Thomas Seiler, CEO u-blox, im Interview

Thomas Seiler, CEO u-blox, im Interview
Thomas Seiler, CEO u-blox. (Foto: u-blox)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Seiler, nach einem kleinen Freudensprung über die Rückkehr in die Gewinnzone, ist es um die u-blox-Aktie wieder ruhig geworden. Was ist im Moment die grössere Unsicherheit Omikron oder der Chipmangel?

Thomas Seiler: Beide Themen, die Ihre Frage betreffen, beschäftigen uns derzeit stark: Omikron, weil die Auswirkungen auf allfällige wiederholte Schliessungen in Ländern wie Malaysia oder Taiwan – wie 2021 bereits schon passiert – nicht vorhersehbar sind. Der Chipmangel betrifft uns wegen der Überlastung der Fabriken und somit eingeschränkter Lieferkapazität, ist aber besser vorhersehbar, weil wir intern Gegenmassnahmen ergriffen und unseren Kunden mögliche Produktalternativen angeboten haben. Dank unseren sehr guten Beziehungen zu den Schlüssellieferanten konnten und können wir gemeinsame Lösungen finden, so dass unsere Auslieferungen Monat um Monat gesteigert werden können. Wir gehen davon aus, dass sich das Angebot mit der Nachfrage einpendeln wird, sobald die Hersteller die Kapazitäten ausgebaut haben werden.

Viele Supply Chain Manger gehen davon aus, dass im H2 2022 die Chips wieder «fliessen»…

Wir sind diesbezüglich noch nicht so optimistisch, was den Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage betrifft. Die Chip-Hersteller bauen nun ihre Produktionskapazitäten systematisch aus, doch bis die volle Nachfrage bedient werden kann, wird es noch Monate dauern. Wir gehen aber davon aus, dass der Markt spielt, sobald Angebot und Nachfrage wieder einigermassen «im Lot» sind.

«Die Chip-Hersteller bauen nun ihre Produktionskapazitäten systematisch aus, doch bis die volle Nachfrage bedient werden kann, wird es noch Monate dauern.»
Thomas Seiler, CEO u-blox

Wachstumstreiber von u-blox ist die stetig die zunehmende Vernetzung von Geräten und Maschinen. Wie sieht das beispielsweise im Krankenhaus aus?

Wir bieten Lösungen, sodass sich unsere Kunden aus den unterschiedlichsten Segmenten optimal für ihre Anforderung aufstellen können. Im Bereich Krankenhaus könnte das über die Vernetzung (Wi-Fi und Bluetooth) zum Beispiel bei der Ortung von Geräten der Fall sein. Im Bereich der sicheren Datenverbindungen haben wir dazu eine sehr erfolgreiche Partnerschaft mit Kudelski.

U-blox profitiert von boomenden neuen Märkten wie beispielsweise E-Trottis oder autonomen Rasenmähern, die ja zwingend ihre genaue Position finden müssen. Hat bald jeder Hund einen Chip, damit er nicht verloren geht?

Die Mikromobiltät oder autonome Rasenmäher sind tatsächlich Anwendungsgebiete, die auch oder insbesondere während der Pandemie profitiert haben. Auch Tiere lassen sich tatsächlich mit einem Chip tracken. Unser Hauptfokus liegt allerdings weniger auf diesen Consumer-Anwendungen, sondern vielmehr in den Bereichen Industrie und Automotive, wo wir weiterhin ein grosses Wachstumspotential sehen.

«Unser Hauptfokus liegt weniger auf Consumer-Anwendungen, sondern vielmehr in den Bereichen Industrie und Automotive, wo wir weiterhin ein grosses Wachstumspotential sehen.»

Lässt sich bald einfach alles zentimetergenau Orten? Und wo liegen denn die Störfaktoren?

Bei ihrem Gang auf die Erde werden GPS-Signale durch die Atmosphäre gestört und abgelenkt. Hier stellt u-blox Korrekturdaten zur Verfügung, die eine hochpräzise Positionsbestimmung per Satellit ermöglichen. Je nach verlangter Genauigkeit kommen verschiedene Datensätze zur Anwendung. Zur Komplementierung des Thingstream Service-Angebotes hat u-blox darum vor gut einem Jahr die restlichen Anteile von Sapcorda übernommen, welche Lösungen für höchste Präzision, wie eben für autonome Rasenmäher, zur Verfügung stellen.

Kommen wir zurück zu den wirtschaftlichen Störfaktoren. Kostet der Ziehharmonikaeffekt bei Teileversorgung und Bestellung nicht auch Zeit und Geld?

Wie anlässlich der Publikation der Halbjahreszahlen beschrieben, waren und sind wir aufgrund der Materialknappheit tatsächlich mit einer herausfordernden Situation konfrontiert. Einerseits war der personelle Aufwand höher, da wir grosse Anstrengungen beim Re-Design von Modulen mit besser verfügbaren Komponenten vorgenommen haben. Anderseits führte die hohe Nachfrage und Knappheit beim Material zu einem Nachfrageüberhang, sodass wir derzeit einen sehr hohen Auftragsbestand haben. U-blox hat die Prozesse nun dergestalt angepasst, dass wir mit den gegenwärtig verfügbaren Komponenten auf die Optimierung des maximalen Ausstosses fokussiert sind. So gelingt es uns, die Verkäufe Monat um Monat weiter anzuheben.

Die NZZ drosch vor kurzem auf Ihre Akquisitionspolitik ein. Was halten Sie dem entgegen?

Akquisitionen sind ein wichtiger Teil der Strategie von u-blox, nicht zuletzt zur Beschleunigung des Firmenwachstums. Mit den in den letzten 12 Jahren getätigten 18 Akquisitionen haben wir wichtiges Know-how und Engineering-Kapazitäten gewonnen und wir halten laufend Ausschau nach Unternehmen, welche uns technologisch oder skalenmässig weiterbringen können. Die zwei letzten Akquisitionen, Thingstream in 2020 und Sapcorda in 2021, haben insbesondere den Ausbau des Dienstleistungsgeschäftes zu einem wichtigen vierten Pfeiler stark beschleunigt.

«Mit den in den letzten 12 Jahren getätigten 18 Akquisitionen haben wir wichtiges Know-how und Engineering-Kapazitäten gewonnen.»

Mit der vollständigen Übernahme von Sapcorda im Frühjahr 2021 wurde der Service-Bereich nochmal gestärkt. Was kostet Sie das Servicing mit mittlerweile über 10 000 Kunden weltweit?

Das Dienstleitungsangebot für alle Kunden läuft über unsere Thingstream-Plattform und erweitert unser Produktangebot mit entsprechenden Datenpaketen. Dies zu attraktiven Margen. Die Plattform wirkt zudem als Marketing-Maschine, da sich Endkunden zuerst häufig hier Lösungen anschauen, bevor eine Hardware ins Spiel kommt.

Da u-blox nicht mit Commodities handelt, dürften Sie sicher vor dem Hintergrund des vollen Auftragsbuches die Preise erhöhen können?

Tatsächlich profitieren wir im gegenwärtigen Umfeld von einer gewissen Preissetzungsmacht, wobei wir sehr genau abwägen, wo Preiserhöhungen möglich und sinnvoll sind Im Wesentlichen geben wir vor allem Kostenerhöhungen für unsere höheren Einkaufspreise weiter, um unsere Kunden nicht zu vergraulen. Punktuell gelingt es uns aber auch, gewisse Preiserhöhungen umzusetzen, was die Bruttomarge stützt.

Von Ihren 15 weltweiten Forschungs- und Entwicklungszentren liegen alle auf Nordhalbkugel. Was macht der Süden?

Unsere Standorte sind in Gegenden zu finden, in denen Talente in unseren Wissensgebieten tätig sind. Da drahtlose Kommunikationstechnik hoch anforderungsreich ist, liegen die Orte mit solchen Wissensträgern grossmehrheitlich auf der Nordhalbkugel.

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