Peter Jauch, Stade-de-Suisse: «Die Champions League ist eine Gratwanderung»


In Bern wird am 30. Juli 2005 die dritte grosse Fussball-Arena der Schweiz eröffnet. Stade-de-Suisse-CEO Peter Jauch äussert sich im Moneycab-Interview zur Frage, ob ein Höhenflug, wie beim FC Basel , dank des neuen Stadions auch bei YB möglich ist.

Von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Jauch, am 30. Juli kommenden Jahres wird das STADE DE SUISSE in Bern feierlich eröffnet. Können Sie uns eine kurze Zusammenfassung geben, wie der Stand der Arbeiten ist – rund ein Jahr vor dem „Kick-off“?

Peter Jauch: Knapp ein Jahr vor der Eröffnung ist alles im Plan. Allerdings werden bei den vielen kleinen Details noch viele Überraschungen auf uns warten, da im ganzen Komplex doch über 1300 Räume „errichtet“ werden müssen und eine abgestimmte Infrastruktur installiert werden muss.

Das „neue Wankdorf“ soll rund 350 Millionen Franken kosten. Solche riesigen Projekte sind für kleinere und grössere Betriebe der Umgebung jeweils sehr wichtig.In welchem Umfang konnten an Unternehmen aus der Region Bern Aufträge vergeben werden?
Rund 80% der Aufträge gingen an Unternehmen aus der Region Bern.


«Es ist so, dass einige im Fussball noch nicht begriffen haben, dass der Markt zusammengebrochen ist und die Löhne generell immer noch zu hoch sind. Trainer gehören auch dazu.» Peter Jauch, CEO Stade-de-Suisse



Der multifunktionale Stadion-Komplex wird an 365 Tagen im Jahr betrieben werden. Mit welchen Betriebskosten rechnen Sie und wie viele Mitarbeiter planen Sie dafür ein?
Die Betriebskosten richten sich nach diversen Konzept-Möglichkeiten. Betreiben wir die Restaurants selber oder verpachten wir diese, wird eine wichtige Frage sein. Wir rechnen mit Betriebskosten (inkl. Restaurants) von ca. 600’000 – 800’000 Franken pro Monat. Mitarbeiter werden zirka 60 inkl. Restauration beschäftigt.

Im neuen Stadion sollen ja nicht nur Fussballspiele und Events stattfinden. Insgesamt stehen 65’000 Quadratmeter Geschäfts-Räumlichkeiten zur Verfügung. Wie viel Fläche konnte bisher vermietet werden und wer sind die grössten Mieter?
Die Flächen sind zu 70% vermietet. Der grösste Mieter ist COOP. COOP ist aber auch für die Untervermietung zuständig.

Für finanzkräftige Partner sind die Logen von grosser Wichtigkeit. Für die total 186 Logenplätze in diversen Einzelboxen gab es offenbar doppelt so viele Interessenten wie Plätze. Nach welchen Kriterien wurden die Logen vergeben und an wen?
Zuerst sind unsere Stadionpartner berechtigt eine Loge zu mieten, dann die Partner von YB und dann die weiteren Interessenten, die sich dafür interessieren. Die Verhandlungen sind noch nicht ganz abgeschlossen. Es hat noch zwei 8er-Logen und eine 12er-Loge, die noch nicht vermietet sind.

Ein Logenplatz kostet pro Saison zwischen 12’000 und 15’000 Franken – was erhält der Mieter dafür im Gegenzug?
Das Leistungspacket ist umfangreich: Für alle YB-Spiele (Meisterschaft plus 2 zusätzliche) hat der Logenmieter Gratis Verpflegung und Getränke (inkl. Wein, Bier, Mineral, Kaffee etc.) zur Verfügung. Die Loge kann auch täglich (ausser bei Grossveranstaltungen) für Seminare, Sitzungen, Feiern, etc. genutzt werden. Die Mieter-Firmen sind automatisch auch Mitglied im Business-Klub (div. Anlässe), haben Parkplätze, Newsletter, Programmhefte und Anrecht auf Kontakte zu Führungspersönlichkeiten oder Spielern von YB. Sie haben auch ein Anrecht für die Nutzung für alle weiteren Anlässe im Stadion (Nationalmannschaft, Konzerte, etc.) und müssen dann nur noch den Ticketpreis und das Catering bezahlen.

Sie haben vor ein paar Wochen die Bell AG als exklusiven Partner für das Catering vorgestellt. Was beinhaltet dieser Auftrag und was waren die entscheidenden Kriterien für die Wahl von Bell?
Bell übernimmt für uns im Zuschauerbereich als Generalunternehmer die Verantwortung und den Ausbau der 16 Catering-Stände und sorgt auch für die Belieferung und Logistik rund um die Veranstaltungen, auch was Getränke anbetrifft. Als Stadionmanager in Basel hatte ich schon mit BELL zusammengearbeitet. Die professionelle Betreuung des Caterings hat sich schon damals ausgezahlt. Wir konnten jetzt für Bern, dank den Erfahrungen von Basel und BELL vieles optimieren. Als Beispiel: Die Schalke-Arena macht mit doppelt sovielen Zuschauern (60000) wie in Basel (30000) gleich viel Umsatz…

Zum sportlichen Bereich: Die Stade de Suisse Nationalstadion Wankdorf AG ist mehrheitlich am Berner Super-League-Verein Young Boys beteiligt. Zuletzt wurden kritische Stimmen laut, unter anderem von YB-Trainer Zaugg und Berner Sportjournalisten, das finanzielle Investment in den Verein sei zu klein. Damit bei Spielbeginn im neuen Wankdorf eine schlagkräftige Equipe zur Verfügung stehe, müsse mehr investiert werden. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Dummes Zeugs. YB hat mehr zur Verfügung als eh und je. Hätten die YB-Verantwortlichen das Prämienreglement schon letzte Saison angepasst, würden rund 800’000 Franken mehr zur Verfügung stehen als jetzt. Zudem ist es doch so, dass einige im Fussball noch nicht begriffen haben, dass der Markt zusammengebrochen ist und die Löhne generell immer noch zu hoch sind. Trainer gehören auch dazu. Sie sprechen zwar von Verantwortung und der Angst entlassen zu werden, aber die finanzielle Verantwortung hat noch kein Trainer tragen müssen.

Der Trainer hat grundsätzlich mit dem zu arbeiten, was er vom Arbeitgeber bekommt. Das Wunschkonzert findet im Radio statt. Wir sind ja nicht hingegangen und haben gesagt „Herr Zaugg sie müssen in die Champions League kommen“. Ich bin 38 Jahre im Sport, ich weiss, dass es auch einmal daneben gehen kann, auch wenn man vieles richtig gemacht hat. Verletzungen, Sperren etc. Und, wir wissen nie, wie es sich unsere Gegner eingerichtet haben… Und zudem sollten solche Dinge intern und nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Das weiss auch der Trainer… jetzt!

Das neue Stadion war beim FC Basel die Basis für die unvergleichliche Erfolgsserie der letzten Jahre. Ist eine solche Erfolgsgeschichte auch in Bern möglich und mit was für einem Zuschauerschnitt budgetieren Sie, davon ausgehend, dass die Young Boys weiter an der Spitze mitspielen?
Ich war Geschäftsführer beim FC Basel und wurde eineinhalb Jahre vor der Eröffnung Stadionmanager. Der Erfolg in Basel ist zwei Leuten zuzuschreiben: Stefan Musfeld, dem Präsidenten der Stadiongenossenschaft, der das Stadion so umsetzte, dass es heute funktioniert und Christian Gross. Ohne Gross wäre sportlich beim FCB nichts gelaufen, es herrschte bis zu seiner Einstellung das nackte Chaos. Er hat den Verein nicht nur sportlich, sondern vor allem organisatorisch auf den richtigen Weg gebracht. Ohne ihn gäbe es auch Frau Oeri nicht, viele Sponsoren nicht und die sportlichen Erfolge auch nicht.

Zu bedenken ist auch, dass der FCB in der Saison vor dem Einzug ins Stadion Dritter war, in der ersten Saison im Stadion Fünfter. Das haben wahrscheinlich die meisten vergessen. Deshalb bin ich nicht nervös, bezüglich YB und Bern. Wir werden dafür sorgen, dass YB an der Spitze mitspielen kann, aber nicht um jeden Preis. Vernünftig und realistisch sind 14’000-17’000 Zuschauer notwendig um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wir gehen aber von mehr aus… sonst könnte ich morgen aufhören!

Letzte Frage: YB spielt in der Champions-League-Qualifikation gegen Roter Stern Belgrad. Wie wichtig ist ein Einzug in die Champions League für den Verein und die Stade de Suisse Nationalstadion Wankdorf AG bereits in dieser Saison?
Das ist für jeden Verein wichtig. Wenn wir es schaffen, sind wir glücklich, wenn nicht, bestimmt nicht zu Tode betrübt oder wirtschaftlich vor dem Kollaps, wie andere… Die Champions League ist eine ungesunde Gratwanderung. Team mit Budgets von über 100 Millionen Euro sind gestrauchelt und stehen vor dem Ruin. Das Budget und die Saläre der Superstars garantieren heute gar nichts mehr, sonst wären sich im Champions-League-Final nicht Monaco und Porto gegenüber gestanden, oder die Griechen wären nicht Europameister geworden.

Der Fussball ist dank den athletischen Fähigkeiten, die heute auch ein Spieler aus Liechtenstein oder Luxemburg mitbringt, und den taktischen Möglichkeiten unberechenbar geworden. Siehe Thun im UI-Cup, das mit einem 5-Millionen Budget gegen Wolfsburg (85 Mio.) weiterkommt. Nach dem sollten wir uns in der Schweiz richten, nicht nach Madrid, Barcelona, Manchester, Turin oder München…


Moneycab Interviews Peter Jauch 
CEO und Verwaltungsrat Stade de Suisse Wankdorf Nationalstadion AG (seit 2002)

Nationalität: Schweizer

Zuvor:
1999-2001 Stadionmanager St. Jakob-Park
1998-2001 Geschäftsführer FC Basel
1996-1998 Marketingleiter GC/ZSC Lions
1991-1996 Selbstständiger Herausgeber div. Publikationen
1989-1990 Verlagsleiter SPORT
1975-1987 Mitglied der GL ADIDAS
1967-1975 Sportredaktor Blick & SonntagsBlick

Die Stade de Suisse Wankdorf Nationalstadion AG ist die Vermarktungs- und Betriebsorganisation des Stade de Suisse Wankdorf Bern, der grössten multifunktionalen Sport-, Kultur- und Event-Arena der Schweiz. Die Stade de Suisse Wankdorf Nationalstadion AG ist zudem mehrheitlich an der BSC Young Boys Betriebs AG beteiligt.

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