Corporate Governance: Schweizer Verwaltungsräte verlieren an Boden

Ebenfalls positiv fällt die Tatsache auf, wonach neu über 55% aller Schweizer Unternehmen ein zweistufiges Modell einsetzen, bei dem VR und Management getrennt arbeiten und sich unabhängig voneinander treffen (2007: 20%). Allerdings bröckelt das Prestige der Schweizer VR unter dem Druck der Krise – sie sind gefordert, mit Mut und Umsicht zu agieren, um das Vertrauen der Kunden und Anleger zurück zu gewinnen. Dies ergibt die sechste Ausgabe der Studie «Corporate Governance in Europa» von Heidrick & Struggles, welche auf der Basis eines erweiterten Rating-Modells durchgeführt wurde. England (77%), Holland (71%), Schweden (66%) – so lauten die neuen Top 3. Damit hat nach Holland (2007) nun auch Schweden den Sprung vor die Schweiz geschafft. Vom Ergebnis her nahezu gleichauf liegen die drei Schlusslichter Deutschland (39%), Dänemark (37%) und Österreich (36%).


Schweizer VR: Spitzenverdiener, die Präsenz markieren
Verwaltungsräte verdienen in der Schweiz mit rund EUR 194’000 mehr als doppelt soviel wie ihre europäischen Kollegen (Durchschnitt: EUR 83’000). Da der fixe Anteil bei durchschnittlich 97% liegt, gehen die Autoren davon aus, dass es in der Schweiz schwieriger als anderswo sein wird, die Salärstruktur den turbulenten Zeiten entsprechend nach unten anzupassen. Umso mehr sind die VR gefordert, ihren Willen zur Verantwortung zu bekräftigen und sich von einer rein monetär geprägten Kultur abzuwenden. Mit 8.2 Meetings pro Jahr treffen sich Schweizer VR zudem weniger oft als in anderen Ländern (Durchschnitt: 9.6; Platz 1: Finnland mit 12.6 Meetings). Erfreulich ist die hohe Präsenzrate von 95% (Platz 3), die stark gestiegene Anzahl von Ausschuss-Meetings (19 pro Jahr; 2007: 14.6) sowie die Tatsache, dass Schweizer VR-Mitglieder für das operative Management gut erreichbar sind (Platz 3: 64%) und die Unternehmen langfristig begleiten (Platz 5: 6.2 Jahre im Amt).


International ja, Frauen so so la la
Der hohe Anteil an ausländischen VR-Mitgliedern (Platz 2 bzw. 45% nach Holland mit 54%, Durchschnitt in Europa: 23%) reflektiert die starke internationale Verflechtung der Schweiz. Mit Blick auf die wirtschaftlichen Ambitionen europäischer Länder in der asiatisch-pazifischen Region sagt die Studie einen Anstieg von VR-Mitgliedern aus diesen Ländern voraus (derzeit 1% ggü. 29% aus Nordamerika). Der Frauenanteil bleibt mit 9% knapp unter dem europäischen Schnitt von 10%, wobei in über einem Drittel aller Schweizer Unternehmen nach wie vor nur Männer im VR sitzen. Das Durchschnittsalter liegt bei 59.5 Jahren. Aufgrund der Finanzkrise geht die Studie davon aus, dass Erfahrung zukünftig wieder stärker gewichtet werden wird als der Ruf nach jungen, unverbrauchten Köpfen. 


Systematische Leistungsbeurteilung mangelhaft
Schweizer Firmen beurteilen die Arbeit ihrer VR öfter als früher (65% ggü. 20% in 2007), sind aber dennoch im europäischen Vergleich zurückgefallen (Platz 10; 2007: Platz 5). Generell geht der Trend dahin, neben dem Gesamt-VR auch einzelne VR-Mitglieder zu beurteilen: 42% der europäischen Unternehmen tun dies bereits. Idealerweise sollte die Bewertung unabhängig erfolgen (derzeit bei 31%, wobei bei 27% aller Unternehmen nicht offen gelegt ist, wer diese leitet). In den meisten Fällen wird eine Kombination von Fragebogen und Interview  (17%) bzw. nur ein Fragebogen (16%) eingesetzt. Die Anleger erwarten hier zukünftig viel mehr Transparenz, bevor sie wieder auf eine wirkungsvolle Kontrolle vertrauen, so die Beurteilung von Heidrick.


Unabhängigkeit und Transparenz müssen weiter gestärkt werden
Neu verfügen alle Schweizer Unternehmen zumindest über ein Audit Committee, der europaweit häufigsten Art von Ausschuss (europaweit 94%, im Vergleich zu 56% vor zehn Jahren). Dass in mehr als der Hälfte aller Audit Committees kein aktiver oder ehemaliger CFO sitzt, bewerten die Autoren als bedenklich. Im Schnitt gibt es 3.5 Ausschüsse pro Unternehmen, von denen 71% unabhängig geführt werden. Hier besteht genauso wie in Sachen Leistungsbeurteilung Nachholbedarf – wobei die Studie im gleichen Atemzug das relativ homogene Ergebnis der Schweizer VR und die erfreuliche Kultur des Miteinanders hervorhebt. Es steht zu erwarten, dass zukünftig qualitative Aspekte sowie die Themen VR-Zusammensetzung und Diversity stärker in den Vordergrund rücken. Das Fazit der Studie in Bezug auf die Schweiz lautet: nur mit mutigen Reformen kann das Vertrauen der Kunden und Anleger zurück gewonnen werden.


So wurde gemessen
Die zum sechsten Mal durchgeführte Studie erfasste 371 Unternehmen in 13 Ländern (Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Holland, Italien, Österreich, Portugal, Schweden, Schweiz und Spanien). Alle Unternehmen wurden auf der Basis veröffentlichter Informationen zum Geschäftsjahr 2007 bewertet. Die Auswahl der Unternehmen erfolgte gemäss Marktkapitalisierung in nationalen Indizes: in der Schweiz wurden die 20 grössten Unternehmen gemäss SMI unter die Lupe genommen. Zehn Jahre nach dem ersten Report wurde das Rating-Modell den neuesten Erkenntnissen bezüglich Best Practices angepasst und erweitert. Neu berücksichtigt das Rating moderne Best Practices und umfasst 41 Kriterien in den drei Kategorien «Transparenz», «VR-Zusammensetzung» und «Arbeitsweise». Jedes Unternehmen wurde gemäss diesen Kriterien individuell ausgewertet. Anschliessend wurde daraus der jeweilige Länderindex errechnet. (heidrick & struggles/mc/ps)

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