Pietro Gagliardi, CEO und Co-Founder CLEVERON AG, im Interview

Pietro Gagliardi
Pietro Gagliardi, CEO und Co-Founder Cleveron AG. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Gagliardi, die Schweiz steht wie das restliche Europa vor einer Energiekrise – oder befindet sich bereits darin. Wie ordnen Sie die aktuelle Situation ein?

Pietro Gagliardi: Für Kennerinnen und Kenner der Branche kommt die aktuelle Situation nicht überraschend. Vonseiten der Energieproduzenten, der Wissenschaft und sogar der Wirtschaft wird bereits seit Längerem auf eine mögliche Strom-Mangellage hingewiesen. Ich erinnere mich hierzu noch an eine klare, aber kaum positiv gestimmte Aussage meines Professors – und dies war im Jahr 2014.

Wieso das zögerliche Vorgehen?

Nach wie vor wird die Hebelwirkung eines reduzierten Verbrauchs kaum als Potenzial für die Energiesparziele erkannt. Eine Umstellung auf erneuerbare Energien und die Reduktion von CO2-Emissionen sind zwar absolut begrüssenswert, doch allein die Reduktion der Raumtemperatur um 2 °C kann schon viel bewirken. Im Jahr 2018 starteten die SBB im Zürcher S-Bahn-Netz den Versuch, die Temperatur von 22 auf 20 °C zu senken. Damit könnten ca. 3,7 GwH Strom gespart werden. Das entspricht dem Verbrauch einer Gemeinde mit 2200 Einwohnenden.

Braucht es also zuerst solche Krisen, damit wir uns Gedanken über unseren Energieverbrauch machen?

Nun, es wäre ausserordentlich begrüssenswert, wenn Innovation auch ohne Druck entstünde. Vielleicht braucht es ein «Wachrütteln», eine Sensibilisierung der Gesellschaft, damit wir gemeinsam und rasch diese grosse und für unseren Wohlstand gefährliche Herausforderung angehen. Ich möchte betonen, dass clevere Lösungen schon länger existieren. Doch es braucht auch eine bewusste Verhaltensänderung, um einen Richtungswechsel zu bewirken. Nochmals ein Beispiel der SBB: Bereits 2014 hat diese ihren Mitarbeitenden Remote Work erlaubt, um die Auslastung während den Hauptverkehrszeiten zu senken. Doch kaum jemand der Mitarbeitenden nutzte die neue Möglichkeit, erst um 08.00 oder 09.00 Uhr auf den Zug zu gehen. Durch die Macht der Gewohnheit blieb es beim Zug um 06.50 Uhr von Zürich nach Bern.

«Vielleicht braucht es ein «Wachrütteln», eine Sensibilisierung der Gesellschaft, damit wir gemeinsam und rasch diese grosse und für unseren Wohlstand gefährliche Herausforderung angehen.»
Pietro Gagliardi, CEO und Co-Founder CLEVERON

Heiztemperatur senken, Lichter löschen – an Energiespartipps mangelt es nicht. Wie viel bringen diese Massnahmen?

Die korrekte und systematische Anwendung ist entscheidend: Das Heizen von Gebäuden verbraucht ca. 70 % der Energie. Somit ist das Einsparpotenzial in diesem Bereich gigantisch, und bereits mit kleinen Verhaltensänderungen umsetzbar. Reduzieren Sie die Temperatur um 2 °C, kann eine Energieeinsparung von mehr als 10 % erreicht werden. Lichter löschen beim Verlassen eines Raumes und die Nutzung von moderneren Leuchtmitteln ist ebenfalls empfehlenswert, haben aber einen geringeren Einfluss auf unseren Energieverbrauch.

Industrie, Hotellerie, Schulen oder Büros – wer keine langfristigen Energielieferverträge hat, dem drohen massive Preisaufschläge. CLEVERON bietet mit CLEVER Thermo eine Lösung, die den Energieverbrauch in bestehenden Gebäuden schnell und effizient senkt, indem die Temperatur für jeden Raum individuell geregelt wird. Wie funktioniert das System?

Grundsätzlich identifiziert das System, welcher Raum wann geheizt werden soll, und optimiert so autonom die Temperatur. Das System berücksichtigt drei wichtige Faktoren bei der Temperaturregulierung: die Aussentemperatur und das Wetter, Gebäudeeigenschaften (wie z. B. Baujahr, Fensterwärmeverlust) sowie das Nutzerverhalten. Das System entscheidet autonom, wann die Heizkörper heizen sollen oder wann sie runtergefahren werden können. So wird der Komfort sichergestellt und trotzdem Energie gespart. Das übergeordnete Ziel ist die richtige Temperatur, im richtigen Raum zur richtigen Zeit. Natürlich sind über unsere Applikationen jederzeit Korrekturen möglich.

«Das übergeordnete Ziel ist die richtige Temperatur, im richtigen Raum zur richtigen Zeit.»

Das System erkennt also zum Beispiel, ob sich Personen in einem Raum aufhalten oder ob ein Fenster offensteht?

Genau. Selbstverständlich verhält sich eine Heizung nicht wie eine Leuchte, die auf Knopfdruck sofort Licht abgibt. Aus diesem Grund braucht man Algorithmen, welche die Nutzung eines Raumes basierend auf beobachteten Gewohnheiten vorhersehen können. Unsere Sensoren analysieren auch die Luftqualität und empfehlen, wann und für wie lange die Fenster geöffnet werden sollten, sodass die richtige Balance zwischen Heizen und Lüften gefunden wird.

Kann man das System aber auch mit individuellen Informationen «füttern»?

Ja. Bei CLEVERON sind wir zwar starke Verfechter der künstlichen Intelligenz, finden aber auch, dass Rückmeldungen aus der Realität eine fundamentale Rolle spielen, um den individuellen Komfort von Gebäudebenutzenden zu gewährleisten. Ebenso steigert diese Feedback-Möglichkeit auch die Akzeptanz für die Anwendung neuer Technologien. Aus diesem Grund ist die Interaktion mit unserem System sehr einfach. Man kann jederzeit via QR-Code eine Rückmeldung zum aktuellen Raumklima geben. Die Rückmeldung wird vom System automatisch analysiert und bewertet. Die Grundeinstellungen wie minimale und maximale Temperaturen werden jedoch immer vom Facility Management definiert.

«Bei CLEVERON sind wir zwar starke Verfechter der künstlichen Intelligenz, finden aber auch, dass Rückmeldungen aus der Realität eine fundamentale Rolle spielen, um den individuellen Komfort von Gebäudebenutzenden zu gewährleisten.»

Wie können wir uns den Projektablauf vorstellen?

Zusammen mit der Kundschaft identifizieren wir, in welchen Gebäuden ihres Portfolios das grösste Einsparungspotential erreicht werden kann. Dann erstellen wir eine Kosten-Nutzen-Analyse. Erfolgt daraufhin eine Auftragserteilung, wird zusammen mit dem Facility Management der Ersatz der Thermostate und die Installation der Sensoren vereinbart. Die Installation erfolgt innert kürzester Frist und ganz ohne bauliche Massnahmen. Anschliessend wird das Plug-and-Play-System in Betrieb genommen, für die ersten 4 Wochen mit einem Standardprogramm, z. B. voreingestelltes Heizen zwischen 8.00 und 18.00 Uhr. Während dieser 4 Wochen lernt das System, wie das Gebäude optimiert werden kann. Anschliessend sind bereits genügend Daten vorhanden, damit die künstliche Intelligenz selbständig arbeiten und steuern kann. Gleichzeitig wird auch ein spezifisches Training und Onboarding für das Facility Management durchgeführt, damit jede Funktion des Systems sicher verstanden wird.

Was bedeutet «Installation in kürzester Frist»?

Das System kann je nach Gebäudegrösse in wenigen Stunden bis Tagen installiert werden. Für ein Gebäude von 3000 m2 Fläche benötigen wir in der Regel einen Tag.

Und wie hoch ist das Einsparpotenzial?

Das Einsparpotenzial hängt vom Gebäude und dessen Verwendung ab. Unsere Kundschaft spart durchschnittlich zwischen 15 und 30 %, der Rekord liegt bei 42 %.

In wie vielen Gebäuden sind die intelligenten Thermostate und Sensoren von CLEVERON zum heutigen Zeitpunkt im Einsatz?

In mehr als 120 Gebäuden in der Schweiz und in Deutschland, das entspricht ca. 10 000 installierten Geräten.

Spüren Sie angesichts der Entwicklungen der letzten Monate eine steigende Nachfrage?

Erfreulicherweise, ja. Hauptsächlich in Deutschland, da sich die Gesellschaft dort bereits seit Juli mit dem Gassparen befassen muss. Langsam wird jedoch auch der Schweizer Bevölkerung klar, dass der Handlungsbedarf absolut dringend ist.

Letzte Frage: Geht im aktuellen Diskurs nicht fast vergessen, dass mit Energieeinsparungen nicht nur das Portemonnaie, sondern auch das Klima geschont wird?

Aus Rückmeldungen unserer Kundschaft und Interessierten wissen wir, dass sie sowohl aus ökologischen als auch aus ökonomischen Gründen motiviert sind, ausschlagend sind letztlich aber fast immer die ökonomischen. Vor einigen Jahren, ohne die Präsenz einer Energiekrise, brauchte es viel Überzeugungsarbeit, um Neukunden zu gewinnen. Heute, wohl nicht zuletzt wegen massiv gestiegener Heizkosten, ist der Handlungsbedarf omnipräsent und auf allen Hierarchiestufen in Wirtschaft und Verwaltung hat das Energiesparen hohe Priorität.

Herr Gagliardi, besten Dank für das Interview.

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