Siemens: Auftragsbuch wird trotz Krise praller

Mit Stornierungen habe Siemens nicht zu kämpfen, versicherte Kaeser, allerdings gebe es Verschiebungen in einzelnen Geschäften. «Wir gehen sehr konservativ mit der Auftragsbuchung um.» Auch beim Gewinn will Siemens zulegen. «Wir gehen davon aus, dass das Ergebnis der Sektoren deutlich besser wird als im zweiten Quartal 2008.» Damals hatte Siemens 1,278 Milliarden Euro in seinem Kerngeschäft verdient. Das Ergebnis war allerdings schwer belastet durch Zahlungen für verzögerte Kraftwerksprojekte, Fehlplanungen in der Verkehrstechnik und Probleme beim IT-Dienstleister SIS. In diesem Quartal sieht Kaser keinen nennenswerten Sonderlasten.


Mehr Mitarbeiter in Kurzarbeit
Auf die Siemens-Beschäftigten kommen hingegen härtere Zeiten zu. «Sie können davon ausgehen, dass wir die Kurzarbeit deutlich über die kommunizierten 7.000 Mitarbeiter ausweiten werden», sagte CFO Joe Kaeser weiter. Dabei würden auch mehr Konzernbereiche betroffen sein als bisher. «Wir sind der Auffassung, dass Kurzarbeit ein sehr probates Mittel ist.» Die Kosten würden gesenkt, gleichzeitig aber sichergestellt, dass die Produktion schnell wieder aufgenommen werden könne.


Energiegeschäft als Wachstumstreiber
Als Treiber für den Konzern bezeichnete der Finanzchef das Energiegeschäft – den Bereich, der vor einem Jahr den grössten Anteil am Gewinneinbruch hatte. «Wir sehen die Chance, dass wir die Marge gegenüber dem Vorjahresquartal verdoppeln können.» Der Energiezyklus sei noch intakt, es kämen viele Aufträge herein.


«Medizinbereich hat keine Probleme»
Das zweite Standbein Medizintechnik, bei dem sich zuletzt die Negativnachrichten gehäuft hatten, nahm Kaeser in Schutz: «Der Medizinbereich hat keine Probleme.» Der Finanzchef rechnet damit, dass sowohl im zweiten Quartal als auch im Gesamtjahr Umsatz und noch mehr das Ergebnis steigen werden. Allerdings, so räumte er ein, gebe es einzelne Baustellen. So litten die Bild gebenden Verfahren wie die Kernspintomographie seit einiger Zeit unter den Einsparungen im US-Gesundheitswesen. «Das wird noch einmal deutlich nach unten gehen.» Schnelle Besserung sieht Kaeser hier keine, sondern fürchtet im Gegenteil ein Überschwappen auf Europa.


Industriesparte hart von Flaute getroffen
Von der Wirtschaftsflaute hart getroffen sieht Kaeser weiterhin das Industriegeschäft, das für rund die Hälfte des Konzernumsatzes steht. Der Sektor werde sowohl im zweiten Quartal als auch im Gesamtjahr deutlich unter Vorjahr herauskommen, sagte der Finanzchef. «Bei der Industrieautomatisierung wird es in absoluten Werten die grössten Rückgänge geben.» Die bisherige Ertragsperle hängt stark am Maschinenbau, wo die Bestellungen in den vergangenen Monaten um bis zu 42 Prozent eingebrochen waren. Siemens stellt unter anderem die Steuerung für die Maschinen her. Die Lichttechnik-Tochter Osram leidet unter der Absatzkrise ihrer wichtigen Autokunden. «Wir gehen davon aus, wir enttäuschende Ergebnisse haben werden», sagte Kaeser in Bezug auf die Problemsparten.


«Bisher kaum Kreditausfälle»
Bei den ehemaligen Töchtern SEN (Telefonanlagen-Bau) und Gigaset (Festnetz-Telefone) rechnet Kaeser mit keinen bösen Überraschungen. In beiden Unternehmen hält Siemens noch eine Minderheitsbeteiligung. Die Mehrheit liegt jeweils bei Beteiligungsgesellschaften. Finanzinvestoren waren aber wie Banken in der Wirtschaftskrise reihenweise in Bedrängnis geraten oder gar gekippt. Die Stabilität der eigenen Partner sieht Kaeser indes gewahrt: «Wir haben keinen Anlass, daran zu zweifeln.» Auch bei der eigenen Finanzierungstochter SFS, die derzeit von Anfragen überrollt wird, gab Kaeser Entwarnung: «Wir hatten hier bisher kaum Kreditausfälle.»


Sicherung der Liquidität oberste Priorität
Siemens will die angekündigten Übernahmen in Grenzen halten. «Wir wollen nicht als Grossaufkäufer in der Welt auftreten», erklärte der Finanzchef. «Oberste Priorität hat die Sicherung der Liquidität.» Konzernchef Peter Löscher hatte angesichts der günstigen Bewertungen vieler Unternehmen wiederholt die Kaufabsichten von Siemens beteuert. Verstärkt hat sich das Unternehmen zuletzt mit einem kleinen italienischen Solarthermie-Anbieter. Den Einstieg in die Photovoltaik zweifelte Kaeser dagegen an: Das «Solargeschäft für Doppelhaushälften» passe nicht zu Siemens und seinem industriellen Fokus. Bei solarthermischen Kraftwerken lenken unzählige Spiegel das Sonnenlicht auf einen zentralen Punkt. Damit wird Hitze und letztlich Dampf zur Stromgewinnung erzeugt.


Ziele 2009 bekräftigt
Der Mischkonzern hält trotz aller weltwirtschaftlichen Turbulenzen an seiner Ergebnisprognose für das laufende Geschäftsjahr fest. «Solange es keine neue Zahl gibt, gilt die alte», sagte Kaeser. Er schränkte aber ein: «Wir werden das neu bewerten.» Erst am Mittwoch hatte Konzernchef Peter Löscher in einem Interview Zweifel daran geweckt, dass Siemens die anvisierte Steigerung auf 8,0 bis 8,5 Milliarden Euro Gewinn im Kerngeschäft auch erreichen wird.


«Zeiten sind nicht einfacher geworden»
Auch Kaeser räumte ein: «Dass die Zeiten nicht einfacher geworden sind, ist klar.» Siemens sei der einzige Konzern in der Investitionsgüterindustrie, der seine Prognose seit der Aufstellung im Juli bis jetzt aufrecht erhalten habe. «Das nächste Update gibt es Ende April, wenn wir das zweite Quartal berichten.» Siemens legt am 29. April seine Zwischenbilanz für den Zeitraum Januar bis März vor. (awp/mc/ps/06)

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