Martin Eichler, Chefökonom BAKBASEL

Martin Eichler, Chefökonom BAKBASEL. (Foto: BAKBASEL)

Martin Eichler, Chefökonom BAKBASEL. (Foto: BAKBASEL)

von Christa W. Spoerle

Moneycab: Herr Eichler, zwar lauten die meisten BIP-Prognosen der Schweiz für 2014 auf etwa 2%. Doch BAKBASEL rechnet mit 2,3%. Was macht sie so optimistisch?

Martin Eichler: Eine vorteilhafte Kombination: Die zu erwartenden Verbesserungen im aussenwirtschaftlichen Umfeld bei einer anhaltend regen Binnenkonjunktur

Wo orten Sie die grössten Unsicherheitsfaktoren für 2014?

Mit der stärker werdenden Erholung der Industrieländer rückt 2014 die Abkehr von der sehr expansiven Geldpolitik in den Fokus. Dabei ist keineswegs sicher, dass es den Notenbanken gelingt, die Liquiditätsversorgung der Märkte zu drosseln, ohne dabei neue Verwerfungen hervorzurufen. Eine starke Korrektur an den Aktienmärkten, abrupt steigende Zinsen oder neu aufkeimender Stress im Bankensystem sind möglich Folgen, mit entsprechenden negativen Konsequenzen für die Realwirtschaft.

Dazu kommt, dass sich mit der Normalisierung der Geldpolitik auch die Gleichgewichte in der (Finanz-) Welt wieder verschieben. Deutlich wurden diese Risiken bereits zur Jahresmitte 2013, als die blosse Andeutung einer Abschwächung der expansiven Geldpolitik in den USA zu erheblichen Verwerfungen in wichtigen Emerging Markets geführt hat. Wie der in diesen Wochen angekündigte tatsächliche „Einstieg in den Ausstieg“ des expansiven Kurses der FED gezeigt hat, sind diese Verwerfungen jedoch keinesfalls zwingend.

Nicht ausschliessen lassen sich auch Rückschläge der wirtschaftlichen Erholung der Industrieländer, ganz besonders in der Eurozone, wenngleich die Extremrisiken hier deutlich zurückgegangen sind. Sorgen macht jedoch die erlahmende Bereitschaft zu strukturellen Reform, was sich aber eher später als in 2014 negativ bemerkbar machen dürfte.

«Mit der stärker werdenden Erholung der Industrieländer rückt 2014 die Abkehr von der sehr expansiven Geldpolitik in den Fokus.»
Martin Eichler, Chefökonom BAKBASEL

Welche Länder können 2014 denn den Konjunkturkarren ziehen?

Als stärkste Lokomotive sehen wir ganz klar die USA. Die Signale stehen hier auf Erholung, wovon dank des grossen Gewichts der USA in der Weltwirtschaft auch andere Volkswirtschaften profitieren können. Ein ebenfalls kräftiger Aufschwung zeichnet sich im Vereinigten Königreich ab, während Japan das aktuell recht hohe Tempo in etwa beibehalten wird. Etwas weniger stark als in der Vergangenheit können die Emerging Marktes zur Expansion der Weltwirtschaft beitragen, auch wenn ihr Wachstum weiterhin überdurchschnittlich bleibt.

Innerhalb Kontinentaleuropas ist mit zusätzlichen Impulsen vor allem aus der deutschen Wirtschaft zu rechnen. Besonders bei der seit langem schwachen Investitionstätigkeit ist eine Trendwende zu erwarten. Für die übrige Eurozone bleibt der Ausblick hingegen verhalten. Immerhin ist auch in den Problemländern nicht mehr mit weiteren Rückgängen der Wirtschaftskraft zu rechnen

Gibt es Branchen in der Schweiz, die es 2014 besonders schwer, andere, die es leichter haben?

Mit den ausgeglicheneren Wachstumskräften gibt es 2014 keine ausgeprägten Verlierer. Schwer haben es jedoch weiterhin diejenigen Branchen, die im internationalen Preiswettbewerb stehen und ohnehin einem Strukturwandel unterworfen sind. Beispiele hierfür sind die Papierindustrie oder das Druckgewerbe. Die Bauwirtschaft, die 2013 noch einen Boom erlebt, zeigt sich nicht einheitlich. Insgesamt sind die Auftragslage und Aussichten weiterhin gut. In vielen touristisch geprägten Gebieten droht jedoch ein markanter und dauerhafter Nachfrageeinbruch als Folge der Zweitwohnungsinitiative.

Relativ leicht, im Sinne von produktseitig überdurchschnittlich gut aufgestellt, haben es die hochsegmentierten Schweizer Uhrenhersteller und zu grossen Teilen auch die pharmazeutische Industrie. Im Zuge der internationalen Erholung ebenfalls etwas einfacher als 2013, aber noch nicht leicht, dürfte es 2014 die Investitionsgüterindustrie haben.

«Der handelsgewichtete Nachfrageindex unseres Weltmodells ergibt für die Schweiz im Jahr 2014 ein reales Nachfrageplus von gut 5 Prozent.»

Was erwarten Sie von den Exporten?

Eine deutliche Steigerung. Der handelsgewichtete Nachfrageindex unseres Weltmodells ergibt für die Schweiz im Jahr 2014 ein reales Nachfrageplus von gut 5 Prozent, nach nur rund 2 Prozent im 2013. Trotz dieser erfreulichen Zunahme an Dynamik erreichen die Exporte aber auch damit noch nicht wieder die Wachstumskräfte, die im Schnitt des vergangenen Jahrzehnts zu verzeichnen waren.

Wie entwickelt sich die Arbeitslosigkeit?

Mit den Wirtschaftsaussichten entwickeln sich auch die Beschäftigungsaussichten günstig. Dennoch rechen wir für 2014 nur noch mit einem leichten Rückgang der Arbeitslosenquote in Richtung 3 Prozent. Die teilweise noch unterausgelasteten Kapazitäten wie auch die weiterhin kräftige Zunahme des Arbeitsangebots limitieren die Rückwirkung der guten Wirtschaftsaussichten auf die Arbeitslosigkeit. Hinzu kommt vielerorts ein Missmatch zwischen den am Arbeitsmarkt nachgefragten Qualifikationen und den Qualifikationsstrukturen der Arbeitslosen.

Was dürfen wir vom Euro erwarten, ist das Schlimmste ausgestanden?

Das schlimmste ist wohl ausgestanden. Wir rechnen in unserem Basisszenario mit einer anhaltenden Beruhigung und allmählichen wirtschaftlichen Belebung in Europa. Damit dürfte sich der Franken im Jahresverlauf 2014 eher wieder von der Wechselkursgrenze entfernen; bis zum Jahressende 2015 erwarten wir einen Kurs, der näher bei 1.30 als bei 1.20 CHF/Euro liegt.

«Wir rechnen in unserem Basisszenario mit einer anhaltenden Beruhigung und allmählichen wirtschaftlichen Belebung in Europa.»

Wie entwickelt sich voraussichtlich der US-Dollar?

Angesicht des guten konjunkturellen Ausblicks und nicht mehr ganz so expansiv ausgerichtet Geldpolitik gehen wir von einer Aufwertungstendenz aus. In Relation zum Franken ist gegen Jahresende 2014 wieder die Parität in Sicht.

Die SNB hält erwartungsgemäss an ihren geld- und währungspolitischen Beschlüssen fest. Wie lange noch?

Bei den Zinsen rechnen wir erst im zweiten Halbjahr 2015 mit einem ersten Schritt nach oben. Der Zinsspread zur Eurozone ist mit dem jüngsten Zinsschritt der EZB zurückgegangen, im globalen Umfeld bleiben die Unsicherheiten zahlreich und ein Inflationsdruck ist bisher nicht absehbar. Dies erlaubt es, das Zinsniveau weiterhin tief zu halten, was auch dem Wechselkurs stützt.

Bezüglich der Wechselkursuntergrenze erwarten wir in absehbarer Zeit keine Veränderung. Gleichwohl ist bereits 2014 mit einer Politikänderung hin zu einem leicht restriktiven Kurs zu rechnen: Nach unserer Einschätzung wird die SNB den antizyklischen Kapitalpuffer im Jahresverlauf weiter anheben.

Im Gegensatz zur CS, die vorgerechnet hat, dass der faire Wert des Frankens gegenüber dem Euro 1,22 beträgt, spricht die SNB immer noch von einem hohen Frankenkurs. Welcher Aussage stehen Sie näher?

Gemessen an der Kaufkraftparität ist der Franken auf dem gegenwärtigen Niveau sicherlich immer noch überbewertet. Allerdings leben wir nach der Krise 2009 in einer neuen Welt. So ist zum Beispiel das Angebot an sicheren Anlageformen wie Schweizer Staatsanleihen deutlich zurückgegangen. Dies beeinflusst – neben weiteren Faktoren wie zum Beispiel Inflationsdifferentiale – auch den gleichgewichtigen Frankenkurs. Vor diesem Hintergrund sehen wir den gleichgewichtigen Wert derzeit in der Region um 1.30 CHF/Euro, eher etwas unterhalb dieser Schwelle als oberhalb. In den kommenden Jahren dürfte der „faire Wert“ des Franken dann weiter langsam zulegen.

«Gemessen an der Kaufkraftparität ist der Franken auf dem gegenwärtigen Niveau sicherlich immer noch überbewertet. Allerdings leben wir nach der Krise 2009 in einer neuen Welt.»

Der Immobilienmarkt bleibt das Sorgenkind der SNB. Sind die Ungleichgewichte am Hypothekar- und Immobilienmarkt ein ernsthafter Störfaktor?

Noch nicht. Es gibt Hinweise auf Ungleichgewichte, diese sind aber lokal begrenzt und bisher auch nicht allzu gross. Nichtsdestotrotz stellt der Immobilienmarkt einen der Risikobereiche für 2014 da, insbesondere falls die bisher ergriffenen bzw. die von uns für 2014 erwarteten Massnahmen nicht die gewünschte Wirkung entfalten.

In einem Umfeld von Nominalzinsen nahe Null, negativen Realzinsen, allerdings freundlichen Wirtschaftsaussichten, was raten Sie da den Anlegern?

Vor allem die langfristige Perspektive im Auge zu behalten. Hier spricht weiterhin vieles für Aktien. Auf kürzere Sicht ist hingegen zentral, ob es gelingt, den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik ohne neue Verwerfungen zu schaffen, die gerade die Finanzmärkte stark treffen können. Hier ist wohl die klassische Anlage-Tugend der Diversifikation zentral, gepaart mit einer gewissen Flexibilität in der Reaktion auf aktuelle Entwicklungen.

Was könnte 2014 zum Thema des Jahres avancieren?

Ein überraschend kräftiger Rebound der Eurozone. Und für die Schweiz wird zentral sein, wie die Weichen hinsichtlich der zukünftigen Zusammenarbeit in Europa gestellt werden.

Herr Eichler, herzlichen Dank für das Interview.

Zur Person: 
Martin Eichler hat Volkswirtschaft mit Schwerpunkt angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität Konstanz und an der University of Western Ontario studiert. Von 1995 bis 2000 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Mannheim und St. Gallen. Er hat sich in dieser Zeit vertieft mit Arbeitsmarktökonomik und mikroökonometrischer Programmevaluation beschäftigt. 2001 ist Martin Eichler als Senior Economist zu BAK Basel Economics gestossen. Seit 2006 ist er Mitglied der Geschäftsleitung und seit Mai 2013 Chefökonom von BAKBASEL. Neben seiner Funktion als Chefökonom von BAKBASEL und als Geschäftsleitungsmitglied verantwortet er schwerpunktmässig das Marktfeld «Regionen», wozu die konjunkturelle Analyse der Schweiz und ihrer Kantone, aber auch die Beschäftigung mit strukturellen Rahmenbedingungen und wirtschaftspolitischen Strategien von Regionen gehört. 

Zum Unternehmen: 
BAK Basel Economics AG (BAKBASEL) wurde 1980 als «Basler Arbeitsgruppe für Konjunkturforschung (BAK)» als Spin-off der Universität Basel gegründet. Seit 1987 hat das Unternehmen die Rechtsform einer Aktiengesellschaft nach Schweizerischem Recht und ist juristisch, politisch und wissenschaftlich unabhängig. Im Jahr 2012 erwirtschaftete BAKBASEL mit 30 Mitarbeitenden einen Umsatz von rund CHF 4.15 Millionen. BAKBASEL erstellt volkswirtschaftliche Analysen und Prognosen  und bietet faktenbasierte Beratungsdienstleistungen auf empirischer und quantitativer Ebene an. Im Fokus der Arbeiten stehen gesamtwirtschaftliche sowie branchen- und regionenspezifische Fragestellungen, sowohl aus konjunktureller als auch struktureller Sicht.

BAKBASEL

 

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