Stunde Null für GM: Insolvenz beantragt

Weitere Zehntausende Jobs fallen weg. Der amerikanische Autoriese steht damit am dramatischen Scheideweg zwischen Neustart und Untergang. US-Präsident Barack Obama zeigte sich optimistisch über die Zukunftsaussichten eines umstrukturierten Konzern. Der Plan sei «glaubhaft und vielversprechend». Das schnelle Insolvenzverfahren des Konkurrenten Chrysler gebe ihm Vertrauen, dass General Motors künftig stärker und wettbewerbsfähiger aufgestellt sein werde.


Henderson setzt auf schnellen Neustart
GM-Chef Fritz Henderson setzt indes auf einen schnellen Neustart. Das Insolvenzverfahren solle binnen 60 bis 90 Tagen abgeschlossen werden, bekräftigte er in New York. «Das ist nicht das Ende von GM, sondern der Start eines neuen und besseren Kapitels.» Die Kunden bat er um eine «neue Chance» für den Hersteller: «Der GM-Konzern, der zu viele von Ihnen enttäuscht hat, ist Geschichte.» Bei einem US-Marktvolumen von zehn Millionen Fahrzeugen will Henderson eine schwarze Null beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) schaffen. Das bedeute aber noch nicht, dass das Unternehmen damit profitabel arbeite, räumte er ein. Henderson fügte hinzu, General Motors wolle in den USA einen Marktanteil von 18 bis 18,5 Prozent erreichen.


Nur Ford will ohne Staatshilfe weiter machen
Mit General Motors und dem Rivalen Chrysler sind binnen eines Monats zwei der drei grossen US-Hersteller in die Pleite gerast. Nur die Nummer zwei – Ford – will trotz Milliardenverlusten ohne Staatshilfe weitermachen. Die Entscheidung über die Zukunft von GM liegt nun in der Hand des Insolvenzrichters, für das Verfahren wird eine Dauer von 60 bis 90 Tagen angepeilt, hiess es von US- Regierungsbeamten. Der 24-seitige Insolvenzantrag wurde am Montagmorgen Ortszeit bei einem Gericht in Manhattan eingereicht. Der Konzern soll – geschützt vor dem Zugriff der Gläubiger – in einen «guten» und einen «schlechten Teil» aufgespalten werden. GM soll künftig schon in die Gewinnzone fahren, wenn in den USA – wie etwa für 2009 erwartet – nur zehn Millionen Autos aller Hersteller pro Jahr verkauft werden. Bislang lag die Schwelle bei 16 Millionen.


Es wird radikal umgekrempelt
Präsident Obama hatte dem Traditionsunternehmen ein Ultimatum bis zum 1. Juni gestellt: Entweder legt GM einen überzeugenden Sanierungsplan vor oder als einzige Überlebenschance bleibt die Insolvenz nach US-Muster. Nun wird der Konzern radikal umgekrempelt: Laut Regierung sollen elf Werke geschlossen und drei weitere nicht mehr genutzt werden. Berichten zufolge sollen erneut Zehntausende Stellen wegfallen – auf weit unter 100.000 allein in Nordamerika. Vor zehn Jahren gab es noch mehr als doppelt so viele.


Nur noch 4 US-Marken
Die Zahl der US-Marken wird auf vier halbiert – es bleiben GMC, Chevrolet, Cadillac, Buick. Für die schwedische GM-Tochter Saab gebe es nach wie vor drei mögliche Käufer, bestätigte Henderson. Allerdings gehörten dazu weder der italienische Wettbewerber Fiat noch der US-Finanzinvestor Ripplewood. Auch der Geländewagenbauer Hummer und die US-Marke Saturn sollen verkauft werden, Pontiac muss sterben. «Während des Insolvenzverfahrens wird GM wie gewöhnlich arbeiten», hiess es aus dem Weissen Haus.


GM hat Käufer für Marke Hummer
GM hat einem Zeitungsbericht zufolge einen Käufer für seine Geländewagenmarke Hummer gefunden. GM werde den vorläufigen Abschluss an diesem Dienstag bekanntgeben, berichtete das «Wall Street Journal» im Internet unter Berufung auf informierte Personen. Den Namen des Käufers und den Preis wolle GM aber vorerst nicht nennen. Ohne eine gesicherte Übernahme stünde die Marke Hummer im seit Montag laufenden GM-Insolvenzverfahren wohl bald vor ihrem Aus, so die Zeitung weiter.


Obama: «Schlankere GM hat seinen Preis»
Obama stellte die Beschäftigten angesichts weiterer Jobverluste und Werksschliessungen auf neue Opfer ein. «Ein schlankere GM zu bauen wird seinen Preis haben. Es wird schmerzhaft für viele Amerikaner sein, die sich über Generationen auf General Motors verlassen haben.» Die US-Regierung übernimmt rund 60 Prozent an dem Konzern, Kanada 12 Prozent. Die Autogewerkschaft UAW erhält für Milliarden- Zugeständnisse knapp 18 Prozent an GM. Die Chancen für ein Überleben von GM stiegen zudem am Wochenende in fast letzter Minute durch eine Einigung mit den Zehntausenden Gläubigern. Für den Verzicht auf 27 Milliarden Dollar an Schulden sollen die Kreditgeber zehn Prozent am neuen Konzern bekommen, später können es bis zu 25 Prozent werden.


Verbleibende Aktionäre gehen leer aus
Der amerikanische Steuerzahler springt mit weiteren rund 30 Milliarden Dollar ein, um die Insolvenz zu finanzieren, Kanada ist mit knapp 10 Milliarden dabei. Damit haben die US-Steuerzahler rund 50 Milliarden (35 Mrd Euro) in GM gepumpt. Die verbliebenen Aktionäre gehen unterdessen praktisch leer aus. Obama betonte erneut die Absicht seiner Regierung, die Anteile nicht länger als nötig zu halten. «Unser Ziel ist, GM wieder auf die Beine zu helfen, uns zurückzuhalten und uns schnell wieder zurückzuziehen», sagte der Präsident. «Wir werden zurückhaltende Anteilseigner sein, weil das der einzige Weg für GM zum Erfolg ist.»


Milliardenverluste
Von Anfang 2005 bis heute hat GM ein Minus von insgesamt 88 Milliarden Dollar eingefahren. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres klaffte ein sechs Milliarden Dollar grosses Loch – es war der achte Quartalsverlust in Folge. Zum Verhängnis wurden GM in den vergangenen Jahren weit zu hohe Kosten und eine verfehlte Modellpolitik. Viel zu lange setzte der Traditionskonzern fast ausschliesslich auf bullige Geländewagen und spritfressende Limousinen. Die Konkurrenz vor allem asiatischer Hersteller wie Toyota und Honda wurde völlig unterschätzt.


Immer neue Sanierungswellen
Der Konzern durchlitt in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder neue Sanierungswellen mit drastischem Stellenabbau. Die Talfahrt beschleunigte zuletzt der dramatische Einbruch des Autoabsatzes erst auf dem Heimatmarkt USA und später wegen der Wirtschaftskrise auch in Europa und anderen Teilen der Welt.


Grünes Licht für Chrysler
Anlass zur Hoffnung gibt der bisher erfolgreiche Verlauf der Insolvenz bei Chrysler. Das Insolvenzgericht gab in der Nacht zum Montag grünes Licht für den rettenden Verkauf an den italienischen Fiat-Konzern. Der drittgrösste US-Autobauer soll nun bereits bald für einen Neustart das vor einem Monat begonnene Insolvenzverfahren verlassen können, womöglich noch an Montag. Fiat bekommt beim Einstieg zunächst 20 Prozent an Chrysler und kann den Anteil langfristig deutlich aufstocken. Vorerst hält die Gewerkschaft UAW über ihren Betriebsrentner-Gesundheitsfonds die Mehrheit am neuen Unternehmen im Gegenzug für Milliarden- Zugeständnisse. Den Rest erhalten die USA und Kanada. (awp/mc/ps/01)

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