Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg, im Interview

Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg, im Interview
Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg. (Foto: Sandra Blaser)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Frau Wildi, wünschten Sie sich als einzige Frau an der Spitze einer börsenkotierten Schweizer Bank nicht langsam Gesellschaft?

Marianne Wildi: Gesellschaft ist immer etwas Positives, aber ich fokussiere mich auf Dinge, die ich direkt beeinflussen kann. Daher ist es für mich nicht wirklich relevant. Die Situation ist so, wie sie ist und ich freue mich auf den Austausch mit allen Personen unabhängig des Geschlechts. Natürlich würde es mich auch freuen, wenn es mehr Frauen in meinem Beruf gäbe. Aber ich betrachte es nicht als eine persönliche Herausforderung, die Situation zu verändern. Wir bei der Hypothekarbank Lenzburg fördern Diversität, wenn es möglich und sinnvoll ist – dazu gehören Frauen, aber auch Personen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Ausbildung. Zum Beispiel haben wir mit Josianne Magnin jetzt eine junge Frau aus Lenzburg als neues Mitglied für den Verwaltungsrat unserer Bank vorgeschlagen.

Gleichwohl: Bankstrukturen sind konservativ, was meist dazu führt, dass alle stets das Gleiche tun. Wie bricht man das auf?

Wir sind gut damit gefahren, dass wir früh in neue Technologien und junge Mitarbeitende investiert haben. Wir haben 2017 unser Banksystem Finstar mit der Integration eines Systemlayers mit offenen Schnittstellen für Fintech-Unternehmen zugänglich gemacht. 2020 haben wir Finstar mit der Einbindung eines weiteren Systemlayers bereit für Blockchain-Transaktionen gemacht. Jetzt wollen wir Finanzierungen für KMU über Security Tokens anbieten. Man muss den Mut und die Möglichkeit haben, in neue Technologien zu investieren und sie dann auch auszuprobieren. Unsere Führungscrew umfasst Personen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Ausbildungsrichtungen. Das bringt uns gemeinsam weiter.

«Man muss den Mut und die Möglichkeit haben, in neue Technologien zu investieren und sie dann auch auszuprobieren.»
Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg

Gibt es denn bei der Hypothekarbank Lenzburg so etwas wie einen «Thinktank»?

Wir haben die «Hypi Academy», eine Ausbildungsplattform für die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeitenden. Das ist aber weniger ein Thinktank im eigentlichen Sinn des Wortes. Am ehesten kommt vielleicht das Finstar-Ökosystem einem Thinktank nahe. Hier stehen wir im Austausch mit jungen Startups, die innovative Ideen im Finanzbereich vorantreiben, aber auch mit klassischen Banken, die Finstar als Banksoftware nutzen und uns Inputs zu ihren Bedürfnissen geben. So bleiben wir technologisch auf dem Stand der Zeit. Zudem sind wir in verschiedenen Branchenvereinigungen aktiv, die auch als Plattformen für Wissenstransfer funktionieren.

Als Regionalbank hat die «Hypi» bald einmal über den Tellerrand geblickt und ist sowohl regional als auch schweizweit verankert. Welche Rolle spielt dabei weiterhin der jugendliche Kreditkartenherausgeber und «Neobanker» Neon?

Neon ist ein wichtiger Partner für uns. Neon hat uns seit dem Start mehr als 140’000 neue Kunden gebracht und sorgte in den vergangenen Jahren für einen kontinuierlichen Geldzufluss. 2022 haben wir auch dank Neon die Kundeneinlagen um 6,7 Prozent auf mehr als fünf Milliarden Franken gesteigert. Dank Neon und anderen Kooperationen mit Fintech-Unternehmen haben wir, wie Sie richtig sagen, unseren Wirkungskreis über unser traditionelles Stammgebiet in der Region um Lenzburg ausgeweitet.

«Neon hat uns seit dem Start mehr als 140’000 neue Kunden gebracht und sorgte in den vergangenen Jahren für einen kontinuierlichen Geldzufluss.»

Das ist auch ein Ziel unserer Geschäftsstrategie 2022–2026. Das soll aber nicht nur mittels Kooperationen, sondern auch über die Erweiterung unserer physischen Präsenz passieren. Deshalb haben wir nun auch in Aarau in Kooperation mit der Schweizerischen Post einen Beratungsstandort eröffnet. Ebenso wie in Muri. Die Ausweitung unseres Tätigkeitsgebiets findet also mittels Kooperationen mit jungen Unternehmen wie beispielsweise Neon, Kaspar& oder Everon und Yokoy, aber auch über unser klassisches Netzwerk mit persönlichem Kontakt zu unserer Kundschaft statt.

Bei den Zweit- und Drittsäule-Anlagen setzen Sie auf die hauseigenen «Aare-Strategien». Diese Form der Anlage kommt auf eine jährliche Gebühr von deutlich unter einem Prozent. Wieso verlangen viele Banken immer noch bis zu zwei Prozent Management Fee und oft sogar noch Depotgebühren?

Wir haben für die Aare-Strategie-Produkte eine All-in-Fee in der Höhe von 0,8 Prozent auf den Depotvolumen. Sie deckt die Gebühren für die Vorsorgestiftung, Verwaltung und Depotführung. Nehmen wir das Beispiel der Aare-Strategie Standard 55: Damit investiert man zu 55 Prozent in Aktien und 45 Prozent in Cash. Die 0,8 Prozent werden nur auf dem Aktienanteil fällig. Dazu kommen noch Verwaltungskosten für Anlagen in Exchange Traded Funds (ETF), je nach Strategie zwischen 0,04 und 0,34 Prozent. Über die Preisgestaltung ähnlicher Produkte bei anderen Banken kann ich mich nicht äussern.

Beim «Aare 20 Standard» liegt der Liquiditätsanteil aber extrem hoch…

Die Strategie hat einen Cash-Anteil von 80 Prozent und eignet sich für eine risikoaverse Kundschaft, die nur 20 Prozent Aktien halten will. Der Barmittelanteil wird derzeit für Produkte der Säule 3a mit 0,2 Prozent verzinst und für Freizügigkeitsprodukte der zweiten Säule mit 0,1 Prozent.

Das letzte Geschäftsjahr verlief, verzeihen Sie den Ausdruck: langweilig.

Wir sind mit dem Gesamtjahr 2022 zufrieden. Es war nicht langweilig, sondern mit der ausgeprägten Zinswende, den geopolitischen Spannungen, dem Inflationsanstieg und den Marktturbulenzen aussergewöhnlich herausfordernd. Vielleicht bezeichnen Sie ein Schlussresultat leicht über Vorjahr als langweilig, wir sind stolz darauf. Von der Zinswende profitieren wir im Zinsdifferenzgeschäft, das nach wie vor der ertragreichste Bereich der Bank darstellt. Nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Zinsen angehoben hat, sind auch die Sätze für Hypothekarkredite deutlich gestiegen. Aber auch die Spareinlagen werfen wieder einen kleinen Zins ab.

Und was halten Sie von diesem Jahr?

Für 2023 sind wir vorsichtig optimistisch: Die Ukraine-Krise und die damit einhergehenden Unsicherheiten auf dem Weltmarkt dürften weiterhin anhalten. Die hohen Inflationszahlen wirken sich zudem dämpfend auf die Wertschöpfung aus. Dagegen sind die Folgen der Pandemie mittlerweile zu grossen Teilen verdaut. Auch das Ende des Negativzinsregimes und damit die Rückkehr zu einem normalen Zinsumfeld sollten sich mittelfristig positiv auf die Konjunkturentwicklung auswirken.

Ist der Immobilienmarkt für Sie weiterhin im Lot, und wird das so bleiben?

Für das Portemonnaie von Herrn und Frau Schweizer werden vor allem auch die zuletzt stark gestiegenen Hypothekarzinsen von Bedeutung sein. Während beispielsweise die SNB für fünfjährige Hypotheken in den letzten Jahren Sätze zwischen 1 und 1,5 Prozent ausgewiesen hatte, hat dieser Satz in den letzten Wochen und Monaten die höchsten Werte seit rund zehn Jahren erreicht. Die Hypothekarzinsen waren in den letzten Jahren nie auch nur annähernd ähnlich schnell und stark angestiegen. Die Zinslast hat sich damit innert kürzester Frist rund verdoppelt. Wir beobachten die Situation deshalb genau.

Das erwähnte Informatiksystem Finstar war ein Meilenstein in der Geschichte der Bank und wurde zum «Exportschlager». Welche Neuentwicklungen wird es bei Finstar geben, insbesondere im Blockchain-Bereich?

Ja, es war ein mutiger Entscheid, als wir im Jahr 2000 mit Finstar auf ein eigenes Banksystem setzten und dieses auf «grüner Wiese» neu entwickeln durften. Im Nachhinein können wir sagen, dass uns dies auch neue Ertragsquellen eröffnet und uns die Möglichkeiten zur Veränderung unseres Geschäftsmodels in Richtung Open und Embedded Finance ermöglicht hat. Die neueste Entwicklung läuft im Blockchain-Bereich. Wir wollen mit unserer Infrastruktur eine sichere Aufbewahrung für digitale Assets und Kryptowährungen anbieten. Traditionelles Bankgeschäft erweitert mit neuer Technologie sozusagen. Zudem wollen wir Finanzierungen für KMU über die Emission von digitalen Aktien oder sogenannten digitalen Registerwertrechten ermöglichen. Reines Trading von Kryptowährungen interessiert uns nicht, das machen andere besser.

«Wir wollen mit unserer Infrastruktur eine sichere Aufbewahrung für digitale Assets und Kryptowährungen anbieten. Traditionelles Bankgeschäft erweitert mit neuer Technologie sozusagen.»

Wird Finstar in den nächsten Jahren weiter zweistellige Millionenerträge einbringen?

Wir haben im vergangenen Geschäftsjahr erstmals einen zweistelligen Millionenertrag im anderen ordentlichen Ertrag erzielt. Die Einkünfte dieser Position stammen hauptsächlich aus der Vermarktung der Bankenplattform Finstar sowie aus Kooperationen mit Fintech-Unternehmen. Für die Zukunft ist es entscheidend, dass wir mit den Bankservices näher an die Kundinnen und Kunden herankommen. Wir müssen unsere Produkte auf die Plattformen bringen, auf denen die Menschen etwas kaufen und dafür bezahlen. Das heisst, wir müssen Bankdienstleistungen in die Wertschöpfungsketten von Drittunternehmen ausserhalb des Banksektors einbetten. Man spricht in diesem Zusammenhang von Embedded Finance. Wir haben eine erste Kooperation in diesem Bereich mit der Vermietungsplattform Flatfox realisiert. Die Schweiz steht in diesem Entwicklungsbereich erst am Anfang. Es ist also noch Potenzial vorhanden, und wir sind bereit dafür.

«Banking-as-a-Service» ist ein beliebtes Schlagwort. Was beinhaltet das bei Ihnen?

Drittanbieter von Finanzdienstleistungen oder Fintech-Unternehmen, die keine Finma-Lizenz haben, können unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Das Basisangebot in diesem Banking-as-a-Service-Geschäft ist das Privatkonto mit Debitkarte für Kundinnen und Kunden von Drittanbietern. Für die Geldentgegennahme bräuchten die Fintech-Unternehmen eigentlich eine Banklizenz, oder sie wählen dafür eben eine Bankpartnerin wie uns, die bereits eine Banklizenz hat. Zu den Dienstleistungen im Banking-as-a-Service-Geschäft gehören auch die Herausgabe von Zahlkarten und die Abwicklung damit getätigter Geldtransaktionen für die Drittanbieter. Erweitert haben wir diese Dienstleistungen mit der Führung eines Wertschriftendepots für Fintech-Kundinnen und -Kunden sowie der Abwicklung ihrer Börsengeschäfte.

One thought on “Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg, im Interview

  1. Wenn dieses Kernbanken System seit 2020 gebaut wurde, dann ist es heute mit grosser Wahrscheinlichkeit legacy: vermutlich ein Monolith, vermutlich technologisch veraltet, gleichzeitig kann man nur wenig ändern, weil man eine immer höhere Anzahl Kunden täglich damit bedient: Neon brachte +140’000 Kunden, vermutlich viel Bugfixing im Alltag. Vielleicht ist das der Grund für die Artikel auf IP, Neon mit falschen Kontoständen, falschen Kreditkarten Abrechnungen?

    Vielleicht ist es aber auch anders: eine kontrollierter CI/CD Prozess mit automatischer Verifikation von pull requests und automatischem deployment bis in die Produktion?
    Statische Codeanalysen und Messung der Testabdeckung?
    Lose Kopplung mit asynchronen Meldungen, Observer? wie wird das überwacht?
    usw.

    Es wäre interessant zu wissen wie das alte, grosse System erneuert wurde.
    Das gelingt nicht allen. Die SW der letzten 40 Jahre ist in die Jahre gekommen.
    In der CH SW Industrie gibt es kein System mehr, das im Kern stark erneuert worden wäre. Viel technische Schulden in der SW wird zum Problem.
    Wäre eine kritische Reportage wert @MoneyCab,

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