Thomas Egger, Direktor SAB

Thomas Egger

Thomas Egger, Direktor Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete. (Foto: SAB)

von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Egger, seit 2008 umfasst der Geltungsbereich der Regionalpolitik auch die ländlichen Räume. Diese und die Berggebiete umfassen 87 % der schweizerischen Landesfläche. Die SAB hat nun zum ersten Mal eine statistische Übersicht über die Entwicklung in diesen Regionen erstellt. Welches generelle Fazit ziehen Sie aus den Resultaten?

Thomas Egger: Betrachtet man die Entwicklung der Berggebiete und ländlichen Räume auf der Ebene der Regionen, so ist das Bild gesamthaft gesehen positiv. Die Bevölkerung in den Berggebieten nimmt zu und auch die wirtschaftliche Entwicklung ist positiv. Das in der Vergangenheit zum Teil kolportierte Bild von den Bergregionen als Abwanderungsgebiet gilt also so pauschal gesehen nicht.

Zwischen 2005 und 2010 ist auch die Bevölkerung in den 81 Regionen der Berggebiete und ländlichen Räumen um 200’000 Personen auf 4,5 Millionen gestiegen. Verteilt sich diese Zunahme auf alle Regionen?

Die Bevölkerungsentwicklung ist in den Regionen sehr unterschiedlich. Hohe Wachstumsraten verzeichnen Regionen im Einzugsgebiet der Metropolen. Demgegenüber mussten sieben Regionen einen Bevölkerungsrückgang verzeichnen. Dabei handelt es sich vor allem um eher abgelegene, schlecht erreichbare und auf wenige wirtschaftliche Aktivitäten ausgerichtete Regionen wie das Val Müstair. Wichtig ist aber auch zu beachten, dass unsere Statistik die Entwicklungen innerhalb der Regionen nicht erfasst. In den Regionen spielen sich erhebliche Konzentrationsprozesse ab. Die Bevölkerung konzentriert sich auf regionale Zentren wie Locarno, Interlaken oder Brig. Diese Bevölkerungskonzentration geht zu Lasten der Berggemeinden, die mit sinkenden Schülerzahlen und Überalterung zu kämpfen haben.

Wie kann die rückläufige Bevölkerungsentwicklung in Regionen wie dem Val Müstair gestoppt werden?

Ich bin übezeugt, dass jede Region über Potenziale verfügt. Diese Potenziale müssen zusammen mit der Bevölkerung identifiziert und entwickelt werden. Oftmals kommen diese Impulse von Aussenstehenden oder Zuzügern, die die Region mit anderen Augen sehen. Letztlich geht es also darum, Prozesse zu ermöglichen. Wir unterstützen derartige Prozesse mit unseren Beratungstätigkeiten, beispielweise über das Gemeindenetzwerk Allianz in den Alpen. Ein konkretes Ergebnis dieses Netzwerkes ist die Bierbrauerei in Tschlin im Unterengadin. Der gegenseitige Erfahrungsaustausch befruchtet!

«Die Berggebiete können sich als Wohnstandort profilieren.»
Thomas Egger, Direktor SAB

Mit dem Bevölkerungswachstum geht auch die Ausdehnung der Siedlungsflächen weiter. Der Zersiedelung will dem Parlament mit einer Teilrevision des Raumplanungsgesetzes Einhalt gebieten. Reicht dies aus Sicht der SAB aus?

Die Schweiz steuert in Richtung einer Bevölkerung von 10 Millionen. Dieses Bevölkerungswachstum führt zur angesprochenen Zersiedlung im Mittelland. Doch das muss nicht sein. Die Berggebiete können sich als Wohnstandort profilieren. Wichtig ist die gute Erreichbarkeit der Arbeitszentren. Zudem können moderne Telekommunikationsinfrastrukturen helfen, physische Distanzen zu überwinden. Home Office und andere moderne Arbeitsformen finden immer mehr Beachtung und können eine Alternative zur räumlichen Konzentration bilden.

Die Revision des Raumplanungsgesetzes mit der stärkeren Betonung der Siedlungsentwicklung nach innen geht in die richtige Richtung. Auch im Berggebiet müssen wir die Ortskerne erneuern und ein Ausufern in der Fläche verhindern. Problematisch ist an der Revision des RPG hingegen die zwingende Pflicht zur Rückzonung verbunden mit der Mehrwertabschöpfung. Für einen Kanton wie das Wallis kann diese Bestimmung nicht umgesetzt werden, da kaum Neueinzonungen statt finden und damit die nötigen Mittel für die Entschädigungen bei Auszonungen fehlen.

Sie haben die moderne technische Infrastruktur angesprochen. Welche Handlungsoptionen bestehen?

Moderne Telekommunikationsinfrastrukturen sind eine unerlässliche Standortvoraussetzung. Kaum ein KMU wird sich in einer Region niederlassen, die nicht mit Breitband erschlossen ist. Die Telekomanbieter konzentrieren ihre Ausbauprojekte in erster Linie auf die urbanen Zentren. Die Kantone, Regionen und Gemeinden sind deshalb mit der Frage konfrontiert, wie der Breitbandausbau vorangetrieben werden kann. Diese Akteure sollten die Frage zuerst technologieneutral angehen. Hochbreitband bedeutet nicht nur Glasfaser. In vielen Gemeinden sind auch Fernsehkabel vorhanden, die aufgerüstet werden können. Und gerade in dünn besiedelten ländlichen Regionen können auch drahtlose Kommunikationstechnologien eine Rolle spielen. Mit der neuesten Mobilfunkgeneration LTE sind Übertragungsraten wie bei Glasfaseranschlüssen möglich. Diese verschiedenen Optionen gilt es sorgfältig zu prüfen und Angebote zu vergleichen. Darum haben wir im Leitfaden verschiedene Fallbeispiele aufgezeigt.

«Inzwischen hat sich die gesamtwirtschaftliche Situation und damit auch die Lage der Berggebiete erholt. Aber: die Perspektiven sind nicht gerade rosig.»

Mit dem Bevölkerungswachstum ist auch die wirtschaftliche Entwicklung einher gegangen. Wie stehen die Regionen heute im Vergleich zu vor 10 Jahren da?

Vor zehn Jahren mussten wir von einer Krise sprechen. Inzwischen hat sich die gesamtwirtschaftliche Situation und damit auch die Lage der Berggebiete erholt. Aber: die Perspektiven sind nicht gerade rosig. Der Tourismus als wichtige Leitbranche kämpft mit dem Wechselkurs und sinkenden Gästezahlen. Dazu kommen die Auswirkungen der Zweitwohnungsinitaitive, die sich vor allem im Tourismus und in der Bauwirtschaft bemerkbar machen werden. Und die Landwirtschaft muss sich einmal mehr auf eine neue Phase der Agrarpolitik vorbereiten, was etliche Betriebsumstrukturierungen zur Folge haben wird.

In welchen Bereichen wurden vor allem neue Arbeitsplätze geschaffen?

Neue Arbeitsplätze wurden vor allem im gewerblichen und im Dienstleistungsbereich geschaffen.

Berggebiete und ländliche Gebiete sind KMU-Gebiete. Was kennzeichnet die Landschaft der kleinen und mittleren Unternehmen?

Die KMU verfügen oftmals nicht über genügend zeitliche und finanzielle Ressourcen, um Innovationsprozesse voranzutreiben. Dadurch ist beispielweise die Rate der neuen Unternehmensgründungen in den Bergregionen relativ tief. Hier ist ein vermehrter Wissens- und Technologietransfer wichtig, z.B. durch die Schaffung von Aussenstellen von Universitäten, aber auch durch Cluster-Initiativen wie das Micro-Center-Central-Switzerland in Obwalden oder The Ark im Wallis. Wir haben im Berggebiet hoch motivierte und qualifizierte Arbeitskräfte. Dieses Potenzial gilt es zu nutzen.

Pro Woche gehen rund 10 landwirtschaftliche Betriebe verloren. Welche Bedeutung hat die Landwirtschaft in den Berg- und Landregionen heute noch?

Die Landwirtschaft prägt die Landschaft und ist absolut essentiell für das Selbstverständnis der Schweiz. Der Schrumpfungsprozess, den die Landwirtschaft durchmachen muss, steht jedoch ihrer enormen Flächenverantwortung diametral entgegen. Die Landwirtschaft macht im Berggebiet kaum noch 5% der Erwerbstätigen aus. Doch gerade hier ist beispielweise der Tourismus auf eine funktionierende Landwirtschaft angewiesen, die authentische Nahrungsmittel liefert und die Landschaft pflegt.

Landwirtschaftliche Produkte aus Berggebieten sind sehr beliebt. Bio, Natur und Nachhaltigkeit sind im Trend. Wie wichtig ist dieser Bereich mittlerweile?

Die Konsumenten wollen natürliche, und authentische Produkte. Berg- und Alpprodukte geniessen einen speziellen Markenschutz. Besonders gut finde ich die ProMontagna Linie von Coop: Die Produkte stammen aus dem Berggebeit, werden hier verarbeitet und ein Teil des Verlaufserlöses kommt der Coop-Patenschaft für Berggebiete zu Gute. Die Schweiz nimmt mit dem Schutz der Berg- und Alpprodukte in Europa eine Vorreiterrolle ein. Die EU wird im Herbst eine ähnliche Bestimmung verabschieden, die sich sehr stark am schweizerischen Modell orientiert. Seitens der SAB konnten wir durch unsere internationale Vernetzung diesen europäischen Entscheid wesentlich mitprägen.

«Die Landwirtschaft macht im Berggebiet kaum noch 5% der Erwerbstätigen aus. Doch gerade hier ist beispielweise der Tourismus auf eine funktionierende Landwirtschaft angewiesen, die authentische Nahrungsmittel liefert und die Landschaft pflegt.»

Mit rund 20 Millionen Übernachtungen in den Berggebieten ist der Tourismus einer der wirtschaftlichen Hauptpfeiler. Welche Folgen für den Tourismus befürchten Sie durch die Annahme der Zweitwohnungsinitiative?

In den 20 Millionen Übernachtungen sind nur die Übernachtungen in der Hotellerie erfasst. In den Zweitwohnugnen werden nochmals fast ebenso viele Logiernächte generiert. Dieses Segment wird nun eingeschränkt, die Preise dürften tendenziell steigen, und damit der Druck, in günstigere Destinationen im Ausland auszuweichen. Die Hotellerie wird zudem vermehrt Mühe bekunden, sich durch die Umwandlung von Hotelbetten in Ferienwohnugnen zu refinanzieren. Die Kreditwürdigkeit der Hotellerie wird weiter sinken und damit die Überalterung der Infrastrukturen zunehmen. Die Schweiz schränkt sich einmal mehr selber in ihrer Wirtschaftstätigkeit ein. Wann findet hier endlich ein Trendbruch statt?

Was steht für Sie bei der Umsetzung der Initiative jetzt im Zentrum?

Prioritär waren die Arbeiten an der Zweitwohnungsverordnung. Diese Arbeiten sind nun abgeschlossen. Wir müssen das Augenmerk vermehrt auf flankierende Massnahmen für die Regionalwirtschaft und insbesondere den Tourismus lenken. Hier sehen wir im Wesentlichen folgende Massnhmen: Der alpine Tourismus muss neu erfunden werden. Dafür fordern wir zusätzliche Bundesmittel, um entsprechende Geschäftsmodelle entwickeln zu können. Diese Geschäftsmodelle müssen realisiert werrden. Als Finanzierungsinstrument steht die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit im Zentrum. Doch sie ist im Moment sehr stark eingeschränkt in ihren Tätigkeiten. Sie müsste neu z.B. auch Kooperationen zwischen Hotels und Ferienwohnungen unterstützen können. Dazu müsste ihr Auftrag neu definiert werden.

Letztlich stellt sich die Frage, ob nicht grundsätzlich die Finanzierung des Tourismus neu geregelt werden müsste. Dazu sollte unserer Meinung nach das Modell der österreichsischen Tourismsusbank geprüft werden, die ein Gemeinschaftsprojekt des Bundes zusammen mit den Grossbanken ist. Ferner fordern wir, dass mit Mitteln aus der CO2-Abgabe gezielt touristische Ferienwohnungen energetisch saniert werden. Denn hier besteht gerade bei den Bauten aus der Boomzeit in den 60-er und 70e-er Jahren erheblicher Nachholbedarf. Davon würde die Umwelt aber auch die Bauwirtschaft profitieren.

Im Nachgang zur Annahme der Zweitwohnungsinitiative und in Folge einer Motion von SAB-Präsident Theo Maissen ist der Bundesrat verpflichtet, zusammen mit den Kantonen und der SAB eine langfristige Strategie für die Berggebiete und ländlichen Räume zu erarbeiten. Was muss aus Ihrer Sicht in dieser Strategie aufgezeigt werden?

Es gibt verschiedenste Politikbereiche, die für die Berggebiete wichtig sind. Dazu zählen etwa die Regionalpolitik, die Tourimsuspolitik, die Landwirtschaft, Verkehrspolitik, Raumplanung usw. Doch diese Politikbereiche sind oft nicht koordiniert und verfolgen unterschiedliche Zielsetzungen. Mit der genannten Strategie soll die Kohärenz dieser Massnahmen erhöht werden. Wir wollen, dass sich der Bund zu den wirtschaftlichen Entwickungsperspektiven der Berggebiete bekennt und entsprechende Akzente setzt. Zudem muss der Dialog mit den Kantonen und der SAB intensiviert werden. Letztlich kann nur so auch eine Abstimmung mit der Agglomerationspolitik erfolgen, die in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen hat.

Herr Egger, besten Dank für das Interviews.

Zur Person:
Thomas Egger aus Visp ist Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) mit Sitz in Bern. In dieser Funktion setzt er sich für die politische Interessensvertretung für die Berggebiete und ländlichen Räume in der Schweiz ein. Der diplomierte Geograph ist auch international vernetzt und leitet verschiedene Projekte der Regionalentwicklung.

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