ABB beim Mega-Projekt «Desertec» mit dabei?

Gemäss Recherchen der Sendung «10vor10» des Schweizer Fernsehens SF ist auch der Schweizer Industriekonzern ABB zur Tagung vom 13. Juli eingeladen worden. Zwar geht ABB nicht davon aus, dass im kommenden Monat bereits konkrete Aufträge vergeben werden; ein Sprecher wertete gegenüber «10vor10» die Einladung des Schweizer Konzerns aber als «gutes Zeichen». Auch die Solarsparte von OC Oerlikon erhofft sich durch das Grossprojekt einen branchenweiten Umsatzschub, obgleich die Konzeption des Kraftwerks auf Solarthermik und nicht auf Oerlikons Kernkompetenz Photovoltaik beruht.


400-Milliarden-Euro-Projekt
Für den Bau von Solarkraftwerken in den Wüsten Afrikas sind rund 400 Milliarden Euro veranschlagt. Damit liessen sich etwa 15 Prozent der europäischen Stromversorgung decken, sagte Münchener-Rück-Vorstand Torsten Jeworrek der «Süddeutschen Zeitung». In zehn Jahren könnten die Kraftwerke den ersten Strom liefern. Neben der Münchener Rück, die sich an die Spitze der Initiative gestellt hat, wollen sich auch die Energieversorger RWE und E.ON sowie die Deutsche Bank und Firmen aus der Solarwirtschaft anschliessen. Auch Aussen-Staatsminister Günter Gloser habe seine Teilnahme zugesagt, sagte der Münchener-Rück-Sprecher.


Energiesicherheit und Klimaschutz
Der Rückversicherer bekommt die Folgen des Klimawandels immer wieder über hohe Schäden durch Naturkatastrophen wie Wirbelstürme zu spüren und sieht zugleich neue Geschäftspotenziale in erneuerbaren Energien. «Selbst die grossindustrielle Nutzung der Sonnenenergie in den Wüsten Nordafrikas muss keine Utopie bleiben», erklärte das Unternehmen. Auf diese Weise liessen sich Energiesicherheit und Klimaschutz vereinen.


«Desertec-Konzept»
Bei dem sogenannten Desertec-Konzept geht es um Strom aus solarthermischen Kraftwerken in Nordafrika, der über Gleichstrom- Hochspannungsnetze nach Europa transportiert werden könnte. «Dies ist keine ferne Vision mehr, sondern technologisch bestechend und auch realisierbar», erklärte Jeworrek laut Mitteilung. «Desertec setzt langfristig eindeutig die richtigen Anreize, nämlich für Klimaschutz und eine CO2-arme Energiewirtschaft.» In den kommenden zwei bis drei Jahren wolle die Initiative konkrete Umsetzungspläne auf den Tisch legen, sagte Jeworrek der «SZ».


Noch kein Grossprojekt in Afrika
Schon lange setzen Wissenschaftler grosse Hoffnungen auf die Gewinnung von Solarstrom in Wüsten. Bisher kam es aber zu keinem Grossprojekt in Afrika. Mittelfristig sollten auch europäische und nordafrikanische Partner für das ehrgeizige Projekt gewonnen werden, berichtete die Zeitung. «Bei Italien und Spanien sind wir sehr optimistisch, auch aus Nordafrika bekommen wir viele positive Signale», sagte Jeworrek. Skeptisch sehe man eine mögliche Beteiligung Frankreichs. «Die Franzosen setzen noch immer stark auf Atomenergie.»


Politisch stabile Standortländer Voraussetzung
Denkbar seien Solarkraftwerke an mehreren Standorten in Nordafrika. Wichtigstes Kriterium: Die Anlagen müssten in politisch stabilen Ländern stehen, sagte Jeworrek der Zeitung. In der kalifornischen Mojave-Wüste und in Spanien gibt es erste Anlagen. Nach Einschätzung von Siemens würde eine Fläche von 300 mal 300 Kilometern mit Parabolspiegeln in der Sahara ausreichen, um den gesamten Strombedarf der Erde zu decken. «Solarthermische Kraftwerke werden einen Boom erleben, der derzeit noch schwer abschätzbar ist», sagte der Unternehmenssprecher.


Lob von Greenpeace
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace begrüsste die Pläne. «Die Initiative der Unternehmen ist eine der klügsten Antworten auf die globalen Umwelt- und Wirtschaftsprobleme dieser Zeit», erklärte Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling. Politiker in Berlin und Brüssel seien gefordert, den Investoren sichere Rahmenbedingungen zu schaffen. «Dazu gehört eine Anschubfinanzierung sowie eine Einspeisevergütung für Wüstenstrom.» Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) müsse dieses Thema zudem auf die Agenda des G8-Gipfels im Juli bringen.


Trittin schiesst quer
Dagegen warf der Grünen-Spitzenkandidat im Bund, Jürgen Trittin, der Industrie Tatenlosigkeit beim Projekt Desertec in den vergangenen Jahren vor. «Jahrelang werden grüne Ideen verlacht, und nach zehn Jahren wollen alle immer schon so gedacht haben», erklärte Trittin in Berlin. Die Forschung zu Möglichkeiten der Energiegewinnung im Mittelmeerraum habe schon zu seiner Zeit als Bundesumweltminister ein «gigantisches Potenzial zur solaren Stromerzeugung offenbart. Nun endlich entdecken auch tradierte Energieversorger diese Quelle», sagte Trittin. Wenn dies zu Investitionsbereitschaft führe, sei das aber grundsätzlich zu begrüssen. (awp/mc/ps/03)

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