Carlo Knöpfel, GL-Mitglied Caritas Schweiz

von Patrick Gunti


Herr Knöpfel, wann gilt man in der Schweiz als arm?


Arm ist, wer sich nicht alleine mit eigenen Anstrengungen seine Existenz und die seiner Familienangehörigen sichern kann und darum Anspruch auf Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen hat. Armutsbetroffene Menschen befinden sich oft in einer prekären Lebenslage, die durch Mangel an finanziellen Mitteln, unsicheren Arbeitsverhältnissen, gesundheitlichen Einschränkungen, beengten Wohnverhältnissen, spannungsvollen familiären Beziehungen und sozialem Rückzug geprägt ist. Arm ist darum, wem eine Perspektive fehlt und wem keine Handlungschancen eingeräumt werden.

Wer ist davon besonders stark betroffen?


Die vier wichtigsten Armutsrisiken sind das Bildungsniveau, die Zahl der Kinder in einer Familie und die Familienform, der Wohnort und die soziale Herkunft. Menschen mit geringen beruflichen Qualifikationen, Familien mit mehr als zwei Kindern und Alleinerziehende, aber auch junge Erwachsene, die in armutsbetroffenen Familien aufwachsen,  sind besonders häufig arm. Schliesslich beeinflusst aber auch das Steuersystem, die Höhe der Sozialtransfers (Prämienverbilligung bei der Krankenversicherung, Alimentenbevorschussung, Kinderzulagen, Mietzinszuschüsse, Stipendien) sowie das Niveau der Wohnmieten und der Krankenkassenprämien am Wohnort, ob jemand zu den Armen gehört oder nicht.


Verschärft die Wirtschaftskrise die Armut in der Schweiz?


Es ist zu erwarten, dass die Wirtschaftskrise mit einer zeitlichen Verzögerung die Armut in der Schweiz erhöhen wird. Langzeitarbeitslose werden bald ausgesteuert. Manche von ihnen werden arm sein und Sozialhilfe beanspruchen. Und es gibt Arbeitslose, die gar keinen Anspruch bei der Arbeitslosenversicherung gelten machen können und direkt bei der Sozialhilfe landen. Dies gilt auch für die Selbständig Erwerbenden, wenn sie ihre Geschäftsgrundlage verlieren. Schliesslich führt die Wirtschaftskrise auch zu sinkenden Löhnen und drängt so Familien in die Armut.


In der Schweiz ist das Existenzminimum über die Sozialhilfe gesichert. Ist Armut hierzulande deshalb ein Tabu-Thema oder ist sie einfach nicht sichtbar?


Für Caritas ist eine Person oder eine Familie arm, wenn sie nicht eigenverantwortlich aus eigener Kraft für sich sorgen kann. Doch Armut in der Schweiz heisst zum Glück nur in wenigen Fällen Obdachlosigkeit. Darum ist die Armut in der Schweiz nicht so sichtbar wie in vielen anderen Ländern der Welt. Sie ist ein Tabu-Thema, weil manche nicht wahr haben wollen, wie vielen Menschen es in dieser Gesellschaft nicht mehr gelingt, ohne Sozialhilfe auszukommen.


«Die Armut ist ein Tabu-Thema, weil manche nicht wahr haben wollen, wie vielen Menschen es in dieser Gesellschaft nicht mehr gelingt, ohne Sozialhilfe auszukommen.»


Welche konkreten Ziele verfolgen die Caritas und die Schweiz. Konferenz für Sozialhilfe SKOS mit der Forderung nach einer Dekade der Armutsbekämpfung in der Schweiz?


Das Fernziel muss die vollständige Beseitigung der Armut sein. Caritas Europa hat darum den Slogan «zero poverty» für die europaweite Kampagne gewählt. In der Schweiz wollen zumindest erreichen, dass in den nächsten zehn Jahren die Zahl der Armen in der Schweiz halbiert wird. Diese Vorgabe ist notwendig und erreichbar. Das braucht aber seine Zeit.


Welche Forderungen verbinden Sie damit an die Politik?


Wir erwarten, dass der Bund in der Bekämpfung der Armut auch Verantwortung übernimmt. Darum fordern wir ein Bundesrahmengesetz zur Existenzsicherung und Integration, in dem die SKOS-Richtlinien allgemein verbindlich erklärt werden. Wir wollen auch, dass mehr gemacht wird, um Armut zu vermeiden. Darum braucht es zusätzliche Anstrengungen im Bereich der frühen Förderung und Unterstützung von Familien, damit der Vererbung von Armut Einhalt geboten werden kann. Ausbildung für alle, unabhängig vom Alter ist eine weitere Forderung an die Politik. Schliesslich sollen der Bund die Kantone regelmässig Rechenschaft darüber ablegen, wie sie die Armut bekämpfen und welche Wirkung ihre Massnahmen zeitigen.


Und an die Wirtschaft?


Von der Wirtschaft erwarten wir, dass sie Nischenarbeitsplätze zu erhalten versucht, dass sie den Aufbau von Sozialfirmen unterstützt und noch mehr Möglichkeiten schafft, um Menschen mit geringen beruflichen Qualifikationen in den Arbeitsmarkt zurückzuführen. Schliesslich müssen auch die Löhne ein Thema sein. Wir erwarten, dass in allen Branchen Gesamtarbeitsverträge abgeschlossen werden, die auch Minimallöhne vorsehen. Nur so kann verhindert werden, dass Firmen die Situation wenig qualifizierte Arbeitskräfte nutzen, um die Löhne weiter zu drücken, verbunden mit dem Verweis, dass der Rest zur Existenzsicherung durch die Sozialhilfe ausgeglichen wird.


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Welche verstärkten Bemühungen unternimmt die Caritas selbst?


Caritas hat sich selber verpflichtet, die Sozialberatung markant auszubauen, noch mehr Caritas-Märkte zu eröffnen und 1000 Arbeitsplätze in Sozialfirmen zu schaffen. Das alles wohl gemerkt in den nächsten zehn Jahren.


Die Caritas-Märkte haben im vergangenen Jahr 11 % mehr Umsatz gemacht, was ja in diesem Fall ein schlechtes Zeichen ist. Wie viele Märkte gibt es derzeit und wie viele sollen es in Zukunft sein?


Wir haben im Moment 19 Caritas Märkte. Ziel ist es, in den nächsten Jahren die Genossenschaft auf 30 Caritas Märkte auszubauen. Neben diesem quantitativen Ziel möchten wir das Sortiment erweitern und mehr Gemüse und Obst anbieten, um so auch Hand zu einer gesunden Ernährung bieten zu können. Dies können wir aber nur mit Unterstützung weiterer Sponsoren realisieren.


Sie wollen Sozialfirmen mit rund 1000 Arbeitsplätzen für Ausgesteuerte und Langzeitarbeitslose schaffen. In welchen Bereichen und Tätigkeitsgebieten sollen diese entstehen?


Wir beschäftigen uns intensiv mit dem sogenannten «prosumer-Phänomen». Dieses beschreibt die Entwicklung im Dienstleistungsbereich, wo immer mehr Tätigkeiten nicht mehr von gering qualifizierten Angestellten, sondern von den Konsumenten selber erbracht werden müssen. Denken wir nur an den Detailhandel, wo wir alle inzwischen Gemüse und Früchte selber auswählen, abpacken, abwägen und etikettieren, an Tankstellen, wo niemand mehr auftanken und die Scheiben putzen kommt, an Billet-Automaten, welche die Verkäuferinnen und Verkäufer der Fahrausweise ersetzen und vielem ähnlichem mehr. Wir fragen uns, ob wir solche Aufgaben nicht wieder Sozialfirmen zuführen und damit neue alte Erwerbsarbeit schaffen können.


Wo soll in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten mit derzeit über 170’000 Arbeitslosen die Arbeit herkommen?


Sozialfirmen sind keine Beschäftigungsprogramme, sondern Unternehmen, die Menschen Arbeitsplätze im sogenannten zweiten und dritten Arbeitsmarkt anbieten. Natürlich ist immer darauf zu achten, ob solcherart Angestellte den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt machen können. Aber prinzipiell muss eine langfristige Erwerbstätigkeit in Sozialfirmen möglich sein. Dabei braucht es einiges an Phantasie, um Erwerbsmöglichkeiten zu entdecken. Wir gehen nicht davon aus, dass Erwerbsarbeit ein begrenztes Gut ist. Aber es ist uns sehr bewusst, dass es nicht leicht sein wird, genügend Arbeit bereit zu stellen.


Kommen Sie mit der Forderung nach Sozialfirmen und Einrichtung von Nischenplätzen für Sozialhilfeempfänger und vermindert vermittlungsfähige Personen nicht anderen Stellen wie den Sozialversicherungen ins Gehege? Allein die IV-Stellen sind angehalten, in den kommenden Jahren 12’500 IV-Rentnern in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren.


Wir stellen uns tatsächlich die Frage, wie diesem Druck nach beruflicher Integration in der Arbeitslosenversicherung, der Invalidenversicherung und der Sozialhilfe begegnet werden soll. Dieser Druck wird durch die Politik erzeugt. Doch bietet die Wirtschaft Hand dafür, dass dieses Ziel auch erreicht werden kann? Wenn wir uns eingestehen müssen, dass dies nicht geht, stellen sich fundamentale Fragen für die Arbeitsgesellschaft Schweiz, die noch immer davon ausgeht, dass es im Prinzip für jeden eine Möglichkeit zur Erwerbsarbeit gibt. An der Erwerbsarbeit hängt vieles. Und besonders wichtig: Die Erwerbsarbeit ist in hohem Masse identitätsstiftend. «Ich arbeite, also bin ich¨» ist das Motto der Zeit.  Was machen wir dann mit jenen, wo dies nicht mehr möglich ist? Wir glauben, dass Sozialfirmen darauf eine mögliche Antwort sind.


Caritas Schweiz ist Mitglied des internationalen Caritas-Netzwerks. Lassen sich aus Aktionen gegen die Armut von anderen Organisationen Lösungsansätze für das Vorgehen in der Schweiz finden?


Wir stehen in regem Austausch mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus anderen Caritas-Organisationen. In manchen Ländern sind die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt schon sehr viel weiter fortgeschritten als in der Schweiz. So können wir aus den Erfahrungen lernen. Doch im Kern geht es immer um dasselbe Ziel: Alle Menschen müssen eine Chance auf ein eigenständiges Leben  bekommen. Niemand darf auf Dauer ausgegrenzt werden.


Herr Knöpfel, besten Dank für das Interview.





Zur Person:


Dr. Carlo Knöpfel


– Sozialwissenschaftler, Dr. rer.pol.
– Leiter des Bereichs Inland und Netz und Mitglied der Geschäftsleitung von Caritas Schweiz
– Mitglied der Geschäftsleitung der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe SKOS
– Beratendes Mitglied der sozialpolitischen Kommission von Caritas Europa
– Dozent an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Luzern mit den Themenschwerpunkten: Gesellschaftlicher Wandel, Armut, Arbeitslosigkeit, Soziale Sicherheit und freiwilliges Engagement.
-Regelmässige Referats-, Beratungs- und Publikationstätigkeit zu aktuellen wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen


Über Caritas Schweiz:
Nothilfe nach Katastrophen, nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit sowie Engagement gegen Armut auch hierzulande: Caritas Schweiz setzt sich ein für eine Welt, in der die Grundrechte auch für die Schwachen gelten. Das Hilfswerk ist Mitglied des internationalen Caritas-Netzwerks, das weltweit 162 Organisationen umfasst. Caritas Schweiz ist mit humanitären Projekten und Entwicklungszusammenarbeit in über 50 Ländern tätig, wo sie sich gegen Armut und Hunger sowie für die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen einsetzt. In der Schweiz engagiert sich Caritas in enger Zusammenarbeit mit den Regionalen Caritas-Stellen gegen die Armut.


Darüber hinaus zeigt Caritas mit ihren Studien und Positionspapieren gesellschaftliche Probleme und Lösungswege auf. Schliesslich setzt sich das Hilfswerk für die Integration ein und betreut im Auftrag der öffentlichen Hand Asyl Suchende und anerkannte Flüchtlinge. Zu Caritas Schweiz gehören zwei Betriebe: Caritas-Fairtrade, der Produkte aus Entwicklungsländern in der Schweiz zu fairen Preisen vertreibt, und die Kleiderzentrale, die Kleider für die Hilfe im In- und Ausland sammelt. Caritas Schweiz wurde 1901 gegründet. Für die strategischen Leitlinien des Hilfswerks sind der Vorstand und das Präsidium verantwortlich. Die Geschäftsleitung ist für sämtliche Aktivitäten zuständig und besteht aus dem Direktor, einer Bereichsleiterin und fünf Bereichsleitern.

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