René Mulder, Managing Director & Chairman of the Management Board DXC Technology Switzerland, im Interview

René Mulder, Managing Director & Chairman of the Management Board DXC Technology Switzerland, im Interview

René Mulder
René Mulder, Managing Director & Chairman of the Management Board DXC Technology Switzerland. (Foto: zvg)

von Sandra Willmeroth

Moneycab.com: Herr Mulder, was waren die Hauptgründe für die Gründung des Open Banking Project in der Schweiz?

René Mulder: Wir möchten das Thema Open Banking in der Schweiz fördern und schnell vorwärts bringen. Denn die technologische Öffnung des Bankgeschäfts für weitere Anbieter von Finanzdienstleistungen gewinnt weltweit an Bedeutung. Damit diese Akteure Daten sicher miteinander austauschen können, bedarf es offener Programmierschnittstellen, sogenannter Application Programming Interfaces (APIs). Anders als beispielsweise in der EU fehlen in der Schweiz aber technologische und fachliche Standards für diese APIs. Genau diese Lücke möchten die Initianten mittels Kooperation schliessen.

APIs scheinen der Schlüssel zu allem zu sein. Können Sie erklären, was genau darunter zu verstehen ist?

Programmierschnittstellen ermöglichen, dass Applikationen über klar definierte Schnittstellen auf Dienste anderer Applikationen zugreifen können. Dabei werden Daten untereinander ausgetauscht und verarbeitet. Beim Open-Banking-Ansatz teilen Banken Kundendaten mit bewilligten Drittanbietern – sogenannten Third Party Provider. Natürlich nur, wenn die Bankkunden diesem Austausch zugestimmt haben. Gleichzeitig werden die Banken so Teil eines grösseren, digitalen Ökosystems.

“Open Banking Project ist dem Open-Source-Ansatz verpflichtet, so dass der gesamte Schweizer Finanzplatz von den Erkenntnissen und Ergebnissen des Projekts profitieren kann.”
René Mulder, Managing Director & Chairman of the Management Board DXC Technology Switzerland

Warum sollte eine Bank es erlauben, dass Drittanbieter auf die Daten zugreifen können?

Dieser Ansatz anerkennt, dass ein einzelnes Unternehmen nicht alle Kundenbedürfnisse am besten befriedigen kann. Als Teil eines offenen Ökosystems stellt ein Unternehmen, so die Idee, die Bedürfnisse seiner Kunden konsequent in den Mittelpunkt. Dieser Ansatz ist vergleichbar mit dem Angebot in einem Supermarkt: Im Regal stehen die Produkte verschiedener Partner und der Kunde hat die Wahl. APIs legen also die Basis für Open Banking.

Was ist das Ziel des Open Banking Projekts?

Um diese Standards für die Schweiz zu definieren, baut das Open Banking Project auf bestehenden Standards auf. Die Partner des Projekts passen etablierte Standards an die regulatorischen Vorgaben der Schweiz an und veröffentlichen ihre Erkenntnisse auf einer Wissensplattform. Denn das Open Banking Project ist dem Open-Source-Ansatz verpflichtet, so dass der gesamte Schweizer Finanzplatz von den Erkenntnissen und Ergebnissen des Projekts profitieren kann. Zudem werden auf der Wissensplattform weitere Elemente wie beispielsweise Security-Empfehlungen und Vertragsvorlagen ausgearbeitet und zur Verfügung gestellt.

Gibt es erste Erfolge zu vermelden?

Die Adaption bestehender Standards spart viel Zeit, weil nicht alles neu erfunden werden muss. In kurzer Zeit ist so die Swiss NextGen API entstanden. Diese Programmierschnittstelle basiert auf dem offenen Industriestandard NextGenPSD2 der europäischen Standardisierungsinitiative Berlin Group. Dieser Standard ist in Europa weit verbreitet und wird stetig weiterentwickelt. Über die Swiss NextGen API können derzeit Kontoinformationen abgerufen und Zahlungsaufträge ausgelöst werden. Weitere Anwendungsfälle folgen bis Mitte 2020. Darüber hinaus bietet das Open Banking Project eine funktionsfähige Entwicklerplattform. Drittanbieter können darauf neue Lösungen und Applikationen erstellen und sie in einer sicheren Umgebung (Sandbox) testen. Die Reaktionen auf unsere Entwicklerplattform sind sehr positiv und das Interesse daran ist gross. Wir als DXC Technology implementieren beispielsweise die Swiss NextGen API derzeit bei der Berner Kantonalbank.

Haben Sie alle grossen Player an Bord geholt?

Das Open Banking Project ist ein offenes Netzwerk und steht weiteren Mitgliedern offen. Die Initiative bündelt die Kräfte seiner heterogenen Mitglieder, um die technologische Öffnung des Schweizer Bankgeschäfts voranzubringen. Zu den Gründungsmitgliedern zählen das Business Engineering Institute St. Gallen, DXC Technology, Ergon Informatik, Finnova, die Hypothekarbank Lenzburg und das Institut für Bankrecht der Universität Bern. Im November 2019 ist Avaloq als neues Mitglied hinzugestossen. Mit weiteren Akteuren führen wir Gespräche und können schon bald das nächste Mitglied offiziell begrüssen.

“Die neuen Bank-Konkurrenten treiben ihre innovativen Lösungen mit hoher Geschwindigkeit und viel Risikokapital unbeirrt voran. Aus diesem Grund wäre ein noch stärker koordiniertes Vorgehen in der Schweiz wünschenswert.”

Wie beurteilen Sie allgemein den Stand in Sachen Open Banking in der Schweiz? Es gibt eine Vielzahl von Kooperationen aber wenig sichtbare Ergebnisse.

In der Schweiz treiben zahlreiche Initiativen das Thema Open Banking in unterschiedlichen Bereichen voran und tauschen sich vermehrt dazu aus. Allen Initiativen ist aber gemein, dass ihre Lösungen schnell am Markt sein müssen. Denn die neuen (internationalen) Bank-Konkurrenten treiben ihre innovativen Lösungen mit hoher Geschwindigkeit und viel Risikokapital unbeirrt voran. Aus diesem Grund wäre ein noch stärker koordiniertes Vorgehen in der Schweiz wünschenswert.

Wird Ihr Open Banking Project auch die einheitlichen Governance und Technologie-Standards definieren, die von vielen Seiten gefordert werden?

Eine Standardisierung im Open Banking wird zu unzähligen Vorteilen führen. Davon sind wir überzeugt. Wichtige Vorteile sind geringere Kosten, schnellere Implementierungszeiten, grössere Flexibilität und geringere Risiken. Dies alles sind wesentliche Aspekte, um Open Banking in der Schweiz massgeblich voranzubringen. Mit unserem Open-Source-Ansatz leisten wir gerne einen wichtigen Beitrag dazu.

Bietet der Bankenstandort Schweiz beim Thema Open Banking Vor- oder Nachteile im Vergleich zur EU aufgrund unterschiedlicher regulatorischer Rahmenbedingungen?

Seit September 2019 müssen die Banken in der EU ihre «Daten-Tresore» öffnen. Dafür sorgt die zweite «Payment Services Directive»-Richtlinie (PSD2). Sie heisst auch Open-Banking-Richtlinie. Sie verlangt von den Banken, Teile ihrer Kundendaten bewilligten Drittanbietern via standardisierte Schnittstellen zugänglich zu machen. In der Schweiz fehlt sowohl dieser Zwang als auch ein etablierter, technologischer Standard. Entsprechend geringer ist der Veränderungsdruck in der Schweiz insbesondere für Banken. Deshalb sind die hiesigen Banken beim Thema Open Banking weniger weit als ihre internationale Konkurrenz. Auf der anderen Seite ist jedoch ihr kreativer Gestaltungsspielraum grösser. Denn der Schweizer Finanzplatz kann neue Produkte und Dienstleistungen ohne staatlichen Zwang entwickeln. Zudem erfolgt die Öffnung kontrolliert und wird dem Tempo und den Voraussetzungen der einzelnen Banken gerecht. Eine zeitlich ambitionierte und flächendeckende Einführung kann zu zahlreichen Problemen bei Banken, Drittanbietern und den Kunden führen. Dies zeigt die Einführung beispielsweise in Deutschland.

Viele Bankkunden hätten zwar gerne neue digitale Services aber möchten ihren Banken nicht erlauben, ihre Kontoinformationen oder Fondsübersichten mit Dritten zu teilen. Wie kann man dieses Problem angehen?

Die Sicherheit der Daten muss jederzeit gewährleistet sein. Das ist selbstverständlich. Daneben müssen die Kunden von Services und Dienstleistungen profitieren können, die ihre Bedürfnisse in den Vordergrund stellen. Gleichzeitig müssen die neuen digitalen Services ein neues Kundenerlebnis bieten, das bestehende Prozesse massgeblich vereinfacht und relevanten Mehrwert bietet. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, werden die Kunden bereit sein, bestimmte Daten mit Drittanbietern zu teilen.

“Ich bin davon überzeugt, dass sich Schweizer Banken mittelfristig der technologischen Öffnung kaum entziehen können. Denn wenn sie keine innovativen Dienstleistungen oder Services anbieten können, wenden sich ihre Kunden früher oder später an andere Anbieter.”

Wie hoch schätzen Sie das Ertragspotenzial von Open Banking für die Schweiz / für eine einzelne mittelgrosse Bank?

Das Ertragspotenzial von Open Banking hängt vom jeweiligen Geschäftsmodell ab. Im Firmenkundengeschäfts gibt es Dienstleistungen, die dank Open Banking vereinfacht, respektive automatisiert werden können und wofür die Firmen auch bereit sein werden, zu bezahlen. Ein Beispiel ist das Liquiditätsmanagement innerhalb des Multibanking. Ich bin davon überzeugt, dass sich Schweizer Banken mittelfristig der technologischen Öffnung kaum entziehen können. Denn wenn sie keine innovativen Dienstleistungen oder Services anbieten können, wenden sich ihre Kunden früher oder später an andere Anbieter.

Können Sie ein best practice-Beispiel nennen?

Zum Beispiel im Privatkundenbereich die Kooperation zwischen der Hypothekarbank Lenzburg und dem Banking-App-Anbieter Neon. Die Banking-App führt Kundenzahlungen aus und Neon ist am Umsatzvolumen beteiligt. Die Hypothekarbank seinerseits führt die Konten dieser Kunden und hat so in kurzer Zeit 12’000 Neukunden gewonnen. Ganz grundsätzlich zwingt Open Banking die Banken, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken und zu definieren, wie sie ihre Einnahmequellen verteidigen und neue erschliessen können.

Open Banking Project

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