Kunstmuseum Bregenz: Maurizio Cattelan

Der wie von Gottes Hand durch einen Meteoriten zu Fall gebrachte Papst (»La Nona Ora«, 1999), eine hilflos an einer Garderobe hängende Miniaturausgabe des Künstlers im Beuys’schen Filzanzug (»La Rivoluzione Siamo Noi«, 2000) oder der durch den Fussboden eines Museums in den Kunsttempel eindringende Künstler (»Ohne Titel«, 2001) – immer treibt Maurizio Cattelan in einer Mischung aus Don Camillo, Pinocchio und Hofnarr seine bildlichen Formulierungen so auf die Spitze, dass der realistische Schein eingeübter Konventionen der Gesellschaft und des Kunstbetriebs ins Absurde und Lächerliche kippt. Eher theatralisch und ephemer in den Handlungen, Objekten und räumlichen Inszenierungen, aber mit ironischer Raffinesse und unerwarteten Brechungen ist dem Künstler kein Tabu zu schade, um dessen Falschheit zu entlarven.





»Die Ausstellung sollte zart, tröstlich und verführerisch sein, aber auch etwas Verdorbenes, Verqueres und Verbrauchtes haben.« Cattelan


Ein Künstler, der sich nicht so nennt
Maurizio Cattelan, 1960 in der norditalienischen Universitätsstadt Padua geboren, begann seine Karriere in den 1980er-Jahren mit dem Entwurf von antifunktionalen Designobjekten, bevor er sich entschied, in der Kunstwelt zu arbeiten, die er nach eigenem Bekunden »viel verlockender« fand.







A perfect day Seitdem ist Cattelan ein international gefragter Künstler geworden, obwohl er stets von sich behauptet hat, keiner zu sein. Aber ohne Widersprüche, Provokationen, ohne das Nebeneinander verschiedener Wahrheiten wäre sein Werk nicht das, was es ist. Diese Strategie, gepaart mit einer Bildmächtigkeit, die sich in unsere Erinnerung eingräbt, hat seinen Aktionen und Objekten den Weg in die wichtigsten internationalen Ausstellungshäuser geebnet und zu Beteiligungen an zahlreichen bedeutenden Gruppenausstellungen und Biennalen geführt.


Die Rituauale auf den Punkt gebracht
Seit Maurizio Cattelan 1993 nach New York übersiedelt ist, lebt und arbeitet er wechselweise dort und in Mailand. Genauer gesagt arbeitet er, da er kein Studio besitzt, in situ, denn Ausstellungen bieten ihm genau die Herausforderung, neue Arbeiten zu »finden« und anschliessend, ohne selbst Hand anzulegen, von anderen produzieren zu lassen. In diesem Sinn ist er ganz der Urenkel eines Marcel Duchamp. Anders als dieser jedoch bezieht er die Idee des Readymades nicht auf die Auswahl und Benutzung vorgefundener Objekte, die zu Kunstwerken erklärt werden, sondern sieht vielmehr die erlebte Realität in ihrer unversöhnlichen, oft absurden Widersprüchlichkeit als grosses Readymade an, das er wie einen Steinbruch nutzt. »Wir können täglich im Fernsehen auf eine philosophische Idee stossen.« (Cattelan) So greift er zum Beispiel auf seine eigene Biografie zurück und koppelt diese mit einem italienischen Lebensgefühl, das ständig zwischen Banalität, extremer Gläubigkeit und Heiligenverehrung schwankt. Und er findet seine Themen im überhitzten Gebaren und in den Ritualen des Kunstbetriebs sowie in den sozialen und politischen Brüchen der Gesellschaft.


Stehlen mit Stil
Stil bedeutet für Cattelan nicht mehr als eine bestimmte künstlerische Haltung, die sich in verschiedene Medien, Sprachformen und visuelle Lösungen übersetzen lässt. Jemand, der wie er ironische Distanz zum Grundprinzip seines Handelns gemacht hat, muss auf Flexibilität, niemals auf ein vorherzusehendes Endresultat setzen. Sollte das einmal nicht reichen, stiehlt er auch schon mal die Ideen seiner Kollegen oder eine ganze Ausstellung. So geschehen für ein Projekt in der Galerie de Appel in Amsterdam.


Maurizio Cattelan ist ein Storyteller. Storyteller machen keine Revolutionen, können aber welche inspirieren. Jedes Bild, das er mit seinen Aktionen und Objekten erzeugt, gleicht einer gemeinsamen Membran seiner und unserer Gefühle. Dabei setzt Cattelan durchaus auf einen intensiven Arbeitsprozess der Verdichtung und Verfeinerung der Ideen, dessen Ergebnis immer ein »Bild« voll narrativer Erfindungen wird.


Der tragisch-komische Grundton
Warum sind zum Beispiel die Hände des Kindes in »Charlie Don’t Surf« (1997) mit Bleistiften an den Tisch genagelt? Cattelan liebt diese kleinen Geschichten, die sich hinter den Arbeiten auftun. Sie machen sein Werk lebendig und sind Auslöser für eigene Geschichten, die von Betrachter zu Betrachter verschieden sind.


Bei aller Vielfalt der Ideen und Werke gibt es zwei grundlegende Arbeitsprinzipien. Maurizio Cattelan unterscheidet zwischen Arbeiten, die als Idee oder Projekt funktionieren, wie zum Beispiel die Fussballerinnerungswand für London, auf der die Ergebnisse aller von der englischen Nationalmannschaft verlorenen Spiele eingraviert sind, oder die Figur mit Picasso-Maske, welche die Besucher vor dem Eingang des MoMA in New York begrüsste, und jenen Arbeiten, die in erinnerungsmächtige Bilder transformiert werden. Dazu gehören Werke wie »Novecento« von 1997, das ein von der Decke hängendes Pferd zeigt, oder »Him« (2001) mit Hitler als bussfertigem kniendem Knaben. Es ist dieser tragisch komische Grundton in seinem Werk, in dem Humor und Demut gleichermassen ihren Platz haben, der die starken, manchmal auch bedrückenden Gefühle in uns auslöst, besonders wenn Cattelan sich bei aller Vielfalt immer wieder einem zentralen Motiv widmet: dem Tod. Hier ist der Künstler seinen familiären und nationalen Wurzeln ganz nah. Denn im Tod findet sich laut Francesco Bonami »der allerletzte Augenblick pathetischer Vertrautheit, die radikalste Art, sich der öffentlichen Verantwortung zu entziehen«.


Der Tod ist auch das grosse Thema der Ausstellung 
Maurizio Cattelan lässt sich erstmalig auf die Inszenierung einer gesamten Architektur als Teil seiner Werke ein. Durch wenige räumliche Eingriffe und mit drei speziell für Bregenz geschaffenen neuen Werkgruppen transformiert er das Haus in eine Grabkammer, die das auratische Potenzial des Gebäudes zum Grenzgang zwischen Betroffenheit und ironischer Distanz transformiert. Wie immer möchte Cattelan im Vorfeld nicht zu viel über seine Ausstellung verraten, sehr wohl möchte er sein Werk aber irgendwo zwischen »Sanftheit und Perversität« angesiedelt sehen. (khb/mc/th)

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