Joschka Fischer: «Ich war für den Bail-out»

Joschka Fischer

Das Leben des ersten grünen Ministers Deutschlands ist geprägt von Brüchen. Der Schulabbrecher Joschka Fischer war von 1998 bis 2005 als Aussenminister und Vizekanzler für die Aussenpolitik Deutschlands und in grossem Masse auch Europas verantwortlich. Im Exklusivinterview spricht er über sein Leben nach der Politik, die aktuelle Europakrise und seine Besuche beim Papst.

Von Daniel Huber, Corporate Communications Credit Suisse

Daniel Huber: Nach Ihrem Rücktritt aus der deutschen Regierung 2005 war es in der Öffentlichkeit recht lange ruhig um Sie. Allerdings habe ich jetzt gelesen, dass Sie nur zwei Wochen später Ihre Lebenspartnerin geheiratet haben. Was sonst haben Sie in dieser Übergangszeit gemacht?

Joschka Fischer: Ich wollte raus aus der Politik. Ich hatte genug. Und insofern war klar, nachdem Rot-Grün keine Mehrheit mehr hatte, dass ich aufhören werde. Ich hatte dann noch ein Jahr schweigend im Parlament gesessen, weil ich während des Wahlkampfes auf eine Journalistenfrage, ob ich mein Mandat annehme, gesagt habe, dass ich es tun würde. Also musste ich das noch machen. Aber ich wollte ganz klar zuerst eine Cooling-off-Periode, was die öffentliche Präsenz anbelangte. Also habe ich das Angebot der Princeton University in New Jersey gerne angenommen und dort als Visiting Professor zwei Semester gearbeitet.

«Ich war für den Bail-out, weil die Konsequenzen ansonsten furchtbar gewesen wären. Andererseits glaube ich, dass man danach nicht entschlossen genug die Zeit nutzte, um eine globale Neuaufstellung der Finanzindustrie durchzusetzen.» Joschka Fischer

Wenn man Ihren Lebenslauf ansieht, ist er geprägt von Brüchen. So scheinen sich einige Ihrer einstigen Wertvorstellungen teilweise um 180 Grad geändert zu haben. Gibt es etwas, an dem sie konsequent festgehalten haben?

Ja und nein. Grundsätzlich fände ich nichts schlimmer, als wenn ich heute, wo ich auf die 65 zugehe, noch so denken würde wie mit 18. Das Leben dauert lange und man verändert sich. Und doch habe ich mich selber im Innern sehr wenig verändert. Das ist kein Widerspruch. Damals, als ich 18 Jahre alt war, war es eine völlig andere Zeit. Es war eine andere Welt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wenn man versucht, die 68er zu verstehen, muss man begreifen, wogegen sich die 68er – vor allem in Deutschland – gerichtet haben. Nur schon in der Schweiz war die Situation völlig anders. Dieses kleine Land blickt seit dem Mittelalter auf eine glückliche Geschichte zurück. So war es das einzige Land, in dem der Bauernkrieg in Verbindung mit den Städten zum Sieg der Bauern geführt hat. Die deutsche Geschichte wäre eine völlig andere gewesen, wenn der Adel vor allem in Süd- und Mitteldeutschland wie in der Schweiz verloren und Luther den Verrat an den Bauern nicht begangen hätte. Zwingli hat das in der Schweiz nicht gemacht. In Deutschland haben sich die 68er gegen die Nazigeneration gerichtet. Das darf man nicht vergessen. Das ist heute völlig anders. Die Grossväter von damals waren völlig andere. Heute bin ich der Grossvater.

Wir haben die Occupy-Bewegung. Für diese müssten Sie doch zumindest ein gewisses Wohlwollen verspüren?

Diese Finanzkrise hat schwere Defizite aufgezeigt. Dass das nur zur Occupy-Bewegung geführt hat, erstaunt mich schon etwas. Und damit Sie mich nicht missverstehen: Ich war für den Bail-out, weil die Konsequenzen ansonsten furchtbar gewesen wären. Andererseits glaube ich, dass man danach nicht entschlossen genug die Zeit nutzte, um eine globale Neuaufstellung der Finanzindustrie durchzusetzen. Man wird jetzt sehen müssen, ob die Kraft noch vorhanden ist, dass sich die Krise so nicht wiederholt.

Und wer oder was regiert heute die Welt?

Die Politik!

Immer noch?

Keine Frage. Die Wirtschaft ist dazu nicht in der Lage. Die Wirtschaft verfolgt ihre Interessen, das muss sie tun. Aber schon die ganze Denkweise funktioniert nicht. Ein guter Manager braucht diese Kombination von Durchsetzungskraft, von Präzision, von Datenmaterial, von strategischer Orientierung, Personalführung. Aber es ist ein limitiertes Segment. Ein guter Politiker, der zum Staatsmann oder zur Staatsfrau wird, hat es mit einem sehr komplexen oder sogar ultrakomplexen Entscheidungsumfeld zu tun. Ich überschaue das sehr gut, weil ich eben beide Seiten kenne. Das ist etwas völlig anderes. Diese Frage kann man übrigens so nur in Europa stellen, weil bei uns die Staaten – man möge mir vergeben – alle so schwach sind. Stellen Sie diese Frage mal in Washington oder in Peking, also bei den wirklich mächtigen Staaten, dann werden Sie mit Sicherheit komisch angeguckt.

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