Kunsthaus Zürich zeigt «Saul Steinberg: Illuminations»

Dass seine Zeichnungen in denselben Galerien wie die Gemälde seiner Malerfreunde der New York School hingen, und er Le Corbusier, Alberto Giacometti und Henri Cartier-Bresson zum Kreise seiner europäischen Künst­lerfreunde zählte, ist weniger bekannt.


In einer Ära, die sich selbst am liebsten in Fotografien, abstrakter Kunst, im Kino und im Fernsehen gespiegelt sah, war Saul Steinberg ein Meister der Handzeichnung. Sein modernistischer und klarer Strich wurde zu einem klar definierbaren Stil für die Zeichnung im zwanzigsten Jahrhundert. Das Kunsthaus Zürich zeigt zum ersten Mal in der Schweiz das Spektrum seines Schaffens anhand von über 100 Zeichnungen, Collagen und Objekten, die aus dem Bestand der Saul Steinberg Foundation und von privaten Leihgebern stammen.
 

Den Alltag enttarnen

Steinberg beobachtete und kommentierte seine Umgebung – ein Spion, zuhause in einer Welt, die ihre Tarnung für undurch­schaubar hielt. Ein Schlüssel zum Verständnis von Steinbergs Kunst ist die Kalligraphie, die er «meinen wahren Lehrer» nannte. Er betrachtete alles und jeden als eine Art sich selbst ausdrückenden Schriftzug: die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die man auf einer Cocktailparty beobachten kann; in die Luft gezeichnete Spuren typisch italienischer Gestik; der vorbeirauschende Verkehr auf einem von Motels gesäum­ten Freeway in der Wüste. Aus jedem seiner Themen wurde auf dem Papier ein Meisterstück der Schreibkunst. In nachgemachten Dokumenten, etwa in «Reisepass» (Passport), stellt jedes Zeichen – die arrogant aufgeprägten, verschnörkelten Staatssiegel, die wichtigtuerischen Unterschriften niederer Beamten – eine Fälschung dar, eine Kritzelei, die typisch ist für Steinberg, der immer eine ironisch-humorvolle Distanz zu Autoritäten wahrte.
 

Zeichner und Cartoonist

Steinberg wurde 1914 in Rumänien geboren und wuchs in Bukarest auf. 1933 begann er ein Architekturstudium in Mailand am Regio Politecnico, einer Bastion der Moderne. Mit Cartoons im «Bertoldo», einem zweimal wöchentlich in Mailand er­scheinenden humoristischen Magazin, begann 1936 seine künstlerische Praxis. 1942 ging Steinberg nach New York City, wo er bereits einige Cartoons im «New Yorker» veröffentlicht hatte. Als Offizier im Geheimdienst der US-Marine und des OSS (Office of Strategic Services) schickte er Zeichnungen aus China, Indien, Nordafrika und Italien, die im «New Yorker und später in seinem ersten Buch «All in Line» (1945) veröffentlicht wurden. Nach seiner Rückkehr in die USA produzierte er eine Serie parodistisch-epischer Schlachtszenen (wie etwa «Cassino»), die 1946 im Museum of Modern Art zu sehen war. Am Ende dieses Jahrzehnts hatte er sich mit Le Corbusier und Henri Cartier-Bresson bekannt gemacht. In den 1950er Jahren gewannen seine Werke an Ausdruck und Kühnheit. Sie wurden formal reicher und ihr philosophischer Gehalt nahm zu. An der Weltausstellung 1958 in Brüssel war er im amerikanischen Pavillon mit «The Americans», einem 80 Meter langen Wandbild aus Collagen vertreten. Museen in den USA und Europa begannen, ihn regelmässig zu Ausstellungen einzuladen.
 

Erzählende Striche

Aus der elementaren Einfachheit eines blossen Strichs schuf Steinberg Geschichten. «Die Linie» (The Line) von 1954 beginnt als Tintenstrich, der aus der Feder eines Künstlers fliesst und zu einer horizontalen Linie wird, die Wasser und Himmel voneinander trennt. Dann wandelt sie sich zu einer Wäscheleine, einem Bahngleis, einer Strasse auf einer Landkarte und so fort? Zehn Meter und hundert Verwandlungen später zieht sie sich wieder in die Spitze einer Feder zurück. Saul Steinbergs Drang, sich Dinge und Menschen mittels schematischer, stark vereinfachter Begriffe vorzustellen, führte ihn Ende der 50er-Jahre bis zur Herstellung von Papiermasken. Es sind Porträts typischer Figuren der damaligen Zeit – der forsche Juniorpartner in einem aufstrebenden Unter­nehmen, die nervtötende Gastgeberin auf einer Party – aber auch Karikaturen von zeitloser Gültigkeit. So werden unüberbrückbare Unterschiede zwischen den Menschen und den starren sozialen Identitäten gezeigt. Sie weisen auf eine gleichzeitig erschreckende, traurige und auch komische Tatsache hin: in den Augen der anderen ist man ein Cartoon seiner selbst.
 

Komik und Ironie prägen die späten Werke

1960 begann Steinberg, sich auf Titelblätter und Zeichnungen für den New Yorker und Werke für seine europäischen und amerikanischen Galerien zu konzentrieren. Bis zu seinem Tod 1999 erweiterte sich das Spektrum seiner Kunst in zwei Richtungen: nach aussen hin in Richtung der von ihm so bezeichneten «politischen Realität» und nach innen hin zu individuellen Empfindungen, Erinnerungen und Wünschen. Steinberg begann, mit Stempeldruck zu arbeiten, um Bedrohungen wie die Entfremdung des Individuums und seine Suche nach Authentizität zu erkunden. Die Kunst selbst wird zum Thema. In den frühen 70er-Jahren bearbeitete er eines seiner eigenen Werke neu, «Ritter und Ananas» (Knight and Pineapple), in dem eine Don Quijote-Figur auf den «Früchtedrachen» losgeht. Steinberg verwendete Schablonen, Lineale und Stempel um Wolken, eine Pyramide und eine Gruppe herumlungernder Dunkelmänner hinzuzufügen.
Sein Sinn für Komik und Ironie war ungebrochen. In den 80er- und 90er-Jahren greift er weniger zu Feder und Tinte und mehrfach zu Filzstiften. Seine Zeichnungen bleiben von Energie durchströmt. Wie in «Canal Street», wo er das sorglose visuelle Vergnügen eines Stadtbewohners simuliert, der nach oben, unten und um sich herum schaut und dabei mit einem Auge immer das hübsche Mädchen im Blick behält. Doch verbirgt der Künstler die Schattenseiten des sozialen und politischen Systems nicht: auf «Wilshire & Lex» von 1994 sieht man die beiden Boulevards von Los Angeles und Manhattan sich kreuzen. Der verderbliche Einfluss von New Yorker Geld und den Träumen Hollywoods liess Amerika auf seine beiden Küstenlinien schrumpfen. 


Spielzeug des Verstands

Steinberg betrachtete die Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts als «Opfer einer gigantischen Posse». Dank seiner Kunst erhob er sich und seine Betrachter über die Demütigungen der Zeit. Er erfand die moderne Welt neu, als eine einladende Tafel, übersät mit allerlei Spielzeug des menschlichen Verstandes. Das Kunsthaus Zürich lässt das Publikum an diesem mit Werken aus sechs Jahrzehnten reich gedeckten Tisch Platz nehmen und organisiert Workshops und Führungen, die Steinbergs Welt erklären und die eigene Vorstellungs- und Schaffenskraft anregen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (Verlag Hatje Cantz). Die deutsche Version (288 Seiten, 310 überwiegend farbige Abbildungen) ist im Kunsthaus-Shop für CHF 95.- erhältlich.



Bild: Saul Steinberg: Wilshire & Lex, 1994, Wachskreide, Aquarell und Wachs auf Papier, 56,5 x 38,7 cm

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