Rémy Gröflin, IT-Leiter La Roche & Co, Banquiers

Von Helmuth Fuchs


Moneycab: Herr Gröflin, La Roche & Co Banquiers sind seit 1787 im Geschäft und somit als älteste Bank Basels  der Tradition verpflichtet. Technologisch haben Sie sich vor fünf Jahren von Finnova, deren Verwaltungsrat Sie waren, getrennt. Was waren die Gründe für die Trennung und welche Alternativen haben Sie sich damals angeschaut?


Rémy Gröflin: Die Entwicklungen bei Finnova waren sehr stark auf das Geschäftsmodell von Retailbanken ausgerichtet. Für Privatbanken fehlte zum Beispiel der direkte Börsenanschluss. Nach dem Ausstieg von Darier-Hentsch und Rahn&Bodmer wollten und konnten wir das Risiko des Besitzes einer Informatikfirma nicht mehr tragen. Für uns gab es nur zwei Varianten: Entweder wir führen die Migration auf die neue Finnova-Plattform zu Ende oder wir wechseln zu Avaloq.



«Avaloq ist die Bankenplattform für das Private-Banking und deckt daher unser Geschäftsmodell am idealsten ab.» Rémy Gröflin, Leiter Informatik La Roche & Co, Banquiers


Zum Schluss haben Sie sich für das Avaloq Banking System entschieden. Was hat den Ausschlag für diese Lösung gegeben?


Avaloq ist die Bankenplattform für das Private-Banking und deckt daher unser Geschäftsmodell am idealsten ab.


Allgemein assoziiert man mit der Einführung einer neuen Banking-Plattform hohe zweistellige Millionenbeträge, dutzende von Projektmitarbeitern und externe Berater. Sie beschäftigen gerade mal 10 Informatikmitarbeiter. Wie haben Sie die Aufgaben in diesem Grossprojekt organisatorisch aufgeteilt, welche Arbeiten konnten Sie mit internen Personen angehen, wo haben Sie externe Spezialisten beigezogen?


Wir wählten eine einfache Projektstruktur. Pro Hauptbereich agierten je ein Mitarbeiter von La Roche & Co sowie dem externen Implementierungspartner.


Wie sah der zeitliche Ablauf des Projektes aus, was waren die wichtigsten Meilensteine?


Auf Grund der Verfügbarkeiten des Implementierungspartners hatten wir eine 5-monatige Vorphase. Anschliessend wurde die Migration und Implementierung in 10 Monaten durchgezogen.


Was im Falle der La Roche & Co Banquiers vor allem erstaunt ist die Tatsache, dass Sie mit Ihrer kleinen Informatikabteilung auch den Betrieb von Avaloq in Eigenregie bewältigen. Wie ist das möglich?


Eine Bankenplattform in Eigenregie zu betreiben ist nur möglich, wenn man diese artrein einsetzt, das heisst, wir haben ausser den obligatorischen Drittprodukten wie SWIFT, SIC und SIX nur ein einziges Drittsystem an Avaloq angeschlossen.



«Den grössten Vorteil des Vereins «Interest Group Avaloq(IGA)» sehen wir im gemeinsamen Sprachrohr gegenüber dem Bankenplattformlieferanten Avaloq. Hier wurden schon sehr viele konkrete Fortschritte erzielt.»


Im Gegensatz zu Strukturen bei Grossbanken, ist bei Ihnen wirklich jeder Mitarbeiter ein ausgewiesener und kaum schnell zu ersetzender Spezialist. Haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt, den gesamten Betrieb der Bankenplattform an ein spezialisiertes Unternehmen auszulagern und was hat Sie bis anhin davon abgehalten?


Seit über 220 Jahren operiert La Roche & Co als unabhängiges Institut mit vollhaftenden Partnern/Teilhabern. Diese Unabhängigkeit kann nur gewahrt werden, wenn auch der wichtigste Produktionsteil einer Bank wie die Informatik unabhängig betrieben wird. Zudem haben unsere Berechnung und Abklärungen gezeigt, dass eine Auslagerung unter dem Strich für uns teurer ist. Der Outsourcing-Partner möchte ja einen Gewinn erwirtschaften. Dieser Kostenfaktor fällt bei uns völlig weg.


Eine besondere Bedeutung wird von vielen Kunden der Avaloq Community beigemessen. Vorgefertigte Parametrisierungen oder Erfahrungsaustausch werden oft erwähnt. Welche Bedeutung hat die Community in Ihrem Fall, ergeben sich für Ihr Projekt daraus konkrete Vorteile?


Bei dieser Frage sprechen Sie die Bedeutung des Vereins «Interest Group Avaloq(IGA)» an. Den grössten Vorteil sehen wir im gemeinsamen Sprachrohr gegenüber dem Bankenplattformlieferanten Avaloq. Hier wurden schon sehr viele konkrete Fortschritte erzielt.



«Unser Bankbetrieb ist mit der Bankenplattform Avaloq sehr zufrieden. Unsere Erwartungen haben sich vollumfänglich erfüllt. Insbesondere konnten wir den Automatisierungsgrad erhöhen.»


Avaloq hat nach seinen Anfängen mit Privatbanken-Kunden inzwischen auch grosse Retailbanken als Kunden und hat im letzten Jahr die Internationalisierung vorangetrieben. Wie beurteilen Sie als Vertreter einer Privatbank diese Entwicklung, überwiegen mögliche Chancen und Vorteile oder sehen Sie eher Gefahren darin?


Für uns als Privatbank ist diese Entwicklung eher ein Nachteil. Da Avaloq ein unabhängiger Softwarelieferant ist, können wir ihr Geschäftsmodell nicht beeinflussen.


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Nach 5 Jahren Erfahrung mit dem Betrieb von Avaloq, welches Fazit ziehen Sie, wo haben sich Ihre Erwartungen erfüllt, wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?


Unser Bankbetrieb ist mit der Bankenplattform Avaloq sehr zufrieden. Unsere Erwartungen haben sich vollumfänglich erfüllt. Insbesondere konnten wir den Automatisierungsgrad erhöhen. Verbesserungspotenzial sehen wir im Unterhalt von Avaloq.


Obschon Ihre Kunden wahrscheinlich vorwiegend auf die persönliche Betreuung Wert legen, haben Sie im letzten Jahr eine E-Banking Lösung eingeführt. Um welche Lösung handelt es sich und wie aufwändig war diese Einführung?


Nach einem längeren Evaluationsprozess haben wir uns schliesslich für die COMIT-Lösung entschieden, weil sich diese Lösung direkt an Avaloq andockt, das heisst, dem E-Banking-Kunden stellen wir die gleichen Bildmasken wie dem Bankmitarbeiter zur Verfügung. Die Einführung erfolgte relativ zügig.


Wie schnell wechseln Sie jeweils auf den neuesten Avaloq Release und wie bereiten Sie sich mit Ihren Mitarbeitern auf einen Release-Wechsel vor?


Vertraglich sind wir verpflichtet, ein neues Release innerhalb von 6 Monaten nach der Freigabe einzuführen. Der heute eingespielte Upgrade sieht zeitlich so aus, dass wir im 2. Quartal des Jahres die technische Implementierung vorbereiten, im 3. Quartal die Benutzertests durchführen und Anfang 4. Quartal die Einführung vornehmen.


Avaloq-Spezialisten sind am Markt sehr gesucht und werden auch überdurchschnittlich entlöhnt. Haben Sie keine Angst, dass Ihre Mitarbeiter abgeworben werden und Sie den Know-How-Verlust nicht ausgleichen können?


Unser Informatikpersonalbestand ist sehr stabil. Wir hatten in den letzten 5 Jahren seit der Einführung von Avaloq einen einzigen Wechsel. Die für uns grosse Lücke konnten wir sehr rasch mit einer kompetenten Person ohne Avaloq-Kenntnisse wieder schliessen. Weil meine Mitarbeiter in einem interessanten, abwechslungsreichen und herausfordernden Umfeld arbeiten können, sind die Abwerbungskontakte relativ gering. Zudem richtet sich unsere Entlöhnung nach den Vorgaben von Swiss ICT.


Welche nächsten Schritte sind mit Avaloq als nächstes geplant, gibt es funktionale Erweiterungen, die schon anstehen?


Bis heute haben wir aus verschiedenen Gründen, unter anderen weil wir eine eigene Lösung einsetzen, das Portfolio Management Desk von Avaloq nicht eingeführt. Zudem müssen wir uns auch Gedanken machen, wie wir unseren CRM-Prozess verbessern können.


Die gesamte Umgebung am Sitz der La Roche & Co Banquiers zeugt von der langen Geschichte. Sie repräsentieren mit der Informatik modernste Technologie. Wie prägt ein solch historisches Erbe das eigene Handeln, gibt es besondere Aspekte, die Sie bei Ihren Entscheiden berücksichtigen?


Durch die eigenständige Informatik können wir die Bedürfnisse unserer «Kunden» sehr rasch umsetzen. Ansonsten agieren wir wie andere Banken mit dem gleichen Geschäftsmodell.


Zum Schluss des Interviews haben Sie noch zwei Wünsche frei. Wie sehen diese aus?


Ich wünschte mir für den Unterhalt von Avaloq etwas modernere Entwicklungswerkzeuge, welche diesen Namen auch verdienen. Der zweite Wunsch wäre, dass wir uns in der IGA auf gemeinsame Entwicklungen einigen könnten.





Der Gesprächspartner:
Rémy Gröflin, Geburtsjahr 1958, verheiratet, zwei Kinder

Ausbildung:
Matura Typ C, Ausbildung als Operator, Programmierer,Analytiker, eidg. dipl. Wirtschaftsinformatiker

Berufserfahrung:
1979 – 2001: Projekt-, Gruppen-, Sektions- und Abteilungsleiter beim Schweizerischen Bankverein und der UBS AG. Vizedirektor
Seit 2001: Leiter Informatik La Roch & Co Banquiers, Mitglied der Geschäftsleitung


Das Unternehmen:
Die Basler Privatbank La Roche & Co Banquiers ist seit ihrer Gründung im Jahr 1787 im Familienbesitz. Heute firmiert sie als Kommanditgesellschaft mit sechs unbeschränkt und persönlich haftenden Teilhabern. Bei La Roche & Co Banquiers stehen die Person und das Umfeld der Kundinnen und Kunden im Zentrum. Die Beziehung basiert auf gegenseitiger Wertschätzung und Vertrauen, Fairness und Menschlichkeit, geprägt durch Freude an innovativen Lösungen.

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