Kommentar: Erasmus verliert die Schweiz, nicht umgekehrt

Kommentar: Erasmus verliert die Schweiz, nicht umgekehrt
(Foto: © Picture-Factory - Fotolia.com)

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Bei einem Blick in die Medienlandschaft könnte man glauben, dass seit der Annahme der Massen-Einwanderungs-Initiative (MEI) und dem danach folgenden Ausschluss der Schweiz aus dem laufenden Erasmus+ Programm der EU, die Bildung zum Stillstand käme und die Schweizer Studenten zur kollektiven Verblödung in ihrem bildungsfernen Heidiland verdammt seien. Ein Blick in die Faktenlage lohnt sich auch hier.

Kommentar von Helmuth Fuchs

Da das Verschweigen von Tatsachen oder auch das Zurückhalten von Informationen zum politischen und medialen Tagesgeschäft gehört, lohnt sich zwischendurch ein Blick in zugängliches Quellenmaterial, in diesem Fall «Erasmus Mobilität in der Schweiz, Statistik 2012-2013» der ch Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit und die «Statistische Übersicht zum Erasmus Programm 2011-12» der Europäischen Kommission. Während ersteres Papier auf gerade einmal drei Seiten sehr wenig Informationen und nur solche zu der Teilnahem von Schweizern an ausländischen Programmen und keine von ausländischen Studenten an Schweizer Programmen aufführt, wird man im Dokument der EU umfassender bedient.

Programm ist ein Gewinn für EU-Studenten
Das Programm ermöglicht Studierenden der teilnehmenden Ländern Studien- und Praktikumsaufenthalte im gesamten EU-Raum (27 Länder) plus Island, Kroatien, Liechtenstein, Norwegen, Schweiz und der Türkei. Die Studierenden werden dabei durchschnittlich mit monatlich 250 Euro (Schweiz 300 EUR) unterstützt und müssen an den Gast-Institutionen keine Studiengebühren bezahlen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer an der Gast-Institution beträgt sechs Monate. Das beliebteste Gastland ist Spanien, gefolgt von Frankreich und Deutschland.

Die Schweiz nimmt erst seit 2011/12 am Austauschprogramm teil. Waren es im Jahr 2011/12 2’814 Teilnehmende, stieg die Zahl im 2012/13 auf 2’970 Teilnehmende. Hier relativiert sich also schon einmal das Gejammer um die Isolation unserer Studierenden und den Rückfall in einen drohenden Bildungsnotstand. Selbstverständlich ist ein Austausch innerhalb von Erasmus einfacher zu organisieren. Es gibt aber auch ausserhalb dieses EU-Programms viele Möglichkeiten, an ausländischen Institutionen ein Praktikum oder Studiensemester zu absolvieren.

Im Jahr 2012/13 beherbergten Schweizer Institutionen 3’897 ausländische Programmteilnehmer. Mit einem Überschuss von 1’083 Studierenden hat die EU aus der Programmteilnahme der Schweiz einen klaren Nutzen gehabt.

Substantielle und überdurchschnittliche Mitfinanzierung der Schweiz
Betrug das Budget von Erasmus im Zeitraum von 2007-2013 noch 3.1 Milliarden EUR, stieg es in Erasmus+ von 2014-20120 auf 14.4 Milliarden EUR. Der Bundesrat budgetierte für Erasmus+ einen Beitrag in der Höhe von 306 Millionen CHF. Wie erst nach der MEI bekannt wurde, hat Brüssel diesen Betrag als zu niedrig angesehen und forderte einen deutlich höheren Beitrag der Schweiz.

2011/12 nahmen 250’000 Studierende und 46’000 Angestellte am Erasmus Programm teil, also rund 300’000 Personen, davon rund 3’000 Personen aus der Schweiz, was einem Anteil von 1 Prozent entspricht. Man kann davon ausgehen, dass die Zahlen im Verhältnis auch für Erasmus+ angewendet werden können. Für die Finanzierung läge der Schweizer Beitrag mit 306 Millionen CHF bei 1.7 Prozent, Brüssels Erwartungen dürften wahrscheinlich eher bei 2 Prozent liegen. Genaue Zahlen verschweigt Bundesrat Schneider-Ammann. Auch hier ist es also so, dass die Schweiz einen überdurchschnittlichen Beitrag geleistet hat und leisten würde. Die EU profitiert also von einer Teilnahme der Schweiz am Erasmus-Programm in hohem Masse.

Grosszügige direkte Unterstützung könnte Türen öffnen
Der Ausschluss aus dem Programm bedeutet, dass die Schweiz als «Drittland» behandelt wird. Das erschwert eine Teilnahme an den Programmen, verunmöglicht sie aber nicht. Wenn man die 306 Millionen CHF, die für die Erasmus+-Teilnahme budgetiert waren, direkt zur Unterstützung der Studierenden einsetzt, kann damit jeder Auslandaufenthalt von 3’000 Teilnehmenden während sechs Monaten in den kommenden sieben Jahren mit 2’400 CHF pro Monat unterstützt werden. Mit diesem Unterstützungsbeitrag ist wahrscheinlich jeder Schweizer Student ein gern gesehener Gast an ausländischen Instituten. Heute liegt der durchschnittliche Unterstützungsbeitrag, den die EU für Schweizer Studenten entrichtet bei 300 EUR.

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