Vilve Vene, CEO und Mitgründerin Tuum, im Interview

Vilve Vene
Vilve Vene, CEO und Mitgründerin Tuum. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Vene, Sie sind seit fast drei Jahrzehnten in der Finanztechnologie tätig, seit gut 20 Jahren auch als Unternehmerin. Letztes Jahr haben Sie Icefire an Checkout.com verkauft und konzentrieren sich ganz auf Tuum, das zuerst als Modularbank firmierte. Weshalb die neue Markenidentität?

Vilve Vene: Nachdem wir in den letzten drei Jahren rasant gewachsen sind und uns schnell weiterentwickelt haben, um auf die Bedürfnisse unserer Kunden einzugehen – sowohl die der Banken, als auch die der Nicht-Banken, die in den Finanzdienstleistungsbereich vorstossen – war es an der Zeit, unsere Corporate Identity zu erneuern und aufzufrischen. Denn so werden unsere Unternehmenswerte und unser Marktangebot besser widergespiegelt. Der neue, kurze und prägnante Name (Tuum bedeutet auf Estnisch Kern), ohne das Wort «Bank», beseitigt auch jegliche Verwirrung hinsichtlich der Dienstleistungen, die wir anbieten. Tuum ist keine Bank, sondern ein Technologieanbieter und ein vertrauenswürdiger Partner für Banken und Unternehmen bei der digitalen Transformation oder der Einführung innovativer, neuer Angebote.

In Tuum ist Ihre langjährige Erfahrung und die Ihres Teams in der Technologie-und Bankenbranche gebündelt. Tuum hat eine Kernbankenplattform entwickelt, die aber auch für Kunden ausserhalb der Finanzwelt nutzbar ist. Was zeichnet diese modulare Core-Banking-Plattform aus?

Genau, unsere Plattform richtet sich nicht nur an Banken und Fintechs, sondern auch an Nicht-Finanzunternehmen. Was uns auszeichnet, ist unsere ausserordentliche Flexibilität in Bezug auf die Arten von Finanzprodukten, die Unternehmen über unsere Plattform anbieten können. Dank der modularen Architektur und der vielen Konfigurationsmöglichkeiten können unsere Kunden die erforderlichen Funktionen auswählen und die Produkte nach ihren spezifischen Bedürfnissen zusammenstellen, ohne den Code ändern zu müssen. Da die Plattform alle Prozesse im Privat- und Firmenkundengeschäft abdeckt – von Konten und Einlagen bis hin zu Krediten, Zahlungen und Karten – sind den Möglichkeiten unserer Kunden kaum Grenzen gesetzt.

«Was uns auszeichnet, ist unsere ausserordentliche Flexibilität in Bezug auf die Arten von Finanzprodukten, die Unternehmen über unsere Plattform anbieten können.»
Vilve Vene, CEO und Mitgründerin Tuum

Es handelt sich also um verschiedene Module, die je nach Bedarf zusammengestellt und jedes für sich auch einzeln eingesetzt werden kann?

Exakt. Der Hauptvorteil ist, dass die Kunden nicht die gesamte Plattform von uns übernehmen müssen: Da alle unsere Module unabhängig voneinander funktionieren, können sie aus den verschiedenen Bausteinen die Funktionen auswählen, die für sie im Moment relevant sind, um das (Bank-)Erlebnis zu schaffen, das ihre Kunden wiederum suchen. Und wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt bestimmte Funktionalitäten hinzufügen oder etwas an ihrem bestehenden System ändern möchten, kann dies einfach und flexibel umgesetzt werden.

Wie präsentiert sich der Funktionsumfang zum heutigen Zeitpunkt und welche weiteren Funktionalitäten sind zu erwarten?

Wie erwähnt können Kunden mit der umfassenden Funktionalität unserer Plattform, die alle wesentlichen Dienste wie Banking, Kontoführung, Überweisungen, Kreditvergabe, Einlagen, Finanzbuchhaltung, Zahlungsverkehr, Vermögenswerte und Sicherheiten sowie Karten abdeckt, bereits heute voll funktionsfähige Bankdienstleistungen für Privat- als auch Geschäftskunden einrichten. Darüber hinaus können sich Kunden bei zusätzlichen Funktionen auf Out-of-the-Box-Integrationen verlassen, die wir mit den aus unserer Sicht besten Unternehmen im jeweiligen Bereich geschlossen haben – wie Anti Money Laundering (AML) von HAWK:AI, Know your customer (KYC) von Veriff oder die Kartenausgabe- und Abwicklungslösung von Nets Estonia.

Derzeit liegt einer unserer Schwerpunkte bei der bestmöglichen Unterstützung der Bankanwendungen im Geschäftskundenbereich. Diesen Sektor müssen wir abdecken, um eine erfolgreiche digitale Transformation bei grossen Bankengruppen zu gewährleisten. Die meisten Newcomer sind im Privatkundengeschäft tätig und haben sich vielleicht auch ein wenig mit dem Business Banking beschäftigt. Die Mehrzahl der Betreiber von Core-Technologien hat sich jedoch noch nicht mit echtem Corporate Banking befasst. Wir sind zudem mit digitalen Vermögenswerten, Decentralised Finance und Kryptowährungen vertraut, um auf die entsprechenden Marktentwicklungen vorbereitet zu sein und darauf reagieren zu können.

«Mithilfe unserer Technologie können Unternehmen aus allen Bereichen Finanzdienstleistungen und -produkte in ihr eigenes Angebot einbinden, neue Einnahmequellen entwickeln und ihren Kunden den Zugang zu Finanzierungen direkt beim Kauf ermöglichen.»

Welche Unternehmen ausserhalb der Bankenwelt stehen im Fokus?

Ursprünglich wurde das Unternehmen als Dienstleistungsplattform für Banken gegründet. Doch wir haben schnell erkannt, dass unsere flexible Core-Banking-Technologie nicht auf diesen Industriezweig beschränkt sein muss. Heute konzentrieren wir uns nach wie vor auf Banken sowie Fintechs, die sich entweder von ihrem alten Tech-Stack lösen und ihren Betrieb auf eine moderne Plattform migrieren wollen oder einfach nur in kürzester Zeit kundenorientierte Finanzdienstleistungen einführen möchten. Darüber hinaus wenden wir uns auch an Unternehmen ausserhalb der Bankenbranche: vom Einzelhandel über die Automobilbranche bis hin zur Musikindustrie. Mithilfe unserer Technologie können Unternehmen aus allen Bereichen Finanzdienstleistungen und -produkte in ihr eigenes Angebot einbinden, neue Einnahmequellen entwickeln und ihren Kunden den Zugang zu Finanzierungen direkt beim Kauf ermöglichen.

Können Sie uns Tuum etwas näher vorstellen? Wie viele Mitarbeitende beschäftigen Sie derzeit an welchen Standorten?

Tuum wurde in Tallinn, Estland, aus der Taufe gehoben: Hier befindet sich unser Hauptsitz und hier entwickeln wir auch unser Produkt. Im Jahr 2020 haben wir in Berlin unser erstes Büro ausserhalb von Estland eröffnet, mit dem Ziel, von dort aus unsere Geschäft in Kontinentaleuropa zu leiten. Erst kürzlich haben wir eine weitere Niederlassung in Málaga gegründet, um neue Talente zu gewinnen. Insgesamt beschäftigen wir heute rund 70 Mitarbeitende aus über 20 verschiedenen Ländern. Im Dezember 2021 verkündeten wir zudem unsere Serie-A-Finanzierungsrunde über 15 Millionen Euro.

Wie präsentiert sich die Kundenstruktur von Tuum?

Unsere Plattform bietet viele modulare, flexible und hochgradig konfigurierbare Funktionen. Daher ist auch unser aktueller Kundenstamm recht vielfältig. Dazu gehören unter anderem eine der grössten Finanzdienstleistungsgruppen in Finnland und die neue digitale Bank Sweepbank, die auch bald in Deutschland startet. Ebenfalls zu unserem Kundenportfolio zählen eine führende baltische Einzelhandelsgruppe sowie ein neues Krypto-Fintech aus Skandinavien.

Welche Projekte konnten Sie in der Schweiz bereits abwickeln?

Vor kurzem haben wir unseren allerersten Schweizer Kunden unter Vertrag genommen: ein in Genf ansässiges lizensiertes Zahlungsinstitut. Sie werden unser Banking-Core and Payments-Modul nutzen, um grenzüberschreitende Transaktionen in Multi-Währungs-Wallets, Zahlungen und Devisen zu unterstützen.

Die digitale Transformation ist für Banken und andere Unternehmen ein aufwändiger Prozess. Wo liegen die Schlüssel zu einer erfolgreichen Transformation?

In mancher Hinsicht ist eine ganzheitliche Umstellung eine enorme Herausforderung, vor allem für grosse, etablierte Banken, die in verschiedenen Regionen und unter verschiedenen aufsichtsrechtlichen Regelungen tätig sind. Viele von ihnen arbeiten noch immer mit Programmen, Code und Altsystemen, die in den 1970er Jahren entwickelt wurden. Diese Tatsache steht künftigen Veränderungen aber nicht im Weg. Die digitale Transformation beginnt mit der Erkenntnis, dass sich die Welt verändert hat – und zwar schneller, als die Banken mithalten konnten. Sie müssen nicht nur aufholen, sondern sich auch so gestalten, dass sie den sich wandelnden und wachsenden Bedürfnissen und Erwartungen der Kunden gerecht werden. Dazu müssen sie bei ihrem Kerngeschäft beginnen und sich für andere Akteure des Ökosystems öffnen. Dies ist auch der Grund, warum der API-basierte Ansatz und Cloud Computing eine so wichtige Rolle bei der Transformation bzw. Modernisierung spielen. Für eine echte Disruption müssen Banke – aber im Prinzip alle Unternehmen – verstehen, dass Technologie keine losgelöste Funktion ist, sondern ein integraler Bestandteil jedes Geschäftsbereiches.

«Die digitale Transformation beginnt mit der Erkenntnis, dass sich die Welt verändert hat – und zwar schneller, als die Banken mithalten konnten.»

Dennoch reicht Technologie alleine nicht aus, um eine Bank zu verändern oder Kunden anzuziehen. Der Begriff «digitale» Transformation ist etwas irreführend, da er impliziert, dass der Wandel nur technologischer Natur ist. Er wird dem Ausmass der Veränderungen nicht gerecht, die erforderlich sind, um ein ganzes Unternehmen auf ein digitales Modell umzustellen. Genauso sollten Unternehmen flexibel genug sein, um die neuen Möglichkeiten, die ein besseres digitales Geschäftsmodell bietet, optimal nutzen zu können. Meiner Meinung nach ist ein Transformationsprogramm nur zu 20 Prozent Technologie und zu 80 Prozent Kultur getrieben. Wenn wir über Technologie sprechen, dann ist die Technologie, die die Transformation ermöglicht, bereits heute vorhanden. Was von Banken und anderen Unternehmen neu gedacht werden muss, sind die Geschäftsprozesse, die sich von der Offline- zur Online-Welt verlagern. Dies bringt eine lange, grundlegende Veränderung der Struktur und des Verhaltens von Organisationen mit sich, der Unternehmenskultur insgesamt.

Wie lässt sich ein schrittweiser Prozess und jahrelanger Prozess in Einklang bringen mit den strategischen Prioritäten und einer auf möglichst hohe Gewinne ausgerichteten Geschäftspolitik?

Genau das ist es: der graduelle Aufbau ist der Schlüssel, um den Transformationsprozess mit den strategischen Prioritäten in Einklang zu bringen. Dank modularer Technologien, die diesen progressiven, mehrstufigen Aufbau ermöglichen, können Unternehmen jetzt digital transformiert werden, ohne die Entwicklung auf Eis legen oder Ressourcen für den Betrieb zweier separater Systeme aufwenden zu müssen. Unternehmen können mit den strategisch wichtigsten und geschäftskritischen Funktionen beginnen und später mit dem Rest fortfahren. Sie können weiter wachsen, innovativ sein und Gewinne erwirtschaften, während sie sich transformieren.

Welche Bedeutung hat entsprechend eine – sagen wir – «interne Transformation»?

Um wie ein Technologieunternehmen zu agieren, muss das Management wie ein Technologieunternehmen denken, handeln und arbeiten. Das bedeutet, dass sie ihr kurzfristiges Denken und ihre übermässig bürokratische Entscheidungsfindung aufgeben und zu einem agileren Geschäftsmodell übergehen müssen. Auf diese Weise kann eine funktionsübergreifende Zusammenarbeit sowie kundenorientierte Entscheidungsfindung gefördert werden.

Die digitale Transformation muss von der Unternehmensspitze vorangetrieben werden. Ein Unternehmen braucht Mitarbeitende in der Führungsebene, die etwas von Technik und IT verstehen – denn die digitale Transformation ist nicht nur Sache der IT-Abteilung.

Ihr Heimatland Estland gilt als Musterbeispiel der Digitalisierung. Bereits vor über 20 Jahren wurden viele ambitionierte digitale Initiativen lanciert. Woher rührt diese frühe Erkenntnis, die Vorteile der Digitalisierung nutzen zu wollen?

In Estland sprechen wir alle fliessend digital, und ich würde sagen, der Grund dafür liegt im unkonventionellen Denken. Als winziges Land, das 1991 gerade erst seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, waren die Ressourcen damals begrenzt – weshalb sich die estnische Regierung bewusst für die Digitalisierung entschieden hat. Das war die effizienteste Art, den Stein ins Rollen zu bringen und somit der einzige Weg in die Zukunft. Deshalb wurde die so genannte e-Estonia-Bewegung ins Leben gerufen, die dazu geführt hat, dass heute 99 Prozent der öffentlichen Dienste online verfügbar sind.

Diese innovative Denkweise und die mutigen Entscheidungen des öffentlichen Dienstes sind auch auf den privaten Sektor übergesprungen. Sie ermutigten die Unternehmen, neue Wege zu beschreiten. Damals gab es noch keine bestehenden IT-Systeme, auf denen man hätte aufbauen können. Für Unternehmen, die ihr Geschäft auf einer komplexen Technologie aufbauen wollten, gab es nur eine Lösung: Sie mussten diese Technologie von Grund auf selbst entwickeln. Und genau das haben Unternehmen dann auch getan.

«In Estland sprechen wir alle fliessend digital, und ich würde sagen, der Grund dafür liegt im unkonventionellen Denken.»

Ich glaube, dass diese Denkweise, neue, effizientere Wege zu finden und nicht in der Vergangenheit stecken zu bleiben, zu einem wesentlichen Bestandteil der estnischen Unternehmenslandschaft geworden ist. Während es für uns völlig normal ist, radikale Entscheidungen zu treffen, um uns fit für die Zukunft zu machen und flexiblere Arbeitsprozesse zu etablieren, ist es genau das, womit viele europäische Unternehmen heute offensichtlich zu kämpfen haben.

Wie viel dieses Geistes steckt in Tuum?

Ich denke, dass Tuum diesen Geist sehr gut widerspiegelt. Wir haben bei der Entwicklung unseres Produkts auf Effizienz und Flexibilität geachtet und berücksichtigt, dass unser Produkt es unseren Kunden ermöglichen muss, schnell mit der Zeit zu gehen und zukunftsfähig zu sein. Wir arbeiten kontinuierlich daran, uns zu optimieren und anzupassen. Es geht nicht darum, wie die Dinge in der Vergangenheit gemacht wurden, sondern darum, wie sie heute gemacht werden könnten.

Frau Tuum, besten Dank für das Interview.

Tuum

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