Doris Leuthard, Bundespräsidentin

Von Rino Borini, PUNKTmagazin


Rino Borini: Traditionell beurteilt man einen Politiker nach 100 Tagen, wir finden 1000 Tage aussagekräftiger. Was war aus ihrer Sicht das «Highlight» ihrer dreijährigen Amtszeit? Worauf sind Sie besonders stolz?


Doris Leuthard: Es geht mir als Bundesrätin nicht darum, den eigenen Stolz zu befriedigen, sondern dafür zu sorgen, dass es uns Schweizern möglichst gut geht. In diesem Sinn gibt es nicht Höhepunkte, aber dafür gewisse Entscheidungen, die positive Wirkungen für die Bevölkerung haben.



«Wir alle sind gefordert, neue Lösungen zu suchen, um Chancen und Perspektiven für die Jungen zu eröffnen». Doris Leuthard, Bundespräsidentin


Seien Sie konkret. Sprechen Sie das Konjunkturprogramm an?


Ja genau. Die drei Pakete mit Stabilisierungsmassnahmen stützen die Schweizer Wirtschaft während der Krise. Die umgehend ergriffenen Massnahmen haben dazu beigetragen, dass die Arbeitslosenzahlen weniger stark und weniger rasch gestiegen sind, als befürchtet werden musste. Mit dem Abschluss eines Freihandelsabkommens mit Japan konnten wir zudem den zweitwichtigsten Vertrag in der Aussenwirtschaftspolitik der Schweiz feiern. Das sichert langfristig Arbeitsplätze.


Bleiben wir beim Freihandelsabkommen. Die Schweiz investiert etwa 16 Mal mehr in Japan als umgekehrt. Was unternehmen Sie, um das Wechselverhältnis – generell mit unseren ausländischen Freunden – ausgeglichener zu gestalten?


Nicht zuletzt darum habe ich – kurz nach dem Inkrafttreten des Freihandelsabkommens mit Japan am vergangenen 1. September – mit einer Schweizer Wirtschaftsdelegation Japan bereist und die dortigen Wirtschaftsverbände getroffen. Wir haben diese Treffen für die Schweizer Standortförderung genutzt und potenziellen Investoren die Vorzüge der Schweiz gepriesen. Wer weiss, vielleicht werden wir schon sehr bald Resultate sehen?!



«Praktika dürfen nicht dazu benutzt werden, um einfach weniger zahlen zu müssen als in einer Festanstellung. Missbräuche können wir nie ganz verhindern, aber sie werden eine Ausnahme bleiben.»


Wenn sie jemanden im Ausland besuchen, finden Sie dann auch Zeit, sich das Land und die Kultur anzusehen, oder gibt es nur Flughafen, Tagungsräume und Hotelzimmer?


Dazu kommen noch Ministerien und einzelne Unternehmen, die ich besuche, wenn ich mit einer Wirtschaftsdelegation unterwegs bin. Tatsächlich bleibt wenig Zeit für touristische und kulturelle Ausflüge. Auf längeren Reisen versuchen wir aber schon, wenigstens kurze Einblicke in die lokale Kultur zu erhalten. Jedoch hat auch das wiederum mit meiner Position als Bundesrätin zu tun. Denn Menschen oder eben Kulturen zu verstehen, ist äusserst wichtig für Gespräche und Verhandlungen.


Welche Bestrebungen unternehmen Sie, um neue Märkte vermehrt mit der Schweiz in Verbindung zu bringen?


Wir haben derzeit zwanzig Freihandelsabkommen rund um den Globus in Kraft und sind daran, weitere zu realisieren. Damit verbessern wir den Marktzugang für unsere Exportindustrie. Verhandlungen laufen gegenwärtig beispielsweise mit dem BRIC-Exponent Indien und dem «Frontier Market» Thailand.


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Was ist Ihre Vision Bezüglich Aussenhandel? Anders gefragt, wohin wollen Sie mit unserem Land?


Wir sind stark exportlastig und daher weiter auf gute Bedingungen angewiesen. Vieles hängt von den Verhandlungen in der Welthandelsorganisation (WTO) ab. Welthandelsregeln wären da um einiges einfacher als unzählige einzelne Abkommen. Die Doha-Runde von 2001 sollte eigentlich längst abgeschlossen sein. Für die Schweiz wie für andere Länder auch wird ein allfälliger Abschluss der Verhandlungen weitreichende Folgen haben. Mir geht es heute darum, die Schweiz so zu positionieren, dass wir möglichst vorzeitig bessere Bedingungen erhalten in den wichtigsten Wachstumsmärkten der Welt – und uns damit auch weniger abhängig von Europa machen. Im Bereich der Landwirtschaft ist der Abbau von Zöllen für uns schmerzhafter, aber Konzessionen gegenüber Entwicklungsländern sind unerlässlich. Hier bereiten wir uns vor, indem wir mit der EU über Freihandel verhandeln. Das würde auch Vorteile bringen.


Frau Bundesrätin, Sie sind alterstechnisch die jüngste im Gremuim. Wie beurteilen Sie die aktuelle Jugendarbeitslosigkeit?


Sie macht mir grosse Sorgen, da sie die Kategorie der 20- bis 24-Jährigen mit derzeit 6,4 Prozent überdurchschnittlich trifft. Bundesrat und Parlament haben mit der dritten Stufe der Stabilisierungsmassnahmen ein Paket vorgelegt, das vor allem die Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit zu lindern hilft – etwa mit einem Zustupf an die Weiterbildung und mit finanziellen Anreizen für die Unternehmen, junge Stellensuchende mit wenig Berufserfahrung zu beschäftigen. Abgesehen davon sind Praktikumsstellen ein wichtiger und erfolgversprechender Schritt in die Berufswelt, wir bauen diese konstant aus.


Ist für Sie die derzeitige Situation eine zusätzliche Bürde?


Nicht eine Bürde, aber eine grosse Verantwortung. Wir alle sind gefordert, neue Lösungen zu suchen, um Chancen und Perspektiven für die Jungen zu eröffnen.


Eine Befürchtung vieler Jugendlicher ist, dass kurzfristige Überbrückungslösungen in Form von Praktika kontraproduktiv sind, weil hochqualifizierte als Praktikanten missbraucht werden.


Praktika dürfen nicht dazu benutzt werden, um einfach weniger zahlen zu müssen als in einer Festanstellung. Missbräuche können wir nie ganz verhindern, aber sie werden eine Ausnahme bleiben. Die grosse Mehrheit der Arbeitgeber ist sich ihrer Verantwortung den jungen Leuten gegenüber durchaus bewusst. Die jungen Leute, die jetzt praktisch als Notlösung eine Praktikumsstelle antreten und Berufserfahrung sammeln, dürften nach der Krise sehr schnell vom Aufschwung profitieren und eine Stelle finden. Dies, weil sie gut gerüstet und sicher motiviert sind.


Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Firmen Praktikumsstellen schaffen anstatt neuer Jobs, um so die Zuschüsse vom Staat zu erhalten.


Wie gesagt, Missbräuche werden sich nie ganz vermeiden lassen. Aber es gibt auch Kontrollen. Und wer als Unternehmer alle sechs Monate eine neue Praktikantin oder einen neuen Praktikanten einarbeiten muss, stellt schnell fest, dass man mit permanenten Mitarbeitenden viel weiter kommt.


Sie haben ebenfalls einen Praktikanten gesucht und verzichten dabei auf zehn Prozent Ihres Lohns. Sind Sie zufrieden mit dem neuen Praktikanten?


Der Praktikantin! Auf jeden Fall. Sie unterstützt in erster Linie meine Referentin, die für den Bereich Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) meine Ansprechperson ist. Da gibt es in letzter Zeit besonders viel Arbeit.


Das macht uns natürlich neugierig. Was muss eine Praktikantin im Departement Leuthard an Skills mitbringen?


Wichtig ist sicher die rasche und kritische Verarbeitung von Dokumenten. Bei uns benötigen wir Leute mit viel Allgemeinwissen, die rasch Zusammenhänge erfassen und Schlussfolgerungen ziehen können. Ich erwarte eine exakte Arbeitsweise und Sozialkompetenz. Talent zum Schreiben und Formulieren ist ebenso willkommen wie gutes Auftreten.






Frau Leuthard, Wir stellen Ihnen einige Fragen und bitten um prägnante Aussagen:

Was nervt Sie an der Politik am meisten?
Wenn um den Brei herumgeredet wird.

Was gefällt Ihnen am System Schweiz?
Die Freiheit und die direkte Demokratie, selbst wenn letztere die Abläufe teilweise sehr verlangsamt.

Welche Persönlichkeit finden sie spannend?
Da gibt es klar mehr als eine.

Ist die Zusammensetzung der G-20 zeitgemäss?
War sie das jemals?

Mein grösster Wunsch für die Schweiz ist:
Ein momentaner Wunsch ist, dass sie die Krise möglichst schadlos überwindet. Ein langfristiger Wunsch ist, dass sie weiterhin in den weltweiten Rankings Spitzenplätze belegt.








Das Interview stammt aus dem PUNKTmagazin mit dem Themenschwerpunkt «Gesundheit».


Der Umgang mit Gesundheit verändert sich. Die morderne Technologie hat Möglichkeiten geschaffen, eine Vielzahl von krankheiten zu heilen. Der Mensch identifiziert sich vermehrt über seinen gesunden Lebensstil, und die Triebkräfte Überalterung, Urbanisierung, technologischer Fortschritt wie auch Globalisierung verändern den Markt nachhaltig. Das Thema Gesundheit dürfte ein wesentlicher Treiber des nächsten Aufschwungs sein.

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