Pascal Schneebeli, Geschäftsführer Thalia Schweiz

von Jolanda Lucchini


Herr Schneebeli, in der Schweiz soll die 2007 aufgehobene Buchpreisbindung wieder eingeführt werden ? mit der Begründung, dadurch würden die Preise über das ganze Buchsortiment hinweg tief gehalten und die Vielfalt des Angebots gesichert. Was würde die Wiedereinführung für Thalia bedeuten?

Thalia hat sich immer für ein massvolles Buchpreisbindungsgesetz ausgesprochen, das eine gewisse Bandbreite in der Preisgestaltung zulässt und keine Diskriminierung nur gewisser Markteilnehmer schafft. Vor diesem Hintergrund würde die Einführung eines Buchpreisbindungsgesetzes für uns keine Veränderung mit sich bringen.


Ketten wie Thalia, mit 22 Filialen Marktführerin in der Schweiz, haben inzwischen viele kleine Buchhandlungen übernommen oder verdrängt. Würden fixe Buchpreise wenigstens den letzten von ihnen das Überleben sichern?

Ein vernünftiges Gesetz das einen gewissen Handlungsspielraum zulässt, aber gleichzeitig einem möglichen Preisdumping entgegenwirkt, hilft dem Schweizer Buchhandel insgesamt, auch kleinen und mittelständischen Unternehmen.


In der Schweiz und Österreich erzielte Thalia 2008 einen Umsatzzuwachs von 9,4 Prozent auf mehr als 179 Millionen Euro. Wie sah der Geschäftsgang von Thalia Schweiz in den vergangen Monaten aus?

Der Schweizer Buchhandelsmarkt hat in den ersten drei Monaten dieses Jahres 2,7 Prozent seiner Umsätze im Vergleich zum Vorjahr eingebüsst. Diesem Trend konnten auch wir uns nicht ganz entziehen, wenn auch nicht in diesem Ausmass.


Welche Buchsegmente sind bei Thalia Schweiz am umsatzstärksten?

Die Bereiche Kinder- und Jugendbuch, Romane, Krimis und Ratgeber sind die klassisch wichtigen Warengruppen. Neben weiteren starken Buchsegmenten wie fremdsprachiges Buch, Lehrmittel und Lernhilfen, Geistes- und Sozialwissenschaften, Wirtschaft, Reisen usw.  gewinnen aber auch andere Sortimentsbereiche, wie beispielsweise Hörbucher, DVD?s, Spiele, Software, E-Books, Geschenkartikel und Papeteriewaren an Bedeutung.


Thalia Schweiz ist seit Februar neuer Sponsor des Literaturclubs von SF DRS. Welchen Nutzen ziehen Sie aus diesem Engagement?

Für uns ist es wichtig, mit der Unterstützung des Literaturclubs einen Beitrag zum Schweizer Literaturbetrieb und zur kulturellen Vielfalt und Leseförderung zu leisten.


Thalia verfügt auch über diverse Online-Shops. Welche Bedeutung haben diese Verkaufskanäle für Ihr Unternehmen und wie werden sie sich Ihrer Meinung nach in Zukunft entwickeln?

Wir sind mit unseren Onlineauftritten thalia.ch, stauffacher.ch, meissner.ch und zap.ch im Schweizer Onlinebuchhandel gut vertreten, denn dieser Vertriebskanal hat für uns grosse Bedeutung und wird an solcher noch gewinnen. Als Mitgründer des Onlinebuchhändlers buch.ch befasse ich mich seit 1996 mit dem Onlinehandel und bin der festen Überzeugung, dass mit der zunehmenden Digitalisierung von Inhalten dieser Vertriebszweig in Zukunft eine noch grössere Rolle spielen wird.


Der Schweizer Buchhändlerverband möchte die Preisbindung auch auf den grenzüberschreitenden Online-Verkauf ausweiten. Wäre das auch in Ihrem Sinn?

Ein Buchpreisbindungsgesetz, an das sich nur inländische Händler halten müssen, ist für uns nicht akzeptabel, daher unterstützen wir dieses Ansinnen. Ein Gesetz macht nur dann Sinn, wenn für alle Marktteilnehmer, auch für ausländische Anbieter die sich am Schweizer Buchmarkt beteiligen, die gleichen Bedingungen gelten.


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Das Buch ist nicht irgendeine Ware, sondern ein kulturelles Gut. Wie gehen Sie damit als wirtschaftlich orientiertes Unternehmen um?

Wir investieren in den Vollsortimentsbuchhandel, der sich im Gegensatz zum Schmalspurbuchhandel mit seinem eingeschränktem Angebot und starken Fokus auf den Preis durch ein sehr breites und tiefes Buchsortiment auszeichnet. Unser Ziel ist, unserer Kundschaft ohne Einschränkungen, aber natürlich immer innerhalb des gesetzlichen Rahmens, alle verfügbaren Bücher zugänglich zu machen. Und natürlich wollen wir dabei auch Geld verdienen.


In den Geschäften der Ketten gibt es heute Bestseller-Regale und eine riesige Auswahl. Aber die persönliche Beziehung zwischen Buchhändler und Kunde und eine entsprechend individuelle Beratung ist dafür etwas verloren gegangen. Was unternimmt Thalia, um diese Anonymität abzubauen und mehr Kundennähe zu schaffen?

Gerade die sehr persönliche und individuelle Beratung ist ein Erfolgsfaktor von Thalia. Dieser hohe Standard wird durch  Qualitätschecks in allen Buchhandlungen unserer Gruppe regelmässig überprüft.


«Mit den neuartigen Lesegeräten und einem stärkeren Fokus auch auf belletristische Buchtitel erachte ich ein E-Books-Umsatzanteil von 5% – 10% in den nächsten Jahren durchaus als möglich.»


Seit Anfang April vertreibt Thalia den Sony E-Book Reader 505. Ihre Konkurrenz hat ähnliche Produkte seit längerem im Angebot, die Verkaufszahlen bewegen sich aber in einem sehr tiefen Bereich. Wie beurteilen Sie die Chance des E-Books?

Der E-Book Markt ist bisher an unpraktischen Lesegeräten gescheitert. Wir bieten beispielsweise in unseren Onlineshops seit 2001 eine breite Palette E-Books an, aber trotz der Möglichkeit, sogar nur einzelne Kapitel zu kaufen ? gerade im Wissenschaftsbereich durchaus interessant ? war der Umsatzanteil bisher marginal. Mit den neuartigen Lesegeräten und einem stärkeren Fokus auch auf belletristische Buchtitel erachte ich ein Umsatzanteil von 5% – 10% in den nächsten Jahren durchaus als möglich.


Thalia hat eine spezielle Führungsstruktur: Jeweils zwei Geschäftsführer stehen an der Spitze der drei Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Warum dieses Modell? Wie wird es umgesetzt?

Die starke Dezentralität der Unternehmung, die Ausfallsicherheit und das aus unserer Sicht notwendige Vieraugenprinzip in der Unternehmungsführung sprechen für zwei Geschäftsführer. Gerade wir Schweizer kennen uns mit der Umsetzung dieser Führungsstruktur eigentlich ganz gut aus: Wie im Bundesrat wird nach Innen diskutiert und nach guten Lösungen gerungen und nach Aussen das Kollegialitätsprinzip gewahrt.


Der Name Thalia stammt aus der griechischen Antike: Thalia ist eine der neun Töchter von Zeus und die Muse der heiteren Dichtkunst, des Lustspiels und der Komödie. Wie viel Platz können Sie in Ihrer Arbeit dem kreativen Schöngeist einräumen?

Ich habe mit dem Wort «Schöngeist» ein bisschen Mühe, aber mit Kreativität etwas zu Erschaffen ist in meiner Tätigkeit sehr oft gefragt. Und darüber bin ich froh. Dazu gehört auch, sich die notwendigen Freiräume zu schaffen, denn es besteht durchaus die Gefahr, sich immer dem Dringlichen statt dem Wichtigen zu widmen.


Herr Schneebeli, besten Dank für das Gespräch.





Der Interviewpartner:
Pascal Schneebeli, 36-jährig, ist seit 2006 Geschäftsführer der Buchhandelsgruppe Thalia Schweiz, gleichzeitig ist er Verwaltungsrat des Onlinebuchhändlers buch.ch AG. Als Mitgründer und langjähriger Verwaltungsratspräsident der buch.ch AG ist der studierte Betriebsökonom durch den Verkauf von buch.ch  im Jahr 2001 mit der Buchhandelsgruppe Thalia in Kontakt gekommen. Pascal Schneebeli ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in der Region Basel.


Zum Unternehmen:
Thalia Schweiz ist als Marktführerin im Sortimentsbuchhandel mit derzeit 22 Filialen in der Schweiz vertreten und beschäftigt rund 650 Mitarbeitende. Neben dem stationären Buchhandel ist Thalia auch im Internet-Geschäft tätig (siehe Links). Thalia Schweiz gehört der deutschen Thalia Holding an. In der Schweiz und Österreich erzielte Thalia im Geschäftsjahr 2007/ 2008 einen Umsatz von 179,5 Millionen Euro. Detailzahlen zu den Ländern werden nicht publiziert.

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