Roland Leuenberger, CEO Repower, im Interview

Roland Leuenberger
Roland Leuenberger, CEO Repower AG. (Foto: Repower)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Leuenberger, Repower schaut auf ein erfolgreiches erstes Halbjahr zurück. Die Gesamtleistung legte um starke 53 Prozent auf rund 1,3 Mrd Franken zu. Ist das einzig auf die gestiegenen Grosshandelspreise zurückzuführen?

Roland Leuenberger: In der Schweiz ist der Zuwachs im Wesentlichen auf die gestiegenen Stromhandelspreise und Handelsvolumen zurückzuführen. In Italien sind zum einen ebenfalls die gestiegenen Preise und höhere Handelsvolumen Grund für die höheren Nettoerlöse. Zum anderen hat sich aber auch der Energieabsatz an die italienischen KMU wieder erholt. Zudem ist beim Vorjahresvergleich natürlich der letztjährige Lockdown und damit ein tieferes Vorjahresniveau zu berücksichtigen.

Die Energienachfrage bewegt sich wieder auf dem Niveau der Vor-Pandemie-Zeit. Wie stark war Repower von Januar bis Juni noch von der Coronakrise betroffen?

Die allgemeine Energienachfrage in Italien hat sich im ersten Halbjahr zwar erholt, sie ist aber immer noch weit entfernt von den Werten vor der Coronakrise. Besser sieht die Ausgangslage hingegen bei den KMU aus, der Kundengruppe, auf welche sich Repower vor allem konzentriert. Hier machte sich für uns auch bezahlt, dass wir bei der Akquisition der Kunden sehr genau hinschauen und sich unsere Kunden schneller wieder von der Krise erholt haben.

Regelenergie gleicht Schwankungen der Stromnetzfrequenz aus und stabilisiert somit das Stromnetz. Wie hat sich das entsprechende Marktumfeld in Italien gezeigt und welche Bedeutung hatte das Gaskombikraftwerk in Teverola entsprechend?

Es gibt in Italien sechs verschiedene Regelzonen. Das Gaskombikraftwerk Teverola ist in der Region Centro Sud, einer für den Regelenergiemarkt sehr attraktiven Region. Bedingt vor allem durch Corona und die damit einhergehende schwierige Prognostizierbarkeit von Angebot und Nachfrage wurde die Regelenergie im letzten Jahr sehr stark nachgefragt. Inzwischen hat sich die Nachfrage wieder normalisiert und wir gehen auch kurz- und mittelfristig von einem normalisierten Markt für die Regelenergie aus.

Die Stromproduktion in den Wasserkraftwerken bewegte sich im ersten Semester im langjährigen Mittel. Rein auf den Klimaschutz bezogen, ist Strom aus Wasserkraft ja vorbildlich. Welche Bedeutung kommt ihr bei der Erreichung der Klimaziele, aber auch der Sicherstellung der Versorgungssicherheit zu?

Für die Schweiz hat die Stromproduktion aus Wasserkraft die mit Abstand wichtigste Bedeutung zur Erreichung der Klimaziele. Der Bundesrat möchte den Zielwert zum Ausbau der Stromproduktion aus CO2-freier Wasserkraft für 2050 bei knapp 39’000 GWh gesetzlich verankern. Das wären brutto knapp 4’000 GWh oder 10 Prozent mehr Wasserkraft als heute. Dieser Schritt ist sehr zu begrüssen, gleichzeitig wird er schwer zu erreichen sein. Der Ausbau soll nämlich unter Berücksichtigung erhöhter ökologischer Anforderungen umgesetzt werden. Diese ökologischen Anforderungen wie Gewässerschutz, Auenschutz und Landschaftsschutz werden dazu führen, dass wir gegenüber heute bis zehn Prozent an Stromproduktion aus Wasserkraft verlieren werden.

Netto müssen wir somit weit mehr zubauen als geplant. Der Verlust wird ganz sicher eintreffen, der Ausbau hingegen ist bisher nur ein Ziel. Wir sind gut beraten, wenn wir diesen Zielkonflikt in der Klimapolitik ehrlich angehen, die Realitäten der Physik und der Bewilligungsverfahren nicht ausblenden und gemeinsam umsetzbare und finanzierbare Lösungen zum Ausbau der einheimischen erneuerbaren Stromproduktion anstreben. Nur so werden wir die Dekarbonisierung ohne Gefährdung der Stromversorgungssicherheit erreichen.

«Der Ausbau der Wasserkraft soll unter Berücksichtigung erhöhter ökologischer Anforderungen umgesetzt werden. Diese ökologischen Anforderungen (…) werden dazu führen, dass wir gegenüber heute bis zehn Prozent an Stromproduktion aus Wasserkraft verlieren werden.»
Roland Leuenberger, CEO Repower

Dies alles im Umfeld, in dem seit dem Aus für das Rahmenabkommen die Warnungen vor baldigen Stromausfällen lauter werden. Teilen Sie diese Befürchtungen?

Die Versorgungssicherheit ist ohne Stromabkommen sicher noch mehr gefährdet. Aber ob mit oder ohne Stromabkommen müssen wir heute im Winter leider bereits Strom importieren. Dieser Bedarf wird mit dem Ausstieg aus der Kernenergie nochmals deutlich zunehmen. Und das fehlende Stromabkommen gefährdet die aktuelle und geplante Stromimportstrategie akut. Die Versorgungssicherheit, insbesondere in den Monaten März und April, sehe ich daher als kritisch. Zudem sollten wir uns ernsthaft fragen, ob eine solche Importstrategie in unserem nationalen Interesse liegt. Neben der Energieproblematik verschärft sich zusätzlich die Netzproblematik. Ohne Stromabkommen mit der EU hat die Schweiz bei ungeplanten Lastflüssen kein Mitspracherecht, was kurzfristig zu Engpässen und einer übermässigen Belastung der Netze führen kann.

«Das fehlende Stromabkommen gefährdet die aktuelle und geplante Stromimportstrategie akut. Die Versorgungssicherheit, insbesondere in den Monaten März und April, sehe ich daher als kritisch.»

Repower hat im ersten Halbjahr 125 Mio Franken Investitionen getätigt. Wieviel davon floss in den Ausbau der erneuerbaren Produktionsanlagen?

Im ersten Halbjahr 2021 haben wir 54 Millionen Franken investiert. Davon flossen 100% in erneuerbare Energien. Die von Ihnen erwähnten 125 Mio. Franken investieren wir über drei Jahre in die Gesamterneuerung des Wasserkraftwerks Robbia im Puschlav.

Im Rahmen des Projekts E-Valposchiavo haben Sie Anfang Juli ein neues Carsharing-Angebot mit Elektroautos in der Valposchiavo lanciert. Können Sie uns das Projekt näher vorstellen?

Das neu lancierte E-Carsharing-Projekt in der Valposchiavo ist Teil eines Interreg-Projekts. Dabei handelt es sich um eine insgesamt 300 Kilometer lange E-Carsharing-Strecke, welche Poschiavo, St. Moritz und Soglio mit Chiavenna, Tirano und Livigno verbindet. Ziel der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ist der Ausbau der E-Mobilitätsinfrastruktur in diesen Gebieten und die Etablierung eines 100 % nachhaltigen Verkehrsrings im Alpenraum.

Als Repower fördern wir die nachhaltige Mobilität in der Region mit verschiedenen Massnahmen: Bereits heute gibt es zehn öffentliche Ladestationen für Elektroautos zwischen Campocologno auf 553 m ü. M. und dem Ospizio Bernina auf 2228 m ü. M.. Hinzu kommen Lademöglichkeiten für E-Bikes und E-Boote sowie ein Pilotprojekt des ersten elektrischen Schulbuses von PostAuto.

Bleiben wir bei der Elektromobilität. Ihr E-Mobility-Provider PLUG’N ROLL hat zu Jahresbeginn den Auftrag für den Aufbau von rund 880 Ladestationen für die kantonseigenen Liegenschaften des Kantons Zürich erhalten. Rechnen Sie mit weiteren Aufträgen in dieser Grössenordnung?

Der Auftrag für den Kanton Zürich soll erst der Anfang sein. Das Feedback der Kunden ist sehr gut und es zahlt sich für Repower nun aus, dass wir schon frühzeitig in die Elektromobilität investiert haben und uns dadurch einen Wissensvorsprung erarbeiten konnten. Wir sind heute hervorragend aufgestellt und werden weiter in unseren E-Mobility-Provider PLUG’N ROLL investieren. Und ja, wir rechnen nicht nur mit weiteren Aufträgen, wir haben auch bereits solche erhalten.

«Wir sind heute hervorragend aufgestellt und werden weiter in unseren E-Mobility-Provider PLUG’N ROLL investieren.»

Da sich Politik wie auch Automobilhersteller auf Elektroautos eingeschworen haben: Wie sehen Sie die langfristige Entwicklung auf das Ladenetzwerk?

Bei den aktuellen Investitionen in die Elektromobilität lässt sich leicht voraussagen, dass die Elektromobilität noch eine grosse Bedeutung in der Schweiz bekommen wird. Eine aktuelle Studie der EBP kommt zum Schluss, dass die Anzahl der Ladestationen in der Schweiz bis in zehn Jahren von 79’000 auf über eine Million steigen wird. Den Grossteil dieses Wachstums werden wir gemäss der Studie in den Wohnliegenschaften und am Arbeitsplatz erleben.

Die Digitalisierung spielt bei der Energiewende eine entscheidende Rolle. Wie ist Repower hier positioniert?

Um die Energiewende erfolgreich umsetzen zu können, müssen viele Puzzleteile ineinandergreifen. Ein wichtiges Puzzleteilchen sind intelligente Messsysteme, wie sie die EVUlution AG entwickelt. Das Unternehmen, an welchem Repower mit sechs weiteren Partnern beteiligt ist, ist bei der Entwicklung ihres Smart Metering Systems SMARTPOWER führend. So war SMARTPOWER unter anderem das erste Smart Metering System mit einem METAS-Zertifikat im Bereich Datensicherheit und Head-End-System. Dieser Vorsprung verschafft uns eine positive Resonanz am Markt zahlt sich bereits mit dem Gewinn erster öffentlicher Ausschreibungen aus.

Letzte Frage: Welche Lehren ziehen Sie sich nach über eineinhalb Jahren aus der Pandemie? Einerseits für Ihr Unternehmen, andererseits für sich persönlich?

Die individuellen Herausforderungen der Covid-Pandemie sind natürlich sehr unterschiedlich, auch bei unseren Mitarbeitenden. Wir wurden wegen Italien, unseren Grenzgängern und unserer Grossbaustelle im Tessin letztes Jahr sehr früh mit dieser Pandemie konfrontiert. Wir konnten frühzeitig wenige, aber effektive Massnahmen anordnen und unsere Mitarbeitenden haben sich sehr eigenverantwortlich und diszipliniert verhalten. Dafür bin ich allen sehr dankbar. Zudem waren wir IT-mässig schon vor Corona flexibel aufgestellt und konnten neue Anforderungen rasch umsetzen. Sehr gefreut hat mich die Art und Weise, wie unsere Mitarbeitenden in Italien und in der Schweiz mit all den verschiedenen Kundengruppen über neue Kanäle in Kontakt geblieben sind. Persönlich habe ich – wie vermutlich alle von uns – den stark verminderten direkten persönlichen Kontakt zu Mitarbeitenden, Kunden, Gemeinden usw. sehr vermisst. Umso mehr freue ich mich wieder auf all diese zwischenmenschlichen Kontakte.

Herr Leuenberger, wir bedanken uns für das Interview.


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