János Heé, CEO Zimmerli of Switzerland, im Interview

János Heé
János Heé, CEO Zimmerli Textil AG. (Foto: zvg)

von Mario Walser, Procure (Interview erschienen im PROCURE SWISS MAGAZIN Juni 2020)

Internationale Filmstars wie George Clooney, Sylvester Stallone, Hugh Jackman oder Charlotte Gainsbourg, aber auch Sportikonen wie David Beckham gehören zur Kundschaft von Zimmerli of Switzerland. Das Textilunternehmen produziert seit 149 Jahren hochwertige Wäsche für Damen und Herren. János Heé, seit Anfang 2020 CEO, im Praxis-Interview.

Herr Heé, wie beschreiben Sie einem Branchenfremden das Geschäftsmodell von Zimmerli of Switzerland?

János Heé: Wir sind ein traditioneller Schweizer Handwerksbetrieb, der für eine internationale Kundschaft produziert. Unsere Wäschebekleidung und Loungewear für Damen und Herren stellen wir in der Schweiz her. Besondere Materialien in Premiumqualität ergeben ein unvergleichliches Gefühl auf der Haut. Puristische, fast filigrane Schnitte zeichnen unsere Produkte aus. Vom Entwurf bis zum Verpacken wird jeder Schritt von einem Menschen ausgeführt, der sein Handwerk versteht. Weil wir keine industrielle Massenproduktion betreiben, können wir jederzeit auf individuelle Kundenwünsche eingehen und so die perfekte Passform garantieren.

Wie hoch ist der Wertschöpfungs­anteil in der Schweiz?

Wir decken 75 Prozent unserer Wertschöpfungskette hierzulande ab. Deshalb dürfen wir auch den Zusatz «of Switzerland» im Firmennamen führen. Die allermeisten Teile aus unseren Kollektionen werden in unserer firmeneigenen Produktionsstätte in Mendrisio sorgfältig von Hand zugeschnitten und vernäht. 40 hochqualifizierte Näherinnen fertigen mit viel Fingerspitzengefühl wöchentlich mehrere Tausend Artikel. Durchschnittlich 20 Arbeitsschritte sind erforderlich, um unsere Anforderungen an die haptische, materielle und visuelle Qualität zu erfüllen.

„Weil wir keine industrielle Massenproduktion betreiben, können wir jederzeit auf individuelle Kundenwünsche eingehen und so die perfekte Passform garantieren.“
János Heé, CEO Zimmerli of Switzerland

Welche Produkte lassen Sie im europäischen Ausland herstellen und weshalb?

Gewisse Rohmaterialen müssen wir aus dem europäischen Raum beziehen, weil es diese in der Schweiz nicht gibt. So wird Baumwolle hierzulande nicht angebaut. Und für Loungewear aus Seide wäre die Anschaffung der dafür nötigen Maschinen zu kostenintensiv, deshalb lassen wir diese beispielsweise in Polen und Bulgarien produzieren.

Wie geht Ihr Unternehmen die digitalen Herausforderungen an?

Trotz viel Handarbeit arbeiten wir immer digitaler. Beispielsweise bei den einzelnen Produktionsschritten. So checken die Näherinnen die produzierten Teile jeweils bei einer Scannerstation ein und wieder aus. So haben wir immer den Überblick, wo genau im Produktionsprozess sich diese Teile befinden. Zudem führen wir aktuell ein neues ERP-System ein, damit diese Prozesse noch transparenter werden, als sie schon sind. Damit einhergehend nutzen wir neu ein Projektmanagementtool, das auf dem Kanban-Prinzip aufbaut. So ist für alle Beteiligten jederzeit ersichtlich, wie weit wir mit der Einführung sind und was noch zu tun ist. Hier galt es am Anfang Überzeugungsarbeit bei den Mitarbeitenden zu leisten. Das gehört zu Changeprozessen dazu. Mittlerweile freuen sich aber alle über jederzeit transparente Prozesse.

Wo wirkt sich die Digitalisierung sonst noch aus bei Zimmerli?

Die digitale Transformation von Geschäftsmodellen hat immer einen mehrdimensionalen Charakter. Er betrifft nicht nur Produktionsprozesse, sondern auch andere Bereiche wie das Marketing, den Vertrieb oder auch den Kundenservice. Genau das bietet einem KMU wie Zimmerli auch tolle Chancen. Wir sind uns bewusst, welche Auswirkungen diese Transformation auf die Wertesysteme und das Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten hat. Deswegen sind wir an diversen Fronten aktiv. Beispielsweise, wenn es um Vertrieb oder Marketing geht. Erst kürzlich haben wir unsere neue Website lanciert. Inklusive neuem E-Shop. Und weil wir nicht nur aktiv, sondern auch innovativ sein wollen, können unsere Kundinnen und Kunden ab diesem Herbst via Mobiltelefon-App von einem virtuel­len Grössenberater profitieren. Mittels Handykamera können wir so die indi­viduell benötigte Grösse im Nu erkennen. Das steigert die Zufriedenheit bei der Kundschaft weiter – und wir können die Retourenquote, die jedes im E-Commerce tätige Unternehmen nun mal hat, weiter senken.

Wie bewegt sich Zimmerli in den sozialen Medien?

Auch via soziale Medien kommunizieren wir inzwischen sehr aktiv mit unserer Community. Gerade im Marketingbereich geht es nicht nur um «schöne Bilder», sondern um Daten und Zahlen. Wir erkennen viel schneller und besser, wie gut unsere Facebook- oder Suchmaschinenwerbung funktioniert.

Wie nachhaltig sind Ihre Produkte?

Heute erwartet der Konsument umweltfreundliche und sozial verträglich hergestellte Produkte. Gerade unsere Produkte, die man meist direkt auf der Haut trägt, müssen, auch was die Hautverträglichkeit anbelangt, ökologisch den höchsten Anforderungen genügen. Wir achten zudem auf kurze Transportwege. Mit der hauseigenen Produktion in Mendrisio legen unsere Produkte schon seit unseren Anfängen vor bald 150 Jahren sehr kurze Wege zurück. Unser Produktionsstandort erfüllt alle zeitgemässen ökologischen Anforderungen. Und wir versuchen Restmaterialien, wo immer möglich, weiterzuverwerten. Wir wurden 2020 erfolgreich nach «STeP by OEKO-TEX» zertifiziert und erfüllen somit die Anforderungen für umweltfreundliche und sozialverantwortliche Produktionsbetriebe.

Wie müssen Lieferanten aufgestellt sein, um bei Ihnen in die Kränze zu kommen?

Wir schauen genau hin, bevor wir unsere Lieferanten auswählen. Was immer wir in der Schweiz bestellen können, beziehen wir auch aus der Schweiz. Ausnahmen gibt es natürlich. Unsere Baumwolle beziehen wir beispielsweise aus Griechenland. Uns ist es überaus wichtig, dass beim Anbau keine schädlichen Pestizide verwendet werden. Die Pflanzen werden auf einer dickeren Humusschicht gepflanzt, was dazu führt, dass sie weniger Wasser verbrauchen. Auch die Bedingungen für die Arbeitnehmenden müssen unsere Kriterien erfüllen. Viele unserer Lieferanten sind hoch spezialisiert. Die Spitze für unsere Unterwäsche beziehen wir aus Calais in Frankreich, da diese nur noch dort in der von uns verlangten Qualität hergestellt wird.

„Die globale Ausrichtung von Zimmerli – wir verkaufen in 55 Länder – hat den Effekt der Krise sicherlich ein wenig abgefedert und uns in den vergangenen Wochen geholfen.“

Vor welche Herausforderungen stellt Sie die momentane weltwirtschaftliche Situation?

Die globale Ausrichtung von Zimmerli – wir verkaufen in 55 Länder – hat den Effekt der Krise sicherlich ein wenig abgefedert und uns in den vergangenen Wochen geholfen. Auch dass wir keine Waren aus China oder Bangladesch beziehen, hat sich ein weiteres Mal als richtig herausgestellt. Im Tessin mussten wir unsere Manufaktur zwar zwischenzeitlich schliessen. Doch als wieder gearbeitet werden durfte, konnten wir die Produktion sofort wieder aufnehmen. Das wäre bei einer ausgelagerten Produktion, beispielsweise in China, so sicher nicht möglich gewesen.

Haben Sie weniger Ware verkauft in den letzten Wochen?

Sie werden es nicht glauben, aber der April war mit Abstand der umsatzstärkste Monat seit Inbetriebnahme unseres Webshops. Viele Themen, die uns schon vor dem Lockdown beschäftigt haben, wurden nun durch diesen noch weiter beschleunigt. Dazu gehört auch, dass wir uns fragen, ob wir neben unseren Essentials tatsächlich zwei Kollektionen pro Jahr brauchen. Gerade für kleine Unternehmen wie das unsrige bedeutet das Entwickeln von zwei Kollektionen pro Jahr einen grossen Druck.

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