Raimund Rodewald, Stiftung Landschaftsschutz Schweiz

Raimund Rodewald

Raimund Rodewald, Geschäftsleiter Stiftung Landschaftsschutz Schweiz.

Von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Rodewald, die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz wurde vor 41 Jahren gegründet. Was bedeutete Landschaftsschutz damals, und was heisst Landschaftsschutz heute?

Raimund Rodewald: Vor über vier Jahrzehnten stand der Kampf für bessere Gesetze zum Schutz unserer Landschaft im Vordergrund. Heute bedeutet Landschaftsschutz den Einsatz gegen den Werteverlust und für eine höhere politische Sensibilität gegenüber dem Thema.

Raumplanung wird in der Schweiz seit Jahrzehnten diskutiert. Erst jetzt scheint sie aber auch für die breite Bevölkerung zum Thema geworden zu sein. Hat es dazu die Zubetonierung ganzer Landstriche und eine bereits spürbare Enge gebraucht?

Die Sensibilität war auch in den 1970er-Jahren bereits vorhanden. Zu dieser Zeit bestand eine grosse Hoffnung in die Wirkung des damals neu erlassenen Raumplanungsgesetzes. Eine Hoffnung, die sich leider nicht erfüllt hat. Heute ist das Scheitern dieser Bemühungen für alle sichtbar. Es hat eine planlose Zersiedelung der Landschaft stattgefunden.

«Es hat eine planlose Zersiedelung der Landschaft stattgefunden.» Raimund Rodewald, Geschäftsleiter Stiftung Landschaftsschutz Schweiz

In der Schweiz wird jede Sekunde ein Quadratmeter Land verbaut. Welche ökologischen Folgen hat der Bauboom heute, und welche weiteren Folgen sind zu befürchten, wenn der Zersiedelung nicht Einhalt geboten wird?

Die Schweiz ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete in Europa, und die negativen Folgen sind vielfältig. Die Siedlungsräume breiten sich in bisher noch unberührte Gebiete aus, der Druck auf die Landschaft nimmt zu, der Verbrauch von Land, Materialien und Energie steigt weiter an. Dies stellt einerseits eine Bedrohung der Landwirtschaft dar, andererseits verlieren wir wichtige Erholungs- und Naturgebiete.

Welches sind die hauptsächlichen Faktoren, die die Zersiedelung des Landes fördern?

Der programmatische Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen ist einer der Hauptgründe. Grundsätzlich ist der Ausbau des öffentlichen Verkehrs ja positiv. Aber ebenso wie der Ausbau des Strassennetzes fördert er die Zersiedelung, da ein zusätzlicher Anreiz geschaffen wird, zwischen Wohn- und Arbeitsort zu pendeln. Die Zersiedelung des Landes ist aber auch ein Abbild unserer Gesellschaft und unserer Wohlstandsentwicklung. An einem Ort zu arbeiten und an einem anderen Ort zu wohnen ist überhaupt nur möglich, weil wir ganz selbstverständlich von billiger fossiler Energie und billigem Strom ausgehen.

Die erstklassige Verkehrsinfrastruktur hat die Zersiedelung begünstigt. Lässt sich dieser Prozess umkehren?

Nein, im Moment wohl kaum. Dazu müsste das Pendeln deutlich verteuert werden, zum Beispiel in dem man die Steuerabzüge für den Arbeitsweg reduziert.

Wie präsentiert sich die raumplanerische Situation aus Sicht der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz?

Die Schweiz wird zugebaut. Unsere Landschaften sind heute leider teilweise irreversibel zersiedelt und entwertet. Sowohl die Landschaft wie auch die Siedlungsräume büssen zunehmend an Qualität ein. Ich würde heute aber sagen, dass es eine Hoffnung auf eine bessere Politik gibt.

Bund, Kantone und Städte haben das „Raumkonzept Schweiz“ vorgelegt. Als Oberziel ist darin festgelegt, dass bestehende Siedlungen verdichtet werden und die Siedlungserneuerung gegenüber neuer Baugebiete Vorrang erhalten sollen. Was oder wem nützt das Raumkonzept?

Das Raumkonzept soll die drei Partner an die im Raumkonzept definierten Ziele und Massnahmen binden. In Zukunft soll der beschränkt vorhandene Platz nachhaltiger genutzt werden. Die Ziele decken sich teilweise mit denjenigen der Landschaftsinitiative, sind jedoch etwas zu vage.

«Es fehlt in Anbetracht des fortschreitenden Landschaftsverlusts schlichtweg die Zeit für Appelle an die Freiwilligkeit und für die Erarbeitung von Strategien und Konzepten.»

Sie möchten also verbindliche, gesetzliche Vorgaben?

Ja, die auf Freiwilligkeit basierenden Handlungsempfehlungen an den Bund, die Kantone und Gemeinden genügen keineswegs. Das gravierende Problem des ungelenkten Siedlungswachstums kann nur mit klaren gesetzlichen Einschränkungen und Begrenzungsmassnahmen angegangen werden. Es fehlt in Anbetracht des fortschreitenden Landschaftsverlusts schlichtweg die Zeit für Appelle an die Freiwilligkeit und für die Erarbeitung von Strategien und Konzepten.

Was würde eine Annahme der Landschaftsinitiative bewirken, hinter der Sie die treibende Kraft sind?

Die Annahme der Landschaftsinitiative würde gewiss einen Paradigmawechsel in der Raumplanung bewirken. Die heute fast beliebige Einzonungspolitik wäre dann nicht mehr möglich.  Das Kulturland würde besser geschützt und die Siedlungen könnte man nach innen verdichten.

Der Bundesrat will mit einem indirekten Gegenentwurf in Form einer Teilrevision des Raumplanungsgesetzes bestehende und künftige Bauzonen auf den Baulandbedarf der verschiedenen Gegenden des Landes abstimmen. Für Sie keine Alternative?

Doch, aber die Vorlage ist noch deutlich ungenügend.

Hat die Diskussion um ein Bauzonen-Moratorium für 20 Jahre nicht dazu geführt, dass zum Teil auf Vorrat noch eingezont wird?

Dies wurde vor allem vor unserer Initiative getan, seither hat aber doch eine gewisse Sensibilisierung stattgefunden.

Es ist viel von „verdichtetem Bauen“ die Rede und für jeden bedeutet es wieder etwas anderes. Wie definieren Sie den Begriff?

Es sollen damit die Nutzungspotenziale innerhalb der Bauzonen so ausgenutzt werden, dass kompakte Siedlungen mit hoher Wohnqualität entstehen. In Städten, Dörfern und Siedlungen sollen die bestehenden Nutzungskapazitäten ausgenützt werden.

Was wäre Ihre Vision der perfekten Schweizer Landschaft?

Kompakte Siedlungen, Kulturland mit hoher Struktur- und Artenvielfalt, revitalisierte Flusslandschaften und in der Bevölkerung und Politik eine «culture du beau», d.h. ein Verständnis für die Erhaltung und Pflege der Kultur- und Naturschönheiten unserer Landschaften.

Wie schätzen Sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Führungsnachwuchses ein?

Sehr hoch.

Wie wichtig ist Diversity für die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz und welche Massnahmen sind zum Thema geplant oder schon umgesetzt?

Die Tätigkeitsgebiete der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz wurden mit deren Errichtung festgelegt. Innerhalb dieses Auftrags versuchen wir uns mittels Landschaftsprojekten möglichst einem breiten Spektrum zu widmen. In diesem Sinne setzen wir uns für die unterschiedlichsten schützenswerten Kultur- und Naturlandschaften und die Bedürfnisse von Mensch und Natur ein.

Auf der Personalebene versuchen wir das Potenzial der Mitarbeitenden etwa durch flexible Arbeitszeiten auszuschöpfen. Es ist uns insbesondere wichtig, dass in unserem Team eine gewisse Heterogenität bezüglich Background der wissenschaftlichen Mitarbeitenden besteht, so dass ein möglichst grosser Wissensinput vorhanden ist, von dem auch die Mitarbeitenden gegenseitig profitieren können.

Herr Rodewald, herzlichen Dank für das Interview.

Zur Person:

Raimund Rodewald, Dr. phil. Biol., Dr. h.c. iur., wurde am 5. Juni 1959 in Schaffhausen SH geboren. Nach den üblichen Schulen in Schaffhausen absolvierte er ein Studium in Biologie an der Universität Zürich und promovierte 1990 in Pflanzenbiologie. 1989 erlangte er das Diplom für das höhere Lehramt. Im Januar 1990 trat er die vollzeitige Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters bei der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) in Bern an, deren Leitung er seit 1992 innehat. Seit 2006 ist er Gastdozent für Landschaftsästhetik am Institut für Natur- Landschafts- und Umweltschutz (NLU) der Universität Basel. Neben seiner Expertentätigkeit in zahlreichen Kommissionen und Arbeitsgruppen, der Leitung, Betreuung und Begutachtung von wissenschaftlichen Arbeiten und seiner regen Publikationstätigkeit führte Raimund Rodewald die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) zu einer breit anerkannten Institution. Seit 2002 leitet er verschiedene Forschungsprojekte, so im Rahmen des NFP 48 und NFP 61. Raimund Rodewald erhielt im November 2008 den Ehrendoktor der juristischen Fakultät der Universität Basel. Seit 2008 präsidiert er die AG Recht der Umweltverbände sowie ab 2010 den Verein Philosophietage Biel/Bienne.

Buchveröffentlichungen: Sehnsucht Landschaft –  Landschaftsgestaltung unter ästheti¬schem Gesichtspunkt (1999/2001); Institutionelle Regime für nachhaltige Landschaftsent¬wicklung (2005), Flurbewässerung im Münstertal (2009)

Zur Stiftung:
Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz SL wurde 1970 von der Pro Natura, dem Schweizer Heimatschutz, der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung, dem Schweizer Alpen-Club (SAC) und dem Schweizer Tourismus-Verband gegründet. Die SL ist eine gemeinnützige Stiftung und hat keine kommerziellen Zwecke.  Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz SL strebt die Erhaltung, Pflege und Aufwertung der schützenswerten Landschaft in der Schweiz an. Sie verfolgt dieses Ziel, in dem sie die natürlichen und kulturellen Werte der Landschaft sichert, fördert und wiederherstellt.

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