Thomas Meier, CEO Bachem, im Interview

Thomas Meier
Thomas Meier, CEO Bachem. (Foto: Bachem)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Meier, Sie haben die Leitung von Bachem zu Jahresbeginn von Thomas Früh übernommen. Sie sind seit 1993 bei Bachem – mit welchen Zielen haben Sie Ihre neue Funktion angetreten?

Thomas Meier: Mein Ziel ist ganz klar: profitables Wachstum. Dies erreichen wir dank unserer führenden Stellung im Markt und einem fantastischen Team, welches die komplexesten synthetischen Medikamentenwirkstoffe der Welt herstellt und dabei immer die Kundenzufriedenheit in den Mittelpunkt stellt. Zusätzlich zur Peptidherstellung produzieren wir seit 2019 Oligonukleotide, damit machen wir eine klassische Produktdiversifikation. Dieses neue Geschäftsfeld wird ein zweites Standbein der Bachem Gruppe, wir sehen ein sehr grosses Potential.

Zuletzt konnten Sie hervorragende Zahlen für das Geschäftsjahr 2019 präsentieren. Bachem hat den Gewinn gesteigert und die Umsatzschwelle von 300 Mio Franken überschritten (+11%). Geht das in diesem Wachstumstempo weiter?

In den nächsten vier bis fünf Jahren werden wir gemäss unserer mittelfristigen Planung den Umsatz auf über 500 Mio Franken erhöhen. Dabei bleiben wir hellwach und aufmerksam um gerade auch in Ausnahmesituationen, wie der aktuellen Corona-Pandemie, für unsere Kunden ein verlässlicher Partner zu sein. Es ist unsere Passion sicherzustellen, dass für alle Patienten die oft dringend benötigten Bachem-Wirkstoffe jederzeit in richtiger Qualität und Menge vorhanden sind.

„Es ist unsere Passion sicherzustellen, dass für alle Patienten die oft dringend benötigten Bachem-Wirkstoffe jederzeit in richtiger Qualität und Menge vorhanden sind.“
Thomas Meier, CEO Bachem

Bachem beliefert die Pharma- und Biotechnologiebranche mit Peptid-basierten Wirkstoffen. Peptide sind aus Aminosäuren aufgebaute Moleküle. Was macht die Wirkstoffe bei der Behandlung von Krankheiten so interessant?

Ketten von Aminosäuren sind biologische Makromoleküle, die wir umgangssprachlich Eiweiss und wissenschaftlich Protein nennen. Ein Eiweiss, das aus weniger als 50 Aminosäuren aufgebaut ist, ist ein Peptid. Diese kleinen Eiweisse regeln als Botenstoffe unzählige biologische Prozesse im menschlichen Körper und ganz allgemein in der biologischen Welt. Medikamente mit Peptiden greifen gezielt und hochspezifisch in natürliche Prozesse ein. Wir nutzen damit biologische Werkzeuge, die dann zum Beispiel in der Krebsbehandlung, bei Stoffwechselerkrankungen oder im Immunsystem hilfreich Prozesse anstossen. Peptidwirkstoffe sind sehr selektiv und werden in kleinen Dosen verabreicht, daher haben sie in der Regel kaum Nebenwirkungen.

Wo finden Peptide über die Medizin hinaus Anwendung?

In der Tat ist die medizinische Anwendung das grösste Marktsegment für Bachem. Peptide werden aber sehr vielfältig eingesetzt: Aspartam, ein Dipeptid, wird als künstlicher Süssstoff für Nahrungsmittel verwendet, ebenso werden Peptide in hochwertige kosmetische Salben gegeben, damit sie die Haut straffen und dann weniger Falten sichtbar sind, weitere Verwendungen gibt es in der Tierbehandlung; der Einsatz im Agro-Geschäft wird von spezialisierten Firmen geprüft.

Peptide für die Verwendung in Generika zählen mit einem Umsatzanteil von über 40% zum Kerngeschäft von Bachem. Wie lief 2019 das Geschäft mit den Forschungschemikalien und New Chemical Entities (NCE)?

Das Geschäft mit den NCEs lief im 2019 gut. Natürlich ist das NCE-Geschäft etwas volatiler als das Generika-Geschäft, das liegt daran, dass wir Umsätze der Wirkstoffe, die wir für klinischen Entwicklungsprojekte herstellen in die Kategorie NCE einordnen. In Entwicklungsprojekten mussten wir im Jahre 2019 in der Tat einige Verzögerungen hinnehmen. Die wichtigsten Verzögerungen waren dann im ersten Quartal 2020 beseitigt. Leider gibt es nun mit der Corona-Pandemie eine neue unbekannte Einflussgrösse für Entwicklungsprojekte. In der Tat haben einige Kunden ihre Entwicklungsprojekte verzögert, da sie einen Einfluss der Pandemie auf die klinischen Daten ausschliessen wollen oder Verzögerungen bei der Patientenrekrutierung erwarten.

„Leider gibt es nun mit der Corona-Pandemie eine neue unbekannte Einflussgrösse für Entwicklungsprojekte.“

Wie viele Projekte verfolgt Bachem aktuell im Bereich der NCEs?

Wir haben in den letzten Jahren sehr gezielt unsere Business-Development-Aktivitäten qualitativ ausgebaut. Das ist uns sehr gut gelungen und wir haben nun eine Pipeline von ca. 150 Kundenprojekten, in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Wir sind zuversichtlich, dass weitere Medikamente mit Bachem-Wirkstoffen in den kommenden Jahren zugelassen werden.

Um das eingangs angesprochene Wachstum zu ermöglichen, will Bachem in den nächsten fünf Jahren 300 Millionen Franken investieren. Welcher Anteil soll in den Bereich der Oligonukleotid-Wirkstoffe fliessen, in den Bachem 2019 eingetreten ist?

Ja, wir haben sehr klare und gut ausgearbeitet Investitionspläne, die wir jährlich überprüfen und jeweils an die aktuellen Gegebenheiten anpassen. Dabei ist es in den letzten Jahren immer etwas schneller gegangen, als wir im Jahr zuvor dachten. Das gefällt mir gut, es zeigt die Dynamik unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und des Marktes. Ein grosser Teil der Investition kann für Peptide und Oligonukleotide verwendet werden. Hier haben wir Synergien, die sehr willkommen sind und die wir voll nutzen. Das betrifft vor allem Gebäude, Infrastruktur- und auch Prozessanlagen, hier vor allem diejenigen, die im sogenannten Downstream-Prozess verwendet werden. Wir investieren immer ganz bewusst modular und mit dem Ziel mehrzweck Installationen zu bauen. Dies ist unabdingbar, da die Nachfrageunsicherheit die einzige wirkliche Konstante im Pharmazulieferer-Geschäft ist.

„Ein grosser Teil der Investition kann für Peptide und Oligonukleotide verwendet werden. Hier haben wir Synergien, die sehr willkommen sind und die wir voll nutzen.“

Können Sie uns kurz erklären, welche Eigenschaften Oligonukleotid-Wirkstoffe haben und wo sie eingesetzt werden?

Wir spezialisieren uns auf Antisense Oligonukleotide und siRNAs (kleine eingreifende RNA) Oligonukleotide. Grundsätzlich greifen diese Moleküle vor der Proteinbildung in der Zelle in den biologischen Prozess ein. Wie bei den Peptiden ist die Darreichung im Körper komplex, aber vor allem über die Leber können heute Oligonukleotide als Medikamente sicher eingesetzt werden.

Wie gross ist die Nachfrage am neuen Angebot?

Die Nachfrage ist deutlich grösser als unser Angebot, wir arbeiten daran diese in Zukunft abzudecken.

Die unvermeidliche Frage zum Schluss: Inwieweit ist Bachem über die Anpassung interner Abläufe hinaus vom Coronavirus betroffen?

Es ist zu früh, um dies abschliessend beurteilen zu können. Die Ursache für die Verzögerung einiger ausgewählter klinischen Projekte habe ich bereits erklärt, anderseits haben wir mehr als 10 neue Entwicklungsprojekte in Prüfung, die für den Einsatz gegen COVID-19 getestet werden sollen. Bei den Generika-Wirkstoffen erleben wir aufgrund der Pandemie einen starken Nachfrageschub. Ein Beispiel: In unserem Werk in Vionnaz stellen wir das organische Molekül Propofol her. In Schweizer Zeitungen war zu lesen, dass dieses Medikament, das in der Intensivmedizin eingesetzt wird, knapp sei. Ich kann ihnen sagen Bachem war jederzeit lieferfähig, damit das so bleibt stellen wir Propofol nun 7-Tage die Woche her. Für uns alle bei Bachem ist es eine noble Aufgabe Wirkstoffe für Patienten herzustellen, dafür gehen wir gerne die manchmal notwendige «Extrameile».

Grundsätzlich und damit von Bachem unabhängig, denke ich, dass wir gerade in dieser Notsituation ganz spezifisch erkennen wie unabdingbar und zentral unsere wissenschaftlichen Kenntnisse sind. Während einer Pandemie benötigen wir wissenschaftliche Fakten (z.B. Testergebnisse) die wir dann interpretieren, um daraus die richtigen Entscheidungen und Massnahmen abzuleiten. Keine Frage wir erleben einen ganz einschneidenden Moment und für uns alle bei Bachem ist es faszinierend mitzuhelfen die Situation in den Griff zu bekommen. Wir erfahren hautnah wie die universitäre und industrielle Forschung solidarisch zusammenarbeiten, um so schnell wie menschenmöglich ein Vakzin zum Schutz vor COVID-19 zu entwickeln. Zusätzlich wird mit Nachdruck nach wirkungsvollen therapeutische Behandlungskonzepten und Medikamenten gesucht, die den Verlauf einer COVID-19 Infektion positiv beeinflussen. Wir bei Bachem geben diesen Pandemie-Projekten unsere ganze Aufmerksamkeit. Das sind grosse und äusserst wichtige Aufgaben, wir alle wachsen an diesen und ich bin überzeugt, dass die Summe der Erkenntnisse dieser Arbeiten zu einem Durchbruch führen wird.

Herr Meier, besten Dank für das Interview.

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