Pietro Gagliardi, CEO und Co-Founder Cleveron AG, im Interview

Pietro Gagliardi
Pietro Gagliardi, CEO und Co-Founder Cleveron AG. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Gagliardi, Cleveron reduziert mit innovativen Technologien den Energieverbrauch in grossen Liegenschaften und hilft, CO2 einzusparen. Wie funktioniert die Technologie, welche Komponenten werden benötigt?

Pietro Gagliardi: Wir ersetzen die bestehenden Thermostaten mit unseren und platzieren Raumluftsensoren. Die Geräte sind direkt via WLAN des Gebäudes verbunden und kommunizieren mit der CLEVERON Cloud. Die Cloud interpretiert die Daten und berechnet systematisch, welcher Raum wie lange geheizt werden muss. So wird nur dort geheizt, wo es nötig ist. Übrigens ist die Installation sehr einfach und dauert auch nicht lange.

Sie setzen künstliche Intelligenz ein, um für jeden Raum die ideale Temperatur zu errechnen. Welche Daten werden in die Berechnungen einbezogen?

Das System nutzt Wettervorhersagen, die Gebäude-Eigenschaften (wie Baujahr, Bautyp..) und interpoliert diese mit den Benutzer-Gewohnheiten.

Wo kommt die Technologie zum Einsatz und wie hoch ist das Einsparpotenzial?

Das System ist konzipiert für bestehende Liegenschaften wie Schulen, Büros, Industrie, Gewerbeliegenschaften… eigentlich sämtliche Gebäudlichkeiten, welche nicht zu den Wohngebäuden zählen.

Clever Sense zur Kontrolle der Luftqualität dürfte wegen der Coronapandemie stark nachgefragt sein…

Ja genau, hauptsächlich in den Schulen. Wir haben die Entwicklung im Jahr 2019 gestartet, weil wir eine Lösung suchten, um die richtige Balance zwischen Lüften und Heizen zu finden. Heute sind wir sicher eines der Schweizer Unternehmen, welches am meisten Klassenzimmer ausgestattet hat.

«Wir haben die Entwicklung im Jahr 2019 gestartet, weil wir eine Lösung suchten, um die richtige Balance zwischen Lüften und Heizen zu finden. Heute sind wir sicher eines der Schweizer Unternehmen, welches am meisten Klassenzimmer ausgestattet hat.»
Pietro Gagliardi, CEO und Co-Founder Cleveron AG

In wie vielen Gebäuden sind die intelligenten Thermostate und Sensoren denn zum heutigen Zeitpunkt im Einsatz?

Derzeit sind in ca. 80 Gebäuden rund 6000 Geräte im Einsatz.

Inwieweit ist Cleveron mit seiner Technologie auch bei Neubauten involviert – oder erübrigt sich das System bei einer energieeffizienten Bauweise?

Für neue Gebäude ist das System aktuell noch nicht geeignet, da unsere Technologie auf bestehende Gebäude zugeschnitten ist. Aber in Zukunft können die Daten, die wir jeden Tag sammeln, via unserer Cloud (Core) genutzt werden, um neue Gebäude intelligent zu verwalten. Unser Core umfasst derzeit mehr als 100 Millionen Datensätze.

Lässt sich Ihre Technologie mit bestehenden Smart Home-Anwendungen koppeln oder planen Sie selbst, die Technologie beispielsweise um Bewegungsmelder oder Anwesenheitssimulationen zu erweitern?

Unser System verfügt über eine API, mit der Sie das System erweitern können, indem Sie es mit anderen Systemen verbinden. Es gibt jedoch wichtige Implikationen wie die Anwesenheit von Personen im Raum. Dieser Aspekt ist bereits in unsere Luftqualitätssensoren integriert. CLEVER Sense misst auch die Präsenz von Personen.

«In grossen Nichtwohngebäuden beheizen wir oft das gesamte Gebäude, nur um ein Büro zu heizen, und dort gibt es ein riesiges Potenzial.»

Weshalb bieten Sie die Lösungen nicht auch für Privathaushalte an? Das Energiesparpotenzial wäre doch riesig.

Es gibt viele Unternehmen, die Wohnlösungen anbieten. Einige von ihnen eignen sich besonders gut für Privathäuser. Aber im Allgemeinen hängen die Einsparungen von der Nutzung ab. Wenn mindestens ein Familienmitglied oft zu Hause ist, ist das Sparpotenzial tief. In Wohnungen ist das Problem etwas komplizierter. Wie viele Menschen feststellen, bleiben ihre Wohnung oft trotz ausgeschalteter Heizungen warm. Dies ist auf die Thermodynamik und die Auswirkungen der benachbarten Wohnungen zurückzuführen. In grossen Nichtwohngebäuden hingegen beheizen wir oft das gesamte Gebäude, nur um ein Büro zu heizen, und dort gibt es ein riesiges Potenzial.

Schliessen Sie aus, dass Ihr System, vielleicht auch in angepasster Form, zu einem späteren Zeitpunkt auch in Privathaushalten Einkehr halten könnte?

Das System funktioniert bereits für Privathaushalte, ich habe es zu Hause. Als Startup wollen wir uns aber in den nächsten Jahren auf einen bestimmten Geschäftsimmobilienmarkt konzentrieren.

Cleveron wurde 2017 gegründet. Wie entstand die Idee dazu?

Als typischer Ingenieur suchte ich nach einer Lösung, die meine Gewohnheiten erlernt, um die Heizung in meiner Wohnung zu steuern. Eigentlich wollten wir anfangs Wohnungen ausstatten, dann haben wir erkannt, dass das grosse Potenzial und das grosse Geschäft in grossen Nichtwohngebäuden liegt.

«In den kommenden Jahren werden wir höchstwahrscheinlich in die DACH-Region und andere europäische Länder expandieren.»

Zuletzt konnten Sie bei Investoren 2,5 Mio Franken einsammeln. Wofür wird das Geld eingesetzt?

Ein Teil der Finanzierung wird in Thermostate und Sensoren gesteckt, denn unsere Kunden können das CLEVERON-System ohne Anfangsinvestition installieren und zahlen nur eine jährliche Servicegebühr – die in der Regel niedriger ist als die Energieeinsparungen und die gesparten Kosten. Der andere Teil wird investiert, um im Ausland zu wachsen und zu expandieren.

Wie sehen Ihre nächsten Pläne aus?

Wir haben im September mit der Expansion nach Deutschland begonnen. In den kommenden Jahren werden wir höchstwahrscheinlich in die DACH-Region und andere europäische Länder expandieren.

Herr Gagliardi, besten Dank für das Interview.

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