „gutmütigen“. Konsumenten profitieren von so genannten „Euro-Rabatten“ und anderen Schnäppchen. Hält dieser Zustand an, werden die Unternehmen mit Lohnsenkungen oder Entlasssungen reagieren. Spätestens dann wird die Deflation „korrosiv“, aber damit rechnen wir nicht. Inflation ist aber sicher noch lange kein Thema.

Werden andere Banken den beiden Grossbanken bei der Einführung von Negativzinsen folgen?

Es ist nicht auszuschliessen, dass dies angesichts der Geldschwemme die „neue Normale“ ist. Durch negative Zinsen zwingen die Zentralbanken letztendlich die Anleger in risikoreichere Anlagen.

In einem Umfeld von Nominalzinsen nahe Null, negativen Realzinsen und schwächeren Wirtschaftsaussichten, was raten Sie da den Anlegern?

Das ist das Umfeld der Finanziellen Repression. Eine schleichende Enteignung von Sparern und Gläubigern zugunsten von Staaten und anderen Schuldnern. Um davon zu profitieren, sollte man selbst verschuldet sein, wie z.B. Immobilienanleger. Aber auch Unternehmen, die jetzt ihr Wachstum mit frischem Kapital finanzieren, sollten profitieren. Wir denken auch, dass es einen Ansturm der Anleger auf höherrentierende Anleihensegmente geben wird: BBB, High Yield, Schwellenländer.

«Wir setzen auf starke Rohstoffe und Gold.»

Sorgt denn die Wachstumsabschwächung auch für tiefere Rohstoffpreise? Geht dem Goldpreisanstieg bald der Schnauf aus?

Wir sind optimistisch für Gold, weil dem fixen Goldangebot eine steigende Geldmenge gegenübersteht. Rohstoffpreise hängen momentan von China ab. Dort sehen wir die Aussichten aber verbessert und setzen deshalb stark auf Rohstoffe.

Als sichere Anlage und dank der tiefen Zinsen sind Immobilien weiter gesucht. Befinden wir uns denn schon in einer Blase?

Natürlich macht man sich angesichts der rasanten Entwicklung sorgen; aber diese erfolgt von unterbewertetem Niveau aus. In der Schweiz sind wir real noch weit weg von den Blasenniveaus von 1990. Auch im Vergleich zu den Neumieten sind die Immobilien weitgehend fair bewertet.

Was könnte 2013 zum Thema des Jahres avancieren?

Schwellenländeranleihen, sowie nachrangige Finanzanleihen, die hoch rentieren, aber von den Instituten aufgrund neuer Regulierungen zurückgerufen werden, sind das Gebot der Stunde.

Herr Poser, herzlichen Dank für das Interview.

Zur Person:
Dr. Jan Amrit Poser ist Chefökonom und Leiter Research der Bank Sarasin & Cie AG in Zürich. Er wurde 1970 geboren und ist in Bonn und Genf aufgewachsen. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre in St. Gallen und Freiburg im Breisgau promovierte er am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München. Nach seiner Promotion im Jahr 1998 ging er zum Internationalen Währungsfonds nach Washington. 1999 Rückkehr in die Schweiz in die Länderrisikoanalye-Abteilung einer Schweizer Grossbank, wo er für Russland und Osteuropa verantwortlich zeichnete. Seit 2001 ist er für die Bank Sarasin tätig; zunächst als Währungsanalyst, danach als Chefökonom. Seit 2006 leitet er das Economic & Strategy Research, das den Input für das Anlagekomitees der Bank Sarasin erarbeitet. Anfang 2008 wurde er zum Leiter Research befördert.

Zum Unternehmen: 
Die Bank Sarasin & Cie AG wurde 1841 in Basel als Handelsfirma gegründet und ist heute eine der führenden Privatbanken der Schweiz. Mehrheitseigentümer ist seit November 2011 die  brasilianische Safra-Gruppe. Neben dem Hauptsitz in Basel hat die Bank in der Schweiz Niederlassungen in Zürich, Genf und Lugano. International ist die Sarasin-Gruppe mit Tochtergesellschaften in Deutschland (München), Frankreich (Paris), Grossbritannien (London), Guernsey, Luxemburg, Hong Kong und Singapur vertreten. Die Hauptaktivitäten der Bank Sarasin umfassen die Anlageberatung und Vermögensverwaltung für private und institutionelle Kunden sowie das Fondsgeschäft. Anlagestiftungen, Corporate Finance, Brokerage und Finanzanalyse ergänzen das Dienstleistungsangebot. Per 30.06.2012 verwaltete das Institut Kundenvermögen in der Höhe von 99‘100 Mio CHF und beschäftigte weltweit 1781 Personen.

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