Urs Riedener, CEO Emmi, im Interview

Urs Riedener
Emmi-CEO Urs Riedener. (Foto: Emmi)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Riedener, Corona führte zu Einbussen im Food Service-Bereich. Können diese jetzt vollständig nachgeholt werden?

Urs Riedener: Die Ausgangslage ist von Land zu Land sehr unterschiedlich, abhängig von den Impffortschritten und der Lust der Menschen, sich wieder stark in der Öffentlichkeit zu bewegen. Insgesamt rechne ich nicht damit, dass sich die Umsätze im Food Service dieses Jahr bereits normalisieren werden. Den besten Erholungstrend sehen wir klar in den USA, und dort hat Emmi den grössten Food-Service-Anteil am Gesamtabsatz. Auch unsere Tochtergesellschaften in Spanien und Italien sind für das Food-Service-Geschäft ab Juli recht optimistisch. In der Schweiz sind wir jedoch noch recht weit von der Normalität entfernt.

«Ich rechne insgesamt nicht damit, dass sich die Umsätze im Food Service dieses Jahr bereits normalisieren werden.»
Urs Riedener, CEO Emmi

Was ist denn bitteschön ein «Netto-Null-Reduktionspfad»?

Für uns ist netZero 2050 eine Vision und ein Bekenntnis zum Klimaschutz. Unsere bisherigen Emissionsreduktionen haben wir grösstenteils mit Projekten erreicht, die sich mit einem mittelfristigen Payback nur schon betriebswirtschaftlich gelohnt haben. Weiter konnten wir der Beschaffung von nachhaltigem Strom einen bedeutenden Anteil unserer eigenen Emissionen wegradieren. Mit unserer Vision netZero verpflichten wir uns aber auch dazu, Einfluss auf die vorgelagerten Stufen wie die Milchproduktion nehmen. Ganz generell bedeutet dies, dass alle durch Menschen verursachten Treibhausgasemissionen wieder aus der Atmosphäre entfernt werden müssen.

Ja, aber was soll «Netto-Null»?

Netto bedeutet, dass die Perspektive die einer Bilanz ist. Die Null am Ende ist entscheidend. Emmi wird das Gute aus der Milch erhalten und zum Klimaschutz ihren Beitrag leisten. Eigene Anstrengungen und der technologische Fortschritt werden uns hier helfen.

«An unserer Haltung zum Umweltschutz und an unserem Engagement ändert sich durch das Abstimmungsresultat zu den drei Umweltinitiativen gar nichts.»

Hat die Ablehnung der drei Umweltinitiativen bei den Eidgenössischen Abstimmungen Rückwirkungen auf Emmis Geschäft?

An unserer Haltung zum Umweltschutz und an unserem Engagement ändert sich durch das Abstimmungsresultat zu den drei Umweltinitiativen gar nichts. Es ist klar, dass mehr für den Klimaschutz gemacht werden muss. Die Ablehnung des CO2-Gesetzes verändert diese Realität nicht. Es ist höchste Zeit, zu handeln. Auch die Anliegen von Pestizid- und Trinkwasserinitiative gehen im Grundsatz in die richtige Richtung. Die Landwirtschaft hat zwar den Auftrag, die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen, aber sie muss dabei achtsam mit den Ressourcen umgehen und sich ökologisch weiter verbessern. Die anfängliche hohe Akzeptanz der beiden Initiativen verstehe ich als Warnschuss. Wenn sich die Landwirtschaft jetzt einem stärkeren Umweltschutz verschliesst und die Agrarpolitik 2022+ hierzu keine greifbaren Massnahmen präsentieren kann, dann wird es schon bald neue extreme Initiativen geben. Und dann ist auch ein anderer Ausgang möglich.

Die Investitionen ins Anlagevermögen stiegen im letzten Jahr um ein Viertel, wegen des Baus einer neuen Käserei in Emmen und dem Bau einer hochmodernen Produktionsstätte in Brasilien. Wann sind beide Objekte fertig?

Die Emmi Gruppe investiert jährlich zwischen 100 und 150 Millionen Franken. Die beiden genannten Projekte gehören zu den gewichtigsten Grossprojekten. Beide sind auf Kurs. In Emmen wird dieser Tage die Grundsteinlegung gefeiert. Die Inbetriebnahme planen wir nach wie vor Ende 2022. In Brasilien läuft das neue Werk bereits auf Hochtouren, und im Juli geht bereits eine weitere neue Produktionsstätte in Betrieb.

Mit der Akquisition der US-amerikanischen Indulge Desserts Emmi setzt den Fuss in den grössten Dessertmarkt der Welt. Müssen Sie jetzt ihren Kreationen mehr Zucker zusetzen?

Indulge Dessert ist eine Gruppe von vier kleinen, spezialisierten Dessertfirmen im Raum New York. Diese sind erfolgreich, weil sie den Geschmack der US-amerikanischen Konsumentinnen und Konsumenten mit ihren Kreationen optimal treffen und die Produkte mit hochwertigen Zutaten, zum Beispiel Mascarpone aus Italien, herstellen. Mit dieser Akquisition setzen wir nach dem Aufbau des europäischen Marktes einen Fuss in die USA, wo wir bereits in anderen Bereichen erfolgreich tätig sind. Natürlich werden wir über Emmi Dessert USA auch vermehrt unsere echten italienische Dessertspezialitäten in die USA bringen – zu Konsumentinnen und Konsumenten, welche die traditionellen italienischen Rezepturen schätzen.

Die Division Americas soll in diesem Jahr mit plus 4 – 6% beim Umsatz zum Wachstumstreiber werden. Welche Länder ausser USA und Brasilien sind dort noch vielversprechend und warum?

Wir sind überzeugt, dass sich nach einer Rückkehr zur Normalität auch unsere bekannten Wachstumstreiber in der Division Americas wieder dynamisch zeigen werden. Konkret sind dies neben den USA und Brasilien auch Chile und insbesondere Tunesien.

Sie erwähnen Chile. Wie läuft es vor Ort mit Ihrem Joint Venture Quillayes Surlat, und wie ist dort die Coronalage?

Corona ist in Chile ein konstantes Auf und Ab, mit teilweise sehr starken Einschränkungen für die Bevölkerung und unsere Mitarbeitenden. Man darf nicht vergessen, dass es jetzt dort Winter ist. Das Virus liebt die kältere Jahreszeit. Unsere Gesellschaft hält sich sehr gut, ist auf Wachstumskurs und ist auch mit der Realisierung der Synergien aus dem Zusammenschluss auf einem sehr guten Weg.

Rechnen Sie auch für 2021 mit einem schwächeren US-Dollar?

Ich würde jedenfalls nicht auf einen stärkeren Dollar wetten. Wir sichern unser Geschäft jeweils professionell ab, damit wir bei grossen Schwankungen eine Reaktionszeit haben.

Die Ausschüttungsquote soll auf bis zu 50% steigen. Bedeutet dies gleichzeitig Zurückhaltung bei den anstehenden Akquisitionen?

Wir haben in den letzten Jahren ein gutes finanzielles Polster erwirtschaftet. Damit könnten wir auch grössere Akquisitionen stemmen, wenn sich denn eine passende Gelegenheit ergäbe.

Erstaunlich ist Emmis Logistikaufwand, der mit 2,4 % deutlich unterdurchschnittlich wuchs, obwohl ja 2020 weltweit im Zeichen gestresster Wertschöpfungsketten stand. Offenbar haben Sie die Supply Chain generell im Griff…

Emmi hat vor einigen Jahren ein zentrales Supply Chain Management auf Gruppenstufe etabliert, schaffen Synergien und schauen sehr genau auf die Kosten. Der Logistikaufwand macht uns eher im 2021 und 2022 Sorgen. Da steigen viele Preise und wir werden dies nicht absorbieren können.

Die Steuerquote ist mit 16 Prozent noch immer niedrig. Wird sie sich in den nächsten Jahren erhöhen, da Emmi mittlerweile deutlich weniger als die Hälfte ihres Umsatzes in der Schweiz macht?

Wie von uns und unseren Investoren erwartet ist die Steuerquote in den letzten Jahren leicht gestiegen. Dieser Trend wird mit der steigenden Internationalisierung steigen, ist jedoch für uns von marginaler Bedeutung.

«Homecooking und Takeaway sehen wir in der aktuell starken Ausprägung als erzwungene Zeiterscheinung und nicht als Trend.»

Neben starken Marken wie Caffè Latte, hat Emmi auch Nischenprodukten wie Ziegenmilch im Portfolio. Hat der Trend zum Homecooking und Takeaway Auswirkungen auf den langfristigen Produktemix?

Homecooking und Takeaway sehen wir in der aktuell starken Ausprägung als erzwungene Zeiterscheinung und nicht als Trend. Convenience in jeder Form ist aber natürlich ein langfristiger Trend, der uns schon einige Jahre begleitet und auf den wir uns immer stärker ausrichten. Neben unseren bewährten Produkten versuchen wir hier auch immer mal wieder etwas Neues. Gerade Käse muss für den Unterwegs-Konsum ja in einem passenden Format bereitgestellt werden. Letztes Jahr gab es von uns einen Frischkäse mit Darvida-Crackers zum Dippen. Seit diesem Frühling bieten wir Käsewürfel mit Früchten und Nüssen für unterwegs an.

Einer der Emmi-Schlager ist Kaltbach-Käse. Hat es eigentlich in der Höhle noch Platz?

Generell entwickelt sich das Käsegeschäft gut. Und Premium-Produkte wie unsere höhlengereiften Kaltbach-Käse sind sehr gefragt. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich ja auch in anderen Segmenten: dort, wo es trotz aller Einschränkungen möglich ist, gönnt man sich gerne etwas. Unsere Höhle haben wir 2010 letztmals ausgebaut, und sie ist tatsächlich gut belegt. Mittelfristig werden wir die Kapazitäten weiter erhöhen. Der Platz in der Höhle ist aber nicht der zentrale limitierende Faktor. Es braucht auch die passenden Käse für die Höhlenreifung. Die stellen wir grösstenteils nicht selber her, sondern beziehen sie von zahlreichen gewerblichen Dorfkäsereien in der ganzen Schweiz. Auch diese Kapazitäten sind beschränkt. Und unsere Selektionskriterien sind sehr streng. Da nehmen wir eher in Kauf, mal etwas knapp an Ware zu sein, als dass wir von unserem Qualitätsversprechen abweichen.

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