Reto Kaul, CEO sublimd, im Interview

Reto Kaul
Reto Kaul, CEO sublimd. (Foto: zvg/mc)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Kaul, Sie haben Medizin studiert und als Arzt gearbeitet. Wie kamen Sie dazu, 2016 zusammen mit zwei anderen Medizinern und einem Informatiker sublimd zu gründen?

Reto Kaul: Als junge Ärzte haben wir uns im Spital gewundert, wie viel Zeit für administrative und andere repetitive Arbeiten aufgewendet werden muss. Wir stellten fest, dass in den Patientengesprächen beispielsweise immer wieder dieselben Fragen gestellt und die gleichen Sätze für die medizinische Dokumentation niedergeschrieben werden müssen. Da haben wir uns gefragt, ob das mit den heutigen technologischen Möglichkeiten nicht effizienter geht.

sublimd will mit einer Software-Plattform für Notfallstationen, Kliniken, Arztpraxen und Telemedizin die administrativen Arbeiten reduzieren, damit die Ärzte wieder mehr Zeit für die Patienten haben, die Behandlungsqualität steigt und die klinische Forschung beschleunigt wird. Wie ist die Herangehensweise?

Die Grundidee ist, dass Patienten mehr in den Prozess einbezogen werden. Statt die knappe Sprechstundenzeit von ÄrztInnen für das checklistenartige Abfragen von medizinischen Informationen zu verwenden, übernimmt ein Anamnese-Bot vorgängig diese Aufgabe. Mit Hilfe des automatisch bereitgestellten Berichts kann sich das Behandlungsteam auf das Patientengespräch vorbereiten und der Hauptteil der medizinischen Dokumentation ist bereits erledigt. So bleibt mehr Zeit für das individuelle Gespräch mit dem Patienten und die medizinischen Entscheidungen.

«Statt die knappe Sprechstundenzeit von ÄrztInnen für das checklistenartige Abfragen von medizinischen Informationen zu verwenden, übernimmt ein Anamnese-Bot vorgängig diese Aufgabe.»
Reto Kaul, CEO sublimd

Nehmen wir als Beispiel die digitale Anamnese-Lösung im Kantonsspital Baden, die nach einer Pilotphase jetzt im Einsatz ist. Neu werden PatientInnen im Vorfeld der Endometriose-Sprechstunde mittels App-Bot durch einen Fragekatalog geleitet. Was können Sie uns zum Ablauf sagen?

Die Patientinnen werden vor dem Sprechstundentermin gebeten, den von uns entwickelten Anamnese-Bot zu verwenden. Während der Pilotphase fand diese Befragung im Wartezimmer mit einem Tablet statt. Demnächst werden die Patientinnen automatisch benachrichtigt, so dass sie die Befragung bequem zu Hause durchführen können. Anhand des von der Software bereitgestellten medizinischen Berichts können sich die Ärztinnen optimal vorbereiten und werden gleichzeitig von administrativen Arbeiten entlastet.

Der sogenannte Medical Knowledge Graph ermöglicht die automatisierte Weiterverarbeitung der erhobenen, strukturierten Daten für verschiedene medizinische Funktionen. Was können wir uns darunter vorstellen?

Unser Medical Knowledge Graph dient dazu, den Gesundheitszustand von Patienten in einer für den Computer verständlichen Form abzubilden. Am besten stellt man sich diesen als Netz mit vielen Knotenpunkten vor. Jeder Knotenpunkt steht für eine medizinische Information. Das können Symptome, körperliche Untersuchungsbefunde oder eine Diagnosen sein. Besteht ein Zusammenhang zwischen zwei Datenpunkten – beispielsweise zwischen Fieber und einer Blinddarmentzündung – so ist dies als gewichtete Verbindung im Graph abgebildet.

Welche Möglichkeiten der Effizienz- und Qualitätssteigerung ergeben sich, wenn strukturierte Daten vorliegen?

Das Hauptproblem von unstrukturierten Daten ist, dass sie nicht oder nicht zuverlässig vom Computer interpretiert werden können. Liegen die Daten hingegen in strukturierter Form vor, ergeben sich viele Anwendungsmöglichkeiten, um die Arbeit von Medizinern zu erleichtern und sicherer zu gestalten. Das reicht von einer intelligenten Aufgabenteilung zwischen den einzelnen Berufsgruppen und den Patienten bis hin zu medizinischen Entscheidungs-Unterstützungssystemen. Zusätzlich können die Rohdaten ohne zeitaufwändige Aufbereitung direkt für statistische Analysen, wie zum Beispiel im Bereich der Forschung, genutzt werden.

«Liegen die Daten hingegen in strukturierter Form vor, ergeben sich viele Anwendungsmöglichkeiten, um die Arbeit von Medizinern zu erleichtern und sicherer zu gestalten.»

Lässt sich durch die standardisierte Form der Erfassung von Krankengeschichten auf verschiedene Erkrankungen und medizinische Fachgebiete anwenden?

Ja, sublimd wird schon heute in unterschiedlichen Fachgebieten eingesetzt: in Notfallstationen, aber auch in Sprechstunden von neurologischen, gynäkologischen, endokrinologischen oder anästhesiologischen Sprechstunden. Einige Patienteninformationen werden unabhängig von der Disziplin benötigt, z.B. die allgemeine Krankengeschichte oder die Sozialanamnese. Für die einzelnen Anwendungsgebiete ergeben sich aber meistens auch sehr spezifische Anforderungen, welche dann individuell bereitgestellt werden.

Nehmen wir nochmals ein Praxisbeispiel: Wie kann Ihre ER Suite auf einer Notfallstation für mehr Effizienz sorgen?

Der Einbezug der Patienten in den Behandlungsprozess bringt für alle Beteiligten Vorteile. Die Patienten können die Wartezeit sinnvoll nutzen und profitieren von einer standardisierten und gründlichen Abklärung. Das Ärzteteam kann sich dank den Vorinformationen besser auf das Patientengespräch vorbereiten und spart viel Zeit bei der anschliessenden Dokumentation. So bleibt der Kopf frei für die wichtigen medizinischen Entscheidungen.

Wie sind die Rückmeldungen? Steht bei Spitälern die gesteigerte Behandlungsqualität im Vordergrund oder die Effizienzsteigerung?

Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Viele unserer Kunden planen, das Einsatzgebiet von sublimd auf weitere Abteilungen auszubauen. Unserer Erfahrung nach liegt der Fokus eher bei der Effizienzsteigerung. Die meisten Schweizer Spitäler stehen finanziell unter Druck und sind zunehmend überlastet. Dies führt einerseits zu langen Wartezeiten und unzufriedenen Patienten, andererseits aber auch zu überarbeiteten Ärzten und Pflegefachpersonen. Aufgrund des Fachkräftemangels ist die Rekrutierung von zusätzlichem Personal schwierig. Die Spitäler suchen deshalb nach neuen Möglichkeiten, um die Effizienz zu steigern.

«Viele unserer Spital-Kunden planen, das Einsatzgebiet von sublimd auf weitere Abteilungen auszubauen. Unserer Erfahrung nach liegt der Fokus eher bei der Effizienzsteigerung.»

Und wie erleben die Patienten die digitale Anamnese?

Gerade kürzlich haben wir vom Kantonsspital Olten die Rückmeldung erhalten, dass die Patienten in ihrer Notfallpraxis von der digitalen Anamnese begeistert seien. Durch die intelligente Befragung des Bots erhalten die Patienten eine neue Perspektive auf ihre Beschwerden und erkennen Zusammenhänge, die ihnen vorher vielleicht nicht bewusst waren. In einer Studie des Notfallzentrums des Universitätsspitals Basel wurde die Zufriedenheit von sublimd auch wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse sind sehr erfreulich: Zwischen 80 und 90% der PatientInnen würden die digitale Befragung erneut verwenden.

Ein weiteres wichtiges Thema für sublimd sind sogenannte PROMs (Patient-reported outcome measures). Um was geht es dabei?

PROMs sind wiederkehrende Befragungen, welche unter anderem die Schmerzintensität oder die allgemeine Lebensqualität vor und in den Monaten nach einer Operation messen. Dies gibt den Spitälern die Möglichkeit, die Qualität ihrer Behandlungen zu beobachten und bei Bedarf zu intervenieren.

Was ermöglicht die auf Basis der sublimd Software-Plattform entwickelte PROMs-Lösung?

Mit sublimd kann die aufwändige Logistik, welche zur Erhebung von PROMs erforderlich ist, automatisiert werden. Diese beginnt bei der Patientenselektion und setzt sich bei der automatischen Benachrichtigung der Patienten zum richtigen Zeitpunkt und mit dem passenden Fragebogen sowie bei der Auswertung der Daten fort.

Herr Kaul, besten Dank für das Interview.

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