Armin Marti, Partner, Steuer- und Rechtsberatung PwC

von Patrick Gunti


Herr Marti, laut der Studie «Total Tax Contribution» von PricewaterhouseCoopers und economiesuisse leisten rund 60 Grossunternehmen der Schweiz 12 % an die gesamten Steuereinnahmen des Staates. Pro Mitarbeiter führen sie dem Staat 140’000 Franken zu. Wie setzt sich dieser Betrag zusammen?

Dieser Betrag beinhaltet einerseits alle Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, welche von den Unternehmen getragen werden, wie zum Beispiel die Gewinnsteuern, Kapitalsteuern, Arbeitgeberanteile der Sozialversicherungsbeiträge usw., so genannte «taxes borne», und andererseits alle Steuern, welche von den Unternehmen für Dritte eingezogen werden, wie zum Beispiel die Verrechnungssteuer, Mehrwertsteuer, Lohnquellensteuer, Arbeitnehmeranteile der Sozialversicherungsbeiträge usw., so genannte «taxes collected» sowie die durch die Unternehmen bewirkten Einkommenssteuern ihrer Mitarbeiter. Gemessen an der Anzahl der Mitarbeiter aller Studienteilnehmer ergibt sich dieser Beitrag pro Mitarbeiter in der Höhe von rund 140’000 Franken.


Neben der Gewinnsteuer haben Unternehmen zahlreiche weitere direkte Steuern zu entrichten. Welche fallen am stärksten ins Gewicht?

Neben den Gewinnsteuern tragen die Unternehmen insbesondere die AHV/IV/EO-Arbeitgeberbeiträge, nicht rückforderbare Mehrwertsteuern (primär im Finanzsektor) und Kapitalsteuern.


Was ist unter «auf Dritte abgewälzte» Steuern zu verstehen?

Bei «auf Dritte überwälzte» Steuern oder besser gesagt «taxes collected» handelt es sich um Steuern, welche die Unternehmen für den Staat von Dritten einziehen und an den Staat abführen. Hier übernehmen die Unternehmen Inkassoaufgaben für den Staat. Dies betrifft vor allem die Verrechnungssteuer, die Arbeitnehmerbeiträge an die Sozialversicherungen, die Umsatzabgabe, die Lohnquellensteuern, den Versicherungsstempel, die EU-Zinsbesteuerung sowie die Mehrwertsteuer.


«Im internationalen Vergleich steht die Schweiz gut dar. Mit einer Total Tax Rate (TTR) von 30, 2 Prozent rangiert die Schweiz nach Kanada auf dem zweiten Platz.»


Hat Sie der ermittelte, hohe Betrag überrascht oder haben die Resultate Ihre Erfahrungen bestätigt?

Der hohe Beitrag von rund 12 Prozent der gesamten Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen des Staates von nur rund 60 Unternehmen ist durchaus enorm. Überraschend war das Ergebnis jedoch nicht, denn bereits 2007 hat economiesuisse die Umverteilung in einer Studie festgehalten. Hingegen ist der durchschnittliche Beitrag von CHF 140’000 pro Mitarbeiter auf den ersten Blick durchaus überraschend. Die Höhe des Betrages ist jedoch dadurch zu erklären, dass einige wenige Unternehmen ausserordentlich hohe Steuerbeträge für den Staat eingezogen und weitergeleitet haben.


Wie ist das Resultat im internationalen Vergleich zu werten?

Im internationalen Vergleich steht die Schweiz gut dar. Mit einer Total Tax Rate (TTR) von 30, 2 Prozent rangiert die Schweiz nach Kanada auf dem zweiten Platz. Die TTR ist eine Kennzahl welche sämtliche zu tragenden Steuern der Unternehmen innerhalb eines Landes im Verhältnis zum Gewinn vor all diesen Steuern misst. Betrachtet man ausschliesslich die Gewinnsteuern, liegt die Schweiz an der Spitze der untersuchten Länder. Überraschend ist, dass die Schweizer Unternehmen mit der höchsten durchschnittlichen Anzahl an effektiven Steuerarten konfrontiert sind. Der Aufwand für die Administration dieser Steuerarten ist im internationalen Vergleich jedoch vergleichsweise bescheiden.


Die 58 an der Studie teilnehmenden Unternehmen leisteten 2007 22 Prozent der Gewinnsteuer des Bundes. Lassen sich aus den Resultaten innerhalb dieser Gruppe Rückschlüsse auf die Umverteilung ziehen?

Ja, auch hier zeigt sich, dass die fünf grössten Steuerzahler unserer Studienteilnehmer einen Anteil von rund 83 Prozent sämtlicher direkten Bundessteuerzahlungen unserer Studienteilnehmer leisten. Die zehn grössten Steuerzahler leisten zusammen sogar einen Anteil von 91 Prozent.


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Die befragten Unternehmen generierten 2007 wie zu Beginn erwähnt mit 22 Mrd. Franken rund 12 % der gesamten Steuer und Sozialversicherungseinnahmen der Schweiz. Welche Spuren werden die Krisenjahre 2008 und 2009 bei diesem Anteil hinterlassen?

In Krisenjahren gehen die Zahlungen an Gewinnsteuern dramatisch zurück. Bei den befragten Unternehmen kam es 2008 zu einem Rückgang von 70 Prozent der Gewinnsteuern verglichen mit dem Jahr 2007. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Gewinnsteuern zum einen nur einen Teil der gesamten Steuerzahlungen eines Unternehmens darstellen, und zum anderen sehr volatil sind und sehr schnell auf konjunkturelle Schwankungen reagieren. Die übrigen Steuerzahlungen eines Unternehmens reagieren, wenn überhaupt weniger ausgeprägt und erst verzögert auf konjunkturelle Einbrüche. Sie bleiben auch in Krisenzeiten relativ konstant hoch. Bei Betrachtung der gesamten Steuerzahlleistung ergibt sich deshalb nur ein Rückgang der Steuerzahlungen von rund 15 Prozent im Jahr 2008 verglichen mit dem Jahr 2007. Die 12 Prozent der gesamten Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen des Staates beinhalten denn auch lediglich 2 Prozent Gewinnsteuern. 10 Prozent stammen aus anderen Steuerarten.


Welche Steuereinnahmen des Staates sind nicht vom Gewinn des Unternehmens abhängig?

Darunter fallen zum Beispiel die Kapitalsteuer, die Verrechnungssteuer, die Sozialversicherungsabgaben, die Lohnquellensteuer, die EU-Zinsbesteuerung, die Mehrwertsteuer, der Versicherungsstempel, alle Steuern im Zusammenhang mit Grundstücken, die Emissionsabgabe, die Umsatzabgabe, die Verkehrsabgaben, die Mineralölsteuer usw.


Wie wichtig ist der Gewinnsteuerbetrag im Zusammenhang mit der Standortwahl eines Unternehmens?

Der Gewinnsteuerbetrag ist ein sehr wichtiger Faktor für die Standortwahl eines Unternehmens, da er eine messbare Grösse darstellt und dadurch Vergleiche einzelner Standorte angestellt werden können. Er ist jedoch nicht das Mass aller Dinge, da für die Standortwahl das Gesamtpaket betrachtet werden muss. Darunter fallen neben der Total Tax Contribution, das heisst der gesamten Steuerbelastung für juristische Personen, auch die Steuerbelastung der Mitarbeiter, ein gut ausgebautes Netz an Doppelbesteuerungsabkommen eines Landes, ein stabiles Rechtssystem, hohe Lebensqualität, eine gut ausgebaute Infrastruktur, Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Arbeitnehmern und vieles mehr.


Würden Sie das schweizerische Gesamtsteuerpaket für Unternehmen im internationalen Vergleich als attraktiv bezeichnen?

Ja, das schweizerische Gesamtsteuerpaket für Unternehmen ist grundsätzlich attraktiv. Auch die Total-Tax-Contribution-Studie zeigt, dass die Schweiz im internationalen Vergleich gut dasteht. Gemessen an den von Unternehmen zu tragenden Steuern im Verhältnis zu ihrem Gewinn, rangiert die Schweiz an zweiter Stelle der Länder, für welche ähnliche Studien vorliegen.


Um die maroden Staatsfinanzen zu sanieren, dürften viele Länder in den nächsten Jahren die Steuern erhöhen. Wird der Standort Schweiz davon profitieren können?

In Steuererhöhungen liegt in der Regel nicht die Lösung für marode Staatsfinanzen. Höhere Steuern bringen zwar kurzfristig mehr Geld, auf lange Sicht wird jedoch die Tendenz beobachtet, dass vor allem international agierende Unternehmen ihre Standortwahl überdenken und sich mit ihren mobilen Funktionen in Ländern mit geringerer Steuerbelastung und besseren Rahmenbedingungen ansiedeln. Genau aus diesem Grund kann die Schweiz von Steuererhöhungen im Ausland profitieren. Durch attraktive Rahmenbedingungen können gute Steuerzahler (Unternehmen sowie Privatpersonen) in die Schweiz gelockt werden, wo sie ihrerseits zusätzliche Steuereinnahmen für die Schweiz generieren.

Herr Marti, besten Dank für das Interview.





Zur Studie:
58 der 500 grössten Unternehmen in der Schweiz haben via Fragebogen Daten zum Geschäftsjahr 2007 für ihre wichtigsten Schweizer Konzerngesellschaften abgegeben. Bei den Gewinnsteuern wurden auch die Zahlungen im Geschäftsjahr 2008 erhoben, um den Einfluss der Finanz- und Wirtschaftskrise zu erfassen. Die Studienteilnehmer beschäftigen insgesamt 146?000 Mitarbeitende. Elf der Teilnehmer sind SMI-Unternehmen und repräsentieren 71 Prozent der SMI-Kapitalisierung per Ende 2007. Insgesamt sind 39 der 58 Studienteilnehmer direkt oder indirekt an einer in- oder ausländischen Börse kotiert.


Zur Person:
Armin Marti, Partner, Leiter Coprporate Tax, PricewaterhouseCoopers AG, Schweiz.


Zum Unternehmen:
Mit dem vernetzten Know-how und der Erfahrung von mehr als 163’000 Mitarbeitenden in 151 Ländern bietet PricewaterhouseCoopers ein umfassendes Angebot von Prüfungs- und Beratungsdienstleistungen für internationale und lokal führende Unternehmen sowie für den öffentlichen Sektor. Die Spezialisierung der Mitarbeitenden in der Schweiz auf verschiedene Branchen und Märkte gestattet die spezifische Anpassung der Beratung und Unterstützung an jeden individuellen Kundenwunsch; gerade auch für mittelständische Unternehmen. Die Dienstleistungen umfassen Wirtschaftsprüfung, Steuer- und Rechtsberatung und Wirtschaftsberatung.

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