Migros Museum: Displaced Fractures

Die Frakturen und Nahtstellen von Gebäuden bilden Metaphern für die Risse im menschlichen Dasein. Der titelgebende Begriff «Displaced Fractures» entstammt der Medizin und bezeichnet das Phänomen, dass sich Bruchstellen von Knochen an anderer Stelle als an derjenigen der Hauptbelastung zeigen. Auch in der Psychologie gibt es den Begriff des «displacement». In den neuen Räumen des migros museum für gegenwartskunst sind vor allem Installationen, Rauminterventionen und Skulpturen zu sehen, die mit dieser Verschiebung der Symptome arbeiten. Es dominiert dabei ein Spannungsfeld zwischen formverweigernden und monumentalen Gestaltungen, zwischen subjektiven und rational-formalen Gesten.




Kilian Ru¨themann; Ohne Titel, 2009. Beton, 12 Elemente, 120 x 17 x 15 cm. Courtesy of the artist und RaebervonStenglin, Zu¨rich; Foto: David Aeb


In dieser Analogie zum Begriff «Displaced Fractures» bieten die an sich stabilen, jedoch auch der Zeitlichkeit unterworfenen Materialien des Bauens Projektionsflächen, auf denen sich Befindlichkeiten und Fragen nach dem Dasein ausagieren lassen. In der Übertragung auf das vermeintlich Feste zeigt sich in diesem Skulpturendiskurs das Prekäre der Gegenwart und wird greifbar. Das Formlose, welches schon bei Rosalind Krauss und Yves Alain Bois als Synonym des Verdrängten verwendet wurde, wird in der Ausstellung beispielsweise von den Ku¨nstlern Klaus Winichner oder Phyllida Barlow in Material und Form ausgearbeitet. Dabei wird – wie bei Oscar Tuazon und Kilian Ru¨themann – nicht Entfremdung thematisiert, sondern u¨ber Modulationen des Gebauten die Unmöglichkeit angesprochen, Bruchstellen und widerspenstige Lebensfähigkeit zum Ausdruck zu bringen.


Die Ausstellung «Displaced Fractures» nimmt den Gedanken von Verschiebung und verlagerter Symptome auf. Der Akt der Verschiebung findet unwillku¨rlich statt, als Ausleben an anderem Ort, als Streben, die Verletzung durch Umgehung, Stellvertretung und Sublimierung zu hemmen. Was Ich und Dasein bedeuten, wird an Spannung und inneren Konflikten deutlich. Das Projekt zeigt aktuelle Ku¨nstlerpositionen aus aller Welt, darunter auch Ulrich Ru¨ckriem, der seit langem zu den wichtigsten Bildhauern der Nachkriegszeit zählt. In allen Arbeiten stehen Material und Materialbearbeitung im Vordergrund. Denn an festen Dingen und ihrer Bru¨chigkeit zeigt sich stellvertretend der Umgang mit Daseinsbestimmung und Gesellschaft. Lebloses Material wird zur Metapher des Körpers. (mm/mc/th)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.