Martin Schaufelberger, CEO der COLTENE Holding AG, im Interview

Martin Schaufelberger, CEO der COLTENE Holding AG, im Interview
Coltene-CEO Martin Schaufelberger. (Foto: Coltene)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Schaufelberger, fast 60% weniger Reingewinn. Die Coronaspur 2020 ist deutlich. Die Explosion des COLTENE-Aktienkurses signalisiert aber eine riesige Gegenbewegung, die sich bereits im zweiten Halbjahr in ihren Zahlen akzentuiert. Wie weit wird diese gehen?

Martin Schaufelberger: Der Börsenkurs der COLTENE hat zu Beginn der Pandemie nach unten korrigiert. Die grossen Unternehmen, welche nicht negativ von den COVID-19 Massnahmen betroffen waren, haben anschliessen wieder zurück korrigiert. Wir sind als kleines Unternehmen wohl etwas vergessen gegangen. Erst als wir die guten Zahlen publizieren konnten, haben wir den Anschluss wiedergefunden. Es ist viel Geld im Umlauf, wohin die Kurse gehen, wissen wir aber auch nicht.

2020 verkauften Sie über 600 Millionen OPTIM Tücher für die sichere Oberflächendesinfektion in Zahnarztpraxen. Entsprechend lief es in Ihrem grössten Geschäftsbereich Infektionskontrolle rund. Wird das auch langfristig so sein? Die Anforderungen an die Hygiene werden ja trotzdem hoch bleiben.

Wir denken, dass das Bewusstsein betreffend Hygiene insbesondere bei medizinischen Dienstleistungen hoch bleiben wird. In der Vergangenheit wurden die Anforderungen immer bei hohen Ansteckungsrisiken erhöht und hochgehalten. Dies war bei HIV oder der Vogelgrippe schon so – die Vorgaben für das Desinfizieren und Sterilisieren wurden jeweils erhöht.

«Vertrauen und Empathie aufzubauen, ist digital unglaublich schwierig.»
Martin Schaufelberger, CEO der COLTENE Holding AG

An jedem Produktionsstandort betreibt COLTENE eine eigene Forschung und Entwicklung. Der Austausch der Mitarbeitenden war nun monatelang digital. Ich kann nicht so recht glauben, dass das optimal ist…

Das sehe ich auch so. Durch den Merger mit SciCan und Micro-Mega haben wir in den letzten zweieinhalb Jahren intensiver zusammengearbeitet. Das hält noch eine Weile an. Aber irgendwann ist es wieder wichtig, sich auch zu treffen, einen Kaffee zu trinken oder gemeinsam essen zu gehen. Die Videokonferenzen sind zwar effektiv und ermöglichen vieles. Vertrauen und Empathie aufzubauen, ist auf diese Art aber unglaublich schwierig.

Welches waren denn in dieser anspruchsvollen Zeit Ihre nützlichsten IT-Tools?

Email, Telefon und MS-Teams.

Historisch ist COLTENE ja stark in den USA verankert. Was bedeutet der Machtwechsel dort drüben für Sie?

Natürlich beeinflusst die Politik die Wirtschaft – zum Glück sind wir in der Dentalindustrie nicht der primäre Spielball der Politik. Wir sind froh, wenn die Konsumentenstimmung gut ist und die Währungen Dollar, Euro und Franken relativ stabil bleiben.

«Durch die Dental Service Organizations in den USA verschiebt sich unser Business von einem B2C- in ein B2B-Geschäft.»

Wie unterscheidet sich der Vertrieb zehntechnischer Dienstleistungen in den Vereinigten Staaten vom Rest der Welt?

Es gibt drei grosse, viele mittlere und kleine Dentalhändler in den USA. Auch wenn die grossen stark sind, so sind doch viele Firmen im Distributionsgeschäft. Speziell ist, dass die DSO (Dentale Service-Organisationen), also die Praxisketten, sehr stark am Wachsen sind. Bei den DSO sind oft Private Equity-Firmen investiert. Durch diese Verschiebung verändert sich unser Business von einem B2C in ein B2B Geschäft.

Letztes Jahr zogen Sie sich aus Brasilien zurück. Was läuft in dem Land falsch?

Gute Frage; Fakt ist, dass sich die Währung laufend abwertet. Was wir lokal operativ verdient haben, wurde durch die Währungsverluste wieder zunichte gemacht. Das ist schade, denn Brasilien hätte alles, um erfolgreich zu sein; Rohstoffe, ein tolles Land und einen grossen Heimmarkt. Wir werden nicht mehr lokal produzieren, aber weiterhin unsere Produkte aus den USA, Kanada, Frankreich, Deutschland und der Schweiz nach Brasilien verkaufen.

«Wir gehen davon aus, dass sich die Steuerquote in einem normalen Jahr klar unter 30% bewegen wird.»

Selbst ohne den Verkauf der Vigodent betrug die Gesamtsteuerquote im Konzern 33%. Das ist viel…

Das ist in der Tat viel. Dies kam zustande, weil Firmen in Länder mit hohen Steuern mehr Gewinn machten und die in Länder mit tieferen Steuern weniger. Wir gehen davon aus, dass sich die Steuerquote in einem normalen Jahr klar unter 30% bewegen wird.

Werden die im letzten Jahr zurückgegangenen Verkäufe in Asien und Ozeanien spürbar zulegen?

China und Japan haben sich auch letztes Jahr erfreulich entwickelt. Bei den anderen Ländern erwarten wir eine Erholung auf das Niveau von 2019; bis auf ein paar Ausnahmen, wie zum Beispiel Argentinien.

Gruppenweit wurden die Reisekosten um CHF 4,2 Mio. um mehr als die Hälfte gesenkt. Werden sie sich je auf Vorkrisenniveau erhöhen?

Das glaube ich nicht. Wir werden wieder mehr Reisen, aber ich gehe davon aus, dass die ganz grossen Messen und auch einige kleinere nicht wieder abgehalten werden. Diesen Anteil werden wir voraussichtlich einsparen können.

Letztes Jahr konnte eine neue Endo-Feile und der dazu passende neue Endo-Motor CanalPro Jeni erfolgreich im Markt eingeführt werden. Wie hoch sind da Ihre Erwartungen?

Wir erwarten uns von diesem Endo-System viel. Es ist der erste Endo-Motor, welcher die Feilen intelligent antreibt. Er kennt die Eigenschaften der Feile und wendet immer die richtige Kraft an, stoppt zum Spülen und kann für ein besseres Resultat vor und zurück drehen. Die ersten Endo Spezialisten sind begeistert davon.

Wie viele Zahnärzte werden darauf abstellen?

Das System CanalPro Jeni ist primär für Endodontie-Spezialisten gemacht. Wir müssen das System demonstrieren und schulen, dann sind die Verkaufschancen sehr gross. Wir haben in den ersten Märkten in Europa damit begonnen und weiten dies erst auf Europa und dann auf Nordamerika aus.

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