Dirk Ewert, Mercer Schweiz

von Patrick Gunti


Herr Ewert, Mercer hat in einer Studie die Lebenshaltungskosten für Mitarbeiter von international operierenden Unternehmen in 143 Grossstädten rund um den Globus untersucht. Nach welchen Kriterien erfolgt der Vergleich zwischen den Städten?


Wir wählen 202 Produkte und Dienstleistungen, welche von Expatriates nachgefragt werden, aus. Dazu gehören unter anderem Miete, öffentliche Verkehrsmittel, Haushaltswaren, Lebensmittel, Kleidung sowie Freizeitangebote. Dann vergleichen wir die Preise dieses internationalen Warenkorbes in jeder Stadt. Die Differenz führt zur Rangfolge. Das Prinzip des Lebenshaltungsindexes ist es, die Kaufkraft der Entsendeten stabil zu halten, wenn ein Mitarbeiter ins Ausland geht. Es gibt zwei wesentliche Variablen, welche die Entwicklung der Kennzahl beeinflussen. Dies sind die Währung und die Inflationsrate im Heimatland und im Ausland.
 
Die Lebenshaltungskosten sind in vielen Städten gestiegen. Welchen Einfluss haben dabei die gestiegenen Öl- und Immobilienpreise?

Der Einfluss der gestiegenen Preise für Mieten und Wohneigentum ist in einigen Städten sehr gross. In Warschau beispielsweise sind die Kosten für möblierte Häuser von September 2005 bis September 2007 um 15-50% gestiegen und in Norwegen wurde Ende letzten Jahres ein neues Allzeithoch bei den Immobilienpreisen erreicht. Der Einfluss bei den Utilities – beispielsweise Telefon und Energie – beträgt zur Zeit rund 10%.


Wie gross sind die Auswirkungen des US-Dollar-Wertzerfalls respektive des starken Euros?


Das ist ganz unterschiedlich zu beurteilen, da es grundsätzlich davon abhängt, von wo nach wo jemand gesendet wird. Die Berücksichtigung der Währungsschwankung spielt dabei eine grosse Rolle. Da beispielsweise New York eine wichtige Finanzstadt ist, bedeutet ein schwacher US-Dollar für Entsendete in die USA, dass sie mehr Geld brauchen, um denselben Warenkorb in Städten zu kaufen, die einen Wert von mehr als 100 haben.


In diesem Jahr haben infolge des schwachen US-Dollars sowie der Entwicklung der lokalen Währung einige Städte im Ranking grosse Sprünge nach vorne gemacht. Moskau und Tokio befinden sich wegen ihrer starken Währung auf den Plätzen 1 und 2 und auch europäische Städte dominieren in den ersten Plätzen infolge des starken Euros.


«Es gibt zwei wesentliche Variablen, welche die Entwicklung der Kennzahl beeinflussen. Dies sind die Währung und die Inflationsrate im Heimatland und im Ausland.» (Dirk Ewert, Mercer Schweiz)


Welche weiteren Faktoren ausser den genannten bestimmen die Entwicklung der Lebenshaltungskosten in diesen Städten?


Nicht berücksichtigt in der Studie sind zum Beispiel die Faktoren «Gesundheit» und «Ausbildung». Diese Kosten werden von den Auftraggebern meistens separat gehandhabt. Die Studie beinhaltet die Faktoren, welche internationale Unternehmen für die Berechnung der Vergütung inklusive der Nebenleistungen für die Entsendeten benötigen. Damit wird sichergestellt, dass die Entsendeten ihren Lebensstandard halten können, wenn sie ins Ausland gehen und dass die multinationalen Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben, indem sie die besten Mitarbeiter an sich binden.


Die weltweit teuerste Stadt für Mitarbeiter im Ausland ist erneut Moskau. Was macht die russische Hauptstadt so teuer und was kann man sich preislich im Unterschied zur Schweiz vorstellen?


In Moskau stellten wir fest, dass die Kosten höher sind, als anderswo auf der Welt – vor allem der Preis von Luxuswohnungen, wo geringes Angebot besteht. Beispielsweise betragen die monatlichen Mietkosten für eine luxuriöse 2-Zimmerwohnung in Zürich rund 2’500 USD, während man für ein vergleichbares Objekt in Moskau mit rund 4’500 USD rechnen muss.


Während die Verschiebungen sonst innerhalb der Top-10 relativ gering sind, hat wie bereits erwähnt Oslo vom 10. auf den 4. Platz einen grossen Sprung getan. Was hat das Leben in der norwegischen Hauptstadt innerhalb eines Jahres so verteuert?


Gründe für die gestiegenen Lebenshaltungskosten sind hier, wie auch in vielen anderen Städten, die im Ranking aufgestiegen sind, die starke Entwicklung der lokalen Währung sowie der schwache US-Dollar. Hinzu kommen die enorm gestiegenen Preise für Mieten und Wohneigentum. Die Preise für Häuser sind in Norwegen in den letzten 5 Jahren um 50 % gestiegen, in den letzten 10 Jahren um 150 %. Dies wurde verursacht durch die starke norwegische Wirtschaft und den niedrigen Zinssätzen, die vermehrt Investitionen bewirkten. Durch die starke Nachfrage nach Immobilien sind auch die Mietpreise gestiegen.


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Die Schweiz hat nicht umsonst den Ruf, ein teures Land zu sein. Gleich zwei Städte, Genf und Zürich, figurieren unter den weltweit teuersten Städten. Wie ist hier die Entwicklung in den letzten Jahren verlaufen?


Genf und Zürich sind nur noch knapp unter den zehn teuersten Städten im weltweiten Vergleich; insgesamt sind sie zwar stabil in dieser Gruppe zu finden – jedoch mit Rang 8 (Genf) und Rang 9 (Zürich) nur noch am unteren Ende.


Moskau, Zürich, Oslo – diese Städte an der Spitze zu finden, überrascht wenig. Wie verhält es sich mit den Lebenshaltungskosten in den aufstrebenden Nationen wie China, Indien, Brasilien oder auch in den osteuropäischen Staaten?


Die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) geben ein unterschiedliches Bild ab, obschon fast alle im Vergleich zum Vorjahr im Ranking gestiegen sind. In China kann, im Vergleich zu New York, das Leben für Expatriates sowohl günstiger als auch teurer sein – ganz abhängig vom Standort. Beispielsweise liegt Peking auf Rang 20, während Tianjin auf Rang 123 zu finden ist. Die beiden untersuchten russischen Städte – Moskau auf Rang 1 und St. Petersburg auf  Rang 18 – liegen im Ranking im Vergleich zu New York in den vorderen Rängen, während die indischen Städte eher hinter New York zu finden sind. Auch die osteuropäischen Städte sind im Ranking im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Zum Beispiel Prag von Rang 49 auf Rang 29. Hier sind die gestiegenen Lebenshaltungskosten auf die enorm gestiegenen Mietpreise zurückzuführen.

Welche Stadt hat sich im Vergleich zum Vorjahr am meisten verteuert und was sind hier die Gründe?


Teheran ist die Stadt, die im Ranking am stärksten seit März 2007 bis März 2008 gestiegen ist – mehr als 3 Dutzend Plätze! Dazu geführt haben insbesondere die gestiegenen Immobilienpreise sowie der Anstieg der Preise im Produkt- und Dienstleistungsportfolio. Im Iran herrscht ein richtiger Immobilienboom, welcher auf die Wirtschaftspolitik von Präsident Mahmoud Ahmadinejad zurückzuführen ist. Ahmadinejad kürzte die Bankzinsensätze trotz starken Liquiditätswachstums vom letzten Jahr. Iran weist eine stabile Inflation auf, was zu starken Investitionen in Immobilien verleitet. Dieser Trend wird sich in nächster Zeit fortsetzen. Weiterhin schwache Zinssätze, starke Nachfrage nach Häusern, sowie die Bedrohung von UN Sanktionen heizen die Preise weiter an. Dadurch wird immer mehr Kapital in Immobilien investiert. Durch diesen Trend steigen auch die Mietpreise.


«Die Preissteigerung, speziell bei Lebensmitteln und Benzin, ist ein Trend in allen Regionen der Welt.» (Dirk Ewert)


Wird die Kluft zwischen den teuersten und den günstigsten Metropolen grösser und wenn ja, aus welchen Gründen?


Tendenziell sieht man unterschiedliche Preisentwicklungen in den einzelnen Standorten. Man darf aber nicht vergessen, dass wir auch noch unterschiedliche Wechselkurse vorliegen haben. Diese können als Beschleuniger oder abschwächend wirken. Die Preissteigerung, speziell bei Lebensmitteln und Benzin, ist ein Trend in allen Regionen der Welt. Da es in New York, welches die Basis ist, auch Preissteigerungen gegeben hat, werden die Veränderungen im Ranking hauptsächlich durch Änderungen der Währung oder der Inflationsrate verursacht.


Mit der Studie will Mercer international operierende Unternehmen bei der Festsetzung der Gehälter ihrer Mitarbeiter im Ausland unterstützen. Wie weit werden die Daten von den Unternehmen verwendet und wie verläuft die Zusammenarbeit mit den Unternehmen?


Mittels umfangreicher globaler Datenbanken und mit internationalem Know-how führt Mercer den Kunden durch die Vielzahl unterschiedlicher rechtlicher, steuerlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern. Die einzigartige Mercer-Datenbasis wird mit Rücksicht auf die unternehmensspezifischen Erfordernisse ausgewertet: Dynamische Vergleiche der Kaufkraft von Gehältern unter Berücksichtigung von Lebenshaltungskosten, Lebensqualität und steuerlichem Umfeld helfen bei der Entwicklung einer optimalen Vergütungsstrategie für verschiedene Auslandsstandorte.


Herr Ewert, besten Dank für das Interview.





Zur Person
Dirk Ewert trägt die Verantwortung für Mercers Geschäftsbereich Information Products Solutions in der Schweiz, in Österreich und Deutschland. Er ist speziell zuständig für Vergütungs- und Entsendungsinformationen, HR-Softwareprogramme, datennahes Consulting sowie HR-Publikationen. Seine breite Erfahrung basiert auf vielfältigen Projekten für lokale und internationale Firmen. Dirk Ewert ist Diplom-Kaufmann und Diplom-Volkswirt. Zusätzlich hat er einen Abschluss als Diplom-Informatiker der European Business School.


Über Mercer
Mercer zählt zu den führenden internationalen Anbietern von Dienstleistungen in den Bereichen Personalvorsorgeberatung, Outsourcing von Pensionskassendienstleistungen, Investment Consulting und Human Capital Management. Mercer ist mit 17.000 Mitarbeitern in über 40 Ländern tätig und betreut weltweit über 20.000 Kunden. Das Unternehmen ist Teil der Marsh & McLennan Companies, Inc. Die Aktie der Muttergesellschaft ist mit dem Ticker-Symbol MMC an den Börsen New York, Chicago und London notiert.


Mercer (Switzerland) SA
In der Schweiz ist Mercer mit derzeit rund 150 Mitarbeitenden an den Standorten Zürich, Genf und Nyon vertreten und bietet ihren Kunden ein umfassendes Dienstleistungsangebot, das von der vorsorgerechtlichen Beratung, Geschäftsführung und Administration von Pensionskassen, Rechnungslegung von Vorsorgeverbindlichkeiten bis hin zum Investment Consulting reicht. Darüber hinaus unterstützt Mercer Unternehmen im Bereich von Human Capital- und Vergütungsmanagement.

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