Nachwuchs-Misere: Die IT-Industrie geht in die Offensive

Die Fakten sind bekannt: Noch nie haben in der Schweiz so wenige junge Leute ein Studium der Informatik an Unis, ETH oder Fachhochschulen angetreten wie 2006. Dies ist eine Entwicklung, die die Schweizer ICT-Industrie mit ihren immerhin 120’000 InformatikerInnen, ungefähr 11’000 Firmen und einer jährlichen Wertschöpfung von vielleicht 40 Milliarden Franken (Schätzung UBS) direkt bedroht.
 
Schlechtes Image
Mit ein Grund für die bedrohliche Misere ist die Abwesenheit der IT-Industrie in Politik und Gesellschaft und die verquere Wahrnehmung von Jobs in der Öffentlichkeit. Kein Wunder, denn die Industrie war bis vor kurzem in unzählige Verbändlein und Interessengrüppchen zersplittert und meistens entweder mit kleinlichem Lobbying, Marketinggetöse oder Bauchnabelschau beschäftigt. Wer weiss schon, dass es in der Schweizer Software-Industrie eine Reihe von Firmen gibt, wo gleiche Chancen für Mann und Frau Realtität sind und wo es coole Jobs zuhauf und Lohntransparenz gibt?
 
Ausserdem hat die IT-Industrie zu Zeiten des New-Economy-Crashs 2001 nicht zu Unrecht den Ruf einer «Bubble Economy» erworben, in der «hire & fire» und Schaumschlägerei üblich sind.
 
informatica08: Die Branche wird konkret
Mit einem eindrücklichen Aufmarsch hat am Zürcher Google-Sitz ein Teil der Schweizer IT-Industrie rund um den Dachverband ICTSwitzerland gezeigt, dass man nun bereit ist, die Behebung der Misere ernsthaft anzupacken. Vorgestellt wurden eine Reihe von Projekten, mit denen der «Informatik-Skepsis» unter Jugendlichen in der Schweiz konkret zu Leibe gerückt wird. «Die Situation verlangt nicht nach Einzelaktionen,» sagte Projektleiter André Golliez von der Schweizer Informatik Gesellschaft. informatica08 wird deshalb nur der Auftakt von lange andauernden Kampagnen sein.


Zurück an die Mittelschulen
Am eindrücklichsten sind die von der Hasler Stiftung mit 20 Millionen Franken (!) finanzierten Anstrengungen, mit denen Informatik wieder an die Mittelschulen zurückgebracht werden sollen. Tatsäche ist nämlich, dass der Schreibende in den 70er-Jahren am Gymi noch Grundkenntnisse im Programmieren erwarb, während man heute im besten Fall noch zu Bedienerkenntnisse kommt. Im Rahmen von «FIT in IT» sollen mit einer Roadshow sämtliche 130 Schweizer Mittelschulen besucht werden. Angestrebt wird, Informatik, also die Frage «wie wird es gemacht» und nicht «wie kauft und benützt man es», möglichst rasch als Ergänzungsfach an den Gymis zu verankern, wie dies seit Juni 2007 erst wieder möglich ist. Das Programm wird durch diverse Aktivitäten ergänzt, so wird die Weiterbildung der LehrerInnen an den Unis konkret gefördert.
 
Statistik, Datenschutz, Lego, Gipfeltreffen, Zugang für Behinderte, Open Source
ICTSwitzerland rührt das Jahr der Informatik wahrlich nicht mit der kleinen Kelle an. Es bginnt mit einem «IT Summit» im Januar in Zürich, geht mit einer Reihe von Veranstaltungen und Initiativen, beispielsweise dem «Innovation Day» in Lausanne, dem Roboter Fussballcup, regionalen Anlässen wie der bekannten «Ticino Informatica» weiter und endet mit einer letzten Bilanz-Veranstaltung im November.
 
Dazwischen gibt es eine ganze Reihe von Initiativen, so das Volksschullehrbuch «ilearnIT», die Schweizer Informatikolympiade, der LEGO Mindstorm, die Forschungsausschreibung «The Next Grand Challenge of Computer Science», ein Camp für behinderte Jugendliche und ein Workshop zusammen mit dem Bundesamt für Statistik, an dem endlich die Grundlagen für die Erfassung der IT-Industrie in der Schweiz erarbeitet werden sollen. Lobenswert finden wir zudem, dass für einmal kritische Themen wie Datenschutz nicht ausgeklammert werden. So organisieren die EMPA und die Stiftung Risiko-Dialog eine Reihe von Veranstaltungen zu «Verletzlichkeit der Informationsgesellschaft».
 
Prominente An- und Abwesende
Unterstützt wird informatica08 durch einige gewichtige Sponsoren. So war Credit Suisse mit CIO Karl Landert an der Vorstellung der Projekte präsent und die Hasler Stiftung mit Andrea Leu. Vom Bankensoftware-Hersteller Avaloq kam gleich Chef Francisco Fernandez selber und die Migros schickte mit CIO Rudolf Schwarz ebenfalls ein Schwergewicht. Weiter mit an Bord ist die Zürich Versicherung und ECDL Switzerland, sowie natürlich ICTSwitzerland. Der Dachverband war mit seinem Präsidenten Stefan Arn (UBS) und Prof. Carl August Zehnder, dessen Referat zur Informatik-Nachwuchssituation in der Schweiz wenig Fragen offen liess, vertreten.
 
IT-Industrie glänzt durch Abwesenheit
Die Abwesenden fielen fast noch mehr auf, als die prominenten und finanzkräftigen Unterstützer der Inititiave. Ausser Google unterstützt kein einziger der multinationalen Konzerne wie Microsoft, HP, IBM, EMC, Sun, Lenovo oder Fujitsu Siemens die Initiative. Wir staunen, wird doch gerade Microsoft nicht müde darin, sich als Wohltäter und Förderer der Schweizer «IT Fitness» zu profilieren. Auf die Frage Karl Hopplers, wo denn die «IT Industrie» sei, sagte Stefan Arn unverblümt: «Es interessiert sie nicht.» Ebenfalls prominent abwesend war die sonst auch nicht gerade unbescheidene Internet-Branche samt ihrem Verband simsa. Doch das kann sich ja noch ändern. (Inside-IT/mc)

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