Kurt Baumgartner, CFO Atel Holding AG

Radovan Milanovic


Moneycab: Atel konnte für 2007 von einem sehr erfreulichen Geschäftsjahr berichten. So nahm der konsolidierte Umsatz der Gruppe um 19% auf rund 13.5 Milliarden Franken zu, der EBIT um 31% auf 1.005 Milliarden Franken und der Gruppengewinn ohne Sondereffekte um 29% auf 778 Millionen Franken. Erfreulich auch die Entwicklung des Eigenkapitalratios, welches sich 33% auf 39% erhöhte. Und dies bei den traditionell hohen stillen Reserven von Kraftwerkbetreibern. Von welchen Wachstumsraten gehen Sie im laufenden Geschäftsjahr aus?

Kurt Baumgartner: Wir wollen weiterhin wachsen, in allen Geschäftsfeldern des Konzerns. Angesichts des bereits erreichten Niveaus sowie der Veränderungen in den Märkten erwarten wir jedoch etwas tiefere Wachstumsraten als in den letzten Jahren.


Sie berichten von einer Ertragsminderung gegenüber der Vorjahresperiode aufgrund des Zerfalls der CO2-Zertifikatspreise im Verlauf des Jahres 2007. Können Sie uns das System  und die Preisfindung solcher Zertifikate erklären? Gibt es einen freien Markt oder sind solche Zertifikate administriert?


Es gibt einen freien Markt für CO2-Zertifikate. Zertifikate werden den Emittenten für eine vordefinierte Dauer durch Behörden zugeteilt, basierend auf nationalen und europäisch koordinierten Regelwerken. Sind sie zugeteilt, können die Emittenten darüber frei verfügen. Ihre Liquidität und damit ihr Preis wird stark durch diesen Zuteilmechanismus geprägt. Der Preiszerfall im Jahr 2007 hing beispielsweise mit einem Überbestand an Zertifikaten am Ende der Zuteilungsperiode 2005-2007 zusammen. Da die Zertifikate nicht in die neue Periode 2008-12 übertragen werden konnten, fiel ihr Wert im Verlauf von 2007 auf Null.


Der Umsatz von Atel hat sich in 2007 gegenüber 2006 hinsichtlich der Marktregionen kaum verändert. Die Schweiz und West Europa nehmen je nur noch 6%, Nord Europa 11%, Mittel/Osteuropa 17%, Südeuropa jedoch 22% des Umsatzes. Es fällt jedoch auf, dass die Trading Position 34%  (Vorjahr 38%) des Gesamtumsatzes umfasst. Wird auch in Zukunft der Handel rund ein Drittel des Gesamtumsatzes umfassen?


Der Handel mit unseren europäischen Handelspartnern ist eines der Kerngeschäfte der Atel. Er ist – wie jedes Handelsgeschäft – durch sehr hohe Umsätze geprägt. Wir sind allerdings daran, den Vertrieb von Energie an Endkunden europaweit stark auszubauen. Wir gehen davon aus, dass der Anteil des Vertriebs tendenziell zunehmen wird.



«Der Preiszerfall (von CO2 Zertifikaten) im Jahr 2007 hing mit einem Überbestand an Zertifikaten am Ende der Zuteilungsperiode 2005-2007 zusammen. Da die Zertifikate nicht in die neue Periode 2008-12 übertragen werden konnten, fiel ihr Wert im Verlauf von 2007 auf Null.» Kurt Baumgartner, CFO Atel Holding AG


In den Ländern, in denen Atel in Europa bis anhin investiert und seine Dienstleistungen anbietet, dürfte eine Sättigung – auch im Hinblick auf die Konkurrenz – erreicht werden. Wären beispielsweise auch frühere Sowjetrepubliken oder Staaten des früheren Jugoslawiens von der Risiko-/Ertragsseite her mögliche Kandidaten einer Expansion?


Atel ist bereits heute in allen Ländern des früheren Jugoslawien tätig. Ebenso sind wir auch in Rumänien, Bulgarien und Albanien verankert. Mit der Ukraine wurden erste Kontakte bereits erfolgreich geknüpft. Wir haben langjährige Erfahrung im Aufbau neuer Märkte – insbesondere auch in Zentral-Europa. So kennen wir ihre Besonderheiten, können Risiken und Chancen gut einschätzen.


Sind Ihre Investitionen in Osteuropa durch die Schweizerische Exportrisikoversicherung abgesichert? Wenn ja, in welchem Umfange?


Wir haben auf eine Absicherung verzichtet.


Der Marktwert der am Bilanzstichtag ausstehenden festverzinslichen Obligationen belief sich auf 739.5 (Vorjahr: 970.7) Millionen Franken. Auf dem Nennwert verzinsen Sie dieses Fremdkapital im Durchschnitt nur mit 3.26 % (Vorjahr: 3.41 %). In absehbarer Zeit werden Rückzahlungen fällig, welche voraussichtlich über Neuemissionen refinanziert werden. In Anbetracht steigender Zinsen dürften Fremdkapitalkosten einen höheren Stellenwert auf der Aufwandseite ergeben. Sichern Sie Zinsrisiken ab?


Wir erwarten steigende Zinskosten. Absicherungen werden von Fall zu Fall vorgenommen. Unsere gesunde Bilanz und die intakten Perspektiven erlauben uns aber weiterhin, die benötigten Mittel zu günstigen Konditionen zu beschaffen.


Sie berichten, dass die Energie Spotpreise an der IPEX in 2007 im Durchschnitt tiefer lagen als im Vorjahr. In Zeiten stark steigender Preise für fossile Energieträger ist ein solches Preisverhalten unverständlich. Können Sie uns diese Situation begründen?


Spotpreise werden in erster Linie von kurzfristigen Konstellationen beeinflusst. Temperaturschwankungen, Niederschläge, Ausfälle von Kraftwerken, Transporteinschränkungen usw. haben einen wesentlichen Einfluss. Längerfristig erwarten wir weiterhin steigende Preise, getrieben von fundamentalen Knappheiten in der Erzeugung und im Transport sowie von der längerfristigen Entwicklung der Brennstoffkosten.


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Wie sieht es mit der Verbesserung des Wirkungsgrades bestehender Wasserkraftwerke und Erneuerungsinvestitionen aus? In welchem Rahmen sehen Sie solche Investitionen, wie gross sind die Energievorteile aus diesen Investitionen? Tätigen Sie auch Investitionen im Hinblick auf das Tourismusprojekt «Andermatt» des Ägypters Sawiris mit seiner Orascom Development Holding AG?


Wir sehen vor, jährlich über 100 Mio CHF in die Erneuerung unserer Kraftwerke und Netze zu investieren. Bei den meisten Erneuerungen werden gewisse Effizienz- und Wirkungsgradverbesserungen erzielt. Allerdings ist der Effekt begrenzt, weil die Stromwirtschaft im wesentlichen auf einer reifen, über Jahrzehnte laufend verbesserten Technologie beruht. Im erwähnten Tourismus-Projekt sind wir nicht involviert.


Inwieweit ist Atel bei der Verbreitung alternativer Energieproduktion wie der Photovoltaik und Windenergie involviert?


Atel investiert in der Schweiz und in verschiedenen europäischen Ländern einige Hundert Millionen in erneuerbare Energie. Unser Fokus liegt auf Wasserkraft und Windenergie. Wir haben aber bereits auch erste kleinere Investments in solarthermische Anlagen getätigt. Wir werden unser Engagement im Bereich der Erneuerbaren Energie weiter ausbauen, parallel dazu aber auch die Erzeugungskapazität in konventionellen Kraftwerktechnologien deutlich verstärken.


Als Folge der globalen Energiekrise hat auch bei der schweizerischen Bevölkerung ein Umdenken hinsichtlich neuer Atomkraftwerke stattgefunden. Auch Linke sind mehr a priori AKW Gegner. Wie erwartet, hat Atel ein Rahmenbewilligungsgesuch Gesuch im solothurnischen Niederamt für Gösgen II eingereicht. Das neue AKW dürfte also beim AKW Gösgen I in Däniken (SO) stehen. Sie sind sehr zuversichtlich, dass die Bevölkerung auch für dieses AKW eintritt? Was macht Sie so sicher? Wie sieht es im Hinblick auf mögliche politische Interventionen der deutschen Nachbarn aus? Was passiert mit dem AKW Gösgen I an dem Sie mit 40% beteiligt sind?


Wir haben seit Jahrzehnten intensiven und guten Kontakt mit Behörden und Bevölkerung im Niederamt. Wir sind daher überzeugt, dass das Projekt eines neuen Kernkraftwerkes im Niederamt insgesamt auf konstruktives Echo stossen wird. Gewissheit werden wir haben, wenn politische Entscheide auf nationaler Ebene zu fällen sein werden. Das bestehende Kernkraftwerk Gösgen-Däniken, seine Eigentümerschaft und sein Betrieb sind vom neuen Projekt nicht unmittelbar betroffen. Über potentielle Interventionen unserer deutschen Nachbarn will ich nicht spekulieren. Tatsache ist, dass in der Schweiz beim Bau neuer Kernkraftwerke das Volk das letzte Wort hat.



«Atel investiert in der Schweiz und in verschiedenen europäischen Ländern einige Hundert Millionen in erneuerbare Energie. Unser Fokus liegt auf Wasserkraft und Windenergie.»


Zur AKW Finanzierung: Sollte der Weg zum Bau con Gösgen II geebnet sein, wie sehen Sie die Finanzierung des Projektes? Allenfalls teilweise durch den Verkauf von Servicegesellschaften im In- und Ausland, welche nicht zum Kerngeschäft gehören, wie Kummler+Matter AG, Gebäudetechnik AG, Atel Burkhalter Bahntechnik AG,..?


Aus heutiger Sicht wird das Kernkraftwerk Niederamt wie Gösgen und Leibstadt als Partnergesellschaft aufgestellt werden, mit einer partnerschaftlichen Finanzierung durch Eigen- und Fremdkapital. Die Finanzkraft der Atel wird bei weitem ausreichen, um den von uns angestrebten Beteiligungsanteil zu finanzieren.


Die Energiekonzerne Axpo und die Berner BKW planen zwei neuen AKWs mit je einer Leistung von 1600 Megawatt Leistung planen, als Ersatz für ihre ältesten Werke Beznau und Mühleberg. Die beiden Gesellschaften haben vor, bis Ende 2008 Gesuche für die Rahmenbewilligungen einzureichen. Glauben Sie, dass die Behörden und Volk gar drei neue AKWs bewilligen? Insbesondere vor dem Hintergrund der weiter ungelösten Lagerung atomarer Abfälle?nbsp;


Wir sind überzeugt, dass die Schweiz zur Deckung der wachsenden Versorgungslücke zwei Kernkraftwerke in der Grösse von je 1’600 MW brauchen wird. Ihre Realisierung wird nur in einem partnerschaftlichen Rahmen möglich sein. Partnerschaft impliziert aber in sich ein angemessenes Mass an Ausgewogenheit. Die entsprechenden Verhandlungen laufen momentan weiter. Das Problem der nuklearen Abfälle muss in jedem Fall gelöst werden, mit oder ohne neue Kernkraftwerke.


Unbeeindruckt von den Unsicherheiten an den Aktienbörsen zeigt sich die Aktie Atel Holding AG von der besten Seite und stieg vom Tief im Januar bei 511.00 Franken bis auf Fr. 750.00 oder 46.8%. Ein Hinweis, dass die Aktionäre an die erfolgreiche Zukunft von Atel und den Erfolg des AKW Projektes glauben und die Aktie zu einem hohen geschätzten P/E für 2009 von rund 20.4 bewerten. Sehen Sie die Aktien Atel Holding AG für fair bewertet?


Der Titel hat zwischenzeitlich wieder einige Ups und downs erlebt. Tatsächlich aber hat sich Atel im europäischen Umfeld sehr gut positioniert. Unsere zahlreichen Projekte und Aktivitäten sind darauf ausgerichtet, die erreichte Marktstellung weiter zu stärken und auszubauen. Wir sind seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, in freien Märkten zuhause, und haben gegenüber unseren schweizerischen Mitbewerbern in verschiedener Hinsicht einen Vorsprung. Offenbar vertraut die Financial Community darauf, dass Atel sich auch in Zukunft erfolgreich behaupten wird.




Der Gesprächsparter
Herr Kurt Baumgartner studierte 1969 – 74 Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen und Basel und schloss diese 1974 als lic. rer. pol. in Basel ab. 1975 trat er bei Atel als Direktionsassistent mit Schwergewicht in Administration, Information und Public Relation ein. Ab 1978 baute der Stabstelle «Betriebswirtschaft» auf und führte diese. Er war zuständig für strategische und operative Planungs- und Controllingfragen, Business Development, Bereitstellung von Führungsinformation und betriebswirtschaftliche Beratung der Geschäftsleitung. Ab 1979 war er zusätzlich im internationalen Energiegeschäft tätig. 1986 wurde er zum Vizedirektor und 1989 zum Stellvertretender Direktor ernannt. 1989 – 91 hatte Herr Baumgartner  mehrmonatige Aufenthalte bei Motor-Columbus, Baden und SBG, Zürich, sowie Besuche des Stanford Executive Program an der Universität Stanford, CA. Per 1.1.92 Übernahme des Funktionsbereiches Finanzen und Dienste. Seit 1. April 1992 ist er Mitglied der Geschäftsleitung und CFO.


Herr Baumgartner ist verantwortlich für Accounting, Planning & Controlling, Treasury, Steuern, Risk Management, IT und Internal Audit. Daneben ist er Präsident der PKE Pensionskasse Energie und Mitglied verschiedener Verwaltungsräte, sowie Mitglied des Börsenrates der EEX


Das Unternehmen
Die Atel Holding AG (Atel Gruppe) ist die führende, europaweit aktive Energiedienstleisterin der Schweiz. Im Jahr 1894 gegründet, hat sich Atel auf die beiden Kerngeschäfte produktionsgestützter Energiehandel und Energieservice konzentriert. Die Firmengruppe mit Sitz in Olten beschäftigt derzeit rund 9000 Mitarbeitende und erzielte im Jahr 2007 einen Umsatz von 13,5 Milliarden CHF. Hauptmärkte im Segment Energie sind Schweiz, Italien, Deutschland, Frankreich und die Länder Mittel- und Osteuropas. Die Palette der Produkte und Dienstleistungen reicht von Portfolio-Management und Konzernbelieferungen über Energie-Derivate und Optionsverträge bis hin zu partnerschaftlichen Vertriebskonzepten. Handel und Vertrieb werden gestützt durch eine Reihe eigener hydraulischer und thermischer Kraftwerke in der Schweiz, Italien, Ungarn, Norwegen und der Tschechischen Republik sowie ein weit verzweigtes Übertragungsnetz in der Schweiz. Im Segment Energieservice erbringt Atel alle technischen Dienstleistungen rund um Energie (Strom, Gas, Öl, Biomasse) und deren Anwendungen Kraft, Licht, Kälte/Wärme, Kommunikation und Sicherheit. In der Schweiz und in Deutschland gehört Atel zu den führenden Anbietern. Die Atel Gruppe umfasst seit Ende 2007 auch die ehemalige Motor-Columbus Gruppe.

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