Christian Hosmann, Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz

von Patrick Gunti


Herr Hosmann, SOS-Kinderdorf setzt sich seit über 60 Jahren für den Aufbau von dauerhaften und zukunftsorientierten Sozialstrukturen zugunsten Not leidender Kinder und Familien ein. Welches sind die wichtigsten Ziele der Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz?

Bis ins Jahr 2016 sollen 1 Million Kinder dank der Hilfe von SOS-Kinderdorf nachhaltig ein liebevolles Zuhause erhalten. Hierfür sind weltweit tausende bestens geschulte SOS-Mitarbeiter im Einsatz, die die nötige Qualität in der Kinderbetreuung garantieren. Unser grundlegendes Ziel ist, dass vernachlässigte Kinder zu eigenverantwortlichen Bürgern heranwachsen. Generell orientiert sich unsere Stiftung an den übergeordneten Zielen des Verbunds von SOS-Kinderdorf International.


Welches sind die wichtigsten Projekte von SOS-Kinderdorf Schweiz?

Obschon wir Standorte auf der ganzen Welt betreiben, liegt der Fokus der Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz bei Afrika. Unsere wichtigsten Projekte befinden sich in Bangui/Zentralafrika, Benguela/Angola und Kankan/Guinea. Eben konnten wir ein neues Dorf in Quthing/Lesotho eröffnen. Insgesamt werden 25 Standorte weltweit ganz oder teilweise durch unsere Stiftung finanziert.


International gibt SOS-Kinderdorf über 75’000 Kindern in rund 130 Ländern ein neues Zuhause. Wie ist SOS-Kinderdorf Schweiz mit der internationalen Organisation vernetzt?

Die Zentrale von SOS-Kinderdorf International befindet sich in Innsbruck. Dort sind die sogenannten ,Continental Offices› beheimatet, über die alle Fäden zusammenlaufen. In enger Zusammenarbeit mit uns werden die internationalen Strategien festgelegt und das Controlling garantiert. In den Entscheidungs- und Kontrollprozessen sind wir als Tochterstiftung jederzeit involviert.



«Durchschnittlich zieht eine Mutter mithilfe von SOS-Tanten zehn Kinder gleichzeitig auf. Die Anforderungen sind extrem hoch. So ist dieser Beruf Berufung zugleich. Gegenüber diesen Frauen habe ich deshalb grossen Respekt.» Christian Hosmann, Geschäftsführer Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz


SOS-Kinderdorf bietet Kindern, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen können, ein neues Zuhause. Nach welchen Prinzipien wird dabei vorgegangen?

Wir bieten Kindern einen strukturierten und liebevollen Rahmen. Die vier SOS-Grundprinzipien sind denkbar einfach, doch effektiv:


1. Die Mutter: Jedes Kind wird von einer ausgebildeten SOS-Kinderdorf-Mutter betreut und aufgezogen, zu der es eine enge und liebevolle Beziehung aufbaut.
2. Die Geschwister: Jedes Kind wächst mit Geschwistern auf. Mädchen und Buben verschiedener Altersgruppen leben gemeinsam in einer Familie. Leibliche Geschwister werden nie getrennt.
3. Das Haus: Jede Familie schafft ihr eigenes Zuhause. Das Haus ist das Zentrum des Familienlebens.
4. Das Dorf: Die Familien bilden eine Dorfgemeinschaft und unterstützen sich gegenseitig. Zusatzeinrichtungen tragen die Hilfe aus dem Dorf in die Nachbarschaft.


Aktuell stehen weltweit 505 SOS-Kinderdörfer zur Verfügung. Zusätzlich werden die Familienstärkungsprogramme für die umliegenden Quartiere massiv ausgebaut. Zudem sind wir im Fall von Naturkatastrophen dank unserem Know-How und der oft bereits vorhandenen Infrastruktur ein wichtiger Partner vor Ort.


Über 5000 Frauen engagieren sich als SOS-Kinderdorf-Mütter. Wie wird man Kinderdorf-Mutter, welches sind die Anforderungen?

Eine zukünftige SOS-Kinderdorfmutter muss verschiedene interne Schulungen und Tests durchlaufen werden, um unseren strengen Anforderungen der Guidelines «Quality in Alternative Care» zu genügen. Neben einer ausgewiesenen Sozialkompetenz ist es von Vorteil, wenn die zukünftigen SOS-Kinderdorf-Mütter eine pädagogische Ausbildung vorweisen können. Viele von ihnen sind selbst Mutter von bereits erwachsenen Kindern. Oft erfüllt sie die Aufgabe innerhalb des SOS-Kinderdorfs mit Stolz, denn in vielen Ländern ist es für Frauen sehr schwierig, überhaupt einer geregelten Arbeit nachzugehen. Durchschnittlich zieht eine Mutter mithilfe von SOS-Tanten zehn Kinder gleichzeitig auf. Die Anforderungen sind extrem hoch. So ist dieser Beruf Berufung zugleich. Gegenüber diesen Frauen habe ich deshalb grossen Respekt.


Wie engagiert sich SOS-Kinderdorf Schweiz im internationalen Verbund bei Katastrophen wie zum Beispiel beim Erdbeben in Haiti zu Beginn dieses Jahres?

Die Nothilfe und der Wiederaufbau in Haiti war und ist eine der grössten Herausforderungen, die unsere Organisation seit ihrem Bestehen zu bewältigen hat. Nach dem Erdbeben wurden hunderte Kinder im SOS-Kinderdorf Santo nahe Port-au-Prince aufgenommen, ganze Zeltstädte aufgebaut und viele Familien zusammengeführt. Noch heute werden über unsere Gemeinschaftszentren täglich 40’000 Mahlzeiten ausgegeben. Zudem sind wir daran, Schulen wieder aufzubauen und Lehrer anzustellen.

Haiti gehört zu den ärmsten und politisch instabilsten Ländern der Welt. Es fehlt an allem und vor allem am politischen Willen, das Land aus der Krise herauszuführen. Der Wiederaufbau wird noch Jahre oder Jahrzehnte andauern.

Unsere Stiftung hat gleich nach dem Erdbeben Spendenaufrufe gestartet und konnte ebenfalls einen grossen finanziellen Beitrag leisten. Koordinationsaufgaben und das Monitoring konnte zu einem Teil von SOS-Haiti übernommen werden. Der Fall Haiti hat gezeigt, dass einheimische Mitarbeiter viel effektiver handeln, als ausländische Projektkoordinatoren, die weder Kultur, noch Grundproblematik, Infrastruktur oder Ansprechpersonen kennen. Für das Vorbereitungsmeeting zur internationalen Geberkonferenz in New York entsandte SOS-Kinderdorf beispielsweise den einzigen haitianischen NGO-Vertreter, der kreolisch sprach.


Die Hilfe für die Kinder wird durch Spenden oder Patenschaften finanziert, aber auch durch Beträge, die SOS-Kinderdorf testamentarisch zugesprochen werden. Welches ist die wichtigste Einnahmequelle?

Im Gegensatz zu vielen anderen NGO’s wird unsere Stiftung nicht von öffentlichen Geldern gespiesen, weshalb wir speziell auf die Unterstützung privater Geldgeber angewiesen sind. Die Hälfte der Gesamteinnahmen machen die privaten zweckungebundenen Spenden aus, danach folgen mit einem Fünftel der Einnahmen die Patenschaften. Ebenfalls knapp ein Fünftel umfassen die Zuwendungen von Stiftungen und Firmenpartnerschaften zusammen. Im Bereich der Nachlässe ist ein positiver Trend festzustellen: Immer mehr Menschen wünschen, dass ihr Erbe für einen guten Zweck und für die nächsten Generationen eingesetzt wird. SOS-Kinderdorf verbindet beides in idealer Weise.


Welche Spuren hat die Weltwirtschaftskrise beim Spendenaufkommen hinterlassen und wie hat es sich im zu Ende gehenden Jahr entwickelt?

In Bezug auf unsere Stiftung in der Schweiz spüren wir keinen signifikanten Unterschied zu den Vorjahren. International kämpfen wir jedoch mit der Euroschwäche, da die Spenden zum einem grossen Teil aus der Eurozone stammt.


Wenn sich jemand dazu entscheidet, eine Patenschaft für ein Kind zu übernehmen – was passiert konkret mit den 60.- Franken, die eine Patenschaft monatlich kostet?

Im Gegensatz zu anderen Organisationen bieten wir aus ethischen Gründen keine Kinderpatenschaften an. Wir führen jedoch eine SOS-Kinderdorf-Patenschaft, die monatlich 60.- Franken kostet. Dieser Beitrag wird für den Lebensunterhalt der Kinder und den laufenden Betrieb eines vom Paten ausgewählten SOS-Kinderdorfes eingesetzt. Die Kinder können so wieder ein liebevolles Zuhause erfahren, die Geborgenheit einer Familie spüren und eine gute Ausbildung geniessen. Zu den Betriebskosten zählen elementare Dinge wie Essen, Kleidung, Schulmaterial und Medizin.


SOS-Kinderdorf Schweiz hilft nicht erst, wenn die Not eintritt, sondern versucht, diese gar nicht erst entstehen zu lassen. Wie sieht die Präventionsarbeit aus?

Ich erachte es als wichtig, unsere drei Hauptleistungen zu unterscheiden: Nothilfeprogramme, Kinderdörfer und Familienstärkungsprogramme. Vor allem letztere beinhalten stark präventive Elemente: Familien aus den umliegenden Quartieren werden durch unsere Sozialarbeiter unterstützt, sei es in Form von Ausbildungen, Zwischenbetreuung der Kinder zur Entlastung, medizinischer Versorgung, Mikrokrediten, Anschubfinanzierungen und vieles mehr. Dies geschieht alles, um zu verhindern, dass Kinder vernachlässigt oder später zu Sozial- oder gar Vollwaisen werden. Sehr aktiv ist SOS-Kinderdorf ebenfalls in der Bekämpfung von HIV/Aids, führt Informationskampagnen durch und bietet medizinische Hilfe an. Letztlich strebt SOS-Kinderdorf Hilfe zur Selbsthilfe an. Entsprechend nachhaltig sind die Resultate, wie die Lebensläufe ehemaliger SOS-Kinderdorfbewohner oder sonstiger Begünstigten dokumentieren.


SOS-Kinderdorf verfügt über einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Welches sind die «Erfolgsfaktoren»?

Unsere Authentizität, über 60 Jahre Erfahrung, die schlanke Struktur trotz der Grösse der Organisation, unsere klaren und gelebten Prinzipien, das Engagement der Mitarbeitenden, treue Unterstützer und das permanente Ziel, so effizient als möglich zu arbeiten.



«Man muss bereit sein, sich mit der Not als solcher auseinandersetzen.»


Der Wettbewerbsdruck ist auch unter den NGO’s stark gestiegen. Wie hebt oder grenzt sich SOS-Kinderdorf ab?

Als Stiftung agieren wir autonom, sind Träger des ZEWO-Gütesiegels und unterscheiden uns auch dadurch, dass wir politisch und konfessionell ungebunden sind. Mit unseren bereits erwähnten vier Prinzipien verfolgen wir ein unvergleichbares Erfolgsmodell und leider bleibt unsere Thematik immer aktuell.


Wie wichtig sind social medias?

Für die Meinungsbildung, kurzfristige Aktionen, zur Steigerung des Bekanntheitsgrades und für gewisse Guerillaaktionen können sie sehr wichtig sein. Unsere Kernzielgruppe beginnt erst, social medias regelmässig zu nutzen. Wir selbst führen neben der eigenen Website und eine Facebook-Site.


Welchen Einfluss hat die prominente Unterstützung von Stéphane Lambiel, Christa Rigozzi, Tranquillo Barnetta oder Evelyne Binsack in der Schweiz oder international gesehen Angelina Jolie und Brad Pitt?

Dieser Einfluss ist schwer messbar. Wir wissen jedoch, dass wir mit prominenten Botschaftern Menschen erreichen, die sich sonst nicht zwingend für unser Anliegen interessieren würden. Letztlich handelt es sich um eine Austauschbeziehung innerhalb des Brandings. Es ist deshalb wichtig, dass unsere Botschafter authentisch sind und ihr persönliches Engagement ehrlich gemeint ist. Wir sind sehr froh, mit den bestehenden Botschaftern zusammenarbeiten zu können.


Wie oft sind Sie persönlich bei den von SOS-Kinderdorf Schweiz unterstützten Projekten vor Ort anzutreffen?

In unregelmässigen Abständen gehen alle unsere Mitarbeiter die Projekte vor Ort besuchen. Eben ist eine Delegation in Südafrika unterwegs. Ich selbst habe letzten Juni das SOS-Kinderdorf in Benguela/Angola besucht. Die Dörfer unterliegen bereits einer sehr strengen Kontrolle der nationalen und regionalen Büros und von unabhängigen Revisionsstellen, so dass wir nur vor Ort sind, wenn es uns braucht. Damit sparen wir Zeit und Kosten.


Mit SOS-Kinderdorf wird Kindern geholfen, trotzdem sind Sie in Ihrer Arbeit mit viel Not und Elend konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Man muss bereit sein, sich mit der Not als solcher auseinandersetzen. Die Eindrücke vor Ort, vor allem in den Armenvierteln, wo Kinder auf sich alleine gestellt sind und praktisch auf offener Strasse sterben, verfolgen mich lange. Viele Bilder werden mir nie aus dem Kopf gehen. Die Realität und die eigene Wirklichkeit divergieren oft, doch dies ist reiner Selbstschutz. Ich verarbeite das Erlebte im Wissen, dass ich die Situation dank meiner Arbeit positiv beeinflussen kann.

Bei SOS-Kinderdorf haben wir gelernt, unsere Mitarbeiter und Begünstigten vor Ort als vollwertige Partner zu anerkennen und nicht bloss als Almosenempfänger. Ich wünschte mir, dass dieser Respekt weltweit mehr gelebt würde, denn seit der Sklaverei hat sich meines Erachtens in der Grundhaltung der Industrienationen gegenüber den sogenannten Entwicklungsländern leider nicht viel geändert. Stellvertreterkriege und Ausbeutung sind oft Resultat ihres schlechten Einflusses und ihrer Gier. Die Folge ist Destabilisierung und ein entsprechend schlechtes Umfeld für ein kindergerechtes Aufwachsen. Etwas ohnmächtig beobachte ich die Folgen, damit kann ich schlecht umgehen.


Was sollte man unbedingt mitbringen, wenn man bei einer NGO arbeiten möchte?

Grundsätzlich viel Engagement und Interesse an der Sache. In den letzten Jahren haben sich viele Arbeitsbereiche innerhalb der NGO’s professionalisiert. Die Anforderungen sind mit denen in der Privatwirtschaft vergleichbar.


Letzte Frage: Was würden Sie als die grösste Herausforderung in Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn bezeichnen?

Sich täglich in Geduld zu üben, stellt für mich die grösste Herausforderung dar: Nachhaltige Hilfe kann nur mit kleinen Schritten geleistet werden. Dies unseren Unterstützern bewusst zu machen ist nicht immer einfach, da sie in der Regel schnelle Resultate erwarten.


Herr Hosmann, herzlichen Dank für das Interview.





Zur Person:
Herr Christian Hosmann wurde am 30. Juni 1971 in Bern geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach der Ausbildung zum Primarlehrer erlangte er das Diplom Fundraiser VMI. Seit 1992 berufliche Tätigkeit  als Primarlehrer, danach fünf Jahre NGO-Erfahrungen bei Amnesty International und drei Jahre Geschäftsleiter eines Kulturbetriebs in Aarau. Seit 1. September 2009 Geschäftsführer der Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz.


Zur Organisation:
Seit über 60 Jahren setzt sich SOS-Kinderdorf für den Aufbau von dauerhaften und zukunftsorientierten Sozialstrukturen zugunsten Not leidender Kinder und Familien ein. Oberstes Ziel ist es, die Grundbedürfnisse von Kindern sicher zu stellen. Dazu gehören eine Familie, Liebe, Achtung und Sicherheit. Als unabhängige Entwicklungsorganisation achtet SOS-Kinderdorf unterschiedliche Kulturen und Religionen und wirkt in Ländern und Gemeinden, wo die Hilfe einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten kann. SOS-Kinderdorf arbeitet im Sinne der UNO-Konvention über die Rechte des Kindes und setzt sich weltweit für sie ein. Als privates, politisch und konfessionell ungebundenes Kinderhilfswerk gibt SOS-Kinderdorf heute über 75 000 Kindern und Jugendlichen in über 130 Ländern ein bleibendes Zuhause.

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