Marco Rüegg, Geschäftsführer GEMP AG im Interview

Marco Rüegg, Geschäftsführer GEMP AG im Interview

Marco Rüegg, Geschäftsführer GEMP AG

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Rüegg, der Stromverbrauch in der Schweiz ist 2014 um drei Prozent gesunken, die Stromproduktion läuft vor allem dank der Atomkraftwerke auf Hochtouren, der Anteil der “neuen” erneuerbaren Energien (Sonne, Wind, Biomasse) an der Elektrizitätsproduktion betrug 2013 gerade mal 3.4 Prozent. Welche Zukunft sehen Sie für die neuen erneuerbaren Energien in der Schweiz, welche Fördermassnahmen sind sinnvoll?

Marco Rüegg: Von den 3.4% sind 1.70% aus Kehrrichtverbrennungsanlagen und 0.20% aus Abwasserreinigung. Macht also nur noch 1.50% für Elektrische Energieproduktion aus Sonne, Wind und Biomasse. Der Leidensdruck aufgrund der Klimaveränderung ist noch zu gering. Das Risiko eines nuklearen Unfalls wird verharmlost. Für mich gibt es aber nur eine Zukunft, die Erneuerbare. Wir sollten die vorhandenen Umweltenergien (Sonne, Wind, Wasser und Biomasse) nutzen, die Primärenergie dazu ist „gratis“.

«Der Leidensdruck aufgrund der Klimaveränderung ist noch zu gering. Das Risiko eines nuklearen Unfalls wird verharmlost.» Marco Rüegg, Geschäftsführer GEMP AG

Nun zu den Fördermassnahmen. Es braucht keine Fördermassnahmen wenn ein echter Markt vorhanden ist. Wir müssen in der Übergangszeit zum erneuerbaren Zeitalter sicherstellen, dass Unternehmen nicht günstigen und dreckigen Strom (Kohle, Atom) einkaufen. Das machen wir am besten mit Zielvorgaben. Das heisst, dass jeder Stromkonsument z.B. 60% Strom aus Wasserkraftwerken und 40% aus neuen erneuerbaren Energien verbrauchen muss. Somit wird die Nachfrage nach erneuerbaren Energien geschaffen und ein Markt kann sich rasant und innovativ entwickeln.

Sie bieten unter dem Label FAIRPOWER zertifizierte erneuerbare Energien an (Wasser, Wind, Biomasse, Solar). Wie sieht die Situation bezüglich Nachfrage und Angebot aus und woher beziehen Sie den Strom bei einem Angebotsengpass?

Das Angebot ist derzeit wesentlich grösser als die Nachfrage. Wir werden regelrecht überrannt mit Produzenten, die ihre ökologischen Mehrwerte aus erneuerbarer Produktion an uns verkaufen wollen. Da sind auch grosse Player dabei. Den Markt zu entwickeln kostet extrem Zeit und Geld. Staatliche Abgaben für die Förderung von erneuerbaren Energien sind für uns zur Konkurrenz geworden. Wer bezahlt schon gerne doppelt? Wenn es durch unseren Erfolg zu einem Engpass kommen sollte, dann müssten neue Anlagen/Kraftwerke zugebaut werden. Das braucht es ja um den Energieumbau von zentral nicht erneuerbar zu dezentral erneuerbar zu schaffen. Ich sehe das wie beim Biolebensmitteln. Da gibt es auch immer wieder „Betriebe in Umstellung“.

«Strom aus erneuerbaren Quellen wird in ein paar Jahren günstiger sein als Strom aus fossilen oder nuklearen Anlagen.»

Fast jedes lokale Elektrizitätswerk (EW) bietet heute seinen Kunden die Möglichkeit, erneuerbare Energien gegen einen Aufpreis zu beziehen. Was bieten Sie mit FAIR POWER, was die EW nicht schon abdecken?

Wir sind komplett unabhängig. Wir haben keine eigenen Kraftwerke, kein Netz und keine Subventionen. Wir sind dem Markt ausgesetzt und hochgradig kundenorientiert. Meistens sind wir günstiger als traditionelle Anbieter, da wir eine schlanke Unternehmensstruktur haben und innovative Informatikmittel einsetzen. Mit der Marke FAIRPOWER bieten wir ein Instrument, Engagements in erneuerbare Energien einfach und wirkungsvoll in allen Sprachregionen sichtbar zu machen. Ein Branchenexperte formulierte es kürzlich so: „Wem es mit der Energiewende wirklich ernst ist muss FAIRPOWER kaufen.“ Vielleicht könnte man es auch so formulieren: „Wir bieten eine einfachen und innovativen Weg zur energetischen Unabhängigkeit“.

Labels, die mit dem Begriff “fair” operieren, appellieren an die Kunden, einen Mehrpreis zu entrichten für eine bessere Entlöhnung der Produzenten zu. Während das bei den Kleiderproduzenten in Asien sicherlich berechtigt ist, fällt die Vorstellung bei Schweizer Energieproduzenten schon etwas schwerer. Braucht es hier wirklich einen besonderen Zuschlag für die Produzenten?

Strom aus erneuerbaren Quellen ist mehr Wert als konventionell erzeugter Strom. Der ökologische Mehrwert, die Vorteile für Mensch und Umwelt, sollten geschätzt werden. In den letzten Jahren ist der „Aufpreis“ für die erneuerbare Stromproduktion, inkl. Grosswasserkraft, massiv gesunken. Aus meiner Sicht darf es nicht sein, dass sauberer Strom aus Schweizer Wasserkraft nur 0.10 Rappen pro Kilowattstunde (ca. 2.5%) teurer ist als Strom aus unbekannter Herkunft, also vorwiegend Kern- oder Kohlestrom. Wir wissen, dass Strom aus erneuerbaren Quellen in ein paar Jahren günstiger sein wird als Strom aus fossilen oder nuklearen Anlagen. Deshalb bieten wir mit „PV Total“ für Unternehmen und Immobilienbesitzer ein innovatives Modell mit dem Ziel, den auf dem Dach produzierten Solarstrom günstiger zu beziehen als den Strom aus dem Netz. Für Mehrfamilienhäuser übernehmen wir die komplette Abrechnung der Mieter.

«Das staatliche Fördersystem ist administrativ viel zu aufwendig.»

Deutschland gilt mittlerweile mit dem radikalen Ausstieg aus der Atomkraft, dem darauf folgenden Ausbau der Kohlekraft und der einseitigen und weitgehend ineffektiven Unterstützung der Solarenergie als Beispiel einer verunglückten Energiewende. Wo stehen wir in der Schweiz, was läuft gut, wo gibt es Nachholbedarf?

Zum Glück hat die Schweiz die Ausgaben gedeckelt. Wenn ich die Warteliste von mehreren zehntausend Solarstromanlagen anschaue, dann wären die Ausgaben ansonsten massiv angestiegen und nicht bei aktuell 1.5 Rappen pro Kilowattstunde. Das staatliche Fördersystem ist administrativ viel zu aufwendig. Vor allem haben wir bei Einspeisetarifen das Problem, dass die gesamte Energie abgeführt werden muss. Dies belastet die Stromnetze teilweise erheblich. Weiter fällt der Strom tagsüber an, wenn der Strompreis tief ist. Mit der Einmalvergütung für kleinere Anlagen werden Eigenheimbesitzer motiviert Anlagen zu bauen und den Strom selber zu nutzen, das ist gut. Nebst dem staatlichen Fördermodell hat ein liberales Marktmodell, wie unseres, existenzielle Probleme. Kauft ein Konsument freiwillig erneuerbare Energien ein oder produziert z.B. Solarstrom auf seinem Dach, muss er trotzdem für den Strombezug vom Netz den KEV-Zuschlag für die Förderung von erneuerbaren Energien bezahlen. Das ist ungerecht und muss dringend geändert werden.

Ein Bereich, in dem erneuerbare elektrische Energie einen sehr positiven Effekt haben könnte ist die Mobilität. Hyundai hat zwar ein mit Wasserstoff betriebenes Serienfahrzeug auf den Markt gebracht (ix35 Fuel Cell), ohne jedoch das Problem der Tankstellen gelöst zu haben, bei den Elektromobilen steht der Benutzer vor einigen Herausforderungen im Alltagsverkehr, da fast jeder Anbieter ein proprietäres System verwendet. Wie können unter diesen Voraussetzungen die herkömmlichen Fahrzeuge abgelöst werden?

Die Elektromobilität wird sich bei den Personenwagen durchsetzen. Die steigenden Batteriekapazitäten und die technischen Vorteile eines reinen Elektromotors sind die schlagenden Argumente. Künftig wird man sein Fahrzeug immer aufladen können, wenn es steht. Es gibt in Deutschland schon Versuche, wo Elektrofahrzeuge als Puffer für das Stromnetz verwendet werden. Aber auch ein Batteriewechselsystem, wie es von „better place“ in Israel angeboten worden ist, könnte sich durchsetzen.

«Wasserstoff wird der Schlüssel für die saisonale Speicherung von Solar- und Windstrom sein.»

Wasserstoff sehe ich bei Personenwagen eher nicht, sie müssen wie bei Benzin-Hybriden zwei Technologien unterhalten, das ist viel zu teuer. Bei Anwendungen mit hohem Energiebedarf, zum Beispiel bei Flugzeugen, Lastwagen, Maschinen oder industriellen Anlagen wird Wasserstoff künftig eine grössere Rolle spielen. Wasserstoff wird der Schlüssel für die saisonale Speicherung von Solar- und Windstrom sein. Ein Teil des Stromes wird künftig in Wasserstoff-Kraftwerken erzeugt werden. Die zentrale Frage ist, wer an der neuen Mobilität verdient. Wenn Sie am Wartungsservice von Benzinautos verdienen, haben Sie kein Interesse an Elektroautos. Denn E-Fahrzeuge sind absolut wartungsarm. Hier sehen wir für unser Unternehmen eine weitere interessante Aufgabe: Verbreitung der Elektromobilität – denn Elektrofahrzeuge brauchen erneuerbaren Strom.

Die Post hat in einer bemerkenswerten Aktion den Fuhrpark ihrer gelben Roller auf Elektroantrieb umgestellt. Kennen Sie weitere solche Beispiele mit Breitenwirkung?

Coop ist zum Beispiel aktiv bei alternativen Antriebssystemen für Lastwagen (elektrisch, Wasserstoff). Es gibt zahlreiche Unternehmen die Strom aus 100% erneuerbaren Quellen beschaffen. Dazu gehören Retailer sowie Telecom-Unternehmen und Banken. Das Problem ist aber tatsächlich, dass die Bevölkerung diese Engagements gar nicht mitkriegt. Da bringt eine Newsmeldung oder ein kleiner „versteckter“ Text auf der Internetseite zu wenig Breitenwirkung. Nachhaltigkeitsberichte, umfangreiche Analysen und Konzepte bringen zwar Beratungsfirmen Umsatz, aber die Wirkung ist gering. Genau hier setzen wir mit FAIRPOWER an; nachhaltige und innovative Kommunikation in der Masse.

Neue technologische Entwicklungen sorgen gerade bei erneuerbaren Energien für rasante Verbesserungen. Wo sehen Sie aktuell die bedeutendsten Innovationen?

Unter Innovation versteht die Mehrheit eine technische Entwicklung. Ich bin aber sicher, dass die bedeutendsten Innovationen aus einer Kombination von einfach anwendbarer Technik und der Fähigkeit der positiven Emotionalisierung entstehen. Als exemplarische Beispiele wären Apple und Tesla zu nennen. Technisch erwarte ich in der einfachen und wirtschaftlichen Herstellung von Wasserstoff die grössten Innovationen. Wir verfolgen das „Internet der Energie“ als eine Vision. Auch hier; die Technik gibt’s, aber die Emotionalisierung noch nicht.

Politiker brauchen einfache Konzepte, um Massen bewegen zu können. Im Klimabereich hat sich das CO2 durchgesetzt als vermeintlich fast alleinig verantwortliche Messgrösse für den Temperatur-Anstieg. Wie nachhaltig lässt sich mit solch simplen Denkmustern Energiepolitik betreiben?

Ich bin für simple und einfach umsetzbare Konzepte. Aber fragen Sie mal auf der Strasse was CO2 ist. Oder wer kennt den Unterschied zwischen Kilowatt und Kilowattstunde? Das wissen auch die meisten Politiker nicht. Die heutigen Konzepte sind viel zu kompliziert. Die beste Messgrösse ist nach wie vor die Geldwährung = CHF. Und da wären wir bei der Kostenwahrheit der Energie. Wer Umweltschäden verursacht – und da zähle ich die Klimaerwärmung dazu – der soll für die Folgen bezahlen. Das funktioniert in vielen anderen Bereichen bereits (Abwasser, Abfall, etc.).

Fast jedes grosse Unternehmen veröffentlich heute nebst den bekannten Jahresberichten einen speziellen “Nachhaltigkeits-Bericht” (Sustainability Report). Ist bei diesen Unternehmen der Bezug von FAIRPOWER ein Thema?

Ja das ist ein grosses Thema. Denn erneuerbarer Strom wirkt sich positiv auf die Nachhaltigkeit aus. Wir kompensieren zudem den CO2-Anteil im Strom, das gibt nochmals Pluspunkte. Erneuerbare Energien müssen für nachhaltig orientierte Unternehmen ein Thema sein. Zu viele setzen leider auf billigen Strom aus Wasserkraft. Ist zwar erneuerbar, hat aber nur ein bescheidenes Zubaupotenzial. Das grösste Potenzial um die Energiewende zu schaffen hat die Photovoltaik (Solarstrom).

Zum Abschluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?

Als erstes Freude und Gesundheit für meine Familie und mir wohlgesinnte Menschen. Mehr Unternehmertum, Mut und Wettbewerb um den Umbau der Energie viel früher als 2050 zu schaffen. Wir können nur gewinnen.

Der Gesprächspartner:
Marco Rüegg, Dipl. Masch. Ing. HTL, MAS Marketing (CRM), Geschäftsleiter und Teilhaber der GEMP AG

Marco Rüegg hat im Mai 2012 die Green Energy Marketplace Genossenschaft (GEMP) mit 35 Mitgliedern gegründet. Mit seiner Idee des Online-Marktplatzes für grüne Energien wurde er Thurgauer Jungunternehmer 2012. Mitte 2013 sind die Geschäftsaktivitäten der Genossenschaft an die GEMP AG übergegangen. Rüegg amtet seither als Geschäftsleiter der GEMP AG und soll den Käufermarkt für erneuerbare Energien europaweit entwickeln. Strategischer Erfolgsfaktor ist hierbei die Marke FAIRPOWER®, mit der Unternehmen und Menschen ihr Engagement für die erneuerbare und klimaneutrale Stromproduktion sichtbar machen können. Marco Rüegg verfolgt die Vision der direkten Vernetzung von Stromkonsumenten und –produzenten über das Internet (Internet der Energie).

Erfahrungen im Energiebereich sammelte Rüegg während seiner Tätigkeit im Handel Erneuerbare Energien bei den Elektrizitätswerken der Stadt Zürich (ewz), wo er die Solarstrombörse verantwortete sowie langjährige Lieferverträge mit Produzenten erneuerbarer Energie verhandelte.

Rüegg ist im Vorstand der FDP.Die Liberalen Gachnang TG und aktiv in verschiedenen Arbeits- und Fachgruppen in Politik und Wirtschaft tätig. Der gebürtige Glarner ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Das Unternehmen:
GEMP AG ist der unabhängige nationale Förderer von erneuerbaren Energien. Das Unternehmen wurde im Juni 2013 aus einer Genossenschaft heraus gegründet und bietet Unternehmen sowie Privatpersonen die ökologische und klimaneutrale Stromproduktion an. Die Add-On Produkte werden schweizweit unter der Marke FAIR POWER direkt sowie über Agenten und Reseller vertrieben. Mit günstigen Preisen, innovativen Vermarktungskonzepten und einer nachhaltigen Ausrichtung schafft GEMP Vertrauen und Mehrwerte für alle Beteiligten. GEMP arbeitet mit verschiedenen strategischen Partnern um ihre Kunden in den Themen Erneuerbare Energien sowie Energieeffizienz umfassend betreuen zu können.

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