Etienne Jornod, CEO Galenica

von Radovan Milanovic


Galenica berichtete für das Geschäftsjahr 2009 von einem Anstieg des konsolidierten Umsatzes um 7,7% auf 2,9 Mrd. CHF, während das Betriebsergebnis vor Abschreibungen, der EBITDA um 14,6% auf 401,1 Mio. CHF zurück ging. Sie führen diese Entwicklung auf höhere Forschungs- und Entwicklungs-, sowie Vermarktungskosten des Eisenpräparates zurück. Sind diese Ausgaben und in welchem Umfang bereits von Erfolg gekrönt?


Aufgrund der komplett unterschiedlichen Aktivitäten von Galenica, werden wir uns nur zum EBIT (+1,1%) und zum NPAT der Gruppe (+11,2%) äussern, da der Umsatz Grossistenverkäufe (EBIT 1%) mit Retail (EBIT 5%) und Pharma (EBIT >20%) umfasst. Auf dem Schweizer Markt ist Ferinect® die beste Lancierung der ganzen Pharmaindustrie im Verlauf der letzten 10 Jahre. Auf internationaler Ebene haben wir in Deutschland bereits ausgezeichnete Resultate erzielt. Wobei Deutschland der erste Markt ausserhalb der Schweiz war, wo wir Ferinject® lanciert haben. Der internationale Erfolg von Ferinject® wird sich erst in einer Zeitspanne von 2 bis 5 Jahren abzeichnen.


Ihr Betriebsergebnis, der EBIT, stieg um 1,1% auf 266,1 Mio. CHF an, wobei rund zwei Drittel dieses Ertrages in der Schweiz erzielt worden sind. Wo sehen Sie in Zukunft das grösste Wachstum für Ihre Gruppe? Was sind Ihre diesbezüglichen Aktivitäten?


Zwei Drittel ausserhalb der Schweiz. Das Potenzial liegt ganz klar im Bereich Pharma auf internationaler Ebene.


Galenica berichtete zum vierzehnten Mal von einem zweistelligen Gewinnwachstum.  Der anvisierte Reingewinn erhöhte sich um 11,2% auf 210,4 Mio. Franken. Gehen Sie davon aus, auch in diesem Geschäftjahr von einem ähnlich guten Resultat berichten zu können? 


Wir verfügen mit Ferinject® über ein Produkt, das weltweit Erfolgspotenzial hat. Es gibt sehr viele Patienten, die unter Eisenmangel leiden, aber die entsprechende Diagnose wird nicht gestellt. Allein in Europa beispielsweise werden heute nur 5% der Patienten mit Eisenmangelanämie behandelt. Anders ausgedrückt: 95% müssten behandelt werden, viele davon mit intravenös verabreichbarem Eisen.


Es sind Patienten aus den Indikationsbereichen Kardiologie, Nephrologie, Gastroenterologie, Onkologie, Chirurgie oder Gynäkologie. Unsere Aufgabe ist es, die Ärzte für die dort auftretenden Eisenmangelerscheinungen zu sensibilisieren. Zum Beispiel mit Studienresultaten und Know-how-Vermittlung an Kongressen. Das hat oberste Priorität, darauf konzentrieren sich all unsere Anstrengungen!


Wir sind derzeit alleine auf dem Markt mit einem Produkt wie Ferinject® und wir wollen die Gunst der Stunde nutzen. Es geht uns in Europa nicht darum, kurzfristiges Wachstum zu generieren, sondern die Entwicklung von Galenica nachhaltig sicherzustellen: Deshalb haben wir entschieden, den gesamten Gewinnzuwachs umgehend wieder zu investieren. Auf Basis unseres ersten Budgets für 2010 gingen wir davon aus, den Nettogewinn um 20% zu steigern. Das heisst, wir werden dieses Jahr zusätzlich CHF 50 Millionen in Forschung und Entwicklung sowie in die Vermarktung von Ferinject® in Europa investieren. Unser Ziel ist es folglich, das Ergebnis des vergangenen Jahres von CHF 210 Mio. im Geschäftsjahr 2010 zu wiederholen.



«Es geht uns in Europa nicht darum, kurzfristiges Wachstum zu generieren, sondern die Entwicklung von Galenica nachhaltig sicherzustellen: Deshalb haben wir entschieden, den gesamten Gewinnzuwachs umgehend wieder zu investieren.» Etienne Jornod, CEO Galenica


Galenica ist in vier Geschäftsbereiche unterteilt, Pharma, Logistics, Retail und HealthCare Information. Vifor Pharma ist dabei auf verschreibungspflichtige Medikamente gegen Blutarmut, Nierenkrankheiten und Autoimmunkrankheiten spezialisiert. Im Zuge der globalen Kostensparmassnahmen im Gesundheitssektor und tendenziell steigender Absatz nach Generika dürfte der Absatz dieser Produkte stagnieren oder gar zurückgehen? Inwiefern ist Galenica vom Trend nach Generika betroffen?


Ganz allgemein stellen wir fest, dass uns der Umsatzrückgang durch Generika bis anhin weniger stark belastet hat, als angenommen. Ferinject®, unser aktuell wichtigstes Produkt, ist bis ins Jahr 2023 patentgeschützt. Aber wir sind natürlich bei anderen Produkten mit Kopien konfrontiert, so zum Beispiel bei Venofer®. Unsere Partnerschaft mit Fresenius Medical Care spielt hier eine ganz zentrale Rolle. Die Vereinbarung beinhaltet die Vermarktung und Anwendung der beiden Eisenpräparate Venofer® und Ferinject® im Dialysebereich (in Europa, im Nahen Osten, in Afrika und in Lateinamerika sowie über unseren Partner Luitpold in den USA und Kanada). Sie sichert langfristig den Absatz unserer Eisenprodukte.


Gleichzeitig investieren wir in unsere Produktpipeline. So haben wir beispielsweise Anfang Jahr eine Vereinbarung mit der deutschen Evotec AG unterzeichnet für die Entwicklung eines präklinischen Kandidaten im Bereich Anämie. Evotec ist ein führendes Unternehmen in der Erforschung und Entwicklung von neuartigen niedermolekularen Wirkstoffen. Die Entwicklung unseres Phosphatbinders PA21 ist sehr gut vorangeschritten, so dass wir bereits daran sind, Partner für die weiteren Entwicklungs- und Vermarktungsschritte zu suchen.


Mit dem Kauf von OM Pharma sind Sie direkt im Generika-Geschäft präsent. Was sind die Erwartungen in diese Firma? Welche Erfahrungen konnte Sie bereits mit OM Pharma sammeln? 


OM Pharma ist auf dem Generikamarkt nicht aktiv. Die Akquisitionen von OM Pharma und Sun Store im Jahre 2009 waren von grosser strategischer Bedeutung. Mit OM Pharma verstärken und diversifizieren wir unser Produktportfolio. Die Medikamente von OM Pharma werden zu 98% im Ausland vertrieben, und wir können Synergien nutzen, vor allem auf den europäischen und lateinamerikanischen Märkten. In der Schweiz haben wir bereits einen gemeinsamen Aussendienst für die Produkte von OM Pharma und von Vifor Pharma aufgebaut. Gleichzeitig prüfen wir, wo wir gemeinsame Partnerschaften in anderen Ländern nutzen können.


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Schrumpfende Margen können nicht über Mengenausweitungen in einem sättigenden Markt kompensiert werden. Wie begegnen Sie diesem Umstand?


Mit dem klaren Setzen von Prioritäten, der Konzentration unserer Stärken und Mittel und mit innovativen Konzepten. So wollen wir zum Beispiel im Geschäftsbereich Retail den Umsatzanteil jener Produkte kontinuierlich ausbauen, die nicht behördlichen Preissenkungsmassnahmen ausgesetzt sind (wie z.B. OTC, kosmetische Produkte), und gleichzeitig Dienstleistungen wie den HerzCheck® oder den Hörtest ausbauen. Wir sind in allen Geschäftsbereichen gefordert, laufend die Effizienz und die Rentabilität zu verbessern. Und wie andere Pharmaunternehmen sind auch wir sind gezwungen, Kosteneinsparungsmassnahmen zu treffen.


Mit dem Eisenpräparat Ferinject® besitzen Sie einen Wachstumsträger im Bereich Dialyse. Galenica erwartet die Zulassung und Vermarktung in den USA in 2011. In einer klinischen Studie der Phase III war dieses Medikament auch erfolgreich bei Patienten mit Herzinsuffizient und Eisenmangel. Welche Umsätze und welchen Beitrag zum Gesamtergebnis der Gruppe erwarten Sie?


Nach intensiven Gesprächen mit der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA hat der amerikanische Partner Luitpold Pharmaceuticals in enger Zusammenarbeit mit Vifor Pharma zwei Studien gestartet, um für Injectafer® – der Markenname von Ferinject® in den USA  – eine ähnlich breite Indikation wie in Europa zu erlangen. Nach Abschluss dieser Studien wird das Registrierungsgesuch für die USA ergänzt und erneut eingereicht. Die Publikation der Studienresultate von FAIR-HF war ein grosser Erfolg für uns. Sie wurden im New England Journal of Medicine veröffentlich, eine der renommiertesten Fachzeitschriften weltweit. Zusätzlich wurde die Studie aufgrund der herausragenden Ergebnisse im Rahmen der «Late-Breaking Clinical Trials Sessions» 2009 der American Heart Association in Orlando, USA, vorgestellt.
 
Bezüglich der Registrierung in den USA: Wir haben nie ein Zulassungsdatum kommuniziert. Um dazu Stellung nehmen zu können, ist es im Moment noch viel zu früh. Zuerst müssen die weiteren Studien, welche unsere Partner Luitpold lanciert hat, abgeschlossen werden. Entsprechend äussern wir uns auch nicht zu Umsatzerwartungen. Doch wie bereits gesagt: wir sind vom weltweiten Potenzial von Ferinject® überzeugt.


Es fällt auf, dass Galenica in der gesamten Wertschöpfungskette von der Forschung bis zum Einzelhandel tätig ist. Wäre FMC unter Berücksichtigung dieser Tatsache nicht ein idealer Übernahmepartner?


FMC ist in der Dialyse spezialisiert. Wir betrachten, dass 90% des Wertes von Ferinject® ausserhalb der Dialyse liegen. Unter anderem sind die Produkte und Aktivitäten wie OTC, Retail und der Grossist vollkommen ausserhalb des strategischen Fokus von FMC.


2010 wollen Sie im Gegensatz zum Vorjahr auf Akquisitionen ganz verzichten. In welchem Teil der Wertschöpfungskette und in welchen Regionen sehen Sie danach die grössten Chancen bei möglichen Firmenkäufen?


Nach 2010 werden wir Akquisitionen im Bereich Pharma auf internationaler Ebene und Produkte erneut in Betracht ziehen.


In den Wachstumsmärkten Asiens sind Sie einzig in Singapur mit Vifor Pharma Asia Pacific Pte Ltd. und im Mega Markt USA nur mit Aspreva Pharmaceuticals Inc. vertreten. Bestehen Pläne, in diesen Märkten mit grossem Potential vermehrt Präsenz zu zeigen? 


Nein, wir wollen mit lokalen gut eingeführten Partnern zusammenarbeiten. Wir sind eine kleine «specialty Pharma», die in ihren geografischen Punkten, vor allem in den wichtigen europäischen Ländern und der Schweiz, hervorragend bleiben möchte.


Alliance Boots Group Limited ist mit rund 25,5% der grösste Aktionär von Galenica. Daneben befinden sich die Aktien in Streubesitz. Sie anderseits erlauben keine Beteiligungen über 5%. Eigentlich erstaunlich, dass institutionelle Anleger Ihre Aktien nicht entdeckt haben?


Wir haben 10’000 Aktionäre wovon eine Vielzahl institutioneller Anleger.


Im Zuge der Belastung der Doppelfunktion hat der Verwaltungsrat entschieden, diese auf die Generalversammlung 2011 zu trennen, wobei Sie dann die Funktion eines Exekutivpräsidenten für die Bereiche Strategie, Kooperationen im In- und Ausland sowie die Weiterleitung der Gruppe inne haben werden. Was für Auswirkungen wird die Trennung der Funktionen für Galenica haben?


Gegen die Meinung des Verwaltungsrats habe ich beantragt ab 2011 nicht mehr die Doppelfunktion zu besetzen, welche ich 15 Jahre ausgeübt habe. Der neue CEO wird eine neue Expertise und Dynamik einbringen.





Der Gesprächspartner
Nach seiner Lehre als Drogist, beendete Etienne Jornod seine Studien als lic. oec. an der Universität Lausanne und besuchte das Senior Executive  Programm, Stanfort (USA). Zu seinem beruflichen Werdegang: Von 1975 bis zu seinem Studium (1978 ? 1981) war Jornod Junior Product Manager bei Galenica. 1981 kehrte er zu Galenica zurück und wurde Assisten der Generaldirektion der Galenica Gruppe. Ab 1983 wurde ihm die Führung verschiedener Gesellschaften der Galenica Gruppe anvertraut. 1989 wurde er zum Mitglied der Generaldirektion der Galenica Gruppe, Direktion Vifor berufen. 1995 wurde er zum COO und schliesslich 1996 als Verwaltungsratspräsiden und CEO von Galenica ernannt. Daneben hat Jornod ein Verwaltungsratsmandat bei Alliance Boots.


Das Unternehmen
Die Galenica Gruppe ist ein diversifiziertes Healthcare-Unternehmen mit hoher Kompetenz im Gesundheitsmarkt. Galenica schafft durch ihre Geschäftstätigkeit langfristige Werte und Vorteile für ihre Kunden, Patienten und Geschäftspartner sowie für ihre Mitarbeitenden und Aktionäre. Zur Erreichung ihrer Ziele lässt sich die Galenica Gruppe durch folgende Werte leiten: Langfristigkeit; Innovation; Erfolgsorientierung; Flexibilität; Nachhaltigkeit.


Galenica?s Strategie fokussiert auf zwei strategischen Achsen:
1) Specialty Pharma: Im Fokus der strategischen Achse Specialty Pharma steht die integrierte und spezialisierte Pharmagruppe Vifor Pharma. Sie erforscht, entwickelt, produziert und vermarktet weltweit eigene und einlizenzierte Medikamente und konzentriert sich auf zwei Ausrichtungen: Medikamente zur Behandlung von Eisenmangelanämie und die Aktivitäten von Consumer Healthcare (OTX – und OTC Produkte).


2) Swiss HealthCare Services: Im Fokus der strategischen Achse Swiss HealthCare Services steht ein Geschäftsmodell mit integrierten Dienstleistungen für den Schweizer Gesundheitsmarkt, in dem verschiedene Apothekenformate, die Logistik und das Informationsmanagement zusammengefasst sind.

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