Peter Dietrich, Direktor Swissmem

Peter Dietrich

Peter Dietrich, Direktor Swissmem. (Foto: Swissmem)

von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Dietrich, die Umsätze der MEM-Industrie stagnieren seit Anfang 2010. Auch im 1. Quartal 2013 blieb die erhoffte Trendwende aus. Die Umsätze gingen gegenüber dem Vorjahr um 3,9 % zurück, auch war eine leichte Abnahme der Auftragseingänge zu verzeichnen. Was sind die Hauptgründe für die weiterhin negative Entwicklung?

Peter Dietrich: Der Hauptgrund ist die Rezession in der EU. Sie ist mit einem Exportanteil von 60% nach wie vor der Hauptmarkt der Schweizer MEM-Industrie.

Haben Sie Anhaltspunkte, dass sich an der Situation in den letzten Wochen etwas geändert hat?

Nein.

Sowohl bei den Inlandumsätzen wie auch den Inlandaufträgen war der Rückgang mit 7,8 resp. 7,1 % deutlich höher, als bei jenen die im Ausland generiert wurden. Wo sehen Sie die Gründe?

Die Unternehmen der MEM-Industrie exportieren über 75% ihrer Güter. Die Frankenstärke hat sie besonders hart getroffen. Sie haben eine Vielzahl von Massnahmen ergriffen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zurück zu gewinnen. Eine häufig angewandte Massnahme ist der vermehrte Einkauf von Vorprodukten im Ausland. Diese Neuausrichtung des Sourcings dürfte der Hauptgrund dieser Rückgänge sein.

Seit drei Quartalen nehmen die Auftragseingänge aus dem Ausland gegenüber der Vorjahresperiode leicht zu. Welchen Anteil daran hat die leichte Abschwächung des Schweizer Frankens in den letzten Monaten?

Die Abschwächung des Schweizer Frankens hilft zweifellos. Allerdings basieren diese Zunahmen auf einem relativ tiefen Ausgangsniveau. Es ist noch zu früh, um von einer Trendwende zu sprechen, zumal die wirtschaftlichen Aussichten im Hauptmarkt EU nach wie vor zu keiner Euphorie Anlass geben.

«Wir vertrauen der SNB, dass sie eine allfällige Anpassung ihres Vorgehens sehr umsichtig angehen wird.»
Peter Dietrich, Direktor Swissmem

SNB betont immer wieder, dass sie den Mindestkurs so lange beibehalten wird wie nötig. Was bedeutet diese Garantie für die Industrie und ab welchem Zeitpunkt rechnen Sie damit, dass die SNB den Mindestkurs aufgeben könnte?

Die MEM-Industrie ist froh um diese Wechselkursuntergrenze. Sie bietet den Unternehmen nach wie vor Planungssicherheit. Das ist wichtig, weil die Schuldenkrise in der EU jederzeit wieder aufflammen kann. Wir vertrauen der SNB, dass sie eine allfällige Anpassung ihres Vorgehens sehr umsichtig angehen wird.

Wie wirkt sich die aktuelle Entwicklung auf die Kapazitätsauslastung der MEM-Betriebe aus?

Seit dem vierten Quartal 2012 ist ein leichter Rückgang der Beschäftigung zu beobachten. Insgesamt ist aber die Beschäftigungslage seit Jahren erstaunlich stabil.

Die Güterexporte verzeichneten zwischen Januar und März einen Rückgang von 5,5 %. Welche Produktbereiche waren am stärksten betroffen?

Betroffen waren vor allem der Maschinenbau (-9,2%), die Elektrotechnik und Elektronik (-4,6%) sowie die Metallexporte (-9%). Gut gehalten haben sich hingegen die Präzisionsinstrumente, deren Exporte um 2,7% zunahmen.

«Die Unternehmer beurteilen die künftige Entwicklung trotz des schwierigen Umfeldes überraschend positiv.»

Wie beurteilen die Unternehmer die weitere Entwicklung in diesem Jahr?

Die Unternehmer beurteilen die künftige Entwicklung trotz des schwierigen Umfeldes überraschend positiv. 42,1% der befragten Unternehmer gehen in den nächsten 12 Monaten von steigenden Auslandaufträgen aus. Impulse werden vor allem aus China, Osteuropa und Nordamerika erwartet. Nur 14,8% erwarten eine Verschlechterung der Situation.

Swissmem spricht sich gegen die Energiestrategie 2050 des Bundes aus. Was sind ihre Hauptkritikpunkte?

Einzelne Elemente der Energiestrategie 2050 können wir durchaus unterstützen; u.a. die Ausschöpfung wirtschaftlicher Energieeffizienzpotenziale, die rascheren Bewilligungsverfahren, den Ausbau der Wasserkraft. Insgesamt erachten wir die Energiestrategie 2050 aber als zu dirigistisch und interventionistisch ausgerichtet. Die politisch motivierten, international jedoch nicht abgestimmten Strom- und Energiepreiserhöhungen lehnen wir ab, da sie den Werkplatz schädigen würden. Im Weiteren bezweifeln wir, ob der vorgesehene Umbau des Stromsystems den heute hohen Grad an Versorgungssicherheit zu erhalten vermag.

Wo sehen Sie andererseits Chancen für die MEM-Industrie bei der Energiewende?

Die MEM-Industrie ist Technologieanbieterin in allen Bereichen der Energieerzeugung, –übertragung und –verteilung sowie in der Verbesserung der Energieeffizienz. Daraus ergeben sich vielfältige Marktchancen, die von unseren Firmen schon seit langem, d.h. schon weit vor der Ankündigung der Energiestrategie 2050 wahrgenommen werden.

«Die in unserer Branche sozialpartnerschaftlich entwickelte Lösung ist besser und wird so ad absurdum geführt.»

Keine Freude hat Swissmem auch an der Sozialplanpflicht, welche die Räte demnächst bereinigen und verabschieden dürften. Welche Befürchtungen hegen Sie?

Es ist bedenklich, dass auch hier der Arbeitsmarkt erneut stärker reguliert wird. Die in unserer Branche sozialpartnerschaftlich entwickelte Lösung ist besser und wird so ad absurdum geführt. Das sollte nicht Schule machen, da einer der Schweizer Erfolgsfaktoren ein liberaler Arbeitsmarkt ist.

Wie stellt sich Swissmem zur 1:12-Initiative und zur Mindestlohninitiative?

Swissmem lehnt beide Initiativen ab. Sie wollen starre Regulierungen einführen, die undifferenziert für alle Regionen, Branchen und Unternehmensgrössen angewendet werden sollen. Das wäre ein massiver Eingriff in die unternehmerische Freiheit und würde den Wirtschaftsstandort und das Erfolgsmodell Schweiz mit seinem verhältnismässig liberalen Arbeitsmarkt spürbar schwächen.

Im April hat der Bundesrat entschieden, die im Freizügigkeitsabkommen vorgesehene Ventilklausel in Anspruch zu nehmen. Fürchten Sie als Folge des Entscheids neben der schwachen Konjunktur in Europa weitere Einbussen für die Industrie im Absatzmarkt EU?

Ich glaube nicht, dass sich dies negativ auf die Aufträge aus der EU auswirken wird. Die Reaktionen in der EU waren erstaunlicherweise gemässigt. Sorgen bereitet mir viel mehr das generelle Verhältnis zur EU. Sie ist mit Abstand der wichtigste Markt für die Schweizer Exportwirtschaft. Antworten auf die ungelösten institutionellen Fragen sind wichtig, um eine konstruktive Weiterentwicklung des bilateralen Weges zu ermöglichen.

Herr Dietrich, besten Dank für das Interview.

Swissmem

 

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