Thomas Gassenbauer, Country Manager Switzerland bei Cognizant, im Interview

Thomas Gassenbauer, Country Manager Switzerland bei Cognizant, im Interview
Thomas Gassenbauer, Country Manager Switzerland, Board of Directors, Head of Banking & Insurance Central Europe bei Cognizant. (Foto: zvg)

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Gassenbauer, nach 23 Jahren bei der IBM sind Sie im November 2021 zu Cognizant gewechselt und leiten das Schweizer Geschäft sowie den Bereich Banken und Versicherungen für Zentraleuropa. Was waren die wichtigsten Neuerungen oder Änderungen, die Sie bis jetzt vorgenommen haben, welche grossen Projekte stehen an?

Thomas Gassenbauer: Zurzeit konzentrieren wir uns auf drei Schwerpunkte: Unsere Position als bevorzugter Arbeitgeber für bestehende und neue Mitarbeitende weiter zu stärken, unser Geschäft in der Schweiz ‒ insbesondere in der Westschweiz ‒ auszubauen und unsere internen Prozesse weiter zu vereinfachen.

Für den ersten Punkt wurden in den letzten Monaten bereits verschiedene interne Initiativen wie ein Graduate Program, Mentoring und interne Weiterbildungsmöglichkeiten lanciert und ausgebaut. Ein besonderes Anliegen ist uns als Unternehmen und mir persönlich die Förderung von Frauen in technischen Berufen.  Das unterstreichen wir nicht nur mit speziellen Mentoring-Programmen und Bias-Trainings, sondern auch mit einer gross angelegten Role-Model-Kampagne. Ich bin fest davon überzeugt, dass sichtbare weibliche Vorbilder eine entscheidende Rolle dabei spielen, junge Frauen zu ermutigen, ihre Talente und Leidenschaften in der Tech-Branche zu entfalten. Wir sind stolz auf unsere Mitarbeiterinnen und ihre Erfolge und wollen ihre Geschichten teilen, um andere Frauen zu inspirieren und die nächste Generation weiblicher Talente zu fördern.

«Ein besonderes Anliegen ist uns als Unternehmen und mir persönlich die Förderung von Frauen in technischen Berufen.»

Thomas Gassenbauer, Country Manager Switzerland bei Cognizant

Um unser Angebot für Unternehmen, Kunden und Mitarbeitende von Cognizant in der Westschweiz weiter zu verbessern, haben wir, ein neues Büro an zentraler Lage in Genf eröffnet und zusätzliche Ressourcen bereitgestellt. Ziel ist es, die Zahl der Mitarbeitenden in dieser Region zu verdoppeln. Zudem sind verschiedene Veranstaltungen in der Region geplant, wie zum Beispiel ein Advisory Day, Salesforce-Konferenzen und weitere Kundenevents in Zusammenarbeit mit unseren Partnern.

Die Übernahme der Credit Suisse durch die UBS wird die Schweizer Bankenlandschaft nachhaltig verändern. Welche Auswirkungen erwarten Sie für Ihr Geschäft, da die Fusion zwangsläufig auch zu Einsparungen und Synergieeffekten führen wird?

Wie kaum eine andere Branche ist das Bankgeschäft von der Informationstechnologie abhängig. Deshalb ist diese Übernahme auch aus technologischer Sicht eine enorme Herausforderung. Bisher völlig getrennte, digitale Prozesse, Applikationen und Systeme müssen nun integriert werden. Als führender IT-Dienstleister können und wollen wir in diesem Projekt gerne dazu beitragen, dass die Banken diese Herausforderung so sicher und effizient wie möglich bewältigen.

In der von Cognizant in Auftrag gegeben Studie “Future Ready Business” von Economist Impact liegt die Banken- und Kapitalmarktbranche beim Faktor Zukunftsfähigkeit an fünfter Stelle von acht untersuchten Branchen. Woran liegt es, wie kann die Situation für die Banken verbessert werden?

Der Bankenmarkt ist von Natur aus stark reguliert. Zukunftspläne werden daher immer von der Frage überschattet: Wie kann die Branche ihr Geschäft innerhalb der bestehenden Regulierung mitgestalten? Eine technologiefreundliche Regulierung mit Augenmass könnte hier sicherlich die Situation verbessern. Zudem haben viele Banken mit alten Legacy-Systemen zu kämpfen. FinTechs sind hier klar im Vorteil. Nicht nur deshalb ist eine bessere Zusammenarbeit innerhalb der Branche, aber auch im gesamten Ökosystem notwendig, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein. Open Banking, API, Personalisierung und Omnichannel sind hier einige der wichtigsten Schlagworte, um dem Kunden letztendlich ein möglichst nahtloses Erlebnis zu bieten.

Aktuelle Themen wie Digitale Zentralbankwährungen (CBDC), dezentrales Finanzwesen (DeFi) oder Tokenisierung werden ‒ vor allem in der medialen Wahrnehmung ‒ hauptsächlich von Technologieanbietern und Fintechs vorangetrieben. Welche Rolle spielen hier die etablierten Banken, wie sehen die nächsten Entwicklungen bei diesen Themen aus?

Zentralbanken auf der ganzen Welt erwägen die Schaffung eigener digitaler Währungen. Bargeldzahlungen nehmen ab und private Kryptowährungen gewinnen an Popularität. CBDCs sollen dazu beitragen, Volkswirtschaften weiter zu digitalisieren und digitale Transaktionen sowie die Überwachung von Wirtschaftsdaten zu vereinfachen.

«Viele Banken haben mit alten Legacy-Systemen zu kämpfen. FinTechs sind hier klar im Vorteil.»

Distributed-Ledger-Technologien wie Blockchain sollen zudem mehr Transparenz in Beschaffungsprozesse bringen. In dieser bisher oft volatilen Welt der digitalen Währungen ist es nun an den Banken, ihr Vertrauenskapital einzubringen und diese Entwicklungen zu stabilisieren, wie etwa bei den Überlegungen der Schweizerischen Bankiervereinigung zu einem Buchgeld-Token. So können sie – auch in Zusammenarbeit mit FinTechs und externen Anbietern und deren Technologien – das Banking der Zukunft gestalten.

Das letzte Quartal hat Cognizant weltweit besser als erwartet abgeschlossen und den Umsatz gegenüber dem Vorjahr gehalten. Wie präsentiert sich die Schweiz im internationalen Vergleich, wo läuft es gut, wo gibt es Nachholbedarf?

Die Schweiz ist für Cognizant ein wichtiger Markt und eine der Hauptwachstumsregionen. Dies zeigt sich auch in der angestrebten Expansion unseres Geschäfts in der Westschweiz und in unserem neuen Büro in Genf. Die Marktstrukturen in der Schweiz bieten viele gute Möglichkeiten und Chancen. Hier wollen wir investieren – vor allem im Bereich Consulting und mit Fokus auf die Finanz- und Versicherungsbranche, Life Sciences und Manufacturing.

Cognizant ist seit 20 Jahren in der Schweiz aktiv. Wie hat sich das Geschäft in dieser Zeit entwickelt, welche Wachstumspläne haben Sie für die Schweiz?

Wir freuen uns und sind stolz darauf, seit 20 Jahren in der Schweiz präsent zu sein ‒ insbesondere aufgrund unseres Wegs vom Startup zu einem der renommiertesten IT-Dienstleister. Einige unserer ersten Mitarbeitenden sind immer noch dabei und das Team entwickelt sich ständig weiter. Deshalb feiern wir dieses Jubiläum auch alle gemeinsam. Für die Zukunft ist es unser Ziel, diese Entwicklung weiter voranzutreiben ‒ sowohl durch den Gewinn von Marktanteilen als auch durch eine noch stärkere geografische und branchenmässige Diversifikation.

Banken und Versicherungen konzentrieren sich in der Deutschschweiz, während die Romandie oder das Tessin auch bei Anbietern von Dienstleistungen nur eine Nebenrolle spielen. Welche möglichen Änderungen sehen Sie hier?

Rund ein Drittel des Schweizer Bruttoinlandproduktes wird in diesen Regionen erwirtschaftet. Deshalb wollen auch wir unser Geschäft insbesondere in der Westschweiz ausbauen. Dort sind die Geschäftsfelder etwas anders verteilt als in der Deutschschweiz: In der Romandie und auch im Tessin gibt es zum Beispiel viele Privatbanken. Das ist ein anderes Geschäftsmodell und damit auch andere technologische Anforderungen. Mit der Konvergenz von Themen und Technologie werden aber auch in diesem Segment Themen wie DeFi oder Tokenisierung immer wichtiger. Damit wird der Markt für Technologieanbieter immer interessanter.

Künstliche Intelligenz und Sprach-Modelle wie ChatGPT, die auf grossen Datenmengen aufbauen, machen täglich Schlagzeilen. Wo sehen Sie die wichtigsten Einsatzbereiche, wo sind die grössten Risiken?

Künstliche Intelligenz und die Möglichkeit, gleichzeitig auf so grosse Datenmengen zugreifen zu können, bieten ein grosses Potenzial zur Effizienzsteigerung in den unterschiedlichsten Anwendungsfällen. Gerade im Bereich der Automatisierung und des Testings bietet KI die Möglichkeit, Ziele noch besser und einfacher zu erreichen. Gleichzeitig bringt die Masse an Daten auch eine gewisse Intransparenz mit sich, da die Quellen der Informationen oft unklar sind. Hier ist es wichtig, sich immer wieder kritisch bewusst zu machen, dass es sich nicht um kuratierte Informationen von Medienschaffenden handelt. Wir selbst haben gerade mit Cognizant Neuro® AI eine Plattform für Unternehmen vorgestellt, die Firmen beim verantwortungsvollen Einsatz neuester generativer KI-Technologien unterstützt und auf den Prinzipien von Cognizant Responsible AI basiert.

Welche Technologien haben aus Ihrer Sicht das grösste Potenzial, den Finanzbereich in den nächsten Jahren zu prägen oder grundlegend zu verändern?

Das Thema ist nicht neu, aber die Einführung der Cloud und die Modernisierung von Legacy-Systemen sind wichtige Voraussetzungen für geschäftliche Innovationen im Finanzdienstleistungssektor. Ein Cloud-nativer Ansatz ermöglicht es Unternehmen, moderne, skalierbare Anwendungen zu entwickeln, die zuverlässig in öffentlichen, privaten und hybriden Umgebungen eingesetzt werden können.

«Das Thema ist nicht neu, aber die Einführung der Cloud und die Modernisierung von Legacy-Systemen sind wichtige Voraussetzungen für geschäftliche Innovationen im Finanzdienstleistungssektor.»

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten für künstliche Intelligenz, zum Beispiel in der Datenverarbeitung. Ausserdem sind Distributed-Ledger-Technologien wie Blockchain aus dem Bereich des dezentralen Finanzwesens nicht mehr wegzudenken. Eingebettet in das Nutzungserlebnis und die Wertschöpfungskette für unsere Kunden haben all diese Technologien ein enormes Potenzial.

Welches sind die wichtigsten Projekte, die Sie in diesem Jahr beschäftigen?

Eines unserer wichtigsten Projekte in diesem Jahr ist der weitere Ausbau unserer Position als Employer of Choice. Als IT-Dienstleister bewegen wir uns in einem stark nachgefragten Arbeitsmarkt. Exzellente Fachkräfte sind dabei ein Schlüsselfaktor für unseren Unternehmenserfolg. Dabei reicht es nicht aus, inhaltlich besser zu sein als die Konkurrenz, sondern wir müssen sowohl für unsere bestehenden als auch für potenzielle Mitarbeitende attraktiver sein als der Wettbewerb. Daneben wollen wir natürlich auch auf allen anderen Ebenen das Wachstum unseres Unternehmens ‒ insbesondere in der Schweiz ‒ weiter beschleunigen.


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