Roland Ledergerber, CEO St. Galler Kantonalbank

Von Alexander Saheb


Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die grosse Bankenwelt erzittern lassen. Die defensiv agierenden Kantonalbanken gehören zu den Gewinnern, der Igel hat den Hasen überholt. Freut Sie das?
 
Ich spreche eigentlich nicht so gern von Gewinnern oder Verlierern, denn die Finanzkrise hat den ganzen Finanzplatz Schweiz gleichermassen getroffen. Selbstverständlich erfreute sich die St.Galler Kantonalbank eines grösseren Neugeldzuflusses und wir werden auch alles daran setzen, die neuen Kunden von den Vorteilen unserer Bank überzeugen. Dennoch, gilt es generell das Vertrauen in das Bankensystem wiederherzustellen.


Wie beurteilen Sie die Folgen der Krise für den Finanzplatz Schweiz?

Diese halte ich in der Tat für weitreichend: Die Werteinbrüche an den Finanzmärkten haben zu Ertragsrückgängen vor allem im Vermögensverwaltungsgeschäft geführt. Dies wird auch in der Schweiz zu einem Verdrängungswettbewerb führen und den Konsoldierungsprozess beschleunigen. Durch den internationalen Druck auf das Bankgeheimnis droht die Schweiz über früher oder länger diesen Wettbewerbsvorteil zu verlieren. Ebenso erschwert sich durch die gestiegenen aufsichtsrechtlichen Anforderungen der Marktzugang im Ausland. Neue und verschärfte Regulierungen der FINMA werden schliesslich höhere Kosten nach sich ziehen.


Im Herbst 2007 wurde der «Masterplan Finanzplatz Schweiz» vorgestellt, von dem man mittlerweile in der Öffentlichkeit nicht mehr viel hört. Was hören Insider der Finanzwelt wie Sie?

Der Finanzplatz trägt unverändert in entscheidendem Ausmass zum Wohlstand in unserem Land bei. Die durch die Finanzkrise ausgelösten Verwerfungen und die daraus entstandenen neuen Realitäten machen zweifellos eine Überarbeitung nötig. Über den Stand dieser Arbeiten bin ich nicht im Detail informiert.


«Durch den internationalen Druck auf das Bankgeheimnis droht die Schweiz über früher oder länger diesen Wettbewerbsvorteil zu verlieren.»


Im Masterplan hiess es, dass der Wertbeitrag des Finanzplatzes zum Schweizer BIP bis 2015 jährlich nominal mindestens zwischen 7 und 9 Prozent wachsen soll. Ist das mittlerweile nicht utopisch?

Wie gesagt müssen die Ziele überprüft werden. Es geht darum, dass wir den Finanzplatz Schweiz im globalen Wettbewerb erfolgreich positionieren. Der Finanzplatz erbringt rund 12% der Wertschöpfung der Schweiz und generiert rund 12-15% der Steuereinnahmen. Ein zukunftsgerichteter, erfolgreicher und wettbewerbsfähiger Finanzplatz ist im besten Interesse unseres Landes.


Nach massivem Druck der USA auf die UBS und der OECD auf die Schweiz musste das Schweizer Bankgeheimnis erheblich aufgeweicht werden, so dass nun eine einfache Anfrage ausländischer Steuerbehörden zur Datenübermittlung führt. Fällt damit ein lukratives Geschäftsmodell flach, dass auf Ausnutzung unterschiedlicher Rechtsstrukturen beruhte?

Ich bin überzeugt, dass das Schweizer Bankwesen weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird, wenn es uns gelingt, seine Stärken weiterhin zu pflegen. Dazu gehören politische Stabilität, die Rechtssicherheit, die jahrhundertelange hohe Professionalität und Diskretion sowie der Schutz der Privatsphäre. Ebenso darf nicht vergessen werden, dass es weiterhin Personen gibt, die ihr Geld bewusst offshore in einem anderen Land anlegen möchten ? legal und sauber deklariert.


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Kürzlich wurde an den Fall der Berliner Mauer erinnert. Ist mit dem Ende des Kalten Krieges nicht auch eine besondere Stärke der Schweiz ? Frieden und Sicherheit ? in ihrem Wert relativiert worden?

In der bi-polaren Welt des kalten Krieges konnte die Schweiz während Jahrzehnten in der Tat immer wieder eine wichtige vermittelnde Rolle spielen. Trotzdem wünscht sich natürlich niemand die Verhältnisse vor dem Mauerfall zurück. Das ist nicht das Problem der Schweiz. Im Gegenteil, wir haben dadurch Zugang zu neuen Märkten erhalten und gerade vermögende Privatpersonen aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion schätzen die Qualität und die Stärken des Swiss Banking. Das Problem der Schweiz scheint mir eher eine gewisse «Singularisierung» innerhalb der sich verändernden Machtverhältnisse insbesondere in Europa zu sein.


«Das Problem der Schweiz scheint mir eher eine gewisse «Singularisierung» innerhalb der sich verändernden Machtverhältnisse insbesondere in Europa zu sein.» 


Die SGKB hat jüngst eine Tochtergesellschaft in München eröffnet. Was gibt es da, was es in St. Gallen nicht gibt?

Dieser Schritt war für uns ein strategisch wichtiger Entscheid. Die seit Frühling operative St.Galler Kantonalbank Deutschland AG kümmert sich ausschliesslich um das Vermögensverwaltungsgeschäft mit deutschen Kunden vor Ort. Wir verfügen damit im EU-Raum um eine lizenzierte Bank in einem lukrativen Private Banking Markt. Die Lizenz ist Voraussetzung dafür, dass wir den deutschen Markt aktiv bearbeiten und unsere Kunden so betreuen können, wie sie es von einer Schweizer Bank erwarten.


Nach all den Marktverwerfungen suchen Anleger nach Sicherheit. Viele finden diese in Immobilien, die Wohneigentumspreise steigen. Haben Sie den Eindruck dass die günstigen Schweizer Hypozinsen zu einer übersteigerten Wohneigentumsnachfrage führen?

Durch das tiefe Zinsniveau wird der Traum vom Eigenheim für viele Menschen erschwinglich. Die Zinsen werden aber nicht auf diesem historischen Tiefstniveau bleiben. Ohnehin pflegt die St.Galler Kantonalbank eine vorsichtige Kreditpolitik. Zentrales Element ist dabei die Tragbarkeit, die  auch bei höheren Zinsen stets gegeben sein muss. Deshalb berechnen wir die Tragbarkeit anhand von kalkulatorischen Zinsen von 5% für die erste und 6% für die zweite Hypothek ? und zwar unabhängig davon, dass das aktuelle Zinsniveau wesentlich tiefer ist. Das ist letztlich im Interesse des Kunden und hilft auch, gefährliche Immobilienblasen zu verhindern.


Teils hört man von Belehnungen bis zu 90 Prozent bei Wohnimmobilien, vereinzelt gar noch mehr. Wie ist die Lage im Raum St. Gallen?

Der Ostschweizer Immobilienmarkt ist intakt. Die Preise entwickelten sich stabil und zeigten keine Überhitzungserscheinungen. Der Wohnbaumarkt entwickelt sich stabil. Im Bereich der Geschäftsbauten ist eine gewisse Verunsicherung aufgrund des wirtschaftlichen Abschwungs spürbar und einzelne Projekte wurden da und dort auch verschoben. Insgesamt ist der Markt aber wie gesagt gesund.


«Grundsätzlich haben die Kantonalbanken in der Finanzkrise eine stabilisierende Funktion ausgeübt.»


Sicherheit bieten auch die Anteilsscheine der verschiedenen Kantonalbanken, die sich ? wie die SGKB – teilprivatisiert haben. Sind das aufgrund der defensiven Ausrichtung der Institute aber nicht Aktien oder PS die eher Anleihencharakter haben?

Ich kann nur für die St. Galler Kantonalbank sprechen. Die St. Galler Kantonalbank verfügt über ein solides und ausgewogenes Geschäftsmodell und hat gerade in dieser schwierigen Krise von ihrer Stabilität und Sicherheit profitiert. Die Aktie hat sich in den vergangenen Jahren stets sehr erfreulich entwickelt. Darüber hinaus ist die Dividendenrendite attraktiv. Der Vergleich mit einer Anleihe ist sicher nicht angebracht.


Vorrangig grosse Kantonalbanken haben solche Papiere ausgegeben. Wie werden sich die kleinen Kantonalbanken in kommenden Konsolidierungswellen der Bankenwelt behaupten können?

Grundsätzlich haben die Kantonalbanken in der Finanzkrise eine stabilisierende Funktion ausgeübt. Dies beweisen die robusten Zuflüsse an Kundengeldern sowie ein überdurchschnittliches Wachstum des Kreditvolumens. Die Kantonalbanken sind in ihren Marktgebieten üblicherweise Marktführer.





Der Gesprächspartner:
Roland Ledergerber, lic.oec. HSG, Jahrgang 1961, ist seit 1. Februar 2008 Präsident der Geschäftsleitung. Er stiess im Dezember 1998 als Leiter Firmenkunden Gesamtbank zur St.Galler Kantonalbank und war danach Vertriebsleiter und Stellvertreter des Bereichsleiters. Im Juni 2002 wurde er Mitglied der Konzernleitung und Leiter des Bereichs Privat- und Geschäftskunden. Vor seinem Wechsel zur Kantonalbank war er während zwölf Jahren bei der UBS AG in verschiedenen Funktionen in den Bereichen Controlling, Corporate and Institutional Banking Europe sowie Firmenkundengeschäft Schweiz im In- und Ausland tätig.

Das Unternehmen:
Die SGKB bietet ihren Kunden in den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden die gesamte Palette von Finanzdienstleistungen. Darüber hinaus übernimmt die St.Galler Kantonalbank als Arbeitgeber, Steuerzahler und Sponsoringpartner Verantwortung für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung der Region. Am 30. Juni 2009 beschäftigte der Konzern insgesamt 1263 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Stammhaus besitzt eine Staatsgarantie und ein Aa1-Rating von Moody’s. Der Kanton St. Gallen hält als Mehrheitsaktionär 54.8 % des Aktienkapitals. Die St.Galler Kantonalbank ist seit 2001 an der Börse SIX kotiert.

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