Artur P. Schmidt: Instabilität ? Der Megatrend der Finanzmärkte

Von Artur P. Schmidt
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Das Auftreten von Monsterwellen
Die Hauptgründe der Zunahme der Instabilität an den internationalen Finanzmärkten in den letzten Jahrzehnten waren das Wachstum der Informationstechnologie, die Globalisierung, die Monopolisierung der Banken und die Sekuritisierung von Anlageformen aller Art. Insbesondere die Unsitte, sich neues Geld zu leihen, um alte Schulden zu bedienen, ist ein typisches Phänomen für ein Ponzi-Schema, welches sich in vielen Bereichen der Finanzmärkte manifestiert hat. Bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts schrieb der Ökonom Hyman P. Minsky über finanzielle Instabilitäten in den Märkten, die nicht ? wie viele meinen ? durch exogene Schocks, sondern vielmehr aus dem System selbst heraus, d.h. endo, entstehen. Deshalb gab es für ihn eigentlich keine Phasen des Gleichgewichts, sondern nur der Ruhe, so wie auf hoher See, wo es einen relative ruhigen Wellengang geben kann bis Phasen der Instabilität in Form von hohem Seegang oder Monsterwellen diese Ruhe stören.


Hohe Kreditaufnahme = grösseres Pleite-Risiko
Die Monsterwellen an den Finanzmärkten sind regelmässig wiederkehrende Krisen, wobei sich gezeigt hat, dass deren Amplituden immer grösser werden. Bereits John Maynard Keynes hatte im 12. Kapitel seines Buches «Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes» auf die inhärente Instabilität von Anlageentscheidungen hingewiesen. Für Minsky war klar, dass je höher die Kreditaufnahme eines Schuldners ist, desto grösser sein Risiko des Bankrotts wird. Ein Umstand, den Banken in Erwartung eines Bailouts in den letzten Jahren schlicht ausgeklammert haben. Minsky betonte, dass hohe Staatsdefizite zwar Depressionen zu vermeiden helfen, sie damit jedoch gleichzeitig eine chronische Inflation heraufbeschwören. So konnte das Scheitern des Kapitalismus 1929 und während der Grossen Depression zwar durch eine grosse Beteiligung der Regierung an der Wirtschaft und an grossen Banken abgewehrt werden.


Offshore geparkte Risiken
Aber hätte es überhaupt soweit kommen müssen? Das Problem liegt hierbei wiederum in den ökonomischen Theorien, die grosse Verwerfungen in der Wirtschaft nicht erklären können, da diesen Theorien keine Analyseinstrumente zugrunde liegen für nichtlineare Überlagerungen unterschiedlicher Trends, die sich jederzeit aufschaukeln können. Da auch noch wichtige Gesetze des New Deal (wie z.B. der Glass Steagall Act) wieder abgeschafft wurden, war es kein Wunder, dass der US-Häusermarkt innerhalb eines Jahrzehnts in ein globales Spielcasino verwandelt werden konnte. Ein Ponzi-Schema, wie es der Namensträger nicht besser hätte erfinden können. Wenn man eine ganze Ökonomie dem Wohlwollen von Geldmanagern überlässt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn diese zu Tode geleveraged wird und Gier sämtliche Risiken beiseite wischt. Man braucht sich dann auch nicht zu wundern, wenn kriminelle Bilanzakrobatiken Einzug halten und diese Risiken in den eigentlichen Bilanzen nicht mehr auftauchen, sondern in ausserbilanziellen Tochtergesellschaften geparkt werden. Wer glaubt, dass sich an diesem Treiben etwas ändern wird, so lange Bailouts und riesige Konjunkturprogramme die Szene beherrschen, der hat die Handlungsmaxime von Kapitalsammelstellen nicht begriffen. Diese lautet: «Handle stets so, dass Du deine Profite maximierst und im Falle des Scheiterns deine Verluste auf den Steuerzahler abwälzen kannst.»


Zunahme der Krisenstärke
Ausgehend von der Kreditklemme von 1966 und den Penn Central Railroad Kollaps von 1969 bis 1970 ? verbunden mit einem Run auf den Commercial Paper Markt ? ist auch in den nachfolgenden Krisenjahren von 1974 bis 1975, von 1979 bis 1980 sowie von 1982 bis 1983 eine Eskalation nur durch eine massive Einflussnahme des Staates verhindert worden. 1974 gingen die United States National Bank of San Diego und die Franklin National Bank in New York (die bis dato grösste US-Bankenpleite) in den Konkurs und in der Folge kam es zu einem grossen Bankensterben. Grund für dieses Desaster war der Boom in Real Estate Investment Trusts (REITs), der zu einem klassischen Bubble führte. Mit dem Freibrief, den die US-Notenbank Federal Reserve damals wie auch bereits in den 60er Jahren ausstellte um das Bankensystem zu retten, wurde zugleich der Grundsstein gelegt für den zunehmend spekulativen Charakter der Finanzmärkte und die Verschuldungskrise der Dritten Welt in den 80er Jahren. 1982 ging die Penn Square Bank of Oklahoma City bankrott und der mexikanische Peso kollabierte. Ähnlich wie 2008, als die Bank of America Merrill Lynch übernahm, wurde die Penn Square durch die Übernahme der Seafirst of Seattle Bank 1982 nicht wirklich stärker, zumal die Seafirst nach dem Penn Square Debakel ebenfalls ums Überleben kämpfte.


Krisen nicht auflösen, sondern verhindern
Derartige Übernahmen schaffen lediglich monopolartige Monsterbanken, die nachfolgende Krisen in ihrem Ausmass massiv verstärken. 1984 bis 1985 musste die Continental Illinois Bank of Chicago reorganisiert und die Refinanzierung Argentiniens geschultert werden. Ohne staatliche Eingriffe oder die letzte Geldgeberfunktion («Lender of Last Resort») der Notenbanken wäre es nicht möglich gewesen, diese Krisen in den Griff zu bekommen. Die viel entscheidendere Frage ist jedoch nicht, wie man diese Krisen löst, sondern wie man deren Auftreten frühzeitig verhindern kann. Letztendlich ist eine Ökonomie ein sozialer Organismus, der sich aufgrund von gesetzlichen Rahmenbedingungen durch Erfindungen und Innovation evolutionär weiterentwickelt. Wenn man Exzesse verhindern will, so muss man die Risiken, die durch Finanzinnovationen ausgelöst werden, abschätzen können. Gelingt dies nicht, hat eine Ökonomie keine negativen Rückkopplungen sprich Risikohedges mehr und degeneriert zu einem nur noch auf positiven Rückkopplungen basierenden Ponzi-Schema.


Nur Stabilität verhindert Inflation
Die besondere Aufgabe, die den Finanzmarktaufsichten und den Kontrollgremien von Bilanzen zukommt, ist, es wie es Minsky ausdrückte, Instabilitäten zu stabilisieren. Gelingt dies nicht, kommt es immer wieder zu schweren Rezessionen oder sogar Weltwirtschaftskrisen. Doch nicht nur der plötzliche Zusammenbruch der Aktienkurse ist ein Zeichen von Instabilität, es gehört auch zu den Merkmalen von instabilen Systemen, dass die Aktienkurse quasi aus heiterem Himmel wieder stark ansteigen können, wenn auch nur aufgrund der Einflussnahme der Notenbanken und des Staates. Ob ein solcher Turnaround nachhaltig ist, hängt jedoch von der gesamten Verschuldungslage ab. Verbessert sich diese nicht und nimmt weiter zu, so kann sich die Amplitude einer Abwärtsbewegung sogar vergrössern. Geschäfte können letztendlich nur auf der Basis von Leihen und Ausleihen gedeihen, wenn genügend Sicherheitsmargen für die Gläubiger bestehen. Gehen diese verloren, so kommt es unweigerlich zu einer Kreditklemme, die durch Unternehmenspleiten und Konkurse von Privatfirmen sowie durch einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit noch weiter verschärft wird.


Monster-Bubbles
Krisen werden immer dann besonders forciert, wenn es zu einem grossen Anstieg der kurzfristigen Verbindlichkeiten kommt. Verschlechtern sich die Erwartungshaltungen für die Zukunft, können diese zu einem Damoklesschwert für die Ökonomie werden. Deshalb versuchen viele Banken in Zeiten der Krise wieder verstärkt auf mittel- und langfristige Regierungsanleihen zu setzen und kürzen das kurzfristige Verleihen von Geld, was zwar die Finanzsituation der Banken verbessert, die Ökonomie jedoch in eine Pleitewelle stürzt. Staatseingriffe mögen zwar eine Erholung herbeiführen, jedoch ist dafür ein hoher Preis zu bezahlen: fallende Einkommen und fallende Vermögenswerte durch eine Ausweitung der Inflation. Immer wenn in den USA die letzte Geldgeberfunktion von der Fed angewandt wurde, führte dies später zu massiven Inflationsschüben und einer Entwertung des Dollars. Ebenso führt der einer Krise nachfolgende Investmentboom zu neuen Finanzinnovationen, die zwangsläufig weitere Inflationsschüben und neue Bubbles mit sich ziehen. Anstatt einer tiefen Depression, die die Übertreibungen und Spekulationen aus dem Markt vertreiben würde, wählen Notenbanken und Politiker lieber eine chronische Inflation ? so werden in der Endphase der Systemkrise Monster-Bubbles erzeugt.





Artur P. Schmidt
Der Wirtschaftskybernetiker Dr.-Ing. Artur P. Schmidt wurde in Stuttgart geboren. Er besuchte im Stadtteil Zuffenhausen das Ferdinand-Porsche-Gymnasium und machte dort das Abitur. Das Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart und Berlin schloss er im Alter von 27 Jahren mit  der Bestnote im Fachgebiet Raketentechnik ab, so dass ihm von Prof. H.H. Koelle die Promotion angetragen wurde. Im Alter von 30 Jahren erhielt Artur P. Schmidt den Doktortitel für ein kybernetisches Marktanalyse-Verfahren am Beispiel der Strategischen Planung von Airbus Industries. Nach einer Beratungstätigkeit bei Anderson Consulting sowie als Leiter der Strategischen Analyse der Ruhrgas AG war Dr. Schmidt Stipendiant der Stiftung zur Förderung der systemorientierten Managementlehre und letzter Schüler von Prof. Hans Ulrich, dem Begründer des St. Galler Management-Ansatzes. Während dieser Zeit begann Dr. Schmidt seine publizistische Laufbahn, aus denen Bestseller wie «Endo-Management» und «Der Wissensnavigator» sowie Wirtschaftsbücher wie «Wohlstand_fuer_alle.com» oder «Crashonomics» hervorgingen. Sein neuestes Buch, welches im EWK-Verlag (www.ewk-verlag.de ) erschienen ist, heisst  «Unter Bankstern».


Heute ist Artur P. Schmidt Herausgeber des Online-News-Portals www.wissensnavigator.com sowie der Finanz-Portale www.bankingcockpit.com , www.wallstreetcockpit.com , www.futurescockpit.com und www.optioncockpit.com sowie Geschäftsführer der Tradercockpit GmbH (www.cockpit.li ). Dr. Schmidt ist ein gefragter Keynote-Speaker sowie Kolumnist für zahlreiche Finanzpublikationen.

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